Interview mit Oliver Plaschka

„Ich schreibe nicht anspruchsvoll, um anspruchsvoll für ein bestimmtes Publikum zu sein.“

Mit dem Autor, Literaturwissenschaftler und Phantastikpreisträger Oliver Plaschka trafen wir uns auf der Leipziger Buchmesse, direkt nach der Lesung zu seinem neuen Werk „Die Magier von Montparnasse“. Lesen Sie hier, warum den Autor die Zeitepoche, in der der Fantasyroman spielt, fasziniert und was er zu Themen wie Zielpublikum und Studiengebühren zu sagen hat.

Phantastik-Couch.de: Wir kommen gerade aus der Lesung, die für einen Freitagvormittag gut besucht war. Ich möchte Dich zunächst fragen: Nach welchen Kriterien wählst Du eigentlich die Passagen aus, die du auf Lesungen dem Publikum präsentierst?

Oliver Plaschka: Das ist momentan noch ein bisschen try and error. Es gab bisher fünf Lesungen mit „Die Magier von Montparnasse“. Ich lese nicht gern immer die selbe Szene und hatte keine Lust mehr auf die, die ich schon häufiger gelesen hatte.

Phantastik-Couch.de: Welche war das?

Oliver Plaschka: Den Anfang hatte ich bisher immer gelesen und meistens eine Szene aus dem fünften Kapitel. Bei der letzten Lesung hatte ich zum ersten mal die Szene mit Gaspard gelesen und ich merkte, die funktioniert ganz gut. Heute morgen beim Frühstück überlegte ich mir, dass ich keine Lust mehr auf den Anfang habe und eine andere Begleitszene dafür bräuchte und habe mich für die mit Alphonse entschieden. Aber die Entscheidung war vielleicht nicht so gut. Die Szene funktioniert nicht so gut, wenn man Alphonse noch nicht kennt.

Phantastik-Couch.de: Ich fand (als Kenner des Buches) die eigentlich schön, weil man gemerkt hat, dass Du auch schauspielerisch agiert hast.

Oliver Plaschka: Ich mag Alphonse auch, aber wenn das Publikum die Leute, über die er die ganze Zeit schimpft, nicht kennt, ist das vielleicht nicht so optimal. Es ist schwierig, eine Szene heraus zu picken, die nachvollziehbar ist, ohne den Kontext zu kennen.

Phantastik-Couch.de: In vielen Leserkommentaren zu „Der Magier von Montparmasse“ ist zu lesen, dass der Einstieg in das Buch schwer fällt, weil es relativ lange dauert, bis die Handlungsbühne bestückt ist. Immer wieder klingt an, dass die Anzahl der Erzähler nicht so einfach zu verarbeiten ist. Warum erzählst Du, auch wenn Du mit der Anzahl sieben konsequent im Bild bleibst, in derartig vielen Erzählperspektiven?

Oliver Plaschka: Dass das Buch einen etwas langsamen Einstieg hat, da stimme ich Dir zu. Ich fand das persönlich nicht schlimm und notwendig für die Art der Geschichte, aber ich sehe ein, dass Leute, die von Anfang an eine stringente Handlung haben möchten, hier nicht auf ihre Kosten kommen. Was ich schon annehme ist, wenn gesagt wird, dass die Erzähler nicht immer unterscheidbar sind. Über so etwas denke ich nach, weil schon jeder seine eigene Stimme haben sollte. Da habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass das auch ganz stark vom Leser abhängt, in welcher Stimmung und mit welcher inneren Stimme er die jeweilige Perspektive liest. Das ist als Autor unheimlich schwer zu steuern. Ob jetzt jeder Erzähler wirklich eine eigene Stimme hat, ist schwer zu sagen. Ich würde sagen, bei Alphonse und Barneby ist es mir gelungen, bei Ravi vielleicht weniger, aber Ravi soll auch eine neutrale Stimme haben (wer das Ende des Buchs kennt, weiß auch warum..)

Oliver Plaschka

Phantastik-Couch.de: Gibt es Werke oder Autoren, die der Geschichte der Montparnasse Magier zur Seite gestanden haben?

Oliver Plaschka: Es gibt eine direkte Inspiration, eine unter vielen, und das ist Peter Beagles „The Innkeeper’s Song“, zu deutsch „Es kamen drei Damen im Abendrot“, bei Klett-Cotta erschienen. Das ist eine Fantasy-Geschichte, die hauptsächlich in einer kleinen Herberge spielt und auch in vielen verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Bei Beagle sind es noch mehr als bei mir, wobei manche Erzähler nur ein mal vorkommen. Ich war da ein bisschen formverliebter. Ich wollte genau zwei Zauberer haben, zwei Liebende, die in der Zeitschleife gefangen sind, dann noch Alphonse und Esmée und Blanche als übergeordneter, allwissender Ich- Erzähler. Ich wollte ihnen ähnlich viel Raum einräumen. Alphonse und Esmée erzählen vier, die restlichen Figuren etwa acht und Ravi etwa fünfzehn Kapitel.

Phantastik-Couch.de: (Die nächste Frage stelle ich Dir auch, weil wir eine kontroverse Diskussion im Phantastik-Couch Forum hatten und ich angekündigt habe, sie meinem nächsten Interviewpartner zu stellen) Kritiker und Leser sind sich in einem Punkt einig: „Die Magier von Montparnasse“ gehört zu den anspruchsvollen Werken, die dem Leser Konzentration abverlangen. Hattest Du für „Die Magier von Montparnasse“ ein bestimmtes Zielpublikum vor Augen?

Oliver Plaschka: Das ist eine von diesen Fragen, die immer wieder in Autorenforen diskutiert werden. Ich kann natürlich nicht für alle Autoren sprechen, weil vermutlich drei Autoren zehn verschiedene Meinungen dazu haben. Ich persönlich sehe es so: Man muss sich als Autor ab einem bestimmten Punkt davon verabschieden, dass man nur für sich selbst schreibt. Denn dabei kommt meistens nur Mist heraus. Ich zumindest schreibe aber nicht für bestimmte Leute. Ich schreibe Bücher, von denen ich denke, man kann sie verstehen und man kann sie auch mögen, aber wer sie nun versteht und wer sie mag, darüber mache ich mir erstmal keine Gedanken. Ich gehe davon aus, dass es rein statistisch gesehen bei 80 Millionen Menschen in Deutschland ein paar geben muss, die einen ähnlichen Geschmack haben wie ich. Es ist dann die Aufgabe des Verlages, diese Leute auch zu erreichen. Ich schreibe nicht anspruchsvoll, um anspruchsvoll für ein bestimmtes Publikum zu sein. Ich schreibe so, wie ich es für richtig halte. Es gibt ein Zitat, ich weiß gerade nicht von wem: „Ich schreibe die Art von Bücher, die ich selber gerne lesen würde“.

Phantastik-Couch.de: Hast Du ein „missionarisches Anliegen“, die Fantasy aus der „seichte Literatur“-Senke heraus zu holen?

Oliver Plaschka: Nein, das habe ich nicht, überhaupt nicht.

Phantastik-Couch.de: Einer der Hauptfiguren im Buch ist Gaspard, ein angehender Schriftsteller, der Ernest Hemingway verehrt. Trägt er autobiographische Züge?

Oliver Plaschka: Gaspard trägt hoffentlich keine zu starken Züge von mir selbst, weil Gaspard als der generische verliebte Trottel konzipiert war. Ich wollte auch jemanden mit einem französischen Namen haben, den es so in Deutschland nicht gibt. Hemingway selbst ist für mich ein Autor, mit dem ich eher wenig anfangen kann, aber ich bewundere ihn sehr und er war natürlich ein wesentlicher Bestandteil in meinem Anglistik-Studium. Aber bei Gaspards hehrem Vorhaben, einfach mal nach Paris zu gehen, ohne zu wissen, was kommt, da habe ich mich einer autobiographischen Erfahrung bedient. Ich bin auch einmal ziemlich weit gefahren und hatte dabei genau so wenig Ahnung, warum ich das tue, wie Gaspard.

Phantastik-Couch.de: In diesem Roman steckt viel Literaturgeschichte. Mir schien, dass der Roman den Literaten der klassischen Moderne, der Liebe und auch der Stadt der Liebe Paris huldigt. Ist das so? Warum hast du diesen Roman ausgerechnet in diese Zeit (1926) und an diesen Ort (Paris) angesiedelt?

Oliver Plaschka: Alles, was Du gesagt hast, ist richtig. Generell mag ich es, wenn der Schauplatz in einer Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Das sieht man auch in meinem ersten Roman „Fairwater“, wo diese Kleinstadt im Mittelpunkt steht. Egal, wo der Roman nun gespielt hätte, der Schauplatz wäre in jedem Fall gut weg gekommen, ich hätte mir auf jeden viel Recherchearbeit gemacht. Dass es nun ausgerechnet Paris geworden ist, war einer Reihe von Zufällen zu verdanken und weil ich einfach Lust auf die 20ger Jahre hatte. Ich fing an zu recherchieren und stellte fest, dass ich recht wenig über die Epoche wusste. Die ganzen wichtigen Literaten, Gertrude Stein, James Joyce, waren nun einmal da und die Sekundärliteratur beleuchtet die Zeit auch unter dem Aspekt. Zudem war es einfach eine überbordende, besondere Zeit, die all diese Menschen aus aller Herren Länder dort zu einer Art Künstlerkolonie zusammen geführt hat. Eigentlich brauchte dieses Szenario keine Magie, war auch so schon schön, verrückt und überraschend. Das war auch einer der Gründe dafür, dass ich keinen Fantasyroman schreiben wollte, in dem andauernd Sprüche abgefeuert werden, Dinge explodieren oder Drachen auftauchen. Für mich war das so schon magisch genug.

Phantastik-Couch.de: Selbstironisch stellst Du auf Deiner Webpage "gazette.rainlights.net„ Dein eigenes Werk vor: “....einen Roman, in dem auf über 400 Seiten auf höchstem Niveau nicht das Geringste passiert die ganze Welt gerettet wird und große Gefühle ihre Schatten über die absinthbenetzten Tische werfen." Was soll der Leser davon halten?

Oliver Plaschka: Das einzige, was ich erklärend dazu sagen möchte ist, dass der Leser bitte registrieren möge, dass sich die „Gazette“ als Satire versteht. Sie ist aus der Notwendigkeit heraus entstanden, dass man mir sagte: „Hey du bist doch Autor, du brauchst jetzt einen Blog“. Die einzige Möglichkeit, so etwas zu machen und etwas Spaß damit zu haben, schien mir, in der dritten Person über mich selbst zu schreiben. Denn ich habe dieses etwas merkwürdige Verhältnis zu mir selbst und dem, was ich so mache.

Phantastik-Couch.de: Du bist nicht nur Autor, sondern lehrst als Privatdozent (?) am anglistischen Seminar der Universität Heidelberg …

Oliver Plaschka: Nein, soweit bin ich noch nicht. Ich habe promoviert und habe jetzt einen Lehrauftrag, gebe einen Kurs an der Uni. Ich bin aber nicht fest angestellt und habe auch nicht habilitiert.

Phantastik-Couch.de: Was machst Du da konkret?

Oliver Plaschka: Da es mein erstes Seminar ist, bewege ich mich auf sicherem Terrain und verwende Themen aus meiner Doktorarbeit. Es geht um pastorale Motive in der phantastischen Literatur, um das Sehnen nach einer verloren gegangenen Welt, nach einem verlorenen gegangenen Zeitalter. Ziemlich alte Fantasy von z.B. Lord Dunsany, H.P. Lovecraft, alles Pre-Tolkien.

Phantastik-Couch.de: Das möchte doch bestimmt so ungefähr jeder studieren …

Oliver Plaschka: Das dachte ich auch, aber tatsächlich wird das Seminar doch ziemlich klein ausfallen.

Phantastik-Couch.de: Wie bewertest Du eigentlich die deutliche Straffung des Studiums nach Einführung der Bachelor/Master-Abschlüsse? Kannst Du die Proteste der Studenten nachvollziehen?

Oliver Plaschka: Ich bin einer der letzten Dinosaurier, die an der Uni Heidelberg durchs Studium gegangen sind, ohne Studiengebühren, ohne den Druck, schnell fertig werden zu müssen. Ich weiß mit Sicherheit, wenn ich Studiengebühren hätte zahlen müssen, hätte ich niemals studiert. Ich hätte nie den Kontakt zu den Literaturwissenschaften gefunden. Ich hatte als Teenager eine natürliche Verweigerungshaltung, hatte meine Idole in der Fantasy und Science Fiction, und alles andere hat mich nicht interessiert. Ich hätte vermutlich weiter geschrieben und nie etwas abgeliefert, mit dem ich einen Verlag hätte überzeugen können. Es gibt ja weit verbreitete Vorurteile gegen studierte Autoren und schreibende Literaturwissenschaftler. Aber ich möchte in aller Deutlichkeit sagen, ich hatte damit nie ein Problem, mir hat das Studium ganz klar geholfen. Und unter den heutigen Umständen wäre ich weder Literaturwissenschaftler, noch Autor geworden.

Phantastik-Couch.de: Woran arbeitest Du im Moment und was dürfen wir in Zukunft von Dir erwarten?

Oliver Plaschka: Es kommen im Laufe des nächsten Jahres eine Menge Kurzgeschichtensammlungen, in denen ich vertreten bin. Im Sommer kommt voraussichtlich ein Multiautorenprojekt, ein Roman, den ich mit zwei Freunden von der Uni zusammen geschrieben habe (auch so eine Sache, von der man häufig sagt, das geht gar nicht), noch einmal bei Feder& Schwert. Sonst hoffe ich, mit Klett-Cotta einen neuen Roman zu machen, habe da auch diverse Projekte in Vorbereitung und hoffe, davon eines zu realisieren.

Das Interview mit Oliver Plaschka auf der Buchmesse in Leipzig führte Eva Bergschneider
Foto: Eva Bergschneider