Interview mit Oliver Henkel

„Beruflich bewege ich mich auf der extrem langweiligen Seite des Lebens.“

„Ich versuche, die Spannungen oder Gegensätze vor einem veränderten historischen Rahmen weiterzuentwickeln und mir vorzustellen, welche Menschen vor diesem Hintergrund existieren könnten, welche Dinge ihnen widerfahren könnten.“

Phantastik-Couch.de: Hallo Oliver. Kannst Du Dich unseren Leser kurz selbst vorstellen. Was machst Du beruflich, wie verbringst Du Deine Freizeit, mal abgesehen davon, dass Du Dir Geschichten einfallen lässt?

Oliver Henkel: Beruflich bewege ich mich auf der extrem langweiligen Seite des Lebens: Ich arbeite momentan für eine Consulting-Firma, die einem gewissen Marktführer in Sachen PC-Betriebssysteme dazu verhelfen soll, mehr Geld mit der Werbung in Online-Portalen zu verdienen. Nichts Glamouröses also und schon gar nichts, das die Phantasie übermäßig anregt. Aber das gleiche ich zum Teil durch ein eher ungewöhnliches Hobby aus, ich sammle schlechte Filme. Mir haben es die misslungenen Resultate fehlgeleiteten kinematographischen Schaffens angetan. Neben den unverzichtbaren Klassikern wie Ed Woods Werken sind das beispielsweise auch absolut stümperhafte Ninjastreifen, grausam billig heruntergekurbelte italienische Barbarenfilme oder absurder Teutonen-Trash der Güteklasse „Captain Cosmotic“ oder „Das Mikado-Projekt“. Und damit ich über all dem hirnzersetzenden, dafür aber hochgradig unterhaltsamen Filmabfall nicht den Verstand verliere, bin ich auch in der Wikipedia aktiv. Und nur für den Fall, dass es für einen Sammler von Daten und Fakten von Interesse ist: Ich bin 1973 geboren, lebe in Lübeck, habe Skorpion als Sternzeichen, wurde von der Bundeswehr wegen meiner Kontaktlinsen schnöde als untauglich ausgemustert, bin nicht schwindelfrei und kann Zwiebeln auf den Tod nicht ausstehen.

Phantastik-Couch.de: Wie kamst Du zur phantastischen Literatur?

Oliver Henkel: Auf Umwegen. Ich war und bin kein typischer Phantastik-Leser. Zu den berühmten Heftromanserien wie „Perry Rhodan“ finde ich einfach keinerlei Zugang (womit ich die Fans und Kreativen des Genres nicht beleidigen möchte). Fantasy hat mich auch nur in Ausnahmefällen gereizt. Beispielsweise habe ich bei „Herr der Ringe“ nach sechs Seiten kapituliert. Überhaupt ist es mir fast peinlich, wie wenig ich mich im Kanon der Phantastik-Klassiker, seien es nun Weltraum-SF, utopische Romane oder Sword & Sorcery, auskenne. Tatsächlich offenbarte sich mir die phantastische Literatur erst durch eine Reihe von Zufällen über das eher obskure Sub-Genre der Alternativweltgeschichten. Oder bessser gesagt, der amerikanischen Alternate History. Das dürfte nicht häufig der Fall sein.

Phantastik-Couch.de: Du hast schon zwei Mal den Deutschen SF Preis für Deine Romane erhalten. Was bedeutet ein solcher Preis für Dich – Anerkennung, Publicity, Lob?

Oliver Henkel: Ich gebe es offen zu: Anerkennung ist mir wichtig. Ohne Anerkennung hätte ich keine Motivation, mich hinzusetzen und den ersten Satz des nächsten Buches zu schreiben. Auch wenn es die meisten Schriftsteller nie im Leben zugeben würden – Autoren sind auf ihre Art doch Rampensäue, die den Wunsch hegen, Aufmerksamkeit und Bewunderung zu ernten.

Phantastik-Couch.de: Deine drei ersten Bücher, die beiden Romane „Kaisertag“ und „Die Zeitmaschine Karls des Grossen“ sowie die Storysammlung „Wechselwelten“ erschienen im Book on demand Verlag. Hattest Du versucht Deine Manuskripte einem der Großverlage anzubieten, die Qualität für eine entsprechende Veröffentlichung ist ja unstrittig gegeben?

Oliver Henkel: Bei der „Zeitmaschine Karls des Großen“ hatte ich es noch versucht. Aber ich war nicht so naiv, zu glauben, dass irgendein Lektor bei Heyne oder Bastei-Lübbe meinem Manuskript mehr als einen flüchtigen Blick widmen würde. Ich hatte ein wenig Recherche betrieben und herausgefunden, dass es kaum möglich war, ein Manuskript bei einem deutschen Großverlag unterzubringen. Es sei denn, man war entweder Wolfgang Hohlbein …oder ein englischer oder amerikanischer Fantasyautor, der eine 2400-Seiten-Trilogie mit Magiern, Drachen und Elfen geschrieben hatte, die bereits bei Baen oder Tor erschienen war und die nun als teure Lizenz eingekauft und auf den deutschen Markt geworfen wurde. Da keine dieser Eigenschaften auf mich zutraf, habe ich nach einigen erwartungsgemäß erfolglosen Versuchen meine Bücher über BoD veröffentlicht.

Phantastik-Couch.de: Wie erlebst Du die Reaktion auf Deine Bücher? Kommt über Deine Internetseite eine Rückmeldung von den Lesern, gehst Du auf Lesereise, oder wie hast Du Deine Werke neudeutsch ausgedrückt promoted?

Oliver Henkel: Ich bekomme erstaunlich wenig Reaktionen. Wenn ich nicht die Verkaufszahlen meiner Bücher kennen würde, müsste ich beinahe glauben, dass sie fast niemand liest. Na ja, ein wenig übertrieben ist das schon. Ich sehe natürlich Rezensionen und Erwähnungen im Internet, in Foren und Blogs. Doch direkt an mich gerichtete Reaktionen sind eine Rarität. Das finde ich schade, denn erst durch Feedback kann ich ja die Stärken und Schwächen meiner Bücher einschätzen und weiter an mir arbeiten.

Und Promotion ist eine Art fremder Kontinent für mich. So stolz ich auf meine Bücher bin, mir fehlt das Talent, effektiv für sie zu werben. Ich war bisher insgesamt dreimal zu Lesungen eingeladen – und damit meine ich vom Erscheinen der „Zeitmaschine Karls des Großen“ bis heute. Dabei würde ich liebend gerne aus meinen Büchern lesen und über sie sprechen, so lange ich nur die Bahnfahrt (zweiter Klasse, versteht sich) oder das Benzin (Normal bleifrei) nicht selbst bezahlen muss. Vielleicht rufen meine Romane bei den Lesern schlicht nicht den Wunsch hervor, den Urheber dieser Stories auch noch in persona erleben zu müssen.

Phantastik-Couch.de: Deine Romane zeigen es deutlich: Du liebst das Spiel mit der Frage „was wäre wenn“. Ich nehme einmal an, dass es hier ein Schlüsselereignis, eine Begegnung mit einem Autor und seinem Werk gab, dass Dir den Weg aufgezeigt hat?

Oliver Henkel: Stimmt exakt! Es war sozusagen ein verschlepptes Schlüsselereignis. Als ich etwa 10 Jahre alt war, hatte mein Vater sich ein Taschenbuch aus der Stadtbibliothek mitgebracht. Er ließ es irgendwo liegen, und ich warf einen Blick hinein. Es ging darin um eine Welt, in der die Südstaaten den amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen hatten (Kenner werden jetzt schon ahnen, um welches Buch es sich dabei handelte). Die Idee faszinierte mich, so dass ich das Buch geradezu verschlang. Und es ging mir in den folgenden Jahren nie ganz aus dem Kopf, ich wollte es zu gerne noch einmal lesen. Leider hatte ich den Titel vergessen. Ende der 90er versuchte ich, das Buch durch Internetrecherche zu finden, indem ich jeden Erinnerungsbrocken als Suchbegriff verwendete. Vergebens. Bis ich dann eines Abends im Bett lag und mir wie aus heiterem Himmel der Name des Buches wieder einfiel: „Der große Süden“! Wenig später hatte ich ein Exemplar von einem Online-Antiquariat, las es mit neuer Begeisterung und fand durch das Nachwort zur Heyne-Ausgabe heraus, dass es sich um einen Vertreter eines ganzen Genres handelte. Also besorgte ich mir so viele der genannten Bücher, wie ich finden konnte und vertiefte mich in die verschiedenen Varianten dieser SF-Gattung. Ward Moores „Der große Süden“ war mein Türöffner.

Phantastik-Couch.de: Du beschreibst zumeist Gesellschaften aus einer anderen, historischen Zeit. Da ist sicherlich viel Recherchearbeit investiert. Wo und wie recherchierst Du die Lebensumstände einer längst verflossenen Epoche?

Oliver Henkel: Am Anfang stehen Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Lübeck hat glücklicherweise die größte öffentliche Bibliothek Norddeutschlands, so dass ich hier bereits eine gutes Recherchefundament finde. Und wenn es sein muss, kaufe ich mir unverzichtbare Werke, die ich nicht ausleihen kann. Für „Kaisertag“ habe ich vom Landesvermessungsamt eine Kopie des Lübecker Messtischblattes von 1912 gekauft, damit ich vor Augen hatte, von welchem Punkt aus ich die fiktive Weiterentwicklung der Stadt beginnen konnte. Außerdem habe ich mich mit dem Design der 30er Jahre befasst, denn das war der Stil, den ich meinem alternativen 1988 geben wollte. Wie gesagt, Bücher sind die Grundlage. Aber Online-Recherche ist ebenso wichtig. Viele nützliche und wichtige Details lassen sich im Web auffinden.

Phantastik-Couch.de: Würdest Du selbst gerne in einer anderen Zeit leben?

Oliver Henkel: Himmel, nein. Wenn ich in die Vergangenheit schaue, dann sehe ich keine Zeit, die der unseren wirklich vorzuziehen wäre, ganz gleich, wie sehr sie verklärt wird oder wie glänzend sie aus der Rückschau wirkt.

Phantastik-Couch.de: Dein erster Roman führte uns ins antike Rom, dann in ein wilhelminisches Deutsches Reich und zuletzt in ein Nachkriegsdeutschland. Wie findest Du hier Deine Themen, nach welchen Gesichtspunkten suchst Du Deine Handlungsorte und Ären aus?

Oliver Henkel: Wenn ich irgendwo eine historische Situation entdecke, die den Keim eines Konfliktes in sich trägt – eines Konfliktes, der aufgrund der tatsächlichen geschichtlichen Entwicklung nie zum Ausbruch kam, der aber unter anderen Umständen Bedeutung hätte gewinnen können -, dann wird mein Interesse geweckt. Dann versuche ich, die Spannungen oder Gegensätze vor einem veränderten historischen Rahmen weiterzuentwickeln und mir vorzustellen, welche Menschen vor diesem Hintergrund existieren könnten, welche Dinge ihnen widerfahren könnten, die uns noch mehr über diese Welt und ihre Mechanismen verraten.

In „Kaisertag“ gab es gleich eine ganze Reihe von Themen, die sich anboten und die sich aus der Grundprämisse heraus wundervoll weiterentwickeln ließen. Den teils erzwungenen, teils zwanghaften Konservativismus, der im absoluten Gegensatz zu der trotz allem einfach nicht aufzuhaltenden Fortentwicklung der Welt steht, immer wieder anzudeuten – das hat mir sehr gefallen. Da gibt es bereits die Atombombe, da können Langstecken-Zeppeline aus großer Höhe massenweise 5-Tonnen-Bomben oder Giftgas abwerfen – aber bei den Manövern werden noch Kavallerieattacken geritten und die Infanterie marschiert in ihren bunten Röcken über das Feld, vermutlich mit klingendem Spiel und unter flatternden Regimentsfahnen, als wäre immer noch 1871. Das Nicht-Wahrnehmen-Wollen der Veränderung, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, war für mich ein herrliches Grundmotiv für „Kaisertag“.

Zu „Im Jahre Ragnarök“ fand ich, weil ich mich mit dem Morgenthau-Plan beschäftigt hatte und von dem Gedanken eines fast endzeitartigen Deutschland fasziniert war. Aber die eigentliche Story war das Ergebnis einer langen Evolution. Anfangs sollte es noch die Teilung Deutschlands geben, bei der das kommunistische Ostdeutschland – die Demokratische Republik Deutschland – einen Wohlstands-Gegenpol zum dahinsiechenden Morgenthau-Westdeutschland bildete und die westlichen Besatzungsmächte die innerdeutsche Grenze errichteten, um die Westdeutschen an der Flucht nach Osten zu hindern. Außerdem spukte dabei die Entführung des Soldaten Elvis Presley in meinem Kopf herum …aber daraus wurde dann nichts. Dafür ging daraus wenigstens das Konzept des Ordnungsdienstes als gehasster Polizeitruppe hervor. In einer der nächsten Entwicklungsstufen entstand eine Handlung um eine professionelle amerikanische Kunstdiebin, die einen Dürer aus einem Museum in der prosperierenden Rheinischen Republik entwenden sollte, dann aber in Geschehnisse verwickelt wurde, die sie in das Morgenthau-Deutschland östlich des Rheins verschlugen. Auch diese Idee führte ins Nichts, aber die Szenen in Carinhall basieren auf Einfällen, die aus dieser Phase stammten.

Das Endergebnis „Im Jahre Ragnarök“ war schließlich das Ergebnis eines langen, mühsamen Reifeprozesses, bei dem ich immer wieder denkbare alternative Szenarien, historische Entwicklungen, mögliche Konflikte und vor allem persönliche Schicksale ersonnen, durchdacht, kombiniert und wieder verworfen habe. Inzwischen habe ich festgestellt, dass mir einige Leser den Zeitreise-Plot verübeln. Das kann ich nicht verstehen, da die gesamte Storyidee doch gerade um dieses Element kreist. Das Szenario wäre natürlich auch ohne Zeitreisen verwendbar – aber die Geschichte, die ich erzähle, ist dann nicht mehr denkbar.

Phantastik-Couch.de: Was reizt Dich so an den Alternativweltszenarien?

Oliver Henkel: Die bloße Vorstellung, dass alles ebensogut völlig anders hätte kommen können – und zwar an jedem beliebigen Punkt. Wir betrachten Geschichte ja gerne so, als handelte es sich um eine logische, zwangsläufige Abfolge von Geschehnissen. Als eine Kette von Ereignissen, die nur so und nicht anders denkbar ist. Worauf immer auch diese Betrachtungsweise zurückzuführen sein mag, sie wiegt uns in völlig falscher Sicherheit. Zufälle, die aus Zufällen hervorgehen – das ist in Wahrheit der Kern historischer Abläufe. Wir halten es für die einzig denkbare Entwicklung, dass Napoleon von Machtgier gepackt erst ganz Europa unterwarf und dann scheiterte. Er hätte aber ebenso gut als Kind an einer der damals grassierenden Krankheiten sterben können. Und schon gerät die Vorstellung von der festgefügten Geschichte ins Wanken, weil durch einen so banalen, alltäglichen und leicht denkbaren Zwischenfall das Schicksal der Welt unweigerlich einen anderen Kurs als den uns bekannten nehmen müsste. Aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, gelten solche Gedankenspiele speziell in Deutschland als extrem unseriös. Die Ansicht, dass Spekulationen mit der Geschichte falsch und abzulehnen seien, findet sich häufig.

Phantastik-Couch.de: Wie kam es zum Kontakt mit dem Atlantis Verlag? Inwieweit konntest Du Einfluss auch auf die äußere Gestaltung des Buches nehmen – ich persönlich finde das Titelbild von Timo Kümmel sehr gelungen?

Oliver Henkel: Den Kontakt zum Atlantis Verlag hat Thomas Harbach hergestellt, wofür ich ihm nicht genug danken kann. Ohne seine Anstrengungen wäre es vielleicht wieder ein BoD-Buch geworden, wenn ich nicht ganz und gar das Handtuch geworfen hätte. Auf die Gestaltung des Buches habe ich nicht viel Einfluss genommen. Schon dem ersten Entwurf des sehr überzeugenden Titelbilds habe ich sofort begeistert zugestimmt und nur eine kleine Änderung bei der Anordnung der Schrift angeregt, die dann auch umgesetzt wurde.

Phantastik-Couch.de: Dein letzter Roman berichtet aus einem Nachkriegseuropa, das mangels Marschallplan und einem protektionistischen Amerika am Boden liegt. Inwieweit hast Du hier Tendenzen bei den Siegermächten, die sich dann glücklicherweise nicht durchgesetzt haben, extrapoliert und einfließen lassen?

Oliver Henkel: Es mag erschreckend klingen – aber ich habe nicht viel davon erfinden müssen. Der Morgenthau-Plan beispielsweise war grausame Realität. Es widerspricht in Deutschland der Political Correctness, ihn zu erwähnen, und wenn man es doch tut, wird normalerweise erwartet, dass man ihn sofort als Totgeburt relativiert, die nie Aussicht auf Verwirklichung hatte. Die Realität sah anders aus. Der US-Finanzminister Henry Morgenthau hatte die Vorstellung entwickelt, Deutschland radikal zu einem Agrarstaat zu machen. Dass bei einer Umsetzung dieser Pläne Millionen verhungern würden, wurde zwar nicht als Ziel betrachtet, aber ausdrücklich als Nebeneffekt billigend in Kauf genommen. Und Präsident Roosevelt hatte diesem Plan bereits zugestimmt. Er zog sein Einverständnis sehr hastig zurück, als durch undichte Stellen Einzelheiten an die Presse gelangten und die amerikanische Öffentlichkeit empört reagierte. Für Goebbels und die Nazi-Propaganda stellte dieser Plan natürlich ein gefundenes Fressen dar, weil Morgenthau Jude war. Und in rechten Kreisen wird er bis heute gerne als Argument verwendet, wenn es darum geht, antisemitische oder antiamerikanische Positionen zu untermauern.

Ein anderes, spezielleres Beispiel sind die zwangsweise verabreichten Elektroschocks. Die sind gleichfalls keine Erfindung von mir. Der amerikanische Psychiater, den ich erwähne, existierte tatsächlich. Er befand sich in einflussreicher Position. Sein Vorschlag, den Deutschen das Nazitum durch massenweise Elektroschockbehandlungen auszutreiben, wäre beinahe auf fruchtbaren Boden gefallen. In der Realität beschränkte er sich glücklicherweise darauf, seinen Depressions-Patienten im Rahmen seiner gemeingefährlichen Therapien buchstäblich den Verstand mit Elektroschocks zu rauben.

Natürlich habe ich aus all diesen realen Tendenzen und Konzepten ein Worst-Case-Szenario erwachsen lassen. Aber es ist weniger stark überzeichnet und längst nicht so weit hergeholt, wie man vielleicht glauben könnte. Ich brauchte mir kaum etwas auszudenken; meine Aufgabe bestand fast nur daraus, mir auszumalen, wohin das alles nach 17 Jahren geführt hätte.

Phantastik-Couch.de: Recht geschickt und augenzwinkernd entziehst Du dich dem technischen Hintergrund und der Frage von Paradoxa von Zeitreisen. Ich hatte das Gefühl, dass Dir das Schicksal Deiner Figuren weit mehr am Herzen lag – stimmt das?

Oliver Henkel: Das stimmt. Die technischen Details einer Zeitmaschine sind für mich eher nebensächlich. Nicht, weil ich den Leser ärgern will, sondern weil das genaue Erklären ihrer Funktionsweise nach meinem Gefühl erstens nichts zur Handlung beiträgt und zweitens sowieso unsinnig ist, da niemand weiß, wie eine Zeitmaschine denn wirklich aufgebaut sein müsste, um zu funktionieren. Dann beschreibe ich sie doch lieber so, wie sie ein intelligenter Außenstehender wahrnehmen würde.

Nicht viel anders sieht es mit den Paradoxa aus. Die finde ich zwar hochinteressant, wie man ja auch daran merkt, dass aus Zeitreisen entstehende Paradoxa einen sehr wichtigen Teil der Geschichte bilden. Aber letztlich kann ja niemand sagen, welche Paradoxa tatsächlich als Folge von Zeitreisen auftreten würden. Daher fand ich es nicht sinnvoll, die entstehenden Phänomene zu erklären als wären sie reale physikalische Vorgänge. Ich habe es stattdessen vorgezogen, ungewöhnliche Paradoxa zu erdenken – etwa, dass aus der Geschichte getilgte Personen zwar nie physisch existent waren, eine nebelhafte, langsam verschwindende Erinnerung an sie aber dennoch vorerst erhalten bleibt. Das ist so gespenstisch, dass jede Erklärung die Wirkung nur schmälern könnte. Ich bin sicher, Dr. Ecke aus dem Roman hat längst eine rationale physikalische Theorie als Begründung für dieses Paradoxon – aber er offenbart sie uns nicht, und das ist auch ganz gut so.

Du vermutest zu Recht, dass meine Figuren mir weit mehr am Herzen lagen als Ausführungen zu Theorie und Technik von Zeitreisen. Alternativweltgeschichten sollten für mich nicht vorrangig dazu dienen, eine möglichst ausgefeilte und faszinierende alternative Realität zu präsentieren. Dann wären sie reiner Selbstzweck. Ich glaube, eine gute Alternativwelt-Story hat andere Hauptqualitäten: Sie erzählt von menschlichen Schicksalen, die so nur in dieser speziellen, von unserer Realität verschiedenen, Welt denkbar sind. John Tubber, sein Werdegang, sein gesamter Charakter – alles das ist das Produkt der von mir erdachten Alternativwelt. Und auch sein Denken, Handeln und Empfinden sind natürlich davon geprägt. Ich möchte über solche Menschen erzählen. Nicht ausschließlich, aber sie sind mir wichtiger als etwa die Frage, was wohl geschieht, wenn ich meinen Urgroßvater umbringe.

Phantastik-Couch.de: Nun sind Stoffe mit einem nationalsozialistischen Hintergrund immer ein wenig problematisch. Wenn man als Autor nicht höllisch aufpasst, können ewig Gestrige wie Neonazis entsprechende Texte bewusst missverstehen und für ihre Zwecke missbrauchen. Hattest Du das Problem beim Schreiben im Hinterkopf?

Oliver Henkel: Und wie! Bei manchen Passagen war mir gar nicht wohl in meiner Haut. Ich war natürlich vorgewarnt, denn nach „Kaisertag“ wurde mir ernsthaft vorgeworfen, ich würde Erwin Rommel zu offensichtlich verehren und dabei seine lange Zeit stramm führertreue Gesinnung unterschlagen. Das war natürlich Unfug, da mein Rommel nach 1914 in einer völlig anderen Welt lebte und von anderen Erfahrungen geprägt wurde; er hat mit dem historischen Rommel kaum etwas gemein. Aber dennoch kam ich bei einigen Menschen in den Geruch unreflektierter nationalistischer Heldenverehrung – vor dem Hintergrund von „Kaisertag“ geradezu lachhaft, denn da wird ja alles als Humbug entlarvt, was dem deutschen Nationalisten lieb und teuer ist.

Bei „Ragnarök“ geriet mir das Schreiben zeitweise zu einem erbitterten Kampf gegen die Schere im Kopf. Ich wollte natürlich vermeiden, dass meine Worte – bewusst oder unbewusst – rechtslastig gelesen und zitiert werden können. Aber dann habe ich festgestellt, dass diese verkrampfte Selbstzensur ja eigentlich schon ein Sieg derer ist, denen ich keine Munition liefern will und von denen ich gebührenden Abstand halten möchte. Ich lasse mir nicht von denen indirekt diktieren, was ich schreiben kann. Schließlich habe ich einfach vermieden, gewisse Schilderungen als allwissender Erzähler abzugeben, weil man solchen Passagen am ehesten unterstellen könnte, sie drückten meine persönlichen Ansichten aus. Stattdessen ordnete ich diese Dinge als subjektive Wahrnehmungen oder Äußerungen meinen Figuren zu. Dabei konnte ich sogar viel unverblümter zu Werke gehen, als mir das als Erzähler möglich gewesen wäre. Patton hasst – seinem realen historischen Charakter entsprechend – Juden, Schwarze und Politiker. Folglich kann er dem Leser in wörtlicher Rede auf sehr drastische Weise Sachverhalte nahebringen. Missbrauch ist mit diesen extrem subjektiven Äußerungen einer Romanfigur nicht mehr möglich, und dass es nicht meine persönliche Meinung ist, wird auch deutlich. Ich glaube, ich habe mich mit diesen Kunstgriffen ganz gut auf dem glatten Parkett der Nazithematik behauptet. Aber es war ziemlich aufreibend.

Phantastik-Couch.de: In welche Haut Deiner Romanfiguren würdest Du, könntest Du es Dir auswählen, schlüpfen?

Oliver Henkel: Eine ganz, ganz schwere Frage. Reizvoll ist letztendlich jede der Figuren, so lange ich die Identität nicht dauerhaft beibehalten müsste …ich hätte wenig Lust, mich als einer der Charaktere aus „Die Zeitmaschine Karls des Großen“ am Ende zusammen mit der Parallelwelt in Nichts aufzulösen. Friedrich Prieß wäre natürlich intereressant, weil er als Privatdetektiv hinter die schönen Kulissen der wilhelminischen Welt blickt und mehr als die glänzende Oberfläche sieht. Wer weiß, was es da noch alles zu entdecken gäbe. Ja, wenn ich könnte, wäre ich für einige Tage gerne Prieß, ehe er in das Schicksal der Welt eingreift.

Phantastik-Couch.de: Hast Du schon ein neues Projekt in Angriff genommen?

Oliver Henkel: Habe ich! Ich möchte natürlich noch nicht zu viel darüber verraten, aber so viel kann ich sagen: Es wird ein reiner Alternativwelt-Stoff, ohne SF-Elemente wie Zeitreisen oder dergleichen. Und Guido Latz hat bereits großes Interesse bekundet …

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute.

Oliver Henkel: Vielen herzlichen Dank, es war mir ein Vergnügen.

Das Interview mit Oliver Henkel führte Carsten Kuhr
Die Redaktion hat Kürzungen vorgenommen