Interview mit Margaret Peterson Haddix

„Meine Kinder sind Teil meines Schreibprozesses, für den ersten “Missing„-Teil machte mir meine Tochter einen Vorschlag, der perfekt funktionierte.“

Phantastik-Couch.de: Wie würdest Du selbst Deine neue Serie „Im Sog der Zeiten“ (orig. „The Missing“) beschreiben? Als Science-Fiction, als Rätselkrimi oder als einen Roman über das Erwachsenwerden?

Margaret Peterson Haddix: Ich denke, alle drei Beschreibungen treffen auf die Serie zu. Sie beinhaltet ein Rätsel, das die Kinder zu lösen versuchen und letztendlich finden sie sich in einer Science-Fiction-Situation wieder. Und sie ist natürlich auch ein Roman über das Erwachsenwerden und über die Identitätssuche junger Menschen.

Phantastik-Couch.de: Wie viele Bände sind von der Serie „Im Sog der Zeiten“ nun geplant?

Margaret Peterson Haddix: Es wird insgesamt sieben Bände geben, die ersten beiden sind in Amerika bereits erscheinen.

Phantastik-Couch.de: Wie bist Du darauf gekommen, die Themen Adoption und Zeitreise zu kombinieren?

Margaret Peterson Haddix: Zuerst war die Idee, dass 36 Babys aus dem Nirgendwo auftauchen, da. Und dann habe ich mir überlegt, was ich aus der Situation mache, was danach passiert und woher sie kommen. Beim Schwimmen kam mir dann die Idee, dass die Babys aus der Vergangenheit kommen könnten und so entwickelte sich schließlich die Geschichte mit den Zeitreisen.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Vorbilder für Deine Figuren? Besonders Katherine wirkt sehr clever für ihr Alter und Du hast ja selbst zwei Kinder.

Margaret Peterson Haddix: Ja, ich habe eine Tochter und einen Sohn. Sie dienten nicht als direkte Vorbilder für die Figuren, aber bestimmte Charaktereigenschaften meiner Kinder oder auch die ihrer Freunde spiegeln sich in den Figuren wieder.

Phantastik-Couch.de: Hast du Erfahrung mit Adoptionen? In dem Serienauftakt „Die Entführten – Im Sog der Zeiten“ fällt auf, dass Du die Gefühle der beiden Jungen Jonas und Chip, von denen einer immer wusste, dass er adoptiert wurde und der andere das erst im Alter von dreizehn Jahren erfährt, sehr differenziert beschreibst.

Margaret Peterson Haddix: Ich selber wurde nicht adoptiert, meine Kinder auch nicht. Aber ich habe Freunde, die adoptiert wurden und welche, die selbst Kinder adoptiert haben. Ich habe, als ich anfing, das Buch zu schreiben, oft mit einer Freundin gesprochen, die einen adoptierten Sohn hat. Sie hat mir erzählt, welche Schwierigkeiten tatsächlich auftreten können und welche Situationen realistisch sind. Ich habe auch Erziehungsratgeber für Eltern adoptierter Kinder gelesen. Man ist sich übrigens einig, dass es das Beste ist, adoptierten Kindern die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen, so wie es Jonas Eltern im Buch getan haben.

Phantastik-Couch.de: Stell Dir vor, Du könntest eine Zeitreise unternehmen. Würdest Du es tun?

Margaret Peterson Haddix: Wenn ich Zugang zu einer Zeitreisetechnologie hätte, wäre die Versuchung wohl sehr groß, es zu tun. Aber ich hätte große Angst davor, die Vergangenheit und meine Gegenwart zu schädigen.

Phantastik-Couch.de: In welche Zeitepoche würdest Du reisen wollen?

Margaret Peterson Haddix: Ich würde natürlich gern in die Zukunft reisen. Aber auch die Vergangenheit würde mich reizen, um die Historie und die Menschen zu erforschen. Ich würde gerne die Mitte des 18 Jahrhunderts besuchen oder auch das 19. Jahrhundert, ich denke jede Epoche wäre interessant. In vielen Epochen musste man als Frau ja sehr vorsichtig sein, es wäre also nicht ungefährlich, Zeitreisen zu unternehmen.

Phantastik-Couch.de: Du schreibst oft über Kinder in nicht realen und unheimlichen Situationen. Hast du nicht manchmal die Befürchtung, jugendlichen Lesern mit Deinen Büchern Angst einzujagen?

Margaret Peterson Haddix: Nicht so sehr mit dieser Serie, aber andere Bücher von mir enthalten durchaus düstere Themen. Generell sind Kinder sehr verschieden, einige sind vielleicht schon mit 10 Jahren in der Lage, meine Bücher zu verstehen, andere erst später. Generell denke ich, dass man sich einem Buch viel leichter entziehen kann als z.B. einem Killer-Videospiel. Unser Geist baut sich beim Lesen die Bilder selbst auf und macht das in altersgemäßer Art und Weise.
Ein Buch kann man zuklappen und Abstand gewinnen, aber brutale Bilder, die man gesehen hat, aus dem Kopf zu verbannen, ist schwieriger.

Phantastik-Couch.de: Hast Du auch für Deine Kinder Geschichten geschrieben und sie in die Entwicklung Deiner Bücher einbezogen?

Margaret Peterson Haddix: Als sie jung waren, habe ich Ihnen viele Geschichten erzählt, weil sie mich immer dazu aufforderten. Nun tun sie das nicht mehr, mein Sohn ist 15 und meine Tochter 17 Jahre alt. Aber sie sind tatsächlich Teil meines Schreibprozesses, sie reflektieren was ich mir ausdenke und sagen mir zum Beispiel: „ Nein, so würde ein Kind niemals reagieren“. Besonders in diesem Buch „Die Entführten“steckte ich ein wenig fest, weil ich ein Motiv für diesen Transfer der Babys brauchte. Meine Tochter hat mir ein dabei geholfen und einen Vorschlag gemacht, der wirklich gut funktioniert hat. Ich habe sie in meiner Danksagung auch entsprechend gewürdigt

Phantastik-Couch.de: In der Biographie auf Deiner Homepage erzählst Du, dass Du ein Studienjahr in Luxemburg verbracht hast. Welche Erfahrungen aus der Zeit sind für Dich wichtig?

Margaret Peterson Haddix: Ich mochte die Zeit in Luxemburg sehr, es ist eine sehr schöne Studienstadt. Ich habe auch Deutschland in der Zeit besucht. Zuvor war ich nur in Kanada, einem Land, das den USA sehr ähnlich ist, und einmal kurz in Mexiko gewesen. Hier kam ich doch in eine andere Kultur und lernte, das man dort einiges Dinge ganz anders regelt, als ich es kannte. Ich lernte zu hinterfragen: „Warum macht man das hier anders?“. Für mich als Autorin war diese Zeit besonders wertvoll, denn als solche muss ich ein fiktives Geschehen und die Charaktere in eine fremde Umgebung übertragen und aus verschiedenen Perspektiven betrachten können.

Phantastik-Couch.de: Empfindest Du Europa tatsächlich als eine andere Kultur?

Margaret Peterson Haddix: Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die ich keine endgültige Antwort weiß. Es gibt Menschen, die nah beieinander leben und trotzdem glauben, unterschiedlichen Kulturen anzugehören. Manchmal kommt man sich, wenn man auf dem Land, einer Farm aufgewachsen ist und dann in die Stadt zieht, so vor, als käme man in eine andere Kultur. Man fragt sich, worüber die Leute gerade reden, weil man einige ihrer Gewohnheiten erst kennen lernen muss.

Phantastik-Couch.de: Wir danken Dir, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns genommen hast und wünschen Dir noch viel Spaß auf der Frankfurter Buchmesse und in Deutschland.

Das Interview führte Eva Bergschneider.