Interview mit Maxime Chattam

„Ich will auch über unser Verhältnis zur Erde schreiben, auch wenn ich mich mehr um Respekt sorge, als um Umweltschutz.“

Als Krimi-Autor bereits eine bekannte Größe, etabliert sich Maxime Chattam derzeit als phantastischer Literat. Lesen Sie in unserem Interview mit dem auch in New York heimischen Franzosen, wie er sich mit der „Alterra“- Serie auf die Phantastik zurückbesonnen hat, warum es dort eine „Gemeinschaft der Drei“ gibt und welche Botschaft er vermitteln möchte.

Phantastik-Couch.de: Maxime, wie kamst du als Autor erfolgreicher Krimis und Thriller auf die Idee, eine Fantasy-Reihe für Jugendliche zu schreiben?

Maxime Chattam: Ich habe mich zurückbesonnen auf die Literatur, die mich dazu brachte, überhaupt Schriftsteller zu werden. Als erstes las ich Tolkien, Stephen King, Michael Ende, hauptsächlich Fantasy. Durch diese Bücher glaubte ich allmählich, dass ich selbst doch auch solche wunderbaren Welten und Figuren erschaffen könnte – und ich wollte unglaubliche Abenteuer erleben. Mit rund 14 Jahren begann ich dann zu schreiben, eben gerade wegen der Fantasy-Romane. Ich schreibe sehr gern Krimis, da ich mich so mit der Gesellschaft auseinandersetzen kann und herausfinden, wie sie tickt. Aber ich wollte davon eine Auszeit nehmen und meiner Vorstellungskraft die Möglichkeit geben Dinge auszuloten, die in meinen übrigen Romanen nicht funktionieren. Und so wurde das Alterra-Projekt geboren.

Phantastik-Couch.de: Ist „Alterra“ deine Art den Leuten ihr Verhältnis und ihr Verhalten gegenüber unserer Erde zu zeigen? Was soll der Leser durch deinen Roman lernen?

Maxime Chattam: Er soll den Leuten eher zeigen wie heutzutage unsere Beziehungen zueinander funkionieren. Alterra ist eine Parallelwelt, die aus unserer entstanden ist. Die Pan und die Cyniks – so heißen in dem Buch die Kinder und die Erwachsenen – sind uns, wie wir heute sind, sehr ähnlich.  Aber auch der Sturm, der unsere Welt am Anfang von „Alterra“ verändert ist da wichtig. Und ja, ich will auch über unser Verhältnis zur Erde schreiben, auch wenn ich mich mehr um Respekt sorge, als um Umweltschutz im eigentlichen Sinne. Mir ist der Respekt wichtig, uns selbst und anderen, der Natur und der Erde gegenüber. Ich hoffe, dass der Leser ab und zu zwischen den lustigen Abschnitten inne hält und sein eigenes Verhalten als Kind, als Teenager und als Erwachsener hinterfragt. Wenn ich tausend Leute unterhalten kann und nur einer davon ändert sein Verhalten und zeigt mehr Respekt, dann bin ich glücklich.

Phantastik-Couch.de: Matt spielt eine besondere Rolle in der „Gemeinschaft der Drei“. Wie würdest du ihn charakterisieren? Ist er die Hauptperson der Geschichte?

Maxime Chattam: Er ist die Person, durch dessen Augen die Geschichte gezeigt wird und der sie erzählt. Er ist der Mittelpunkt der Geschichte. Aber er ist nicht der einzige, denn die Drei stehen alle im Mittelpunkt. Matt repräsentiert einen Kindheits- oder Menschheitssaspekt, Tobias einen anderen, ebenso wie Amber. Ich glaube dass epische Geschichten immer drei Hauptpersonen haben, das war schon so in den alten Legenden. In der Geschichte von König Arthur sind das zum Beispiel Arthur, Lancelot und Guinevere. Oder wenn wir an Mark Twain denken, der als „Vater der modernen Literatur“ bezeichnet wird. Bei ihm sind es Tom Saywer, Huck und Becky. Und so weiter …Immer ein „starker Mann“, dann ein Mann, der weniger charismatisch ist, aber ohne den der Held niemals Erfolg hätte und eine Frau für eine zweite Sichtweise und natürlich um das Dreiecksverhältnis erst möglich zu machen. Mir war von Anfang an klar, dass ich drei verschiedene Charaktere nutzen würde um die Geschichte zu erzählen.

Phantastik-Couch.de: Die Geschichte spielt im Osten der Vereinigten Staaten. Hast du die Schauplätze besucht, um vor Ort zu recherchieren?

Maxime Chattam

Maxime Chattam: Nein, da ich New York sowieso schon sehr gut kenne. Ich lebe in Frankreich, aber verbringe jedes Jahr einige Zeit in New York. Und der übrige Osten der Staaten ist hier vor allem eine Parallelwelt zu unserer Realität, dementsprechend musste ich nicht für Recherchezwecke zum Schauplatz reisen wie ich es normalerweise für all meine Krimis tue.

Phantastik-Couch.de: Ist „Alterra“ vor allem für junge Leser gedacht oder ist es sogenannte All-Age-Fantasy? Was hältst du überhaupt von dieser Unterscheidung?

Maxime Chattam: Ganz ehrlich, als ich anfing, Alterra zu schreiben, dachte ich schon, dass ich es für Jugendliche schreibe, aber dann wurde mir klar, dass ich mit meiner Geschichte doch alle anspreche, also auch Erwachsene. Eigentlich vor allem Erwachsene. Ich mache in der gesamten Geschichte viele Anspielungen auf Literatur, Religion und Naturwissenschaft. Die meisten würden junge Leser gar nicht verstehen. Alles wurde von mir mit Bedacht gewählt. Nichts ist zufällig. Zum Beispiel am Anfang des ersten Romans schreibe ich ein paar Zeilen über Matts Kindermädchen, das Maat hieß und aus Ägpyten stammte. Ein paar Kapitel später trifft Matt auf einen riesigen Hund, der ihm auf Schritt und Tritt folgt und ihn beschützt. Der Name des Hundes ist „Feder“. Was ich in dem Roman nicht erkläre ist, dass Maat der Name einer alten ägyptischen Gerechtigkeits-  und Schutzgöttin ist, deren Symbol – genau – eine Feder ist. Das könnte darauf hinweisen, dass der Hund irgendwie Matts früheres Kindermädchen ist, oder dass er zumindest zu ihr oder zu dem, für das sie steht eine Verbindung hat. Die Bücher sind voll solcher Details, die nicht erklärt werden aber den Zyklus komplexer machen und anreichern.

Phantastik-Couch.de: Maxime, eine ganz private Frage: Wie autobiografisch ist das Buch? Wie viel deines Charakters hast du in die Figuren, auch die bösen einfließen lassen? Oder ist eine der Figuren wie Du?

Maxime Chattam: Wie in all meinen Büchern glaube ich, das ein bisschen von mir in allen Figuren steckt! Aber Matt ist ein wenig der Teenager, der ich selbst gern gewesen wäre, der all die Abenteuer erlebt, die ich gern in dem Alter erlebt hätte. Er ist eine Projektion meiner Person. Nicht durchgängig allerdings. Ich habe versucht ihm eine eigene Weltanschauung zu geben, aber wir sind uns zugegeben schon ähnlich.

Phantastik-Couch.de: Im Moment schreibst du am dritten Teil von „Alterra“. Kannst du uns erzählen, wie die Geschichte weitergeht – ohne zu viel zu verraten?

Maxime Chattam: Ehrlich gesagt arbeite ich bereits am vierten Roman! Aber über den dritten Teil kann ich sagen, dass hier viele der Rätsel der ersten zwei Bücher gelüftet werden!  Der Krieg zwischen den Erwachsenen und den Kindern steht kurz bevor und wir werden mehr über die Königin Malronce erfahren. Der dritte Teil ist außerdem in sich abgeschlossen, am Ende scheint es nicht so, als ob es ein weiteres Buch gibt. Aber um die Wahrheit zu sagen, in insgesamt sieben Büchern wird die Geschichte Alterras erzählt werden. Sie sind alle schon durchgeplant, ich muss sie nur noch schreiben. Und die Figuren werden bald nach Europa kommen und auch nach Deutschland! Ihr werdet schon sehen!

Phantastik-Couch.de: Ist „Alterra“ für dich ein einmaliger Ausflug in die Fantasy oder können deine Leser weitere Fantasy aus Deiner Feder erwarten? Ganz konkret: Was ist dein nächstes Projekt nach „Alterrra“?

Maxime Chattam: Auf jeden Fall habe ich noch vier weitere Alterra-Romane zu schreiben und dann noch einige Krimis, die ich mir vorgenommen habe. Außerdem, da ich immer viele Pläne habe, möchte ich noch einige Fantasy-Horror-Geschichten schreiben, wie die von Stephen King, die ich früher gelesen habe, auch wenn ich nicht dasselbe Talent habe. Aber ich habe so viele Ideen, ich glaube, ich weiß jetzt schon, was ich alles in den nächsten zehn Jahren schreibe!

Phantastik-Couch.de: Kannst du dir vorstellen eine "Cross-over-Geschichte zu schreiben, die Krimi und Fantasy vermischt?

Maxime Chattam: Aber ja! Auf jeden Fall. Das ist genau eins der Projekte, die ich im Kopf habe ;-)

Das Interview mit Maxime Chattam führte Andreas Kurth
Übersetzung: Verena Wolf