Interview mit Mechthild Gläser und Jan Oldenburg

Die Seraph-Preisträger für das ´Beste Debut´ erzählen über den kreativen Prozess und Figuren, die ihren Mund nicht halten können.

Phantastik-Couch.de: In diesem Jahr teilt ihr beide Euch den SERAPH-Preis in der Kategorie „Bestes Debut“. Erzählt doch mal, wie ihr die Nominierung Eurer Bücher "Stadt aus Trug und Schatten„ und “Fantastik AG" und die Preisverleihung erlebt habt. Wie habt ihr davon erfahren, dass Eure Bücher auf der Longlist platziert wurden? Wagt man eine Einschätzung der Gewinnchance? Und wie hat sich der Gewinn des SERAPH schließlich angefühlt?

Mechthild Gläser: Davon, dass „Stadt aus Trug und Schatten“ es auf die Longlist geschafft hat, habe ich durch Zufall bei Facebook erfahren, als mir eine befreundete Kollegin dazu gratulierte. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet und freute mich riesig. Noch größer war die Überraschung dann, als die Shortlist veröffentlicht wurde. Ich konnte es zuerst überhaupt nicht glauben. Natürlich hatte ich darauf gehofft, aber dass bei all den tollen Büchern ausgerechnet meins es unter die letzten drei schaffen würde? Nun ja, ab diesem Moment begann ich schon ein kleines bisschen zu hoffen. Ich sah mir den SERAPH auf der Homepage der Phantastischen Akademie an und stellte mir vor, wie es wäre, ihn in Händen zu halten. So träumte ich vor mich hin, ohne jedoch ernsthaft damit zu rechnen. Bei der Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse war ich dann trotzdem sehr aufgeregt. Sehr, sehr aufgeregt. Als dann tatsächlich mein Name fiel, hatte ich das Gefühl, dass sich für einen Augenblick eine riesige Luftblase in meinem Kopf ausbreitete. Ich war völlig überrumpelt und wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Ich habe dann erst einmal ein paar Dankesworte ins Mikro gestammelt. Dass ich tatsächlich gewonnen hatte, habe ich allerdings erst später am Abend begriffen.

Jan Oldenburg: Dass „Fantastik AG“ es auf die Longlist geschafft hat, habe ich Anfang Februar von meinem Verlag erfahren und schon mal als kleinen Erfolg verbucht. Mit der Planung der Siegesfeierlichkeiten habe ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht begonnen, schließlich standen da noch acht weitere Titel auf der Liste. Den SERAPH dann in Leipzig tatsächlich überreicht zu bekommen, war natürlich toll. Nachdem man jahrelang schriftstellernd vor sich hin getüftelt hat, ist es eine willkommene Anerkennung, wenn man gleich für seinen ersten Roman mit einem Preis ausgezeichnet wird. Zumal Leipzig auch meine erste Buchmesse überhaupt und die Preisträgerlesung mein erster öffentlicher Auftritt als Vorleser war – alles in allem eine rundum zufrieden stellende Premiere also.

Phantastik-Couch.de: Die Phantastische Akademie hat sich ja zum Ziel gesetzt, guter Phantastik zu mehr Ansehen und Popularität zu verhelfen. Habt ihr als Preisträger den Eindruck, dass das funktioniert? Erhaltet ihr Anfragen oder Reaktionen, die ihr ohne den SERAPH vermutlich nicht bekommen hättet?

Mechthild Gläser: Also ich merke es schon ein bisschen. Zum Beispiel an Interview- und Lesungsanfragen, die sich in den letzten Wochen doch ziemlich gehäuft haben. Außerdem sehen die Aufkleber, die mein Verlag nun auf die Bücher geklebt hat, sehr nett aus.

Jan Oldenburg: Auf jeden Fall scheinen sich einige Lesungen anzubahnen, die ohne die Aufmerksamkeit durch den SERAPH wahrscheinlich nicht stattgefunden hätten – mal schauen, was sich da sonst noch so alles ergibt.

Jan Oldenburg

Phantastik-Couch.de: Warum sind Eure Bücher ausgezeichnet worden? Gab es Feedback von den Juroren?

Mechthild Gläser: Bei der Preisverleihung wurden ja zu jedem nominierten Titel ein paar Jurystimmen erwähnt. Leider war ich allerdings so aufgeregt, dass ich mir nicht alles merken konnte. Ich meine aber mich daran zu erinnern, dass im Zusammenhang mit meinem Buch von einer düster-schillernden Welt und einer ungewöhnlichen Idee die Rede war.

Jan Oldenburg: In Leipzig hatte ich nur Gelegenheit, ein paar kurze Sätze mit einigen der Juroren zu wechseln (beziehungsweise: ihre Exemplare von „Fantastik AG“ zu signieren), daher muss ich in der Hinsicht etwas spekulieren. Mein Eindruck war, dass die drei ausgezeichneten Bücher jeweils eher ungewöhnliche Ansätze verfolgen und sich die Freiheit nehmen, erzählerisch eigene Wege zu gehen – ein gewisses Maß an Originalität könnte also ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidungsfindung gewesen sein (sagte er und klopfte sich selbstgefällig auf die eigene Schulter ...)

Mechthild Gläser

Phantastik-Couch.de: Wie seid ihr jeweils auf die Grundidee Eurer Bücher gekommen? Wie habt ihr die Handlung entwickelt?

Mechthild Gläser: Auf die Grundidee zu „Stadt aus Trug und Schatten“ bin ich gekommen, als ich darüber nachdachte, was eigentlich mit unserem Bewusstsein passiert, wenn wir schlafen. Ich fand es faszinierend, dass man einfach aufhört zu denken und sich stattdessen in bizarren Traumwelten verlieren kann. Oft wacht man ja auch morgens auf und erinnert sich gar nicht mehr an seine Träume. Die Geschichte den Weißen Löwen begann mit der Frage, wie es wäre, wenn unsere Seelen in solchen Nächten ein geheimes Doppelleben in einer fremden Welt führen würden. So wurde die dunkle Metropole Eisenheim mit ihrer Farblosigkeit, den Anachronismen und dem Machtgefüge zwischen Wandernden und Schlafenden geboren. Danach folgten rasch die Figuren, neben Flora und Marian stolperte auch der Eiserne Kanzler in meine Gedanken und ich begann zu überlegen, was sie miteinander zu tun hatten. So entstand nach und nach der Plot.

Jan Oldenburg: Wenn ich das wüsste …Für mich ist Schreiben (Kreativität allgemein) ein ziemlich rätselhafter Prozess, der im Idealfall einfach so passiert, ohne dass ich den Eindruck habe, dabei selbst allzu große Anstrengungen bewältigen zu müssen. Eine Art von hoch entwickelter, sehr betriebsamer Faulheit, sozusagen. Theodor und der Professor, das Institut für Phantastik und die Fernen Länder waren gewissermaßen einfach „irgendwie plötzlich da“. Ich bin mir schon darüber im Klaren, dass Schreiben nicht im luftleeren Raum stattfindet und ich als Autor auf verschiedenste Einflüsse reagiere: Im Fall von „Fantastik AG“ waren das sicherlich unter anderem meine eigenen Erfahrungen mit dem Universitätsbetrieb, der alltägliche massenmediale Stumpfsinn und – sowieso – die weltfinanzpolitische Lage. Solche und andere Themen und Ideen mögen im Hintergrund eine Rolle spielen. Beim Schreiben versuche ich allerdings, der Geschichte und den Charakteren nach Möglichkeit allen Raum zu geben, sich selbst unabhängig von den Absichten und bewussten Vorstellungen des Autors zu entwickeln.

Phantastik-Couch.de: Welche Eurer Charaktere gingen Euch leicht von der Hand und welche haben Euch geärgert?

Mechthild Gläser: Besonders leicht ging mir der Eiserne Kanzler von der Hand, vermutlich weil er mich so fasziniert hat. Probleme gab es dagegen öfter mit Flora, der Heldin. Sie ist nämlich nicht nur ziemlich dickköpfig, sondern redet sich auch gerne mal um Kopf und Kragen. Das mag ich zwar an ihr, beim Schreiben hat es allerdings schon das eine oder andere Mal dazu geführt, dass sich eine von mir so schön geplante Szene ganz anders als vorgesehen entwickelt hat. Alles bloß, weil Flora ihren Mund nicht halten kann.

Jan Oldenburg: Bei „Fantastik AG“ habe ich rückblickend den Eindruck, dass sich die Charaktere, die im Buch auftreten, eigentlich ganz von selbst geschrieben haben. Als Autor war ich sozusagen nur für das Casting zuständig, habe hier und da eine Regieanweisung gegeben – den Rest haben Theodor, der Professor, Eralkes, Homur und all die anderen erledigt. Manchmal im zweiten oder dritten, oft aber auch bereits im ersten Take. Geärgert hat mich also keine der Figuren, und so sollte es auch sein.
Damit dieser schon erwähnte „rätselhafte Prozess des Schreibens“ bei mir in Gang kommt, müssen Charaktere, Welt und Geschichte so etwas wie ein Eigenleben mitbringen. Gegen einen Widerstand anschreiben, „konstruieren“ zu müssen, ist meiner Erfahrung nach ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Oder, wie Bob Dylan es analog für die Musik gesagt hat: „A song is anything that can walk by itself.“

Phantastik-Couch.de: Mechthild, „Stadt aus Trug und Schatten“ ist ja der Auftakt einer Trilogie. War die Story als Mehrbänder geplant, oder hattest Du ursprünglich einen Abschluss der Handlung vorgesehen?

Mechthild Gläser: Ursprünglich war die Geschichte von mir auf zwei Bände angelegt. Der Verlag machte dann jedoch zunächst den Vorschlag, eine Trilogie daraus zu machen, weil diese gängiger seien. Das wäre für mich auch okay gewesen. Tatsächlich wird der im Juni erscheinende zweite Band „Nacht aus Rauch und Nebel“ nun aber doch den Abschluss der Reihe bilden, weil das Marketing sich inzwischen umentschieden und Loewe mir ein anderes Projekt für 2014 angeboten hat, auf das zu schreiben ich mich bereits sehr freue.

Phantastik-Couch.de: Jan, „Fantastik AG“ schließt die Handlung einerseits ab, hält aber ein Hintertürchen für eine Fortsetzung offen. Wie sieht es aus? Begeben sich Professor und Theodor Welk auf weitere Reisen in die Fernen Länder?

Jan Oldenburg: Um ehrlich zu sein …Eigentlich war insbesondere die letzte Seite mit dieser reißerisch-übertriebenen Ankündigung der Fortsetzung („Wer das verpasst ist so gut wie tot!“) als Parodie eines Cliffhangers gedacht, ein finaler, diabolisch raffinierter Marketing-Schachzug der Fantastik AG, die (wie die Bank) am Ende immer gewinnt und noch die Niederlage für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert. Reine Ironie also. Aber nachdem ich jetzt schon mehrfach gefragt wurde, wann denn die Fortsetzung erscheint – man soll wohl nie „nie“ sagen …

Phantastik-Couch.de: Gibt es Bücher und Autoren, die Euch besonders wichtig sind? Vielleicht sogar als Inspirationsquelle dienen?

Mechthild Gläser: Zu meinen absoluten Lieblingsautoren zählen Jane Austen und Michael Ende. In „Stadt aus Trug und Schatten“ findet sich mit dem Nichts eine kleine Hommage an "Die unendliche Geschichte".

Jan Oldenburg: Selbst lese ich vor allem so „altes Zeug“ – „Amerika“ von Franz Kafka halte ich zum Beispiel für das eindeutig beste Buch der Welt (und lasse da auch keinen Einspruch gelten!). Den „Gnom ohne Eigenschaften“ – Empfehlung von Professor Welk – sollte man auf jeden Fall auch gelesen haben. Direkte Vorbilder habe ich beim Schreiben allerdings nicht, was man schon allein daran erkennen dürfte, dass sich in „Fantastik AG“ bemerkenswert wenig Kafka wiederfindet. Die Beeinflussung läuft da eher unterschwellig ab und beschränkt sich auch nicht allein auf die Literatur. Monty Python, Frank Zappa, die Filme der Coen-Brüder – was immer schräg, eigenwillig und dabei wohldurchdacht ist, weiß ich medienübergreifend zu schätzen.

Phantastik-Couch.de: Verratet ihr uns, wofür ihr das Preisgeld investiert?

Mechthild Gläser: Für Notizbücher und Schokolade, die ich beim Tippen auf meiner Tastatur verkrümeln werde, und anschließend wahrscheinlich für etwas, mit dem man Computertastaturen reinigen kann.

Jan Oldenburg: Das weiß ich noch nicht. Eventuell werde ich mir einen neuen Laptop anschaffen. Mein jetziger hat bald zehn Jahre auf dem Buckel und braucht ungefähr eine halbe Stunde, um hochzufahren – *wenn* er denn hochfährt …

Phantastik-Couch.de: Worauf dürfen sich Eure Leser in Zukunft freuen? Bleibt ihr Euren jetzigen Genres, also der Urban-Fantasy bzw. der Humoristischen Fantasy weiter treu? Oder ist eine literarische Richtungsänderung geplant?

Mechthild Gläser: Ich schreibe sehr gerne phantastische Geschichten und möchte damit auf keinen Fall aufhören. Allerdings spuken mir auch andere Ideen im Kopf herum und ich könnte mir durchaus vorstellen, mal in ein anderes Genre zu schnuppern. „Nacht aus Rauch und Nebel“, meine nächste Veröffentlichung, wird die Leser noch ein weiteres Mal nach Eisenheim entführen.

Jan Oldenburg: Mein zweiter Roman ist gerade fertig geworden und erscheint diesen Herbst. Es geht wieder in die Fernen Länder, diesmal mit neuen Helden und noch ein wenig rabiaterem Humor. (Was naheliegt, wenn einer der Protagonisten ein Zwergenkrieger namens Brom „Die Axt“ Stahlbart ist, der eine Vorliebe für hochprozentigen Finsterklammer Zwitscherer und zünftige Streitaxt-Keilereien besitzt. Ganz zu schweigen von der kleinen Nachtelfe Nenia, Totenbeschwörer-Tochter und Satansbraten in Vollendung). Zukünftige Romane könnten durchaus auch in anderen Genres angesiedelt sein (Ideen hätte ich bereits), aber wie gesagt überlasse ich es den Dingen ganz gerne selbst, sich nach ihrer eigenen Logik zu entwickeln.

Das Interview führte Eva Bergschneider im April 2013
Foto: Tom Orgel