Interview mit Simon Clark

Ich schaue auf das Meer und stelle mir vor, die Flut würde ausbleiben und der Meeresgrund wäre über hunderte von Meilen freigelegt. Was wäre dort?

Simon Clark ist in seiner Heimal Großbritannien bereits ein anerkannter Horror- und SF-Schriftsteller, der 20 Romane und zahlreiche Novellen veröffentlicht hat. Nun hat er mit „Vampyrrhic“ den Sprung auf den deutschen Buchmarkt geschafft. Wie es dazu kam und warum ihm ein deutscher Horror-Fan dabei behilflich war, erfahren Sie in unserem Autoren-Interview.

Phantastik-Couch: Möchtest du dich unseren Lesern kurz vorstellen? Wo lebst du? Wann hast du mit dem Schreiben angefangen?

Simon Clark: Zuerst einmal Danke für die Einladung zu dem Gespräch. Ich lebe im County Yorkshire in England. Ich hatte schon immer eine lebhafte Fantasie, seit ich 13 Jahre alt bin, wollte ich Schriftsteller werden. Meine ersten Geschichten veröffentlichte ich im Radio. Mit „Nailed by the Heart“ folgte 1995 die erste Romanveröffentlichung. Seitdem habe ich 20 Romane geschrieben, unter anderem „The Night of the Triffids,“ eine Fortsetzung von John Wyndham’s klassischem „Triffids“-Roman. (Anmerkung der Redaktion: Klassiker der SF-Literatur von 1951. In deutsch unter dem Titel „Die Triffids“ 1955 und als überarbeitete Auflage 2006 erschienen.)

Phantastik-Couch: Wie arbeitest Du? Woher nimmst du Inspirationen?

Simon Clark: Ich verfalle gern Tagträumen über unwirkliche Ereignisse und lasse das Geschehen wie einen Film in meinem Kopf abspielen. Dann mache ich mir zu den Charakteren, Ereignissen, den Plot Notizen, meistens entwerfe ich in diesen Momenten auch den ersten Satz. Und dann setze ich mich an den Computer und schreibe. Für mich ist Schreiben so etwas wie „einen Stier bei den Hörnern packen“. Ich halte die Geschichte fest und lasse mich zu überraschenden, aufregenden Schauplätzen führen. Ich finde an ganz verschiedenen Orten Inspirationen. Bei einem Spaziergang auf dem Friedhof. Während einer Zugfahrt. Oder wenn ich zur Küste fahre. Ich schaue auf das Meer und stelle mir vor, die Flut würde ausbleiben und der Meeresgrund wäre über hunderte von Meilen freigelegt. Was wäre dort? Ist dort etwas geheimnisvolles und spannendes in den Schluchten und Schiffswracks versteckt?

Phantastik-Couch: Die „Vampyrrhic“-Originalausgabe erschien bereits 1998. Warum hat es so lange gedauert, einen deutschen Verlag zu finden?

Simon Clark: Einen Verlag im Ausland zu finden, ist ein längerer Prozess, „Vampyrrhic“ ist auch in Griechenland gerade erst  erschienen. So, scheint mir, läuft das im internationalem Buchgeschäft. Ich möchte mich gern bei einem eurer Landsleute, Dirk (der Nachname ist mir nicht bekannt) bedanken. Er hat über meine Arbeit in Foren gepostet. Ich bin sicher, das er mir geholfen hat, einen deutschen Verlag zu finden. (Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist Horror-Fan Dirk Bützer, der Simon Clarks Werk im Horror-Forum vorstellte und somit den Verleger Ernst Wurdack auf die Idee brachte, „Vampyrrhic“ dem deutschen Leser anzubieten.)

Phantastik-Couch: Wie kamst Du auf die originelle, etwas merkwürdige Idee, einen Vampir-Mythos mit der nordischen Götterwelt zu verknüpfen?

Simon Clark

Simon Clark: Ich bin in Yorkshire aufgewachsen, das ist ein nordisch geprägtes Gebiet. Die Wikinger kamen und gründeten Siedlungen. Viele Orte haben nordische Namen wie „Thorpe Audlin“. Wir verwenden auch viel nordische Begriffe, wie „laik“ für „spielen“ oder „gawp“ für „starren“. Vermutlich habe ich auch nordische DNA in mir. Ich bin mit der nordischen Mythologie und Geschichte groß geworden. Als ich mich entschloss, eine Vampir-Geschichte zu schreiben, war mir schnell klar, dass ich nordische Mythologie mit hinein bringen würde. Wenn ich auf „Vampyrrhic“ zurück schaue, erscheint es mir, als wäre ich aufgrund meiner Abstammung und meiner Heimat Yorkshire dazu bestimmt gewesen, dieses Buch zu schreiben.

Phantastik-Couch: Wieso zieht gerade Thor gegen die Christenheit in den Krieg?

Simon Clark: Thor ist mein Liebling unter den Wikinger-Göttern. Er ist ein Kriegsgott, der seinen Feind mit einem mächtigen Hammer schlägt. Thor wäre also der perfekte Gott, um einen Krieg gegen die Christenheit zu wagen. Es gibt außerdem eine Legende in England, die besagt, dass die Christenheit die heidnischen Götter in die Flüsse getrieben hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie Thor auf dem Grund eines Flusses liegt und wütend und rachsüchtig wird, weil er von seinen Anhängern geschmäht wurde.

Phantastik-Couch: Ist die geografische Nähe zwischen Leppington und Whitby – hier betrat Dracula erstmals englischen Boden – eine gewollte Reminiszenz an Bram Stokers „Dracula“?

Simon Clark: Kurz und knapp: Ja! Ich lebe auch in der Nähe von Whitby. Arthur Machen hat die Stadt einmal als „Ort eines magischen Traums“ beschrieben. Das trifft immer noch zu, es ist ein wunderschöner, magischer Ort. Ich bekam viele Leserbriefe, in denen ich nach den Schauplätzen im Buch befragt wurde, weil die Leute sie gern besuchen wollten.

Phantastik-Couch: Wie würdest du „Vampyrrhic“ jemanden beschreiben, der das Buch nicht kennt?

Simon Clark: In „Vampyrrhic“ geht es um einen Mann, der in seine Heimatstadt zurück kommt und entdeckt, das dort eine Armee an Vampiren in Höhlen lauert. Sie planen die Eroberung der Menschheit. Allerdings kommt es zu einer überraschenden Wendung. Der Mann heißt David Leppington und auch der Ort heißt Leppington. Er entdeckt, das seine nordischen Vorfahren in der alten Welt sehr bedeutend waren. Und das er bald „Etwas“ aus der Vergangenheit erben wird, das ihn verblüfft und entsetzt. In „Vampyrrhic“ treffen gewöhnliche Menschen auf außergewöhnliche Kreaturen. Mich fasziniert die Idee, das die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst. Wir hängen immer noch wie mit einer Nabelschnur an der Vergangenheit. In England sind zum Beispiel viele Wochenetage nach den nordischen Göttern benannt: den Mittwoch nennt man auch „Odin’s Day“ oder Donnerstag „Thors Day“. In meinem Plots erscheinen oft Ereignisse oder Menschen aus der Vergangenheit, die danach streben, in die Gegenwart zu kommen und unser Leben zu kontrollieren.

Phantastik-Couch: Würdest Du sagen, dass Dein Werk sich an Stephen Kings „Brennen muss Salem“ orientiert, oder denen Richard Laymons ähnlicher ist?

Simon Clark: Meine frühen Werke stehen unter einem gewissen Einfluss von Stephen King, „Shining“ ist eines meiner Lieblingswerke. Der Einfluss Kings ist viel stärker als der Laymons.

Phantastik-Couch: Gibt es andere Vorbilder für die eigenwilligen, eher animalischen als attraktiven Vampire?

Simon Clark: Ich hatte keine Vorbilder für sie im Kopf. Ich wollte sie erschreckend, gewalttätig, monströs gestalten. Diese Vampire sollten Angst machen, nicht verführen.

Phantastik-Couch: Nach einer sorgfältigen Einleitung und dem Spannung aufbauenden Mittelteil gibt es einen Bruch zu einem hektischen Finale. Warum?

Simon Clark: Ich wollte den Schauplatz sorgfältig in Szene setzen, die Geschichte des Ortes und die Charaktere erläutern. Nachdem der Hintergrund ausgestaltet war, konzentrierte ich mich darauf, die Geschichte spannend zu machen. Ich wollte, das der Herzschlag des Lesers immer schneller geht. Ich glaube wirklich daran das, wenn der Autor beim Schreiben Aufregung verspürt, der Leser es auch tut. Es ist für einen Autor ein Verbrechen, den Leser zu langweilen. Wenn ich den „Stier bei den Hörnern gepackt habe“, wie man so schön sagt, durchdringt mich das. Ich will ihn nicht los lassen.

Phantastik-Couch: Einige Horror-Fans mögen psychologischen Horror, andere bevorzugen eher „Splatter“-Elemente. „Vampyrrhic“ hat beides. Glaubst Du, das beide Aspekte für gute Horror-Literatur essentiell sind?

Simon Clark: Ja, ich hoffe, verschiedene Elemente integriert zu haben. Große, aufregende Action-Szenen sind wunderbar. Aber ich wollte auch sicher gehen, das ruhige, furchterregende Szenen dabei sind, in denen der Leser in eine seltsame, gespenstische Atmosphäre eintauchen kann.

Phantastik-Couch: Wirst du die bisher dreiteilige Vampyrrhic-Reihe fortsetzen?

Simon Clark: Ich bin sicher, das mache ich. Der Vampyrrhic-Mythos interessiert mich noch immer, ich denke viel darüber nach.

Phantastik-Couch: Werden die Fortsetzungen „Vampyrrhic Rites, Whitby Vampyrrhic“ auch in Deutsch erscheinen?

Simon Clark: Ich fände das toll, das wird allerdings vom Erfolg von „Vampyrrhic.“ abhängen. Ich möchte mich gern öffentlich bei Ernst Wurdack bedanken, dass er „Vampyrrhic“ heraus gebracht hat.

Phantastik-Couch: Ist es geplant noch mehr von Deinen Geschichten und Büchern zu übersetzen? Bisher ist nur die Anthologie „Die Lichter der Koboldstadt“ (engl:„Goblin City Lights“) und jetzt eben „Vampyrrhic“ auf deutsch erhältlich.

Simon Clark: Bisher ist noch nichts geplant. Frank Festa hat meine Kurzgeschichten in „Necrophobia“ veröffentlicht. Ich hoffe, das noch mehr meiner Geschichten in Deutschland erscheinen werden und dann vielleicht auch mehr Bücher. „Blood Crazy“ ist zwar keine Vampir.Geschichte, aber ich bin sicher, die deutschen Leser würden es mögen. Das Buch war sehr erfolgreich und Hollywood-Produzenten entwickeln aus dem Stoff gerade einen Film.

Phantastik-Couch: Du hast eine „Dr. Who“-Novelle, „The Dalek Factor“, geschrieben. Magst Du „Dr. Who“ und auch die folgende Serie „Torchwood“?

Simon Clark: Mit „Dr. Who“ bin ich aufgewachsen und liebe es! „Torchwood“ ist ein interessanter Spin-off , den ich mit Vergnügen verfolge.

Phantastik-Couch: Was hast du für Zukunftspläne? Was schreibst Du im Moment?

Simon Clark: Ich werde natürlich immer weiter schreiben, Geschichten erzählen ist ein wichtiger Teil in meinem Leben. Momentan plane ich eine Novelle, die noch in den Anfängen steckt. Ich warte noch darauf, das mir die Charaktere etwas ins Ohr flüstern. Das ist der Moment, in der sich die Geschichte, wie Frankensteins Monster, aus einer trägen Masse erheben und zum Leben erwachen wird.

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das Interview.

Simon Clark: Ich danke Euch, es war mir eine Freude.

Das Interview führte Eva Bergschneider, Foto: Janet Clark