Interview mit Susanne Gerdom

„Jedes gute Märchen ist “all Age„. Märchen waren ursprünglich keine Kindergeschichten, sondern für ein erwachsenes Publikum gedacht.“

Susanne Gedom kennen wir als Autorin der epischen Fantasy, z.B. durch ihre „Elben“-Bücher „Elbenzorn“ und „Die Seele der Elben“. Mit „Der Nebelkönig“ kehrt die Autorin zu ihren Wurzeln zurück, dem Spiel mit verschiedenen Realitäten. Wie dieses Fantasymärchen entstanden ist und was sie über die Zukunft der Fantasy denkt, erzählte uns Susanne Gerdom im Interview.

Phantastik-Couch.de: Nach zwei Elbenromanen in der Tradition der High-Fantasy hast Du nun mit „Der Nebelkönig“ ein – ja was eigentlich? Wie würdest Du selbst den Roman beschreiben?

Susanne Gerdom: Was für ein Glück, dass ich das Etikett dazu nicht finden muss. Ein Märchen? Einen fantastischen Roman mit Märchenelementen? Einen Fantasyroman. Das ist es, was ich eigentlich an der Fantasy so liebe: dass sie eben nicht nur Platz für High Fantasy bietet, sondern einen Haufen anderer Zimmer, Säle, Dachböden, Keller und Innenhöfe. Wie so ein altes Herrenhaus …

Phantastik-Couch.de: Der Verlag Ueberreuter gibt für „Der Nebelkönig“ eine Altersempfehlung von „ab 14 Jahren“ an. Somit gehört der Roman auch in den Jugendbuchbereich. War das beabsichtigt oder hat sich das aus der Geschichte eher zufällig ergeben?

Susanne Gerdom: Ich hatte dieses Projekt schon länger am Start (und zwischendurch auch immer wieder in der Schublade). Es war von Anfang an weder ein reines Jugend- noch ein echtes Erwachsenenbuch. Die „All Age-Bewegung“ kam dafür gerade zur rechten Zeit.

Phantastik-Couch.de: Mich hat „Der Nebelkönig“ ein wenig an Neil Gaimans „Coraline“ erinnert. Beide Geschichten empfinde ich eigentlich nicht als Jugendliteratur, sondern eher als alterslose Märchenerzählungen. Siehst du das auch so?

Susanne Gerdom

Susanne Gerdom: Ja. ;-) Ich muss zugeben, dass ich weder „Coraline“ noch das „Graveyard-Buch“ gelesen habe, obwohl beide Bücher ganz oben auf meiner Liste stehen. Ich bin Gaiman-Fan, kenne aber bisher seine Jugendbücher nicht. (Na gut, bis auf „Stardust“, das war ja auch schon ein sehr märchenhaftes, eher jugendliches Thema.) Aber jedes gute Märchen ist „all Age“. Märchen waren ja ursprünglich auch keine Kindergeschichten, sondern für ein erwachsenes Publikum gedacht. Ich mag Märchen generell und Märchenelemente gehören für mich durchaus auch in „erwachsene“ Fantasyromane.

Phantastik-Couch.de: Wie kam es dazu, dass „Der Nebelkönig“ nun von Ueberreuter herausgebracht wurde, nachdem die „Elbenromane“ bei Piper erschienen sind?

Susanne Gerdom: Nachdem sich der Nebelkönig tendenziell als Jugendbuch anbot (und ich keine Lust hatte, ihn mühsam auf „erwachsen“ zu basteln), habe ich mich riesig gefreut, als Joanna Storm mit Begeisterung auf das Konzept ansprang. Ich hatte vorher mit Ueberreuter schon zu tun (die letzten beiden wunderschönen Hohlbein-Anthologien „Fantastische Weihnachten“ und „Fantastische Kreaturen“ sind mit jeweils einem Beitrag von mir erschienen), von daher hatte ich sehr große Lust, auch mal ein größeres Projekt mit Joanna Storm zu realisieren. Die Zusammenarbeit war dann auch überaus erfreulich und konstruktiv und ich darf mit Freude vermelden, dass gerade der nächste Ueberreuter-Titel in Arbeit ist: Das „Zaubertheater“.

Phantastik-Couch.de: In „Der Nebelkönig“ spielst Du ja mit den Ebenen Realität und Fiktion und auch mit der Identität einiger Charaktere. Was hat dich daran gereizt?

Susanne Gerdom: Gereizt hat mich das Spiel mit Ebenen, Realität, Fiktion und der Ideen …Also, die Frage beantwortet sich ja geradezu selbst. Wenn ich auf das zurückschaue, was ich bisher geschrieben habe, dann ist genau das ein zentrales Thema für mich. (Wer meine „Frühchen“ kennt, weiß, was ich meine: „Ellorans Traum“ und die „Anida“-Trilogie drehen sich auch im Kern um nichts anderes.) Was ist Realität, was ist die eigene oder eine fremde Sicht darauf, was ist nur eine Vermutung von Realität (in so etwas leben wir alle, möglicherweise sieht der eine oder andere in einem erleuchteten Moment mal einen größeren Ausschnitt der „kompletten“ Realität), wer bin ich, für wen halten alle anderen mich, inwiefern trifft das Bild, das ich mir von einem anderen Menschen mache, überhaupt zu …eigentlich alles ganz alltägliche Themen. In der Fantasy dreht man die Schraube dann halt nur ein wenig weiter.

Phantastik-Couch.de: War das „Verstecken“ der wahren Realität der Figuren als Menschen, Tiere und Gestaltwandler als eine Art Verwirrspiel für den Leser gedacht?

Susanne Gerdom: Hm. Ja und nein. Ich habe Sallies Welt und das Geschehen darin aus ihren Augen gesehen und mit ihrer Stimme beschrieben, und für Sallie besteht ja überhaupt kein Unterschied. Kaltrina, die Katze und Uhl, die Eule, sind für sie keine andersgearteten Individuen als die Menschen im Haus. Sie redet mit ihnen, sie lernt von ihnen, sie ist eine von ihnen. Natürlich hätte ich trotzdem für die LeserInnen verdeutlichen können, dass Sallie gerade mit einer Katze redet (was aber nicht gerade wenigen ganz von selbst aufgefallen ist). Da war ganz klar bei mir auch der Spaß am Rätsel und am Verwirrspiel beteiligt.

Phantastik-Couch.de: Gibt es ein oder mehrere Vorbilder für die Hauptfigur Sallie, den unheimlichen Apotheker oder gar für den unheimlich-faszinierenden Schauplatz?

Susanne Gerdom: Nicht bewusst, nicht, dass ich wüsste. Abgesehen von all den Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe, und deren Personal und Schauplätze bei mir sicherlich auch Spuren hinterlassen haben. Wer Ähnlichkeiten findet, darf sich freuen – und sie behalten.

Phantastik-Couch.de: Wie hast Du das Herrenhaus konzipiert? Hast du eine Skizze gezeichnet?

Susanne Gerdom: Wenn ich anfange, Skizzen zu zeichnen, geht das komplett nach hinten los. Ich habe mir aber wirklich gründliche Notizen gemacht, welchen Gebäudeteil ich in welcher Relation zu anderen Gebäudeteilen beschrieben habe. Und dann habe ich einen großen Knoten gemacht, die vierte Dimension dazugenommen, das Haus einmal gefaltet und wieder ausgebreitet und ein Möbiusband draus geklebt. Sonst wäre es ja nicht groß und unübersichtlich genug gewesen.

Phantastik-Couch.de: Welche Projekte liegen derzeit bei dir auf dem Schreibtisch? Wird es mehr aus der Elbenwelt geben oder planst du etwas völlig anderes?

Susanne Gerdom: Die Elbenwelt ist vorerst abgeschlossen. Das Elfenland hat noch einen Besuch von mir abgestattet bekommen, die Fahnen dafür liegen gerade auf meinem Tisch und werden bearbeitet. Es trägt den Titel „Sturm im Elfenland“, ein Jugendbuch, das bei ArsEdition erscheinen wird. Es ist, soviel darf ich sagen, spannend geworden und dürfte auch dem einen oder der anderen Erwachsenen Spaß machen. Ich freue mich auf sein Erscheinen! Dann arbeite ich, wie gesagt, am nächsten „All Ager“ für Ueberreuter, danach schreibe ich wieder für Piper – also mal wieder etwas „Erwachsenes“ – worauf ich mir sehr freue: „Projekt Armageddon“ ist der Arbeitstitel, und es wird KEINE High Fantasy, sondern eher gaimanesk.

Phantastik-Couch.de: Wie steht es aus deiner Sicht um die Zukunft der deutschen Fantasy? Sind Hypes, wie der der „Romantasy“, eher nützlich oder hinderlich für ihre Entwicklung?

Susanne Gerdom: Ich habe keine Ahnung, ich schreibe den Kram schließlich nur. Die Frage kann aber wahrscheinlich noch nicht mal der Buchhandel oder die Verlagswelt abschließend beantworten. Die stochern doch auch nur 'rum, versuchen den nächsten Hype rechtzeitig zu erwischen (oder, noch besser, anzustoßen) und freuen sich über gute Verkaufszahlen. Und die liefert im Moment die Romantasy im Kielwasser der „Twilight“-Romane ganz sicher. Romantasy erfüllt so ein weibliches Grundbedürfnis nach Romantik, edlen Helden (die auch gerne mal ein bisschen düster sein dürfen, dann haben sie mehr Sexappeal) und der Heldin, die ungestraft an eine starke Schulter sinken darf und einem garantierten Happy End. Das ist wie mit den vielgescholtenen Heftromanen, die ja auch alle nach dem Strickmuster funktionieren. Die berufstätige und sehr oft doppelbelastete Frau kann sich damit großartig entspannen (wie auch mit „Desperate Housewives“ oder „Sex and the City“ usw.) und die noch in der Pubertät steckenden Mädchen lieben es auch gerne mal heileweltmäßig und romantisch, Probleme haben sie selbst genug. Also wird damit ein recht großer Markt angesprochen – wenn man noch dazu bedenkt, dass Frauen und Mädchen mehr und öfter lesen als Männer und Jungs.

Das Ganze hat aber für mein Gefühl mit dem Genre Fantasy null Komma nichts zu tun. Wenn ich es vergleichen würde, dann mit den Sachen, die Cora und Bastei als Heftchen herausgeben. Und da ist es nicht besser und nicht schlechter, allenfalls umfangreicher.

Und die deutsche Fantasy? Sie blüht, wächst und gedeiht. Wenn ich mir anschaue, wieviele deutsche AutorInnen inzwischen mit spannenden und guten Büchern auf dem Markt sind, freue ich mich wie Bolle. Das sah vor zehn Jahren, als „Ellorans Traum“ unter einem amerikanischen Pseudonym erscheinen musste, noch ganz anders aus!

Phantastik-Couch.de: Danke, Susanne, für das Interview!

Das Interview mit Susanne Gerdom führte Eva Bergschneider