Interview mit Neil Gaiman

„Es ist für meine deutschen Leser an der Zeit, missionarischer zu sein.“

Neil Gaiman wird auf beiden Seiten des Atlantiks als Kultautor gehandelt. In einem Gespräch mit Phantastik-Couch.de erzählt er von überdimensionierten Würsten, der Kühlschrankaufbewahrung von Tageszeitungen und davon, dass wir alle Märchen brauchen.

Phantastik-Couch: Neil, wie gefällt dir Deutschland?

Neil Gaiman: Ich mag Deutschland sehr gerne. Dabei sind es immer die kleinen Dinge, die mich daran erinnern, dass es nicht England oder Amerika oder Polen ist. Zum Beispiel: Ich saß in meinem Hotelzimmer, als eine Dame von der Rezeption anrief und sagte „Hier wartet ein Journalist auf Sie. Sie müssen jetzt hinunterkommen, um ein Interview mit ihm zu führen.“ Daraufhin sagte ich, dass er eigentlich zu früh ist, wir haben uns für 12 Uhr verabredet, und das sind noch sieben Minuten. Ich schreibe gerade. Daraufhin sie: „Gut, dann werden Sie in genau sieben Minuten hier unten sein!“ Das ist so deutsch! Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mitarbeiter eines teuren Vier-Sterne-Hotels irgendwo auf der Welt so etwas sagen würden. Das war irgendwie ein höchst deutscher Augenblick für mich. Ich habe ihn genossen, es war urkomisch, zum schieflachen.

Phantastik-Couch: Und abgesehen von dieser Klischee-Erfahrung?

Neil Gaiman

Neil Gaiman: Nein, ich mag Deutschland wirklich! In jedem Land gibt es nationale Eigenheiten mit reichlich Lokalkolorit. Als ich zum Beispiel in Köln zum Abendessen ausgegangen bin, hat man mir eine Wurst serviert, die größer als mein Kopf war. So etwas amüsiert mich ungemein.

Phantastik-Couch: Was ist mit deinen deutschen Fans? Haben sie auch unverwechselbare Eigenheiten?

Neil Gaiman: Die Leser ändern sich auf der anderen Seite nicht wirklich von Land zu Land. Egal, ob du in England, Amerika oder Deutschland bist: Wenn du Fotos machen würdest von all den Lesern, die bei der Signierstunde in der Schlange stehen, könntest du nicht sagen, woher sie kommen. Generell sind da nur ein paar Bartträger, aber es gibt bestimmte Typen wie das nette rundliche Mädchen, der angestrengte und große junge Mann. Zurzeit kommen in Amerika auch immer mehr Damen mittleren Alters zu mir.

Phantastik-Couch: Wie kommen die auf deine Bücher?

Neil Gaiman: Das liegt daran, dass sich „;Sternwanderer“ wegen der Verfilmung unter ihnen verbreitet wie ein kleines schmutziges Geheimnis. Und dann werden sie auf meine anderen Bücher aufmerksam, was ich etwas seltsam finde. Aber Leser sind Leser, egal, wo du hin gehst. Manchmal ändert sich die Zusammensetzung, in Singapur und auf den Philippinen sind es weit mehr Frauen als Männer, in Deutschland ist es ungefähr fifty-fifty. Durch „;Coraline“ bin ich jetzt auch ein Kinderbuchautor.

Phantastik-Couch: Welche deutschen Fantasy-Autoren liest du?

Neil Gaiman: Ich bin mit deutscher Fantasy aufgewachsen, eines meiner Lieblingsbücher war Otfried Preußlers „;Krabat“. Als ich in Köln war, hatte ich eine Diskussion mit einem Journalisten über die Märchen der Brüder Grimm. Er sagte: „;Sie würden die doch nicht etwa ihren Kindern vorlesen? Man muss so etwas von ihnen fernhalten!“ Woraufhin ich sagte, natürlich würde ich sie ihnen vorlesen! Was für eine schreckliche Vision – Deutschland abgeschnitten von seiner Kultur, seinen Wurzeln! Das soll natürlich nicht heißen, dass die Grimms nicht eine Menge neu geschrieben haben, es soll auch nicht heißen, dass die Grimms nichts an den alten Volkssagen geändert haben. Sie waren der Meinung, Volkssagen niederzuschreiben, nicht Kindergeschichten. Erst als die Leute anfingen, sich über die Dinge wie Rapunzels Schwangerschaft zu beschweren, gab es Neufassungen, in denen sie eben nicht mehr schwanger wird.

Außerdem gab es (in den Märchen) Geschichten, die heutzutage zensiert werden, wie zum Beispiel „;Der Jude im Dorn“. Diese Art von Zensur kann einem irgendwie Angst machen, denn man muss solche Geschichten lesen, um die Geisteshaltung zu verstehen, die damals in den Volkssagen vorherrschte. Tatsächlich ist der Jude im Dornbusch unschuldig, und der Knecht foltert ihn fast zu Tode. Man muss verstehen, das dies eine Geschichte ist, die sich die Leute im vorletzten Jahrhundert erzählt haben, wenn man nachvollziehen will, was in 1940er Jahren passierte.

Phantastik-Couch: Würdest du deine Bücher von Kindern fernhalten?

Neil Gaiman: Das kommt darauf an. Falls sie von „;American Gods“ nicht gelangweilt wären, würde ich mindestens sagen, dass es ungeeignet ist: Das fünfzehnte Wort (der Originalausgabe, Anm. d. Übers.) ist F***, am Ende verschwindet sogar jemand auf nimmer Wiedersehen in einer Prostituierten. So eine Art Buch ist es eben. Würde ich andererseits „;Sternwanderer“ von Kindern fernhalten? Es gibt darin kaum Gewalt oder gar Sexszenen. Oder gar von „;Coraline“? Um Himmels willen, nein! Die meisten Kinder wissen sehr genau, wofür sie bereit sind und wofür nicht. Kinder können die Dinge oftmals am besten beurteilen. Das erinnert mich an die dänische Journalistin, die ihrem Sohn „;Coraline“ vorlas. Sie bekam dabei richtig Angst, bis ihr Sohn ihr sagte: „;Keine Angst, Mama, es ist nur eine Geschichte!“ Erwachsene finden das Buch beunruhigender als Kinder, weil es für sie eine andere Art von Geschichte ist. Liest es ein Erwachsener, dann liest er von einem Kind in Gefahr. Liest es hingegen ein Kind, dann liest es von einem anderen Kind, das ein Abenteuer erlebt. Es ist einfach ein anderer Standpunkt.

Phantastik-Couch: Wo wir gerade bei Ansichtssachen sind: Anansi Boys handelt von jemandem, dessen Standpunkt gegenüber seiner Familie sich mächtig ändert.

Neil Gaiman: Ja, das ist eine richtige Familiengeschichte: Fat Charly erfährt, dass sein Vater der Gott des Geschichtenerzählens war und dass er auch noch einen Bruder hat. Und dieser bringt Charlys Leben komplett durcheinander, er muss also irgendwie damit zurechtkommen.

Phantastik-Couch: Wie viel von deiner eigenen Familiengeschichte steckt darin?

Neil Gaiman: Sehr wenig. Ich habe den Kühlschrank meiner Tante hineingesteckt – sie hatte immer nur Wasserflaschen und Zeitungen darin. Die Zeitungen habe ich allerdings weggelassen, weil ich dachte, dass es niemand glauben würde. Niemand glaubt die Wahrheit. Ein Teil der Geschichte handelt davon, wie peinlich Kinder ihre Eltern finden, ein Teil davon, wie peinlich sich Eltern gegenüber ihren Kindern benehmen. Es ist unglaublich, wie schnell Kinder wegen so etwas regelrecht versteinern.

Phantastik-Couch: Es geht auch darum, wie Menschen stigmatisiert werden.

Neil Gaiman: Ja, denn irgendwie ist Fat Charly immer Fat Charly, obwohl er nur als Kind dick war. Doch irgendwann gegen Ende der Geschichte ist er nicht mehr Fat Charly. Es macht mir Spaß zu beobachten, wann die Leser des Buches bemerken, an welchem Punkt sich das ändert. Anansi Boys ist eine Geschichte über Familie, die Bindungen und Verpflichtungen, die mit Familie zusammenhängen.

Phantastik-Couch: In der Geschichte zeigst du, wie man diese Unausweichlichkeit mit Humor nehmen kann.

Neil Gaiman: Ja, denn das muss man auch. Mit Anansi Boys wollte ich zeigen, dass ich komisches Buch schreiben kann.

Phantastik-Couch: Ist Tori Amos irgendwo im Buch versteckt?

Neil Gaiman: Hm, ich glaube nicht. Obwohl ich die ersten Kapitel in ihrem Haus in Irland geschrieben habe. Es gibt viele Dinge, die nicht in dem Buch stecken.

Phantastik-Couch: Kannst du dir „;Anansi Boys“ als Film vorstellen? Und wer sollte mitspielen?

Neil Gaiman: Hm, gute Frage …Jemand wie Morgan Freeman würde ich gerne als Mr. Nancy sehen. Mit Spider und Fat Charly könnte man unterschiedlich verfahren: Entweder spielt Will Smith beide oder man hat zwei verschiedene Schauspieler. Auf alle Fälle müssten sie smart sein. Forrest Whitaker würde eine guten Fat Charly abgeben, ebenso Lenny Henry. Für mich ist das schönste an der Geschichte, zuzusehen, wie diese beiden Charaktere -der eine schüchtern und ständig peinlich berührt, der andere von beinahe psychotischem Selbstbewusstsein – im Verlauf der Handlung zu fertigen Menschen werden.

Phantastik-Couch: Du schreibst viel über Götter und Archetypen – bist du abergläubisch, was das schreiben betrifft?

Neil Gaiman: Nein, aber lass mich kurz nachdenken …Ich schreibe keine Auftragsarbeiten. Immer wenn ich als junger Mann Auftragsarbeiten angenommen habe, ging irgendetwas fürchterlich schief. Oft habe ich dann noch nicht einmal mein Geld erhalten. Also habe ich mich entschieden, nur noch für die Kunst und für das Glück zu schreiben, denn wenn auf diese Weise etwas schief geht, kann ich immer noch auf meine Arbeit stolz sein. Also, dann ist mein Schreib-Aberglaube keine Auftragsarbeiten anzunehmen.

Phantastik-Couch: Schreibst du gern an anderen Orten als zuhause?

Neil Gaiman: Ja, aber nur, wenn ich noch nicht dort gewesen bin. Ich mag es, an Orten zu schreiben, wo es für mich etwas ungemütlich ist. Orte, die ich nicht wirklich besuchen will, oder Hotels, in denen es nicht zu angenehm ist. Denn wenn es zu angenehm ist, genießt man das Hotel anstatt zu schreiben.

Ich stelle mir oft vor, auf einem dieser großen Handelsschiffe zu schreiben, die eine Passagierkabine besitzen. Einfach an Bord gehen, eine viermonatige Reise buchen, in der Kabine sitzen und einen Roman schreiben. Ich liebe diese Vorstellung, und bevor ich sterbe, will ich das tun.

Phantastik-Couch: Woran wirst du als nächstes arbeiten?

Neil Gaiman: In diesem Jahr habe ich vor allem mit Filmpromotion eine Menge zu tun. Das nächste große Buch, das ich schreiben werde, ist ein Kinderbuch namens „;The Graveyard Book“ (dtsch.: Das Friedhofsbuch). Aber wahrscheinlich wird es in Deutschland nicht erscheinen können, weil es zu beunruhigend ist …

Phantastik-Couch: Sind Amerikaner in dieser Hinsicht nicht viel empfindlicher?

Neil Gaiman: Nein, die Deutschen. Von allen Ländern, in denen ich war, wollte nur Deutschland nicht das Originalcover von „;Coraline“ veröffentlichen, mit der Begründung, es sein zu beunruhigend. Wenn ich nach Deutschland komme, werde ich als erstes gefragt, ob meine Kinderbücher nicht zu unheimlich für Kinder wären.

Phantastik-Couch: Nun, immerhin sind sich deine Leser auf der ganzen Welt ähnlich. Hättest du dennoch ein paar spezielle Worte für deine deutschen Fans?

Neil Gaiman: In der Hauptsache würde ich ihnen sagen, dass sie die Botschaft verbreiten sollen. ich glaube, dass es für meine deutschen Leser an der Zeit ist, missionarischer zu sein. Hierzulande bekomme entfernt den Eindruck, dass meine Fans die Bücher lieben, aber all die anderen Leser haben entweder noch nichts von ihnen gehört oder wissen nichts damit anzufangen. So habe ich zum Beispiel die Leute bei Heyne gefragt, warum sie so hässliche Flammen auf den Umschlag von „;American Gods“ gedruckt haben. Ihre Antwort: Weil es nicht nach Fantasy aussieht! Also, ich würde den Deutschen sagen, geht auf Mission und sagt den Leuten, dass sie meine Bücher lesen sollen.

Phantastik-Couch.de: Neil, vielen Dank für dieses Gespräch!

Dieses Interview führte und übersetzte Frank Dudley, März 2007. Sie können es auch im englischen Original nachlesen.