Interview mit Karsten Kruschel

„Es ist wichtig zu erfahren, dass man nicht in ein Nirgendwo hinein schreibt, dass es Leser gibt, die die Arbeit zu schätzen wissen und meine Sachen mit Gewinn lesen“

In der Juli-Ausgabe war Karsten Kruschels dritter Roman aus dem „Vilm“-Universum „Galdäa - Der ungeschlagene Krieg“ unser Buch des Monats, wie schon zuvor „Vilm - Der Regenplanet“. Auch wenn seine SF- Bücher bei einem Kleinverlag erscheinen und (noch) nicht auf den Bestsellerlisten erscheinen, Auszeichnungen und Nominierungen beweisen, dass wir mit unserer hohen Meinung über Kruschels Werk nicht alleine stehen. Lesen Sie in unserem Interview, welche Autoren Karsten Kruschel geprägt haben und was ihm wichtig ist.

Phantastik-Couch.de: Hallo Karsten! Man darf Dich derzeit wohl als einen der erfolgreichsten deutschen Science-Fiction-Autoren betrachten. Was waren rückblickend betrachtet in Deinem Leben die wichtigsten Stationen auf dem Weg dahin?

Karsten Kruschel: Da muss ich Dich ein bisschen bremsen, Eva: Um wirklich einer der erfolgreichsten deutsche SF-Autoren zu sein, fehlen mir viele zehntausend verkaufte Bücher. Ich publiziere bei einem Kleinverlag, werde also z.B. vom Feuilleton, aber auch vom Normal-Leser gar nicht wahrgenommen. In den wenigsten Buchhandlungen liegen Bücher vom Wurdack-Verlag aus. Leider.
Allerdings hat es seine Vorteile, dort zu publizieren. Man fragt mich, wenn es um das Cover geht, beispielsweise. Bei „Galdäa“ hat der Verleger sogar die Abdruckrechte für mein im Internet gefundenes Wunschmotiv aus Polen herbeigeschafft.

Die wichtigsten Stationen?
 – Aus Neid auf den großen Bruder vor der Einschulung lesen gelernt.
 – Stammkunde mehrerer Büchereien geworden, weil Schule langweilig war.
 – Mit acht oder neun "Atomvulkan Golkonda„ entdeckt und angefangen, mehr von dem Zeug zu suchen.
 – Jahrelang als Gasthörer im “Arbeitskreis Utopische Literatur" des DDR-Schriftstellerverbandes die Ohren gespitzt, was Krupkat, Kröger, Rank und Redlin sagten.
 – Diplom- und Doktorarbeit über SF geschrieben.
 – Von Heidrun Jänchen 2007 nach einem Anthologiebeitrag gefragt worden; habe ihr ein Kapitel vom Regenplaneten geschickt (sie wollte mehr).
 – Bei Wurdack die beiden "Vilm"-Bände veröffentlicht und den DSFP gewonnen.
 – Mit "Galdäa. der Der ungeschlagene Krieg„ das zweite Mal “Buch des Monats" auf der Phantastik-Couch geworden.

Phantastik-Couch.de: Für die ersten beiden Bände Deiner "Vilm„-Serie, “Der Regenplanet„ und “Die Eingeborenen" hast Du den Deutschen Science Fiction Preis erhalten und warst auch für den Kurd Laßwitz Preis nominiert. Und nicht zuletzt waren der erste „Vilm“-Band und das aktuelle Buch „Galdäa“ bei uns ein „Buch des Monats“. Was bedeuten Dir derartige Auszeichnungen und Preise?

Karsten Kruschel: Ich freue mich sehr darüber. Ich freue mich auch über den dritten Platz von „Vilm“ beim Kurd-Laßwitz-Preis 2010 und den zweiten Platz, den meine Erzählung „Ende der Jagdsaison auf Orange“ (aus der Anthologe "Die Audienz") beim Kurd-Laßwitz-Preis 2011 belegt hat. So ein bisschen Anerkennung hilft sehr beim Weiterschreiben. Es ist auch wichtig zu erfahren, dass man nicht in ein Nirgendwo hinein schreibt, dass es Leser gibt, die die Arbeit zu schätzen wissen und meine Sachen mit Gewinn lesen.

Phantastik-Couch.de: Die Geschichten in „Der Regenplanet“ und „Die Eingeborenen“ spielen auf dem namensgebenden Planeten „Vilm“, während Du „Galdäa“ in einem ganz anderen Setting angesiedelt hast. Wie kam es dazu? Wolltest Du dem Leser, wie unser Rezensent vermutet, tatsächlich einen tieferen Einblick in die Hintergründe Deines Universums ermöglichen?

Karsten Kruschel

Karsten Kruschel: Unter anderem. Bei „Galdäa. Der ungeschlagene Krieg“ ist der namensgebende Planet nicht der Handlungsort, sondern so eine Art Hauptperson …alles dreht sich darum. Es ist eben nicht „more of the same“. Tatsächlich handeln sowohl „Vilm“ als auch „Galdäa“ in ein und demselben Universum, das sich Text für Text dem Leser weiter entfaltet. Es ist ein Hintergrund, in dem ich noch so einige Geschichten erzählen will. Es müssen ja nicht immer ganze Romane sein.

Phantastik-Couch.de: Der Anfang von „Galdäa“ spielt in einer Nervenklinik. Hast Du in die Beschreibung dieses Schauplatzes auch eigene Erfahrungen aus Deiner Zeit als Pfleger einfließen lassen?

Karsten Kruschel: Da steckt einiges drin, was ich selbst erlebt habe. Aber nicht eins zu eins. Und nicht nur beim Schauplatz. Auch das Drogenthema stammt teilweise dorther. Bei einigen der eher ungewöhnlichen Charaktere hab ich mich ebenfalls dort bedient. Obwohl die meisten Verrückten, die ich kenne, frei herumlaufen.

Phantastik-Couch.de: Besonderen Wert legst Du, wie man vor allem in „Galdäa“ feststellen kann, auf die Figurenzeichnung. Es ist schwer vorstellbar, dass für so außergewöhnliche Akteure jemand Pate steht. Wie entwickelst Du einen Charakter, wie z.B. Jana Hakon, Kaddok oder Markus Hataka ?

Karsten Kruschel: Irgendjemand steht immer Pate …ich hoffe inständig, dass derjenige es nie herausfindet. Im Ernst: Wenn ich einen Charakter geplant entwickle, dann aus der Handlung heraus: Wie muss er ticken, um dies oder jenes zu tun? Welchen Erfahrungshintergrund braucht er, um so zu sein? Welche Biografie? Irgendwann habe ich ihn im Kopf wie eine reale Person, und dann tut er manchmal nicht mehr, was vorgesehen war. Das ist der beste Teil beim Schreiben – wenn sich die von mir geplante und konzipierte Figur in eine quasi reale Person verwandelt und das Zepter übernimmt. Da fühle ich mich manchmal nur noch als Zuschauer und staune, was diese Leute so machen. Die Jana Hakon in „Galdäa“ war ursprünglich nur als mit ein paar Fähigkeiten begabte Dame gedacht, ehe sie sich plötzlich in ein Bündel ganz verschieden begabter Aspekte aufspaltete, die auch noch miteinander redeten. Natürlich hatte diese Evolution auch Auswirkungen auf die Handlung. So schön es ist, wenn das passiert: Es macht unglaublich viel Arbeit, die Eigensinnigkeiten meiner Charaktere dann sauber in den Text zu integrieren.

Phantastik-Couch.de: Viele Science-Fiction Bücher, die unsere Redaktion erhält, sind Fortsetzungsbände umfassender Serien. „Vilm-. Der Regenplanet“, „Vilm-. Die Eingeborenen“ und letztendlich auch „Galdäa“ gehören ebenfalls zu einer Reihe. Hast Du schon eine Idee, wie umfangreich diese einmal sein wird?

Karsten Kruschel: Die hatte ich mal...
„Das Universum nach Landau“ habe ich es genannt, aber der Buchhandel in Gestalt von Online-Shop-Redaktionen und Buchgrossisten hat sich offenbar darauf versteift, es „Vilm-Kosmos“ zu nennen. Wobei es da nicht um Fortsetzungen geht, sondern um selbständige Bücher, die im selben Universum spielen. So wie im Hainish-Zyklus von Ursula K. LeGuin oder der Welt des Mittags bei den Strugazkis. Ursprünglich hatte ich sechs Romane mit sechs Planeten konzipiert – Vilm, Galdäa, Sfazú, Orsini, Cedar und Dortue. Aber dieser Plan ist längst überholt. Schon weil „Vilm“ ja zu zweit zur Welt kam.
Kürzlich wurde ich gefragt, ob es Orange mit seinen aufsässigen Siedlern und dem quantencomputergesteuerten Konzern (aus der oben erwähnten Erzählung) auch zu einem eigenen Roman bringen wird. Ich weiß es nicht, Leute.

Phantastik-Couch.de: Du bist in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen, die ja viele große SF-Autoren hervor gebracht hat. Haben sie Dich und Deine Werke geprägt? Welche Autoren besonders?

Karsten Kruschel: Da es nur eine sehr übersichtliche Zahl von Autoren gab, las man von denen wirklich alles. Und das alles hat mich natürlich beeinflusst, zumal es sehr unterschiedliche Stimmen gab: die Brauns, die Steinmüllers, Szameit, Fuhrmann, Prokop, aber auch so kauzige Herren wie Weitbrecht und Branstner. Da wegen der sehr kleinen Szene auch einiges an eher suboptimalen Werken herauskam, lernte man auch gleich, wie es nicht geht. Richtig großen Einfluss hatten die russischen Autoren, wie die Strugazkis beispielsweise, und all die SF aus Osteuropa, die heutzutage auf dem deutschen Buchmarkt kaum noch vorkommt. Was das Schreiben selbst angeht, da waren noch andere sehr wichtig, um von ihnen zu lernen – mir fallen auf Anhieb Chandler, Böll, Salinger und heute eher unbekannte Franzosen wie Hervé Bazin oder Roger Martin du Gard ein.

Phantastik-Couch.de: Würdest Du sagen, dass Du Dich von den anglo-amerikanischen Kollegen abgrenzt?

Karsten Kruschel: Nein. Da gibt es so viele wirklich hervorragende Autoren, dass das Unsinn wäre.
Abgrenzen möchte ich mich höchstens von Textproduzenten, die immer nur „more of the same“ schreiben, weil es sich eben verkauft. Die gibt es aber nicht nur in bestimmten Sprachräumen.

Phantastik-Couch.de: Der Wurdack Verlag hat für 2012 schon Deinen nächsten Roman „Vilm. Das Dickicht“ angekündigt. Der spielt anscheinend wieder auf diesem Planeten. Kannst Du schon verraten, ob Du an offen gebliebene Fragen aus „Der Regenplanet“ oder „Die Eingeborenen“ anknüpfst, oder eine neue Facette der „Vilm“-Welt präsentierst?.

Karsten Kruschel: Ja, kann ich verraten: Beides. Ich bin in den Jahren nach dem Erscheinen der beiden Vilm-Bände über das Internet mit Fragen bombardiert worden, mit Ideen, was alles noch passieren könnte, mit Hinweisen und manchmal völlig überraschenden Konzepten. Da hat sich viel Stoff angesammelt, der in meinem Kopf angefangen hat, sich zu Geschichten zusammenzuköcheln. Und die müssen nun raus:
Was auf der südlichen Hälfte des Planeten ist, wollten viele wissen.
Was das ist, das da den Äquator zugewuchert hat.
Einem Leser war aufgefallen, dass man dem aufdringlichen Reporter seine herumschwebenden Minikameras weggenommen hat, und fragte sich, ob wohl die Vilmer etwas damit anfangen konnten. Ja, das taten sie …

Phantastik-Couch.de: Es werden im Herbst auch Hörbuchfassungen von „Vilm“ veröffentlicht. Worauf legst Du, als Erfinder der Geschichten, beim Hörbuch besonderen Wert? Möchtest Du, das es möglichst buchnah erzählt, oder sind Dir andere Aspekte, wie eine passende akustische Umsetzung wichtiger?

Karsten Kruschel: Das absolut wichtigste ist die Stimme und die Fähigkeit des Sprechers, sie einzusetzen. Ich höre selbst viele Hörbücher; es gibt Interpreten, deren Beteiligung ein Kauf-Argument ist, und welche, von denen ich mir nichts mehr anhöre. Wenn der Sprecher es schafft, beim Zuhörer dasselbe Kopfkino auszulösen wie beim Selberlesen, dann ist alles gut. Außerdem ist es wichtig, dass der Text unangetastet bleibt. Verstümmelte „Hörbuch-Fassungen“ sind unmöglich – ich selbst kaufe prinzipiell kein Hörbuch, auf dem nicht „ungekürzte Lesung“ draufsteht.. Deswegen bin ich auch froh, mit dem Action-Verlag einen Hörbuchverlag gefunden zu haben, der an Kürzungen nicht einmal denkt.

Phantastik-Couch.de: Kannst du schon verraten, welche Sprecher dabei sind?

Karsten Kruschel: Christian Jungwirth liest die beiden Vilm-Bände ein. Wer gelegentlich Bayern 1 hört, kennt ihn dort als den Mann, der das Wetter macht. Insofern passt das sehr gut zum Regenplaneten...
Derzeit lausche ich Kapitel für Kapitel seiner Interpretation – wir schicken uns das in elektronischer Form hin und her – und kann Verbesserungsvorschläge und Korrekturen machen. Etwa, wenn ein Name mal so und mal anders ausgesprochen wird oder eine meiner Wortschöpfungen sich querlegt. Es ist spannend, wie jemand aus meinem Buch ein anderes, sein eigenes Werk schafft.

Phantastik-Couch.de: Wie stehst Du eigentlich zum Thema eBook? Würdest Du gern im elektronischen Format veröffentlichen und zusätzliche Optionen, wie Illustrationen, aufrufbare Hintergrundinfos etc nutzen?

Karsten Kruschel: Es wird so bald keine eBook-Versionen von „Vilm“ oder „Galdäa“ geben. Das hat zwei Gründe: Ernst Wurdack, der in diesem Punkt schließlich die verlegerischen Entscheidungen trifft, ist bei den derzeitigen Bedingungen nicht dafür zu haben. Und zweitens bin ich selbst vielleicht ein bisschen altmodisch in diesem Punkt, aber ich finde, ein Buch muss aus Papier sein, man muss drin blättern können, drin rumkritzeln, den Finger zwischen die Seiten stecken und über einen Satz nachdenken. Was die zusätzlichen Ebenen betrifft, die man mit Illustrationen, Hintergrundinformationen und dergleichen in ein eBook einbauen kann: Damit verlässt man ja genaugenommen das Gebiet der Literatur. Das läuft, wenn es konsequent gemacht wird, auf ein komplett neues Medium hinaus, auf ein wirklich interaktives Buch. Ob ich darauf Lust habe, bezweifle ich. Heute jedenfalls.

Phantastik-Couch.de: Wenn man die aktuelle phantastische Literatur aus Deutschland betrachtet, hat die Science Fiction, im Vergleich zu Horror oder Fantasy einen recht kleinen Anteil. Einige Autoren, die einst SF geschrieben haben, wenden sich nun z.B dem Thriller oder der Mystery zu. Woran liegt das? Was müsste aus Deiner Sicht passieren, um die SF-Literatur wieder nach vorn zu bringen?

Karsten Kruschel: Es gibt jede Menge sehr erfolgreiche SF aus Deutschland. Sie heißt nur nicht so.
Schätzing, Eschbach, Thiemeyer sind mit SF sehr erfolgreich, die im Regal mit den Thrillern oder bei den Krimis steht. In einer Buchhandlung habe ich einen mit dicken SF-Büchern beladenen Tisch gesehen, über dem das Schild „Wissenschaftsthriller“ baumelte. Leider ist in diesem seltsamen Sub-Genre – wenn man das so nennen kann – der Literatur-Gehalt manchmal ein bisschen niedrig. Viele Seiten lange, wikipediaartikelähnliche Informationsduschen mögen vielleicht nach Wissenschaft aussehen, mit literarischem Können hat das nichts zu tun. Um gute SF – die heute ja fast nur noch in den Kleinverlagen vorkommt – ein bisschen zu fördern, müsste die Produktion dieser kleinen Verlage auch außerhalb der doch sehr übersichtlichen SF-Szene wahrgenommen werden. Sie publizieren fast ausschließlich Taschenbücher und Paperbacks, die das Feuilleton nicht mal mit der Kneifzange anfasst. Und diese großen Multiplikatoren fehlen dann …(Ironiemodus aus). Insofern sind Internetportale wie die Phantastik-Couch natürlich eine gute Sache.

Phantastik-Couch.de: Karsten, wir danken Dir herzlich für das Interview.

Karsten Kruschel: Immer gerne …Haltet mir auf der Couch ein Plätzchen frei …

Das Interview mit Karsten Kruschel führte Eva Bergschneider