Interview mit Lavie Tidhar

„Ich muss zugeben, ich bin ein wenig verblüfft, dass Steampunk plötzlich so populär geworden ist.“

Welche Einflüsse stecken hinter der Entstehung eines so spektakulären Steampunk-Abenteuers wie „Bookman“? Diese und andere Fragen stellten wir dem israelischen SF und Fantasy-Autor Lavie Tidhar und erhielten überraschende Antworten. Lesen Sie im Phantastik-Couch Interview, welche „Easter Eggs“ die „Bookman“ Serie noch für ihre Leser bereit hält und was der Autor zur derzeitigen Popularität des Steampunk zu sagen hat.

Phantastik-Couch.de: Lavie, würdest Du Dich bitte unseren Lesern kurz vorstellen und erzählen, wie Du lebst, was Du gemacht hast bevor Du zu Schreiben anfingst und wie Du zum Schreiben gekommen bist?

Lavie Tidhar: Ich bin in einem Kibbuz in Israel groß geworden und nach Südafrika gezogen als ich etwa 16 war. Seit dem bin ich recht viel gereist und lebte lange Zeit in London. Im Jahr 2003 begann ich „richtig“ zu schreiben, aber ich glaube man kann durchaus sagen, dass ich schon immer Schriftsteller werden wollte. Auch wenn mir da noch nicht klar war, was das alles mit sich bringt.

Phantastik-Couch.de: Die Orte, an denen Du bereits gelebt hast, sind sehr interessant. In Israel wurdest Du geboren, lebtest bereits in Groß-Britannien, in Südafrika und nun in Laos, ist das richtig? Würdest Du Dich selbst als Kosmopolit bezeichnen, oder eher als ein Israeli?

Lavie Tidhar: Im Moment lebe ich wieder in London. Ich schätze meine Haupt-Identität ist immer noch Israeli. Hebräisch ist meine Muttersprache und immer noch ein wichtiger Teil von mir. Manchmal gebe ich zwar vor Brite oder Südafrikaner zu sein, aber das eben nur zum Schein.

Phantastik-Couch.de: Wie beeinflusst Deine Herkunft und Dein Lebensweg das Schreiben?

Lavie Tidhar: Oh ganz schön viel. Ich werde insgesamt sehr durch meine Umgebung beeinflusst. „The Bookman“ ist mein London-Roman – ich hatte auch eine Vanuatu und eine Südost-Asien Phase – aber im Moment kehre ich mehr und mehr zu Israel als Schauplatz zurück. Mein aktuelles Projekt „Central Station“ spielt in der Zukunft in Tel Aviv.

Phantastik-Couch.de: Erlaube mir bitte eine Homestory-Frage: Was siehst du, wenn Du aus dem Fenster Deines Arbeitszimmers schaust? 

Lavie Tidhar: Im Moment einen 300 Jahre alten Rüstungsbetrieb! Als ich in Vanuatu lebte, sah ich von meiner Hütte aus den Vulkan. Ansonsten war es sehr unterschiedlich – manchmal ein Parkplatz, manchmal gab es nicht einmal ein Fenster.

Lavie Tidhar

Phantastik-Couch.de: Du hast damit begonnen, SF Geschichten zu schreiben und wechseltest nun zum Steampunk. Was fasziniert Dich an Steampunk?

Lavie Tidhar: Ich war schon immer ein Fan des Steampunk, ich mochte die Bücher von Tim Powers schon seit langem, auch James Blaylock und solche Sachen. Also habe ich mich auf meinen Hintern gesetzt und ein Buch geschrieben – Bookman – das ich selbst gern gelesen hätte und ließ die coolen Sachen von „Powers“ oder „Blaylock“ oder Kim Newmans „Anno Dracula Serie“ einfließen: Piraten! Literarische Anspielungen! Abenteuer!. Sogar Karl May kommt im dritten Buch „The Great Game“ vor. Ich glaube, ich stehe einfach auf die Art Bücher, mit denen wir aufwuchsen – von „den drei Musketieren“ über „Old Shatterhand“ und „Sherlock Holmes“ bis hin zu „Jules Verne“.

Es geht darum die Art Spaß und Unschuld einzufangen – und dass einem gleichzeitig klar ist, welche Probleme es in der jeweiligen Zeit, in der die Geschichten entstanden, gab und auch das anzusprechen.

Phantastik-Couch.de: Kannst Du uns ähnliche Bücher wie „Bookman“ nennen?

Lavie Tidhar: Klar! Zum Beispiel Tim Powers (Stranger Tides, The Anubis Gates) James P. Blaylock (Homunculus), Kim Newman (Anno Dracula), Paul di Filippo (The Steampunk Trilogy), die ganzen Klassiker.

Phantastik-Couch.de: Denkst Du das Steampunk der Science Fiction neues Leben einhaucht? Findest Du das SF neuartige Themen braucht, da viele archetypische SF Ideen vom technologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte eingeholt wurden?

Lavie Tidhar: Ich muss zugeben, ich bin ein wenig verblüfft, dass Steampunk plötzlich so populär geworden ist. Ich weiß nicht, wie das kommt. Ich glaube aber, dass unser 21. Jahrhundert so sehr durch das Viktiorianische Zeitalter geprägt worden ist, dass man das immer noch spürt – und darauf reagiert – heute noch. Und natürlich gibt es in unserer Gegenwart sehr ähnliche Probleme – Armut, Industrialisierung, globale Ungerechtigkeit – sogar unsere Kriege spiegeln diese frühere Ära. Dr. Watson kommt in den Sherlock Holmes Geschichten vom Krieg in Afghanistan zurück, das könnte man durchaus mit heute verwechseln.

Ich denke Steampunk hat das Potenzial sehr interessante Dinge anzusprechen – ich sorge mich allerdings, wenn er dazu verkommt nur Abenteuergeschichten mit Zeppelinen und so zu erzählen. Aber folgendes kann ich über jedes Buch sagen – besonders Science Fiction: Ich wünsche mir immer einen zusätzlichen Mehrwert jenseits der reinen Handlung.

Phantastik-Couch.de: In Deutschland wurde erst der erste Band „Bookman“ der Serie „Das Ewige Empire“ veröffentlicht und wir hoffen, dass die beiden folgenden Bände „Camera obscura“ and „The Great Game“ bald erscheinen werden. Wird die Handlung in „Bookman“ weitergeführt? Kannst du uns ein wenig darüber erzählen, was noch kommen wird?

Lavie Tidhar: Gerne! Camera Obscura spielt ca. drei Jahre nach den Geschehnissen von „Bookman“ und geht um eine französische Geheimagentin – Milady de Winter – die sich mit einem mysteriös verschollenen Artefakt der Lizardine Technik befasst. Es ist eine Mischung von Kung Fu, Blaxploitation und Film Noir, es ist aber eher eine schräge Kriminalgeschichte als ein reiner Abenteuerroman. Und man erfährt mehr darüber, woher die Lizards stammen. Im Gegensatz dazu ist „The Great Game“ das zur Jahrhundertwende spielt, viel mehr ein Agentenkrimi und spürt Harry Houdini nach und schließt die Serie sozusagen ab. Ich denke, es führt logisch das weiter, was in „Bookman“ passiert. Mir war immer klar, wie das Ende sein würde.

Phantastik-Couch.de: In „Bookman“ spielen einige Charaktere aus berühmten Werken wie „Sherlock Holmes“ oder „20000 Meilen unter dem Meer“ eine Rolle. Ist das Deine Art die Autoren, die für Dich Vorbilder sind, zu honorieren?

Lavie Tidhar: Mir macht das wirklich Spaß mit all diesen (manchmal unglaublich verschleierten) Anspielungen zu arbeiten, wie bei den „Easter Eggs“. Wenn Leser sie erkennen, kann das amüsant sein, wenn nicht, ist es einfach ein Teil des Buches. Wie ich schon sagte kommt Karl May, den ich als Jugendlicher las, in „The Great Game“ vor, aber die Anspielungen können alles sein von einem Kung Fu Film aus Hong Kong bis hin zu Alexander Dumas.

Phantastik-Couch.de: Ich habe mir Deine Homepage angesehen und fand dort Bücher mit interessant klingenden Titeln wie „HebrewPunk“, „Gorel and the Pot-Belled God“ oder „Osama“. Magst Du uns kurz erzählen, worum es in diesen Büchern geht?

Lavie Tidhar: Ich freu mich wirklich das Osama – der für den World Fantasy Award für den besten Roman nominiert ist – demnächst in Deutschland veröffentlicht wird. Der Roman ist ganz anders als typische Steampunkbücher – eine Art seltsamer Noir- Krimi über den Kampf gegen den Terror und Pulp Fiction.

„Hebrewpunk“ war mein früher Versuch traditionelle Fantasy (Vampire, Werwölfe u.s.w.) umzuschreiben in jüdische Fantasy, was viel Spaß gemacht hat. „Gorel & The Pot-Bellied God“ – was für den British Fantasy Award für die beste Novelle nominiert ist – ist meine Interpretation der klassischen „Sword and Sorcery“ Fantasy – nur dass es in meiner Version Knarren und Zauberei sind, und ich habe soviel Sex und Gewalt rein gepackt, wie nur irgendwie ging. Das macht Spaß!

Phantastik-Couch.de: An welchen Projekten arbeitest Du zur Zeit?

Lavie Tidhar: Im Moment arbeite ich an der finalen Überarbeitung eines neuen Buches, bevor ich es meinem Literaturagenten schicke. Es ist ein ziemlich cooles Buch, denke ich – es hat mit dem zweiten Weltkrieg und dem kalten Krieg zu, es ist eine Liebesgeschichte und ziemlich schräg …Dann hoffe ich mein „Central Station“ Projekt fertig zu stellen: eine Sammlung von miteinander verknüpften Geschichten, die im zukünftigen Tel Aviv spielen. Einzelne Geschichten sind bereits in Zeitschriften und ein paar Anthologien veröffentlicht worden. Ich hoffe, dass ich das bald fertig bekomme. Und ich arbeite noch an mehreren Comic / Graphic Novel Projekten. Und dann könnte ich vielleicht noch bald bei einem Film mitarbeiten!

Das Interview führte Eva Bergschneider
Übersetzung: Verena Wolf
Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.