Interview mit Sergej Lukianenko

„Ich glaube, dass Schriftsteller, die sich rein danach richten, was gerade angesagt ist, von vorne herein verloren haben.“

Sergej Lukianenko praktizierte als Psychiater, bis er sich ausgehend von den Erfolgen seiner Bücher als Autor selbständig machte. 2007 erhielt er für das im Beltz Verlag erschienene „Schlangenschwert“ den Corine für das beste Jugendbuch. Ganz frisch in Deutschland erschienen ist sein Roman „Weltengänger“. Anlässlich der Buchmesse sprach unser Mitarbeiter Carsten Kuhr mit dem russischen Starautor.

Phantastik-Couch: Guten Tag, Herr Lukianenko. Was macht Sergej Lukianenko, wenn er sich für seine Leser nicht neue Geschichten einfallen lässt?

Sergej Lukianenko: Nun, die meiste Zeit widme ich neben meinen Büchern meiner Familie. Ich bin verheiratet, habe ein Kind und meine Frau erwartet diesen Monat noch unseren zweiten Nachwuchs. Ansonsten lese ich sehr viel und liebe es Computerspiele zu spielen.

Phantastik-Couch: Ihrer Vita entnehme ich, dass Sie eine Ausbildung als Psychiater haben. Hilft Ihnen dies bei der Gestaltung Ihrer Personen und wenn ja, wie?

Sergej Lukianenko: Normalerweise ist das nicht nötig, da ich über normale Menschen schreibe, nicht über Personen, die am Rande stehen. Wenn ich aber über ein wenig seltsame, extreme Personen schreibe, hilft mir meine Erfahrung natürlich sehr.

Phantastik-Couch: Ist nicht jeder Mensch ein wenig seltsam, hätte nicht Jeder einen Psychiater nötig?

Sergej Lukianenko: Es gibt ein geflügeltes Wort unter den Psychiatern: es gibt keine normalen, gesunden Menschen. Wenn man sie dann fragt, ob dies auch für sie selbst gilt, antworten sie, dass sie just aus diesem Grund Psychiater geworden sind. Sicher hat jeder Mensch eine kleine Macke, aber das ist es genau, was uns auch verschieden und interessant macht.

Phantastik-Couch: Wo schreiben Sie Ihre Werke? Ziehen Sie sich auf eine Datscha im Grünen zurück oder brauchen Sie als Inspiration eine urbane Umgebung voller Menschen?

Sergej Lukianenko: Ich bin ein Städter, ich brauche auch die Stadt, das urbane Umfeld, die Hektik um mich herum. Sicherlich könnte ich mir eine Datscha kaufen, werde das nach der Geburt meines zweiten Kindes wohl auch tun, doch bislang haben wir noch keine Datscha. Ich fühle den städtischen Rhythmus, doch wenn ich schreibe, ziehe ich mich in mein Arbeitszimmer zurück, schließe die Tür, ziehe die Vorhänge vor, und dann gibt es für mich nur noch den Computer.

Phantastik-Couch: Fertigen Sie vorab ein ausführliches Exposé, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen, oder lassen Sie sich von der Muse leiten?

Sergej Lukianenko: Ich fange normalerweise mit einer einzelnen Idee an, von der aus ich dann meinen Plot entwickele. Dabei schaue ich oft überrascht, wie sich die Geschichte, wie sich die Charaktere fortentwickeln. Ein Exposé entwerfe ich nur, wenn ich mit einem anderen Autor zusammen arbeite.

Phantastik-Couch: Wenden wir uns dem »Schlangenschwert« zu. Für den Roman haben Sie kürzlich den renommierten Corine-Preis erhalten. Was bedeuten derartige Auszeichnungen für Sie? Sind diese wichtig, ist das eine Bestätigung Ihrer Arbeit oder sind Ihnen die Leserstimmen, die Sie auf Ihren Lesungen einfangen, wichtiger?

Sergej Lukianenko: Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut. In Russland hat ausgerechnet das »Schlangenschwert« keinen Preis erhalten, ganz im Gegensatz zu den meisten meiner anderen Bücher, und das kam mir immer ein wenig ungerecht vor. Man muss dazu wissen, dass in Russland die Wächter-Romane mit einer riesigen Werbekampagne begleitet wurden und Stimmen laut wurden, die behauptet haben, dass ich die Preise nur erhalten hätte, weil solch eine Publicity um die Bücher gemacht wurde. Dazu kommt, dass in Russland Preise aus dem westlichen Ausland ein sehr viel größeres Renommee haben, als die einheimischen Preise. Das ist dann eine Anerkennung nicht der Werbekampagne, sondern des Buches, und das hat mich dann sehr gefreut.

Natürlich ist mir die Meinung meiner Leser sehr wichtig. Das zeigt mir als Autor, dass meine Gedanken, meine Bücher angenommen werden, dass sie die Leser bewegen. Aber ein solch funkelndes Vorzeigeobjekt zu Hause vorzeigen zu können, ist natürlich sowohl für mich, aber auch für den Verlag ganz toll – das erinnert mich dann immer an meine Schulzeit, wenn die guten Schüler für ihre Leistungen eine schillernde Plakette überreicht bekamen.

Phantastik-Couch: Schreiben Sie mehr für sich selbst oder für Ihre Leser?

Sergej Lukianenko: Ich glaube, dass Schriftsteller, die sich rein danach richten, was gerade angesagt ist, von vorne herein verloren haben. Ich wurde in meiner Auffassung bestätigt, dass ich mit dem, was mich bewegt, was mich interessiert, auch meine Leser erreichen kann. Hier kurzfristigen Trends nachzulaufen ist nicht mein Fall. Entsprechend schreibe ich zwar in erster Linie für mich selbst, will aber natürlich auch meine Leser erreichen und bewegen.

Phantastik-Couch: Im Prolog des „Schlangenschwertes“ berichten Sie uns von einem Ehepaar, das bedingt durch ihre materielle Armut von ihrem Verfassungsrecht auf einen würdigen Tod Gebrauch macht. Überalterte Gesellschaften, Altersdemenz und Altersarmut, Diskussionen über Sterbehilfe – Ansätze in diese Richtung sind heute zumindest in Westeuropa erkennbar. Wie sieht es hier in Ihrem Heimatland aus? Werden die Alten ebenfalls abgeschoben oder kümmert sich die intakte Familie um die ältere Generation?

Sergej Lukianenko: Man muss das differenziert sehen. Die traditionellen russischen Gesellschaftsstrukturen sind so, dass die Jungen sich um die Alten kümmern, die Alten die Jungen beraten. Das war eine sehr patriarchische Struktur, die seit einigen Jahren zunehmend auseinander fällt. Gerade in den letzten Jahren ist die junge Generation sehr zynisch geworden, grenzt die Alten aus und schiebt sie ab. Da wird behauptet, dass die Alten gescheitert wären, dass sie in und mit ihrem Leben nichts erreicht hätten, dass nur schneller Konsum zu einem befriedigenden Leben führen würde. Diese Einstellung liegt sicherlich auch daran, dass Russland eine schwierige Zeit durchgemacht hat, die Renten reichten nicht mehr zum Leben. Zum Glück zeichnet sich gerade ab, dass dieser Trend eines brutalen Generationenkonflikts ein wenig ausläuft, dass der Rat und der Respekt gegenüber der älteren Generation, der Dank, den wir unseren Eltern und Großeltern schulden, wieder mehr anerkannt wird.

Phantastik-Couch: Ist eine entsprechende Handhabe des Selbsttods aufgrund wirtschaftlicher Not Ihrer Meinung nach in Zukunft vorstellbar?

Sergej Lukianenko: Ich hoffe es nicht. In meinem Roman habe ich versucht, diese Vorstellung zu übertreiben, zu karikieren. Ich habe versucht, über den Rohstoffmangel das Mitleid mit den Menschen zu erwecken, und ich hoffe sehr, dass es in unserer Welt nicht zu solch einer eigentlich unvorstellbaren, menschenverachtenden Überlegung kommen wird.

Phantastik-Couch: Ein Zitat aus dem Schlangenschwert. Auf Seite 579: »Das Volk wählt die Macht, die ihnen am besten die Köpfe verdrehen kann«. Sie zeichnen hier das Bild eines recht unmündigen Wählers. Nun ist es eine Tatsache, dass Wahlen in USA und Europa in den Medien gewonnen werden. Wie sieht das in Ihrer Heimat aus?

Sergej Lukianenko: Es ist ja heute fast schon weltweit so, dass Wahlen in und mit den Medien gewonnen werden. Leider spricht diese Tatsache jeder demokratischen Wahl ihre Berechtigung ab. Der mündige Bürger verliert zunehmend an Bedeutung. Das ist keine Utopie mehr, das ist Realität, und wie wir, die ganze christliche Welt – Europa, Russland, USA – hier wieder herauskommen, ist eine der großen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit. Ich möchte hinzufügen, dass es für mich als Autor das Wichtigste am Roman war, diese Situation zu beschreiben, in der die Menschen echte keine Wahl mehr haben. Natürlich war es wichtig, das Abenteuer zu beschreiben, doch als Anliegen war es mir weit wichtiger, diese Situation zu portraitieren. Interessanterweise ist genau dies den russischen Lesern im Gegensatz zu den Lesern in Ihrem Land nicht aufgefallen.

Phantastik-Couch: Ein weiteres Zitat. Seite 590: »Für niemanden ist es von Bedeutung, ob die neue Macht die alte auf ehrliche oder unehrliche Weise besiegt hat. Die Hauptsache ist, dass im Teller Suppe und in der Suppe ein Stück Fleisch ist, man ein Dach über dem Kopf hat, im Fernsehen die geliebte Serie läuft und sich auf den Strassen nicht zu viele Diebe und Rowdys herumtreiben«. Wenn dies stimmt, ist dann Demokratie ein Auslaufmodell, sind dann Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung obsolet?

Sergej Lukianenko: Man darf das nicht verwechseln, das ist ja nicht meine eigene Ansicht, sondern das sind die Stimmen der Gegner, und Tikkirej selbst stellt sich ja dem entgegen und gewinnt am Ende. „Schlangenschwert“ ist Teil einer Trilogie, dessen zweiter Band „Genom“ in Deutschland noch nicht erschienen ist, der dritte ist noch gar nicht geschrieben. In „Genom“ wird eine Situation beschrieben, in der es mit der Demokratie noch viel verhängnisvoller aussieht. Ich habe mir als Aufgabe gestellt, die wesentlichen Fallen, in die eine Gesellschaft tappen kann, in den drei Büchern darzustellen.

Phantastik-Couch: Gehen Sie als Autor beim Schreiben an ein Jugendbuch anders heran, als wenn Sie für ein erwachsenes Publikum schreiben?

Sergej Lukianenko: Es muss zunächst einmal die Entscheidung getroffen werden, an wen sich das Buch wendet. Ich habe auch Bücher geschrieben, in denen Jugendliche vorkommen, die aber für ein erwachsenes Publikum verfasst sind. Wenn ich ein Jugendbuch schreibe, aktiviere ich in mir drin einen Filter, der allzu brutale Schilderungen verhindert. Es gibt Abenteuer, Schlägereien, Liebe und Tod, alles aber abgemildert, eben auf Jugendliche zugeschnitten. Es macht keinen Sinn, den Jugendlichen eine heile Welt vorzugaukeln, nur in der expliziten Darstellung der real existierenden Gewalt sollte man sich natürlich zurückhalten.

Phantastik-Couch: Kommen wir zu den Wächter-Romanen. Was mich an diesen neben der ungewöhnlichen Anlage der Tag- und Nachtwache besonders fasziniert hat, das war, dass Sie mir einen Einblick in das Alltagsleben der Moskowiter ermöglicht haben. Die Schere zwischen vielen Armen und wenigen sehr Reichen klafft immer weiter auseinander, der Durchschnitts-Moskowiter dröhnt sich mit Rockmusik und Wodka zu – stimmt das?

Sergej Lukianenko: Jedes Buch der Wächter ist in Realzeit geschrieben und greift Ereignisse und Stimmungen auf, die zu der Zeit, als ich es geschrieben habe, mich und meine Mit-Moskowiter beschäftigt haben. Das war beim ersten Wächter-Roman eine Gesellschaft voller Rowdys, man konnte an jedem Kiosk Wodka kaufen, hörte nur Rockmusik, eine fast schon apokalyptische Situation. In den Folgebänden hat sich diese Situation ein wenig geändert. Statt Wodka trinkt man nun Wein und Bier (lacht), – nein, es ist wirklich besser geworden.

Das eigentliche Problem ist sicherlich, dass in Russland eine echte Mittelklasse fehlt. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist immens. Meines Erachtens ist eine Gesellschaft nicht dann stabil, wenn sie viel Öl und Gas hat, sondern wenn sie eine starke Mittelklasse hat, worunter ich verstehe, dass die Menschen genug zu essen, Sicherheit und Zugang zu Bildungsangeboten haben. Und in Russland haben damals viele unterhalb des Existenzminimums gelebt, waren Gewalt und Verbrechen allgegenwärtig.

Phantastik-Couch: Sind Sie sich bewusst, dass Sie über die Schilderungen in Ihren Romanen die Sicht der Menschen über das Leben im modernen Russland, in Moskau prägen?

Sergej Lukianenko: Als ich „Wächter der Nacht“ geschrieben habe, konnte ich nicht ahnen, dass es ein weltweiter Erfolg wird. Nun inzwischen hat sich die Situation verbessert, und die Vampire und Monster in den Strassen Moskaus haben sich deutlich vermindert – zumindest sind sie nicht mehr so sichtbar. In »Weltengänger« habe ich Moskau dann so geschildert, wie es heute ist. Besser, aber es bleibt noch viel zu tun.

Phantastik-Couch: Manche Kritiker werfen Ihnen Frauenfeindlichkeit vor (Im „Schlangenschwert“ Frau = Gepäckstück). Ihre männlichen Protagonisten sind teilweise sehr machohaft gezeichnet. Provokativ gefragt: sind Sie wirklich ein Gegner der Gleichberechtigung?

Sergej Lukianenko: Ich wäre schon dagegen, aber meine Frau erlaubt mir das nicht (lacht) – nein, ganz ernst: »Schlangenschwert« ist meiner einziger Roman, in dem ich die Geschlechterzugehörigkeit als Unterschied geschildert habe. Ich versuche in meinen Romanen immer zu experimentieren und eine Gesellschaft zu präsentieren, die durch ein bestimmtes Merkmal geteilt ist, sei es die Geschlechterzugehörigkeit. In »Genom« gibt es diese Ungleichheit nicht, ich bin auch ganz bestimmt nicht gegen Gleichberechtigung.

Phantastik-Couch: Die ersten beiden Wächter-Verfilmungen stammen aus Russland. Ich habe gehört, dass der dritte Teil in Hollywood verfilmt werden soll – warum gehen Sie hier über den großen Teich?

Sergej Lukianenko: Das war keine Entscheidung von mir, sondern von dem Rechteinhaber. Leider sieht es gerade nicht ganz so gut aus, es wird aber weitere Verfilmungen meiner Bücher durch russische Filmemacher geben.

Phantastik-Couch: In »Spektrum« haben Sie immer wieder beschrieben, wie sich Ihr Protagonist an kulinarischen Genüssen ergötzt. Da wurden Rezepte ausprobiert, wurde geschlemmt. Sind Sie selbst Hobby-Koch und ist gutes Essen für Sie wichtig?

Sergej Lukianenko: Wenn sie mich anschauen, werden sie die Antwort sofort sehen (schmunzelt). Ansonsten gebe ich gerne zu, dass ich Hobby-Koch bin, dass ich gerne mit Freunden zusammensitze, gut esse, und ich durfte auch schon einmal fürs Fernsehen mit einem Profi zusammen kochen.

Phantastik-Couch: Ein Zitat aus einem Ihrer Interviews: »Das Schreiben eines Buches ist ein Schrei der Seele«. Ihre Protagonisten werden geschunden, müssen durch die Hölle – gibt es in Ihrer Seele viel Leid, das nach Entlastung schreit?

Sergej Lukianenko: Ich versuche in meinen Büchern meine Figuren immer zu bestätigen, dass sie lieben können, dass sie ihren eigenen Willen bekommen, frei sind. Das Zitat „Schrei der Seele“ soll heißen, dass dieser Prozess sehr emotional ist. Ich muss mich einlassen auf eine andere Person, muss in dessen Haut schlüpfen, muss mit ihnen leiden. Das ist ein schwieriger, manches Mal belastender, aber auch erhebender und bereichernder Prozess.

Phantastik-Couch: Wird es ein Wiedersehen mit Anton und Co geben?

Sergej Lukianenko: Die Fans bestürmen mich natürlich, und irgendwie habe ich den Eindruck, dass Anton noch etwas zu erzählen hat.

Phantastik-Couch: Haben Sie, und Ihre Übersetzerin, Frau Christiane Pöhlmann für das Gespräch recht herzlichen Dank!

Das Interview wurde durchgeführt von Carsten Kuhr