Interview mit Patrick Rothfuss

„Meine Bücher sind keine Action-Filme. Es gibt keine einzige Verfolgungsjagd, keine einzige Explosion, nicht einmal einen Schwertkampf.“

Die „Königsmörder-Chronik“ geht endlich weiter, der erste Teil des für sich schon imposanten Werks „Die Furcht des Weisen“ ist nun in Deutsch erschienen. Das war für uns Grund genug, den Autor noch einmal zu interviewen. Welcher seiner Charaktere liegt ihm besonders am Herzen? Und was verbindet ihn mit J. R. R. Tolkien, der ebenfalls über Jahre an „Der Herr der Ringe“ geschrieben hat?

Phantastik-Couch.de: Worauf können sich Deine deutschen Leser im ersten Teil von „Die Furcht des Weisen“ freuen – und wie steht es mit dem zweiten Teil?

Patrick Rothfuss: [Pat lacht.] Ich muß gestehen, daß ich nicht die geringste Ahnung habe, wie ich auf diese Frage antworten sollte. Wenn ich die Antwort zu allgemein halte wie „Die Lebensgeschichte Kvothes wird fortgeführt“, dann wird das sicherlich niemanden interessieren, geschweige denn helfen. Aber ich darf natürlich auch nicht zuviel verraten. Wenn ich das täte, dann würde ich den Spaß am Lesen nehmen. Ich sage also lieber gar nichts.

Phantastik-Couch.de: Du hast mal gesagt, wenn Du Dein erstes Buch „Der Name des Windes“ in einer Art Verkaufs-Pitch in Hollywood hättest anpreisen müssen, dann wäre es „Eine Mischung aus der Brautprinzessin und The Crow.“ Wenn Du diesen Pitch heute nochmal machen müßtest, welche beiden Bücher oder Filme würdest nennen, selbst wenn es völlig absurd klingt?

Patrick Rothfuss: Eine Mischung aus Mary Poppins und Fight Club.

Phantastik-Couch.de: Der Erfolg der HBO Serie zu George RR Martins „Lied von Eis und Feuer“ scheint dafür gesorgt zu haben, daß eine Menge spannender Fantasygeschichten für Film und Fernsehen in Vorbereitung sind. Sollte Kvothe eher im Fernsehen oder auf der großen Leinwand erscheinen – und hast Du vielleicht schon einen Vertrag unterschrieben?

Patrick Rothfuss: Ich glaube nicht, daß meine Bücher als Film funktionieren würden. Bitte verstehe mich da nicht falsch. Mir gefällt der Gedanke, meine Geschichten verfilmt zu sehen, aber ich zweifle, daß sich eine akzeptable Adaption wirklich machen lassen würde.

Es gibt da nämlich ein grundlegendes Problem: Praktisch jedes erfolgreiche Fantasybuch, das es bis heute in die Buchhandlungen geschafft hat, war eine Art Action-Film. Meine Bücher sind keine Action-Filme. Es gibt keine einzige Verfolgungsjagd (zumindest nicht in Autos), keine einzige Explosion, nicht einmal ein Schwertkampf in „Der Name des Windes.“

Nun ja …es gibt da diese eine Explosion.

Meine Geschichten leben von ihren Charakteren. Bis heute habe ich keinen einzigen erfolgreichen Versuch aus Hollywood gesehen, der einen Fantasyfilm mit wirklich guten Charakteren dargestellt hätte.

Mir gefällt die Idee einer Fernsehserie wesentlich besser. Im Rahmen einer Serie können sich die Charaktere entwickeln und miteinander in Interaktion treten. Ich habe es allerdings mit einer Unterschrift für eine mögliche Adaption nicht eilig. Für mich ist das richtige Angebot wichtig, und das kann sicher noch dauern …

Patrick Rothfuss

Phantastik-Couch.de: Welcher der Charaktere aus der „Königsmörder-Chronik“ liegt Dir am meisten am Herzen?

Patrick Rothfuss: Das ändert sich mit der Zeit. Im Moment bin ich von Auri sehr begeistert. Es macht mir sehr viel Spaß, sie zu schreiben.

Phantastik-Couch.de: Gibt es von Deiner Seite aus Vergleiche zu Tolkien, wenn man bedenkt, daß du 14 Jahre an Deinem Buch geschrieben hast (und Tolkien etwa dieselbe Zeit für „Der Herr der Ringe“ gebraucht hat)?

Patrick Rothfuss: Der Gedanke liegt natürlich nahe und mehrere Leute haben mich darauf angesprochen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß unsere Bücher viel gemeinsam haben. Allerdings gibt es natürlich einige Ähnlichkeiten:

1. Wir haben unsere Geschichten aus Spaß an der Freude geschrieben. Das sollte ziemlich offensichtlich sein, denn niemand schreibt 14 Jahre an einem Buch, um damit Geld zu verdienen.

2. Wir haben beide aufwändig gestaltete Welten erschaffen, um unsere Geschichten in ihnen erzählen zu können.

3. Wir erzählen beide Geschichten, die ich gerne als „offen“ bezeichnen möchte. Das bedeutet, daß innerhalb der Erzählung andere Erzählstränge angerissen werden, ohne sie dann aber im Detail weiter ausführen zu müssen.

4. Wir haben beide offensichtlich mehr als ein Buch Buch zu den Themen Mythologie, Märchen und Feengeschichten („faerie“) gelesen.

5. Wir schreiben das Wort „grey“ bevorzugt mit einem „e“ anstelle der Schreibweise mit einem „a“ (Hinweis des Übersetzers: Die erstere Schreibweise gilt als „British English.“)

Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein.

Phantastik-Couch.de: Wenn Du auf die beiden veröffentlichen Werke zurückblickst, gibt es etwas, was Du ändern möchest? Einen Erzählstrang, einen Charakter, eins der Ereignisse, die Du heute anders schreiben würdest?

Patrick Rothfuss: Nein, nicht wirklich. Ich habe die Bücher bekommen, wie ich sie haben wollte. Natürlich gibt es gefühlte 300 Details, die ich gerne ändern möchte …ein Wort, eine Formulierung. Aber das liegt daran, daß ich wie besessen an meinen Texten feile. Wenn ich diese Änderungen tatsächlich vornehmen würde, dann würde ich darauf wetten, daß 99% meiner Leser es danach kaum merken würden.

Phantastik-Couch.de: Jetzt, wo Du reicht und berühmt bist, wofür würdest Du Dein schwer verdientes Geld ausgeben (abgesehen von der Möglichkeit, die Rechte an der Serie „Firefly“ zu kaufen, um sie wiederzubeleben)?

Patrick Rothfuss: Ich habe den Eindruck, daß viele Leute unrealistische Vorstellungen davon haben, was ein Schriftsteller verdient. Vor allem Autoren, die wie ich nur zwei Bücher innerhalb von fünf Jahren veröffentlicht haben.

Ich kann nicht nachvollziehen, wie man auf die Idee kommen kann, daß Schriftsteller reich sind und „erfolgreiche“ Autoren Millionäre sein müssen. Soweit ich es beurteilen kann, gehen die meisten Schriftsteller ganz normal arbeiten, damit sie ihre Rechnungen bezahlen können.

Wenn man das mal beiseite läßt, kann ich mich natürlich nicht beklagen. Und da ich in einem eher günstigen Teil des Landes wohne, kann ich mir die eine oder andere Sache leisten.

Den größten Teil meiner Einkünfte habe ich für einen guten Zweck in die Stiftung Worldbuilders investiert. In den letzten drei Jahren konnten wir $600.000 für Heifer International sammeln.

Phantastik-Couch.de: Hast Du in nächster Zeit vor Deutschland für eine Lesetour zu besuchen?

Patrick Rothfuss: Natürlich möchte ich so bald wie möglich nach Deutschland kommen. Reisen lassen sich aber schlecht mit meiner Arbeit verbinden. Und dazu kommt, daß ich einen kleinen Jungen zuhause habe, den ich nicht allzu lange allein lassen möchte. Ich hoffe allerdings, daß ich möglichst bald bei euch vorbeischauen kann.

Das Interview führte Marcel Bülles im Januar 2012