Interview mit Patrick Rothfuss

„Ein Jahr ist eine lange Zeit, um auf ein Buch zu warten, aber es ist eine ziemlich kurze Zeit, um eines zu schreiben“

Patrick Rothfuss’ Debütroman „The Name of the Wind“ wird von den Fantasy-Feuilletons in den USA hoch gelobt. Zu Recht, denn es ist eine meisterhaftes und wirklich einzigartiges Werk, das eine fantastische Geschichte erzählt.

Phantastik-Couch.de: Pat, ich nehme mal an, dass du vielen deutschsprachigen Lesern noch nicht so bekannt bist. Stell dich doch bitte kurz vor.

Patrick Rothfuss:  Hmmm… Ich weiß nie, wie ich mich selbst beschreiben soll, ohne wie eine Bekanntschaftsanzeige zu klingen. Ich bin 33, 1,75m, Nichtraucher. Ich lese gerne und mag lange, romantische Strandspaziergänge…

Ich beherrsche sechs verschiedene Kampfkünste, aber keine davon besonders gut. Ich habe Hörspiele gemacht und Improvisations-Comedy. Ich lehre auch an der hiesigen Universität. Allerdings bin ich kein stereotyper Professor; ich rauche keine Pfeife und trage auch kein Tweedsakko. Eigentlich bin ich eher wie ein Student, der so lang an der Universität geblieben ist, bis man ihm einen Job gegeben hat, damit er keinen Ärger bekommt.

Phantastik-Couch.de: Hat dein Tagesjob irgendetwas mit Fantasy oder Schriftstellerei zu tun?

Patrick Rothfuss:  Nicht wirklich, außer dass ich gerne einmal Kreatives Schreiben unterrichten würde, wenn man mich lässt. Im Moment unterrichte ich Erstsemester in Englisch. Es wäre schön, wenn ich interessierten Studenten etwas davon weitergeben könnte, was ich über das Schreiben von Romanen gelernt habe.

Phantastik-Couch.de: Wie haben deine Familie. Freunde und Kollegen auf den Erfolg deines Buches reagiert? Was waren bisher deine Lieblingskommentare?

Patrick Rothfuss: Ich weiß nicht, ob das Buch überhaupt schon ein Erfolg ist. Es scheint den Leuten aber zu gefallen, und meistens kommen auch meine Lieblingskommentare von den Lesern. Es gab Leute, die sagten, dass sie mein Buch zum Lachen oder zum Weinen brachte oder ihnen spätnachts Angst einjagte.

Den schönsten Kommentar gab es vor Jahren, als ich einem Freund eine frühe Version des Buches zum lesen gab. Ich kam morgens um halb drei zurück nach Hause und da saß mein Freund, mitten im Regen auf meiner Veranda. Er wollte die zweite Hälfte des Buches haben. Damals wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Phantastik-Couch.de: Wieviel Zeit verbringst du jetzt damit, am zweiten Teil der Kingkiller-Trilogie zu arbeiten?

Patrick Rothfuss: Um. …die gesamte?

Ernsthaft, ich weiß noch, wie das für mich als Kind war: Ich las ein Buch von irgendeinem Autoren, liebte es, und musste mit Schmerzen darauf warten, dass er das nächste Buch veröffentlichte. Ich erinnere mich daran, wie ich dachte: Warum kann man ihn nicht an seinen Schreibtisch ketten oder so? Ich brauche das nächste Buch!

Aber während ein Jahr eine lange Zeit ist, um auf ein Buch zu warten, ist es eine ziemlich kurze Zeit, um eines zu schreiben. Oder, wie in meinem Fall, um ein Buch zu redigieren, das schon fast fertig ist. Ich will aber sicher gehen, dass es perfekt ist, bevor ich es loslasse. Die Leute warten darauf und ich will sie nicht enttäuschen.

Phantastik-Couch.de: Wie lange hast du am ersten Teil geschrieben?

Patrick Rothfuss: Es hat sieben Jahre gedauert, den ersten Entwurf der Trilogie zu schreiben. Und dann noch einmal sieben Jahre, um ihn zu überarbeiten, einen Agenten zu finden, ihn noch einmal zu überarbeiten, einen Verlag zu finden, noch mehr zu überarbeiten, und es schließlich drucken zu lassen. Ein wirklich lächerlich langer Prozess. Ich verspreche aber, dass es keine 14 Jahre dauern wird, bis das zweite Buch veröffentlicht wird.

Phantastik-Couch.de: Warum schreibst du Fantasy und nicht Science Fiction oder Horror?

Patrick Rothfuss: Ich finde es gibt keinen großen Unterschied zwischen Science Fiction und Fantasy, ich weiß aber, was du meinst… Fantasy ist schon immer die Literatur meines Herzens gewesen, ich habe sie als Kind gelesen und lese sie auch jetzt zur Unterhaltung. Es das Element des Fantastischen, das ich gerne in meinen Werken verarbeite.

Phantastik-Couch.de: Sag uns doch bitte jetzt in deinen eigene Worten, worum es in „The Name of the Wind“ geht.

Patrick Rothfuss: Oh je, das kann ich nicht so gut beantworten. Jeder fragt mich das, ich kann das Buch aber heute genauso wenig zusammenfassen wie vor zwei Jahren. Dafür solltest du besser die Zusammenfassung eines anderen heranziehen. Und zwar deshalb: In dem Buch geht um sehr viele Dinge. Wenn ich all das so einfach in zwanzig knappen Worten wiedergeben könnte, hätte ich den Roman nicht schreiben müssen. Dann hätte ich einfach die Zusammenfassung geschrieben und allen viel Zeit gespart.

Phantastik-Couch.de: Beim lesen habe ich oft vergessen, dass Kvothe in einer Fantasy-Welt lebt, denn sein Streben ist so irdisch. Würdest auch Bücher ohne Fantasy-Setting schreiben?

Patrick Rothfuss: Ich könnte, aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich wollte. Ich habe so viel Echtwelt in meinem täglichen Leben, warum sollte ich mich dort auch noch erholen wollen? Aber ich könnte, doch. Ich schreibe über die Dinge, die mir wichtig sind Mit meinem Weblog bleibe ich in Kontakt mit meinen Fans, und manchmal schreibe ich dort kleine Geschichten, über Dinge, die mir in meinem Alltag passieren. Das scheint ihnen auch zu gefallen.

Wenn du ein Geschichtenerzähler bist und die Wörter gut zusammenfügen kannst, dann lesen die Leute fast alles, was dir gefällt. Aber ich sehe nicht, dass ich Fantasy in nächster Zeit hinter mir lasse.

Phantastik-Couch.de: Wo ist die Verbindung zwischen Patrick Rothfuss, umherziehenden Schauspielern und Saiteninstrumenten?

Patrick Rothfuss: Würdest mir glauben, dass ich kein Instrument spielen kann, dass mir das Leben retten könnte? Ich wünschte, ich könnte es, aber ich kriege es einfach nicht hin. Vielleicht fehlt mir auch die nötige Fingerfertigkeit.

Phantastik-Couch.de: Die Potter-Manie hat im letzen Monat ihren absoluten Höhepunkt erreicht. Könnte Kvothe ein Harry Potter für Erwachsene sein?

Patrick Rothfuss: Das haben schon ein paar Leute gesagt. Ich glaube, der Hugo-Preisträger David Levine hat genau dieselben Worte benutzt. Orson Scott Card hat auf seinem Blog mein Buch auch mit Harry Potter verglichen.

Phantastik-Couch.de: Neben detaillierter Charakterisierung hast du offensichtlich viel Zeit mit dem Weltenbau verbracht – was hat dich dazu angeregt?

Patrick Rothfuss: Ich wollte eine Welt erschaffen, die trotz der fantastischen Elemente real wirkt. Es gibt heutzutage so viel Fantasy, die wie ein Kartenhaus oder eine Filmkulisse daherkommt. So als würde man erkennen, dass alle Gebäude aus Pappe sind, wenn man mal dahinter schaut.

Viele Schriftsteller setzen dieselben Requisiten immer und immer wieder ein, als ob sie ihre Fantasyromane aus einem Fertigbausatz oder nach Rezept anfertigen: Elfen – abgehakt. Böser Zauberer – abgehakt. Drachen – abgehakt. Prophezeiung – abgehakt. Zauberschwert – abgehakt. Ich wollte etwas anderes machen, eine gute Geschichte erzählen, einige der bekannten Fantasythemen verwenden, aber neu und frisch. Das war ein großes Stück meiner Inspiration.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Autoren, die deine Arbeit beeinflusst haben oder zu deinen Favoriten gehören?

Patrick Rothfuss: Ich liebe alles von Neil Gaiman, Terry Pratchett natürlich auch. Orson Scott Card muss auch noch ein Buch schreiben, das mich enttäuscht. Gegenwärtig ist mein Lieblingsroman „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle. Ich lese es jedes Jahr, und es ist immer wieder gut.

Phantastik-Couch.de: Was liest du zurzeit?

Patrick Rothfuss: Das erste Buch über Harry Dresden, „Sturmnacht“. Ich bin erst bei der Hälfte angelangt, aber bisher ist es ziemlich gut.

Phantastik-Couch.de: Kennst du deutschsprachige Autoren?

Patrick Rothfuss: Vor längerer Zeit habe ich Michael Ende gelesen, „Die unendliche Geschichte“. Und vor Jahren Hans Bemmans „Stein und Flöte“. Mehr fällt mir im Moment nicht ein.

Phantastik-Couch.de: Welche Pläne hast du für die Zeit nach den „Kingkiller Chronicles“?

Patrick Rothfuss: Ich habe Pläne für eine weitere Fantasy-Serie, die in derselben Welt spielt und in der viele derselben Figuren auftauchen. An eine satirische Urban Fantasy, die in der Gegenwart spielt, habe ich auch schon gedacht.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für dieses Interview, Pat!

Patrick Rothfuss: Ich danke. Es war mir ein Vergnügen.

Interview und Übersetzung: Frank Dudley. Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.