Interview mit Stefan Blankertz

„Die Lust am Fabulieren ist eine kreative Lust, die dazu beiträgt, dass Menschen sich überlegen, wie es auch anders sein könnte, als es ist. Daraus erwächst kultureller und technischer Fortschritt.“

Wie kam der Autor Stefan Blankertz in seinem Buch „Der Lamo Kodex“nur auf die Idee, der uns bekannten Außenwelt eine Innenwelt hinzuzufügen? Warum verknüpfte er den Atlantis-Mythos mit der Hohlwelttheorie? Und warum las er jeden Morgen vor dem Schreiben in Ursula LeGuins „Magier von Erdsee“? Diese und viele andere Fragen beantwortete uns der sympathische Autor in unserem Interview.

Phantastik-Couch.de: Stefan Blankertz, die Leser kennen Sie vielleicht in erster Linie als Autor historischer Romane. „Der Lamo-Kodex“ ist aber bereits Ihr zweiter SF-Roman in Buchform. Wie kam diese Geschichte zu Ihnen?

Stefan Blankertz: Irgendwann bin ich beim Durchblättern des Katalogs vom Kopp-Verlag auf die Theorie der Innenwelt gestoßen; solche sonderbaren Theorien üben eine Faszination auf mich aus. In diesem Fall dachte ich: Wenn Menschen in einer Innenwelt leben, haben sie auch eine Geschichte. Wie ähnlich oder unähnlich wird sie gegenüber der in der Außenwelt abgelaufen sein? Diese Frage hat einige Zeit in mir geschlummert, bis meine Gedanken dazu sich mit meinem ethnologischen Wissen verbanden und mich zu einer Geschichte drängten.

Phantastik-Couch.de: Sie beleben darin den antiken Mythos des untergegangenen Atlantis. Gewissermassen ein historisches Thema anders verpackt. Und doch spielt die Handlung in einer möglichen Gegenwart. Was reizt Sie am Utopischen?

Stefan Blankertz: Auch am historischen Roman interessiert mich die jeweils „andere Seite“: Denen eine Geschichte geben, die in den offiziellen Chroniken keine Stimme haben oder am Rande behandelt werden, weil sie Verlierer sind, weil sie sich nicht durchgesetzt haben, weil ihr Standpunkt nicht ins etablierte Konzept passt. Auch im „Lamo-Kodex“ geht es ja gewissermaßen um eine Alternativ-Geschichte. Ich möchte zeigen, dass es so, wie es ist, nicht hat werden müssen. Die Gegenwart ist nicht, um es mit einem politischen Mode(un)wort zu sagen, „alternativlos“. Es könnte anders sein. Darum könnte es anders werden.

Phantastik-Couch.de: Ihr Buch lässt sich schwer einem Genre zuordnen. Science Fiction? Alternativweltgeschichte? Urban Fantasy? Hatten Sie ein bestimmtes Publikum im Auge, als Sie zu schreiben anfingen?

Stefan Blankertz

Stefan Blankertz: Genre-Grenzen stören mich eher als dass sie mir Orientierung geben. Ich hoffe auf Leser, die mehr an der inneren Logik einer Geschichte interessiert sind als von der Einhaltung formaler Genre-Definitionen. Gerade im Fantasy- und Science-Fiction-Bereich sind darum ja in den letzten Jahren viele Crossovers entstanden. Zumindest ich habe, wenn ich zu schreiben anfange, nicht eine Zielgruppe im Auge, sondern das Interesse, eine bestimmte reizvolle Geschichte zu erzählen.

Phantastik-Couch.de: Atlantis ist wiederholt Schauplatz von Fantasy-Romanen geworden. Relativ neu dürfte die Verknüpfung mit der Hohlwelttheorie sein. Wie kamen Sie darauf?

Stefan Blankertz: Ich fand diese Idee tatsächlich im www von einem Vertreter der Hohlwelttheorie ernsthaft dargelegt. Für mich ergab sich daraus die Möglichkeit, zwei verschiedene Kulturkreise in die Innenwelt zu projizieren, da ja das andere angeblich in die Innenwelt abgetauchte Volk aus Asien stammt, genauer gesagt dem heutigen Tibet.

Phantastik-Couch.de: Andere Autoren melken eine solche Idee bis zum letzten potentiellen Tröpfchen, schreiben ganze Serien oder machen zumindest eine Trilogie daraus. Bleibt „Der Lamo-Kodex“ ein eigenständiges Werk oder sehen Sie eine Möglichkeit, die Handlung weiterzuspinnen?

Stefan Blankertz: Während ich am Lamo-Kodex schrieb, habe ich immer morgens, bevor ich anfing, mindestens ein paar Seiten in Ursula LeGuins „Magier von Erdsee“ gelesen, um mir in Erinnerung zu rufen: Man braucht nicht viele hundert Seiten, um eine Welt zu erschaffen. Ich will nicht ausschließen, dass es für mich noch mal in die Innenwelt geht, aber nur, wenn mich eine Geschichte packt, nicht einfach, um mehr Seiten aus der Idee zu schlagen.

Phantastik-Couch.de: Ursula K. LeGuin ist ein gutes Stichwort. Der „Lamo-Kodex“ ist wie LeGuins Erdsee-Zyklus erzählerisch ökonomisch gehalten. Warum haben heute viele Autoren den Hang, ihre Konstrukte breitzuwalzen? Ist das ein Mittel, um über keinen wirklich guten Story-Kern verfügen zu müssen, weil man die Leser mit irgendwelchen Verästelungen der Geschichte hinhalten kann?

Stefan Blankertz: Ich habe den Eindruck, dass oft das spezifisch Literarische verloren geht. Viele Autoren scheinen sich am bildlichen Medium, Film und Game, zu orientieren. Es herrscht die Angst, „etwas auszulassen“. Das halte ich für keinen guten Weg, das Buch als Medium zu erhalten. Vielmehr sollte der Unterschied zwischen Wort und Bild deutlicher werden: Es gibt nämlich auch Vorteile des Geschriebenen gegenüber dem konkret Bildlichen. Nicht zuletzt die Freiheit für die eigene Fantasie, die es lässt, wenn ich etwas lese anstatt einen Film zu schauen. Film und Game sind totalitärer.

Phantastik-Couch.de: Atlantis und Tiefenpsychologie: Warum brauchen wir das Bild des verlorenen Paradieses? Weil uns die Idealvorstellung einer Welt, wie sie nie existierte, letztlich antreibt?

Stefan Blankertz: Die Lust am Fabulieren ist eine kreative Lust, die dazu beiträgt, dass Menschen sich überlegen, wie es auch anders sein könnte, als es ist. Daraus erwächst kultureller und technischer Fortschritt. Wenn aber die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr richtig wahrgenommen wird, dreht sich das um: Das Fabulieren wird zur Flucht und verhindert die Auseinandersetzung mit den unwirtlichen Aspekten der Wirklichkeit.

Phantastik-Couch.de: Die Phantastik hat also didaktische Aufgaben? Oder geht es Ihnen als Autor eher darum, dass Sie sich selber Gedanken über die „Struktur“ unserer Wirklichkeit und unserer Zeit machen können?

Stefan Blankertz: Didaktisch nicht im Sinne von belehrend. Belehrende Literatur ist schrecklich. Wohl aber sollte meiner Meinung nach Literatur für den Leser neue Erfahrungsräume öffnen. Und der erste, der so einen neuen Erfahrungsraum betritt, ist immer der Autor selbst. Ich habe mich sozusagen in der Innenwelt umgeschaut, mir viele Gedanken dazu gemacht, und schließlich habe ich davon das, was mir als wertvoll erschien, aufgeschrieben und mitgeteilt.

Phantastik-Couch.de: Im „Lamo-Kodex“ sind die Atlanter kein harmonisches Volk in wallenden Jesus-Gewändern, sondern ähnlich vieler (oberirdischer) Bevölkerungen, ein Zusammenschluss unterschiedlicher Kulturen. Und ihre Konflikte enden genauso oft in Ausbrüchen der Gewalt.

Stefan Blankertz: Es ging mir auch nicht darum, eine positive Utopie zu entwerfen: Seht, in der Innenwelt ist alles besser. Vielmehr ging es mir darum, der Außenwelt einen Spiegel vorzuhalten: Seht mal, was ihr oft für einen Mist baut. Das ist das Mittel der „Verfremdung“. Man sieht die eigenen Fehler leichter, wenn man sie an anderen beobachten kann.

Phantastik-Couch.de: Der Titelheld Lamo bleibt in dem Roman eine nicht gerade blasse, aber dennoch eher eine unaufdringliche Figur. Ich hatte beim Lesen fast den Eindruck, die Geschichte entstehe um Lamo herum. Jedenfalls entspricht er nicht dem Klischee des typischen Fantasy-Helden. Und doch hält sich in der Fantasy hartnäckig das Bild des schwertschwingenden Barbaren? Wollen die Leser denn solche „zarten“ Helden wie Lamo?

Stefan Blankertz: Ihre Kennzeichnung von Lamo als „zarten“ Helden, der nicht dem Klischee entspricht, empfinde ich als Auszeichnung; vielen Dank. Ich sehe meine Aufgabe als Schriftsteller nicht darin, Lesererwartungen zu bedienen, sondern neue Erfahrungsräume zu öffnen. Das mag ein schwieriger und nicht immer einfacher Standpunkt sein. Aber meine Finger weigern sich, eine Geschichte nach dem Klischee zu schreiben. Was es schon gibt, muss nicht noch einmal gesagt werden. Ich hoffe, dass es noch genügend Leser gibt, die auf der Suche nach Literatur sind, die Ihnen ungewöhnliche und ungewohnte Blickwinkel eröffnet.

Phantastik-Couch.de: Wenn Außerirdische in Film und Literatur die Erde heimsuchen, erscheinen ihre Untertassen mit Vorliebe über den Megastädten der USA. Die Atlanter in Ihrem Buch haben für den Erstkontakt mit der Oberwelt das beschauliche Köln gewählt. Wieso nicht wenigstens den Moloch Berlin?

Stefan Blankertz: Das fällt in die gleiche Kategorie, wie dass Lamo ein „zarter“ statt schwertschwingender Held ist. Ein Kollege sagte mir mal: „Unterhalb der Rettung der Menschheit läuft heute nichts.“ Gleichzeitig schaffen wir es oft nicht, unsere kleinen Alltagsprobleme in den Griff zu bekommen, geschweige denn die globalen Fragen zu lösen. Spielt sich Geschichte nur in New York ab? Leben woanders keine Menschen, die einer literarischen Würdigung wert sind?

Phantastik-Couch.de: Die Geschlechterrolle ist beim atlantischen Volk der Hibala umgekehrt, als unsere europäische Kulturgeschichte es kennt. Plump gesagt: Frauen haben das Sagen und Männer besorgen den Haushalt. Gab es für diese Gesellschaftsstruktur ein reales Vorbild?

Stefan Blankertz: Es gab ja sogar mal die (inzwischen verworfene) Theorie vom Ur-Matriarchat, d.h. alle menschlichen Gesellschaften hätten mit der Dominanz von Frauen begonnen. Dies ist wahrscheinlich falsch. Richtig bleibt jedoch, dass es viele verschiedene Füllungen der Geschlechterrollen in der Geschichte und Vorgeschichte der Menschheit gab. Für das Volk der „Hibala“ habe ich eine Mischung aus realen ethnologischen Daten und mythologischen Erzählungen wie die von den Amazonen verbunden und so ein gewissermaßen idealtypisches Volk als Kontrast zum Patriarchat geschaffen.

Phantastik-Couch.de: „Der Lamo-Kodex“ scheint Sie eine ganze Weile gefangen genommen zu haben. Sie entwarfen zwei Sprachen, Zeichensysteme, ein Wörterbuch und eine Topografie der Innenwelt. Wie sehr lebt der Autor in seinem Werk?

Stefan Blankertz: Zu der Zeit, in der ich die Sprachen entwickelte, habe ich sogar in „Hibala“ geträumt. Eine Kollegin, der ich davon erzählte, meinte, jetzt müsse ich dringend eine Pause machen. Ich habe mir ein Modell der Innenwelt gebaut, als zwei Halbkugeln. Zumindest ich muss aufpassen, nicht in solch eine Geschichte abzudriften. Also regelmäßig rausgehen, die reale Welt ansehen, mich mit Freuden treffen, Bodenhaftung wahren.

Phantastik-Couch.de: Sie sind laut Ihrer Homepage ein vielseitig engagierter und interessierter Mensch. Könnten Sie schlimmstenfalls von Ihren Büchern leben, oder ist das Schreiben eher ein zeitintensives und somit exklusives Hobby?

Stefan Blankertz: Ich bin in einem Alter, dass ich mich, so lange es geht, weigere, meine Zeit mit etwas zu verbringen, das mich von meiner Berufung ablenkt. Dabei setze ich alles auf eine Karte und lebe als freier Schriftsteller. Was ich mit dem Schreiben noch nicht verdiene, ergänze ich aus Rücklagen. Belohnt, sagte ein buddhistischer Weiser, wird nicht das Beginnen, sondern das Durchhalten. Ich bin zum Durchhalten entschlossen.

Phantastik-Couch.de: Stefan Blankertz, wir bedanken uns sehr für dieses Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihren weiteren Projekten!

Das Interview führte Thomas Nussbaumer