Interview mit Katja Brandis

„Würden Sie gerne die Stadt einer außerirdischen Zivilisation besichtigen? Können Sie jetzt schon machen, allerdings auf der Erde.“

Einen Near-Future Roman mit Öko-Touch hat die vielseitige Autorin nun mit dem Biologen Hans Peter Ziemek geschrieben. Wir sprachen mit ihr über die Arbeit an „Ruf der Tiefe“, über die Herausforderungen, die sich aufgrund des wissenschaftlichen Themas stellten und darüber, ob und wie man mit Tieren wirklich sprechen kann.

Phantastik-Couch.de: Katja Brandis, Sie haben sich für ihr Near-Future-Abenteuer „Ruf der Tiefe“ mit Hans Peter Ziemek einen Fachmann zur Seite geholt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Professor für Biologiedidaktik?

Katja Brandis: Der Verlag Beltz & Gelberg hatte uns beide unabhängig voneinander angesprochen, weil sie einen Roman zum Thema Meer suchten – mich, weil meine bisherigen Romane sie überzeugt hatten, Hans-Peter, weil sie eigentlich gerne einen Wissenschaftler als Autor gehabt hätten. Doch mein Exposé enthielt zuviele Fantasy-Elemente und Hans-Peters Vorschlag war nicht ausgereift, deshalb bekamen wir beide eine Absage. Aber zum Glück machte die Lektorin uns beide miteinander bekannt, tja, und der Rest ist buchstäblich Geschichte.

Phantastik-Couch.de: Wie haben Sie beide sich die Arbeit an dem Roman aufgeteilt?

Katja Brandis: Hans-Peter hatte eine Grundidee, in der ein junger Taucher namens Leon, seine Krake und das Thema Flüssigkeitsatmung vorkamen, aber der Plot spielte in einer fernen Zukunft. Da der Verlag jedoch etwas aus der nahen Zukunft wollte, machten wir uns daran, gemeinsam eine völlig neue Handlung zu stricken. Außerdem haben wir die Figuren zusammen entwickelt. Insgesamt hat das alles ein Jahr gedauert, und es hat sehr viel Spaß gemacht, mit Hans-Peter kann man wunderbar brainstormen. Außerdem hat er mich bei der Recherche unterstützt, und wir waren gemeinsam auf Recherchereise an der Ostsee, beim Meeresforschungsinstitut IFM-GEOMAR. Das eigentliche Schreiben war dann mir vorbehalten, das ist schließlich mein Beruf. Als das Manuskript in der Rohfassung fertig war, ging dann das gemeinsame Feilen los.

Phantastik-Couch.de: Was kostet eine Autorin eigentlich mehr Zeit? Eine komplexe Fantasy-Welt, wie in den „Daresh“-Büchern zu konzipieren oder ein wissenschaftliches Thema zu recherchieren?

Katja Brandis

Katja Brandis: Letzteres. Bei den Daresh-Romanen hat sich das Entwickeln der Welt über Jahre hingezogen, war aber eher planlos, deshalb kann man das schlecht vergleichen. Besser ein anderes Beispiel: bei meinem Fantasy-Roman „Nachtlilien“ hat es mich ca. einen Monat sehr intensiver Arbeit gekostet, die verschiedenen fremden Kulturen, Schauplätze und Figuren zu entwickeln. Die Recherche für „Ruf der Tiefe“ hat etwa zwei Monate gedauert, in Vollzeit natürlich. Stapelweise Bücher lesen, Dokus gucken, Wissenschaftler ausquetschen, in Museen präparierte Riesenkalmare anschauen, Tauchboote besichtigen, so sah mein Programm aus. Praktischerweise kannte ich mich mit dem Thema Meer schon gut aus, und mehr über die Tiefsee zu erfahren war für mich äußerst spannend. Am schwierigsten fand ich zu begreifen, wie der Druck in der Tiefsee wirkt, was er mit Menschen und Gegenständen macht und warum unsere Figuren nicht jämmerlich an Taucherkrankheit krepieren, wenn sie aus der Tiefe an die Oberfläche kommen. In diesem Fall sagte ich zu Hans-Peter „Okay, ich fürchte, ich muss dir mal wieder eine blöde Frage stellen...“ und irgendwann war mir dann auch klar, wie das alles zusammenhängt und funktioniert.

Phantastik-Couch.de: Die Hauptfiguren in „Ruf der Tiefe“ sind beide nicht das, was man sich unter dem „Durchschnittsjugendlichen“ vorstellt. Gibt es lebende Vorbilder für Leon und Carima?

Katja Brandis: Mit Leon konnte ich mich lustigerweise ganz stark identifizieren, zwischen ihm und mir hat es sofort gefunkt. Auch ich war früher ziemlich schüchtern, und fasziniert von Dingen, mit denen andere in meiner Umgebung wenig anfangen konnten. Ich erschuf meine eigenen Welten und lebte natürlich auch irgendwie darin. Das mache ich ja heute noch. Mich faszinierte total, wie jemand denkt und fühlt, der auf einer kleiner Tiefseestation aufwächst. Es machte enormen Spaß, mich in Leon hineinzuversetzen. Carima war von Anfang an als Gegenpol zu Leon geplant. Sie kommt aus der normalen Welt, der Welt „oben“. Durch sie wird Leon klar, dass andere Leute ihn im Grunde als Freak sehen. Ein reales Vorbild hat Carima nicht, aber ehrlich gesagt habe ich in den Konflikt zwischen Carima und ihrer Mutter ein paar eigene Erfahrungen aus meiner Jugend einfließen lassen. Es ist für Eltern schwer zu verstehen, wie nervig sie auf ihre Kinder wirken.

Phantastik-Couch.de: Warum haben Sie Leon ausgerechnet eine Krake als Partnerin zur Seite gestellt?

Katja Brandis: Tja, in meinen DelfinTeam-Romanen waren es noch Meeressäuger, die mit den Menschen zusammenarbeiten. Die Krake war Hans-Peters Idee. Dagegen hatte ich aber nichts einzuwenden. Intelligente Tiere haben einfach einen Charme und eine Ausstrahlung, die eine Kuh oder ein Lemming einfach nicht hinkriegen. Hübsch sind Kraken ja nicht wirklich – Delfine toll zu finden ist weitaus einfacher – und trotzdem mochten alle Testleser Lucy sofort. Ist doch fein, dass heute doch noch innere Werte zählen.

Phantastik-Couch.de: Die Unterwasserwelt scheint für Sie eine wichtige Inspirationsquelle zu sein. Was fasziniert Sie so am Meer?

Katja Brandis: Würden Sie gerne die Stadt einer außerirdischen Zivilisation besichtigen? Können Sie jetzt schon machen, allerdings auf der Erde. Am meisten haben mich die Riffe auf den Malediven beeindruckt. Riffe sind ja riesige Bauwerke, in denen Dutzende von Tierarten leben. Wenn man als Schnorchler ganz nah darüber hinwegschwebt, kann man beobachten, wie all die verschiedenen Tiere dort ihren Aktivitäten und Geschäften nachgehen, die sie vollkommen in Anspruch nehmen. Sie blicken höchstens mal kurz auf, wenn du vorbeischwimmst, und machen dann mit dem weiter, was ihnen wichtig ist. Jede Menge los dort. Es fühlt sich wirklich so an, als würde man ein sehr, sehr fremdartiges Unterwasser-New-York besichtigen. Ganz konkret ist es bei mir so: wenn ich am Wasser bin, will ich sofort hinein und weiterschwimmen, immer weiter, bis zum Horizont. Hinabgleiten unter die Oberfläche, mich eins fühlen mit diesem Element. Seltsam eigentlich, denn als Kind habe ich manchmal Angst gehabt vor dem Meer, und eine instinktive Furcht vor Haien ist mir geblieben, obwohl ich beim Tauchen inzwischen schon Haien begegnet bin und das gar nicht furchterregend fand. Aber das, was uns Angst macht, zieht uns auch an.

Phantastik-Couch.de: Auf der Webseite zum Buch www.rufdertiefe.de kann man die „Delfinsprache“ Dolslan lernen, die Sie für ihre „Delfin-Team“-Reihe entwickelt haben. Glauben Sie, dass es eine so eine komplexe Kommunikationsform zwischen Tier und Mensch tatsächlich einmal geben könnte?

Katja Brandis: Na klar. Ich habe ja selbst schon mit Delfinen „geredet“, die fünfzig verschiedene Begriffe einer Zeichensprache verstanden. Diese bereits existierende Sprache habe ich einfach nur weiterentwickelt. Und neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass ein Hund tausend verschiedene Namen für Gegenstände gelernt hatte. Leider haben die Forscher bisher nicht versucht, diesem Border Collie etwas über Syntax beizubringen oder ihm eine Antwortmöglichkeit zu geben, wie es bei den Delfinen der Fall war. Ich wäre extrem gespannt auf die Ergebnisse, vielleicht erfahren wir dann auch etwas darüber, wie Hunde die Welt sehen? Manche Border Collies, die mit Schafherden arbeiten, verstehen ja auch Hunderte verschiedener Anweisungen und Redewendungen – wieso sollten andere intelligente Tierarten wie Kraken das nicht auch schaffen?

Phantastik-Couch.de: Man findet dort auch eine Konstruktionszeichnung zur Tiefseestation Benthos II. Gibt es in Ihrer Schublade noch mehr solcher Skizzen, z.B. von den Tiefsee-Tauchbooten oder zum OxySkin-Anzug?

Katja Brandis: Ja, klar, aber ich habe natürlich nur die hübschesten für die Homepage ausgewählt. Bei den Tauchbooten haben wir uns aber auch stark an dem orientiert, was es heute schon gibt. Die „Marlin“ in unserem Roman ist zum Beispiel eine etwa dreimal so große, etwas abgewandelte Version der „Johnson SeaLink“.

Phantastik-Couch.de: Diese ungewöhnliche Flüssigkeitsatmung mit Perfluorcarbon gibt es ja tatsächlich und wurde schon an Patienten mit Lungenschäden eingesetzt. Wissen Sie, ob man tatsächlich ernsthaft daran arbeitet, auch Tiefseetauchern diese Art der Beatmung zu ermöglichen?

Katja Brandis: Im Moment arbeitet zum Beispiel die U.S. Navy an so etwas, mit dem Hintergedanken, dass es eine Methode wäre, die Besatzung eines gesunkenen U-Boots zu befreien. Denn diese U-Boote liegen dann ja meist ziemlich tief. Aber ich fürchte, ein paar Jahrzehnte werden wir schon noch warten müssen, bis es so etwas tatsächlich gibt. Wir waren sehr optimistisch, als wir das ganze auf das Jahr 2018 datiert haben – der Verlag wollte eben etwas, was in der näheren Zukunft spielt.

Phantastik-Couch.de: Ich finde die Zusatzszene, die nach Fertigstellung des Romans entstanden ist und die man ebenfalls auf www.rufdertiefe.de lesen kann, sehr schön. Hat sie Chancen in eine spätere Romanauflage mit aufgenommen zu werden?

Katja Brandis: Nein, ich finde, der bisherige Roman ist rund, eine zusätzliche Szene würde nicht reinpassen. Aber wenn sich „Ruf der Tiefe“ gut verkauft, könnte der Verlag an einer Fortsetzung interessiert sein. Und darin könnten u.a. Billie und Julian noch ein wenig in den Vordergrund rücken, vielleicht findet sogar die konkrete Szene Verwendung. Wichtig: Wer den Roman noch nicht gelesen hat, sollte auch die Szene nicht lesen, Spoiler-Gefahr!

Phantastik-Couch.de: War es Ihnen ein Anliegen, mit „Ruf der Tiefe“ eine ökologische Botschaft zu vermitteln? Was erhoffen Sie sich, was beim jungen Leser hängen bleibt?

Katja Brandis: Die meisten Testleser waren baff, dass es Dinge wie den Großen Pazifischen Müllstrudel tatsächlich gibt und dass wir uns das nicht ausgedacht haben. Vielleicht bleiben solche Details hängen. Ich würde es mir sehr wünschen. Der Raubbau an den Meeren ist erschreckend und macht mich immer wieder traurig, aber es ist noch nicht zu spät, ihn zu stoppen!

Phantastik-Couch.de: Sie verwenden für ihre Arbeit als Romanautorin inzwischen zwei verschiedenen Pseudonyme. Warum?

Katja Brandis: Bei meinem Erwachsenen-Roman „Nachtlilien“ wünschte sich der Piper Verlag ein neues Pseudonym, weil er mit gutem Grund davon ausging, dass der Name Katja Brandis in den Köpfen von Buchhändlern und Lesern stark mit dem Jugendbuch verknüpft ist. So richtig glücklich bin ich auch nicht über die Vielzahl meiner Namen, andererseits habe ich schon als Jugendliche mit Identitäten gespielt und mir für meine Texte ein Pseudonym zugelegt.

Phantastik-Couch.de: Woran arbeiten Sie zur Zeit? Worauf können sich Ihre Leser als nächstes freuen?

Katja Brandis: Weil es uns Spaß gemacht hat, im Team zu arbeiten, planen Hans-Peter und ich bereits das nächste Near-Future-Abenteuer. Aber worum es geht, ist leider noch streng geheim!

Phantastik-Couch.de: Frau Brandis, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute!

Das Interview mit Katja Brandis führte Eva Bergschneider