Interview mit Stephan M. Rother

Wenn der Veranstalter einer Lesung angesichts des Romans Drohungen erhält, gehe ich davon aus, dass ich ein recht realistisches Szenario entworfen habe.

Phantastik-Couch.de: Herr Rother, Sie sind ja eigentlich ein Historiker vom Fach. Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, „Die letzte Offenbarung“ zu schreiben? Was war der Auslöser?

Stephan M. Rother: Wenn ich ganz ehrlich bin, war es tatsächlich eine Art Offenbarung. Oder je nach Geschmack eine Wahnsinnsidee, die plötzlich da war, auf der Rückfahrt von einem Auftritt nachts auf der A2 zwischen Beckum und Bielefeld. Gar nicht so weit von der Heimat der Bertelsmann-Gruppe. Passt auf gespenstische Weise. Als ich mit der Idee („Stell Dir vor, Jesus wäre homosexuell gewesen!“) zu meiner Frau kam, hat sie mich umgehend für verrückt erklärt.

Phantastik-Couch.de: Welche Quellen haben Sie für die Recherche für den Roman genutzt?

Stephan M. Rother: Das war eine Herausforderung. Für das, was in der „Letzten Offenbarung“ geschrieben steht, habe ich versucht, zweitausend Jahre Theologiegeschichte auszublenden. Jesus und der Apostel Johannes kannten keinen Tertullian, Augustinus oder Thomas von Aquin. Das direkte Zeugnis ihrer Welt sind die Evangelien des Neuen Testaments und die hellenistisch geprägte Umwelt des vorderen Orients im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Das waren die Quellen, auf die es für den Offenbarungstext ankam. Ganz anders sah das bei der modernen Amadeohandlung aus. Die römisch-katholische Kirche hat ja konkrete Standpunkte zum Umgang mit Homosexuellen formuliert. Dass Homosexualität eine Veranlagung (konkret ist die Rede von „Anomalie“) ist, wird mittlerweile akzeptiert. Streng verboten ist allerdings, diese Veranlagung auszuleben. Das wäre eine schwere Sünde gegen die Keuschheit. Entsprechend hat sich der heutige Papst – damals Vorsitzender der Kongregation für den Glauben – in den Jahren 1992 und 2003 in offiziellen Schreiben geäußert.

Phantastik-Couch.de: Haben Sie auch mit katholischen Geistlichen über die Thesen, die sie im Roman aufstellen, diskutiert?

Stephan M. Rother: Wir haben natürlich im Freundeskreis diskutiert. Auch mit Geistlichen und gläubigen katholischen Christen. Ein katholischer Geistlicher war, so weit ich mich erinnere, nicht dabei.

Phantastik-Couch.de: Als Restaurator benötigt man viel Geduld und Feingefühl, analytisches und systematisches Denken, ebenso als Schriftsteller – Ist Ihnen die Figur, die sie mit Amadeo Fanelli konzipiert haben, als „alter Ego“ bekannt?

Stephan M. Rother

Stephan M. Rother: Amadeo ist mir schon sehr nahe, als Mensch wie als Gelehrter. Mit Sicherheit ist er der größere Intellektuelle von uns beiden. Darüber hinaus halte ich es für legitim, den Roman auch als Spiel mit sexuellen Stereotypen zu verstehen, mit Amadeo, der als Mann auf Ratio setzt und Rebecca, die stärker für die Intuition steht. Auf der anderen Seite erinnert sie unseren Restaurator ja nicht ohne Grund an das Flintenweib Lara Croft – da wird dann manches Vorurteil wieder gebrochen.

Phantastik-Couch.de: Die letzte Offenbarung ist ihr Debütroman im Genre „Thriller“. War es anstrengender und vielleicht auch interessanter, einen Thriller zu schreiben, als einen Fantasyroman?

Stephan M. Rother: Mit Genres tu ich mir immer ein wenig schwer. Als „Die letzte Offenbarung“ entstand, hatte ich auch wenig aus dem Kirchenthriller-Genre gelesen – z.B. keine Seite Dan Brown. Da kenne ich bis heute lediglich die erste CD eines Hörbuchs. Ein Thriller sollte eine temporeiche Geschichte sein, denke ich, der man mit Spannung folgt. Wenn sich das in „Die letzte Offenbarung“ so ergeben hat, freut mich das natürlich. Ich glaube aber, dass das in Fantasy- oder Urban-Fantasy-Veröffentlichungen nicht weniger der Fall ist. Doch sicherlich ist dort der Atem ein anderer.

Phantastik-Couch.de: Warum haben Sie einen Mystery-Thriller geschrieben der sich mit dem Vatikan, überhaupt der Religion beschäftigt? Weil es gerade im Trend liegt?

Stephan M. Rother: Religion, die Begegnung des Menschen mit Gott, gehört in meinen Augen zu den aufregendsten Themen überhaupt. Doch das ist überzeitlich, losgelöst von jedem Trend. Allerdings hat uns der aktuelle Trend sicherlich geholfen, einen der großen deutschen Verlage für unser Projekt zu begeistern.

Phantastik-Couch.de: Sind sie ein gläubiger Mensch?

Stephan M. Rother: Ich bin ein spiritueller Mensch.

Phantastik-Couch.de: Was glauben Sie würde passieren, wenn ihr Roman zur Realität werden würde? Wie würde sich ihrer Meinung nach die Kirche verhalten?

Stephan M. Rother: Es wäre mit Sicherheit eine Herausforderung für die Kirche. Damit hätte ich es bis vor einigen Tagen bewenden lassen. Nur erlebe ich jetzt mit Entsetzen, was passiert, wenn eine Lesung aus meiner „Offenbarung“ angesetzt wird. Wenn der Veranstalter schon angesichts eines Romans Drohungen erhält, gehe ich davon aus, dass ich ein recht realistisches Szenario entworfen habe. Es sei übrigens angemerkt, dass die realen Drohungen augenscheinlich nicht aus offiziellen Kirchenkreisen kamen.

Phantastik-Couch.de: Wird es gegebenenfalls eine Fortsetzung des Romans geben?

Stephan M. Rother: Sicher kein „Jesus II – Die Rückkehr“. Aber an einem neuen Abenteuer mit Amadeo Fanelli arbeite ich im Augenblick. Und ich kann versprechen: Die Bibel lässt ihn so schnell nicht los.

Phantastik-Couch.de: Lesen Sie selbst als Historiker „historische Romane“? Und wie „bewerten“ Sie diese?

Stephan M. Rother: Zuletzt habe ich wieder einmal die „Buddenbrooks“ gelesen. Dort wird aus der Perspektive der Jahre um 1900 ein Geschehen aus den Jahren 1835 bis 1877 berichtet. Zählt das? Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Grundsätzlich sollte man bei der Lektüre historischer Romane vor allem im Hinterkopf behalten, dass man aus ihnen nicht eigentlich etwas über die Vergangenheit lernen kann, sondern lediglich darüber, wie der jeweilige moderne Autor diese Vergangenheit wahrnimmt.

Phantastik-Couch.de: Jetzt, wo Sie selbst Romane schreiben, sind Sie da skeptischer, aufmerksamer geworden, wenn Sie selbst zu einem Buch greifen?

Stephan M. Rother: Ich habe ja auch schon als Lektor gearbeitet. Seitdem lese ich jedes Buch, ob Eigenveröffentlichung oder Fremdarbeit, automatisch auch mit Lektorenblick. Und ich habe jedes Mal das Gefühl, eine Menge zu lernen.

Phantastik-Couch.de: Was und welchen Autor lesen Sie besonders gerne? Haben Sie sich durch andere Autoren inspirieren lassen?

Stephan M. Rother: Ich hatte Thomas Mann-, Eco- und Tolkien-Phasen. In letzter Zeit auch immer mal ein wenig Genre, um jetzt doch mal zu begreifen, wie das überhaupt funktioniert. Ich bin mir nicht eigentlich sicher, ob ich der Erkenntnis näher gekommen bin. Grundsätzlich mag ich es, etwas zu lesen, das authentisch und echt ist. Wenn ich das Gefühl habe, der Autor gibt etwas von sich selbst. Ich persönlich bemühe mich darum.

Phantastik-Couch.de: Und abschließend: Wenn der Mensch Stephan Rother drei Wünsche an die Zukunft frei hätte, welche wären das?

Stephan M. Rother: Dann würde ich mir wünschen, meine Fähigkeit zu lernen zu behalten. Und bitte nicht die drei größten Wünsche sofort zu erfüllen. Es würde dann doch ziemlich langweilig, das Leben.

Das Interview führte Michael Sterzik