Interview mit Nina Maria Marewski

„Irgendwie scheine ich mit dem Thema einen Nerv getroffen zu haben, oder etwas geschrieben, was viele Menschen im innersten beschäftigt.“

Verdient gewann Nina Maria Marewskis „Die Moldau im Schrank“ den Seraph-Preis der Phantastischen Akademie für das beste Debüt. Dabei war es ein reiner Zufall, der zur Veröffentlichung dieses außergewöhnlichen Romans führte. Im Phantastik-Couch Interview erläuterte uns die sympathische Autorin ihre Motive und Gedankenspiele zum zentralen Thema des Buchs; die Konsequenzen persönlicher Entscheidungen auf Charakterentwicklung und Zukunft eines Menschen.

Phantastik-Couch.de: Nina, magst Du Dich unseren Lesern kurz vorstellen? Was hast Du bisher so gemacht? Wie kamst Du zum Schreiben und mit „Die Moldau im Schrank“ zu Deiner ersten Buchveröffentlichung?

Nina Maria Marewski: Was ich bisher gemacht habe, hat nichts mit Schreiben zu tun, ich habe weder Germanistik- noch Literaturwissenschaften studiert, habe nicht mal einen Hochschulabschluss, aber mich schon immer gerne kreativ beschäftigt, gestaltet und gemalt. Damit konnte ich aber meine Kinder nicht ernähren, so dass ich dies nur als Ausgleich zu Kindererziehung und Berufsleben, ausleben konnte. Irgendwann enstand dann die Geschichte in meinem Kopf und ich habe sie über Jahre in meiner Freizeit aufgeschrieben. Das fertige Manuskript hatte ich aber nie bei einem Verlag eingereicht, weil ich schon an der Frage scheiterte, welches Genre ich geschrieben habe. Wie es das Schicksal oder der Zufall wollte, kreuzte, kaum dass mein jetziger Mann und ich nach Zürich umgezogen waren, Ricco Bilger meinen Weg, er las es, war begeistert und ein Jahr später erschien "Die Moldau im Schrank" im Bilgerverlag. Das war schon echt verrückt!

Phantastik-Couch.de: Du hast auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse den erstmalig verliehenen Phantastik-Preis Seraph für das Beste Debüt gewonnen. Wie hast Du dieses Ereignis erlebt und warum warst Du so überrascht darüber, einen Phantastik-Preis zu gewinnen?

Nina Maria Marewski: Ich war tatsächlich völlig überwältigt und habe mich riesig gefreut. In meinem Buch wimmelt es nicht gerade von Vampiren, Elfen und anderen Fabelwesen. All das, was eine Fantasy Geschichte normalerweise ausmacht, fehlt bei mir, schon allein deshalb hätte ich niemals mit dem Preis gerechnet. „Die Moldau im Schrank“ erschien mir immer wie eine Geschichte, die tatsächlich so hätte passieren können, auch wenn das, was Helena erlebt, irgendwie phantastisch ist.

Phantastik-Couch.de: Hast Du eine Rückmeldung dazu bekommen, was für die Juroren des Seraph ausschlaggebend für den Preis war?

Nina Maria Marewski: In der offiziellen Begründung heißt es: „Ihr Debüt überzeugte die Jury mit einer Erzählung, die den Leser auf eine beinahe obsessive Entdeckungsreise in einen alternativen Lebensentwurf mitnimmt.“ „Eine Mischung aus literarischem Liebesroman, Thriller mit Mystikelementen, Phantastik und Grenzerfahrungen.“ Von einigen Juroren weiß ich, dass sie sich für „die Moldau im Schrank“ entschieden, weil das Buch zeigt, dass phantastische Literatur nicht gleich Fantasy bedeutet. Andere teilten mir mit, dass die Geschichte sie einfach berührte, sie sich mit den Personen des Romans identifizierten und sie während und nach der Lektüre über die Entscheidungen ihres eigenen Lebens nachdachten.

Phantastik-Couch.de: Folgende häufiger an Autoren gestellte Frage scheint sich hier aufzudrängen, denn Eure Lebenswege weisen einige Parallelen auf: Wie viel von Dir steckt in Deiner Hauptfigur Helena?

Nina Maria Marewski

Nina Maria Marewski: Meine Mutter starb an Krebs, als ich vierundzwanzig Jahre alt war, dieses Schicksal teilt Helena mit mir. Auch hat sich Helena wie ich, gegen ein Kunststudium und dafür entschieden, eine sehr junge Mutter zu werden – Ich denke, das wäre alles! Meine Kinder behaupten allerdings, da stecke noch viel mehr Nina in Helena …

Phantastik-Couch.de: Wie ist die Geschichte in „Die Moldau im Schrank“ zu Dir gekommen? Auch durch Entscheidungen und Erfahrungen in Deinem Leben, die Deinen Lebensweg maßgeblich gelenkt haben?

Nina Maria Marewski: Ich befand mich in einer schwermütigen, schwierigen Lebensphase, die von Trauer, Verlust und Sorge geprägt war – also, in einer sehr schöpferischen Zeit. Die Frage: Was wäre wenn ich mich an einem Punkt in meinem Leben anders entschieden hätte, verselbständigte sich. Die Geschichte über die Konsequenzen unserer Entscheidungen, ihre Auswirkungen auf unsere Mitmenschen und das eigene Leben. Die vielen ungenutzten Möglichkeiten, schufen eine Geschichte, die stetig wuchs. Oft lag ich nachts wach und sah die Geschehnisse der parallelen Welt wie einen Film vor meinem geistigen Auge. Mitja und Markus tauchten auf, ihr Handeln und Denken faszinierten und befremdeten mich, dann kreuzte sich ihr Lebensweg mit dem meiner Protagonistin. Ich versank mehr und mehr in dieser Geschichte, sie fesselte mich so, dass ich sie aufschreiben musste.

Phantastik-Couch.de: Ich zitiere eine der philosophisch anmutenden Fragen aus Deinem Buch: „Konnte es ein, dass Erfahrungen ein und denselben Menschen zur Bestie oder zu einem liebenswerten, friedfertigen Menschen machten?“ – Würdest Du dem zustimmen?

Nina Maria Marewski: Die Frage was unsere Persönlichkeit ausmacht, ist wirklich schwer und wahrscheinlich von Niemandem wahrhaftig zu beantworten. Ist es das, was uns in die Wiege gelegt wurde oder die Umstände unseres Aufwachsens? Klar ist, wir können aus einem Dackel keinen Dobermann machen, auch wenn wir ihn zum Schutzhund erziehen wollen – der Dackel wird immer eigene Wege gehen seinen Genen folgen. Ein Kind wird auch durch jahrelanges Üben am Klavier kein virtuoser Pianist wenn das Talent hierzu fehlt. Dennoch bringt der Mensch mit seiner komplexen Psyche die Anlagen für alle Extreme mit, soziales, liebevolles Verhalten, ebenso wie Rücksichtslosigkeit bis hin zu unerträglicher Grausamkeit, als Resultat von Erziehung, Beobachtung und nicht zuletzt aus traumatischen Erlebnissen. Selbst im Erwachsenenalter können stark sadistische Züge bei zuvor liebenswerten Menschen in Erscheinung treten, ausgelöst durch Extremsituationen wie Kriege. Es scheint nur eine dünne Zivilisationsschicht auf unseren Abgründen zu liegen, ein zerstörtes Urvertrauen, Liebesentzug oder Angst lassen diese zerreißen. So zumindest denke ich mir das, es kann aber auch ganz anders sein.

Phantastik-Couch.de: Wenn Du selbst die Gelegenheit bekämst in Parallelwelten zu reisen, ein anderes „Ich“ zu besuchen ohne Kontakt aufnehmen zu können, würdest Du das tun?

Nina Maria Marewski: Ja, unbedingt und sofort, ich möchte erleben und sehen, was sich außerhalb unserer Welt abspielt und natürlich was aus mir geworden wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte.

Phantastik-Couch.de: Erhältst Du Rückmeldungen von Lesern, die sich durch prägende Ereignisse im eigenen Leben mit Helenas Geschichte verbunden fühlen?

Nina Maria Marewski: Wenn ein Buch gedruckt ist, geht es hinaus in den Handel, landet auf Nachtschränkchen, Strandliegen und Sofas und als Autor erfährt man nicht, ob und wie es den Lesern gefällt. Kein Applaus, keine Zugaben und keine Buhrufe – einfach nur Stille. Da ist es immer sehr bewegend, wenn Leser/innen mich anschreiben oder ich neue Rezensionen im Internet finde und tatsächlich haben mir schon einige geschrieben, dass sie sich mit Helena identifizierten und sich fragten, was aus ihrem Leben geworden wäre, hätten sie andere Entscheidungen getroffen. Manche haben sogar hieraus die Konsequenz gezogen und einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Irgendwie scheine ich mit dem Thema einen Nerv getroffen zu haben, oder etwas geschrieben, was viele Menschen im innersten beschäftigt. Für andere Leser ist es eine Liebesgeschichte oder ganz einfach ein spannender Psychothriller. In jedem Fall freue ich mich über jede einzelne Rückmeldung.

Phantastik-Couch.de: Gibt es literarische Vorbilder für „Die Moldau im Schrank“? Der Roman erinnert schon aufgrund der Themenverknüpfung Liebe und phantastische Reise ein wenig an "Die Frau des Zeitreisenden" von Audrey Niffenegger.

Nina Maria Marewski: Ich bin literarisch nicht sehr vorgebildet, viele Romane empfinde ich als Unterhaltung, die ich kaum ausgelesen, schon wieder vergesse. Manchmal bin ich voller Bewunderung für einzelne Sätze und dann wünsche ich mir, so schreiben zu können. Häufig aber habe ich den Eindruck, da hat sich jemand einfach eine Geschichte ausgedacht und in schöne Worte verpackt. Ganz selten gibt es das große Erlebnis zu lesen, was ein Autor fühlt und nicht nur das, was er denkt – dann entführt er mich in seine Seele. „Die Frau des Zeitreisenden“ entdeckte ich tatsächlich erst im Buchhandel als ich mit meinem Manuskript fast fertig war, ich las den Klappentext und hielt die Luft an in der Befürchtung, dass ein Buch mit ähnlichem Inhalt bereits existierte. Nach der Lektüre war ich erleichtert, dass diese faszinierende Geschichte doch so völlig anders war als meine.

Phantastik-Couch.de: Zwei Hauptfiguren in zwei Leben; Helena und Markus/Mitja jeweils in der unseren und in einer Parallelwelt, sind die Hauptfiguren in „Die Moldau im Schrank“. Gibt es eine Person, über die Du am liebsten geschrieben hast? Von welchen Faktoren hängt es ab, ob man sich als Autorin gerade mit einem Psychopathen beschäftigt, oder mit einer vergleichsweise unauffälligen Hausfrau, die man in ein einzigartiges Abenteuer stürzt?

Nina Maria Marewski: Wenn man wie ich das Glück hat, behütet, geliebt und auf der Sonnenseite des Lebens aufzuwachsen, ist es leicht aus dieser Sicherheit heraus, eine Faszination für das Unbekannte, das Abgründige, die dunkle Seite im Menschen zu entwickeln. Markus ist die Person, die mir und meinem Leben am meisten fremd ist, sein Denken und Handeln faszinierten mich, gleichzeitig konnte ich manchmal kaum glauben, dass er meinem Kopf entsprungen sein sollte. Am liebsten geschrieben habe ich über Mitja, sein Schicksal berührte mich sehr.

Phantastik-Couch.de: Schauplatz dieser Geschichte ist Deine Heimatstadt Frankfurt, manchmal liest sich „Die Moldau“ wie ein Regionalroman. Wolltest Du ein wenig Werbung für Frankfurt machen, oder mit dem Frankfurt der Parallelwelt demonstrieren, welches Potential in der Stadt steckt?

Nina Maria Marewski: Ich bin mit Herz und Seele Frankfurterin und falls man gemerkt hat, dass ich diese Stadt sehr mag, freut es mich. Die Stadt ist viel schöner als ihr Ruf, sie ist lebendig und tolerant und kaum irgendwo findet man so viele Gegensätze auf so engem Raum, und so viele Kulturen, friedlich nebeneinander. Aber natürlich hat es mir auch Spaß gemacht, mich städtebaulich im parallelen Frankfurt auszutoben und ein bisschen nach meinem Geschmack zu gestalten.

Phantastik-Couch.de: Du hast aus der langjährigen Oberbürgermeisterin Petra Roth in der Parallelwelt eine welt(en)gewandte und kluge Edelprostituierte gemacht. Weiß die Politikerin von ihrem Auftritt im Buch? Gab es eine Reaktion von Petra Roth dazu?

Nina Maria Marewski: Zwanzig Jahre habe ich gegenüber des Frankfurter Römers in der Unternehmensberatung meines Vaters gearbeitet, mein Blick ging auf das Büro der Oberbürgermeisterin, die ich täglich kommen und gehen sah. Da ist sie mir wohl in die Geschichte gerutscht. Bei Veröffentlichung des Buches wohnte ich in Zürich, mein Vater hat ihr deshalb in meinem Namen ein Exemplar vorbei gebracht. Die beiden plauderten bei Kaffee und Zigarette und er erwähnte auch ihre Parallelexistenz „Lola Roth“.
Petra Roth hat vor kurzem ihr Amt als Oberbürgermeisterin niedergelegt, ob sie dies nach der Lektüre über ihr Parallelleben tat, oder jetzt erst die Zeit findet, „Die Moldau im Schrank“ zu lesen, das weiß ich leider nicht.

Phantastik-Couch.de: Schreibst Du bereits an einem neuen Buch und magst Du unseren Lesern schon ein wenig darüber verraten?

Nina Maria Marewski: Es wird eine Fortsetzung geben, sie wird einen Einblick in das Leben nach dem Tod gewähren, ebenso in eine Nervenheilanstalt bei Zürich, in die abgründige Seele der Frau eines Schweinezüchters und nicht zuletzt bekommen Mitja und Helena eine zweite Chance.

Das Interview führte Eva Bergschneider im Juli 2012