Interview mit Susanne Gerdom

„Ich stecke in jeder meiner Figuren (auch in den fiesen …*g*).“

Mit den Romanen Anidas Prophezeiung, Das Herz der Welt und Die Schwarze Zitadelle schrieb sie sich ins Herz der Fantasy-Leser. Elbenzorn ist ihr langerwarteter neuer Roman. Carsten Kuhr sprach mit der Autorin Susanne Gerdom über ihre Werke.

Phantastik-Couch: Hallo Susanne, könntest Du Dich unseren Lesern einmal kurz selbst vorstellen.

Susanne Gerdom: Hallo Carsten. Wer bin ich? Ich fürchte, das ist eine Frage, die immer schwieriger zu beantworten ist, je älter man wird. In einem früheren Leben habe ich mal eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht, dann habe ich mich mit Theater beschäftigt (auf sehr unterschiedlichen Ebenen – vor, neben, hinter und auf der Bühne) und seit ein paar Jahren gehöre ich zu den Freiberuflern und schreibe. (Leider nicht nur Romane ....)
Meine Hobbies – ich lese (Leidenschaft Nummer eins, seit ich das Wort ";Buch” aussprechen konnte), ich schreibe, und außerdem mag ich Musik von Wagner bis Johnny Cash, liebe lange Spaziergänge und bin überzeugte Veganerin.

Phantastik-Couch: Vor Jahren erschien im Heyne Verlag eine Fantasy-Trilogie von Dir. Wie kam es damals zum Kontakt, wie hast Du den Weg vom Manuskript zum Buch erlebt, und wie die Reaktion der Leser?

Susanne Gerdom: Ah, meine „;Nummer Drei” …(Für meine ersten fünf Projekte – von denen bisher zwei veröffentlicht sind – hatte ich keine Titel, deshalb habe ich sie einfach durchnummeriert. Die Titelfindung ist auch jetzt noch etwas, was ich von Herzen gerne den fähigen Leuten im Lektorat überlasse – das haben die einfach besser drauf!)
Aber zurück zum Thema. Das war die AnidA-Trilogie, die eigentlich ein Einzelroman war. Ich hatte zuvor “Ellorans Traum„ bei Heyne veröffentlicht, damals noch unter dem Pseudonym “Frances G. Hill„. (Das war im Jahr 2000, und damals trauten die Verlage deutschen Autorennamen auf Fantasy-Covern noch nicht so richtig.) Elloran war zwar kein Riesenverkaufsschlager, ist aber sehr freundlich aufgenommen worden, und deshalb hat Friedel Wahren es gewagt, mir AnidA abzukaufen – mit der Auflage, aus dem dicken Manuskript eine Trilogie zu machen. Ich habe also irgendwo in der Mitte einen Schnitt gemacht – womit dann das erste Buch mit einem üblen Cliffhanger endete, das würde ich aus der heutigen Erfahrung ganz bestimmt nicht wieder tun! – und habe noch einen dritten Band “hinterhergeschrieben„.

Aber wahrscheinlich wolltest du das gar nicht wissen – die Frage ist ja immer: wie bringt man sein ERSTES Buch an den Verlag! Jaaaa – das ist ganz einfach. Man traut sich nicht, das selbst zu machen und schickt eine Freundin vor! Genauer gesagt: eine wirklich liebe Freundin hat das Manuskript gelesen und mich bekniet, dass ich es an Verlage schicke. Ich war aber der festen Überzeugung, dass das nichts bringen würde, und da hat sie einfach die Initiative ergriffen und bei bestimmt zehn oder zwölf großen Verlagen angerufen und gefragt, ob sie mein Manuskript begutachten möchten. Ich war so gerührt, dass sie sich diese Mühe gemacht hat, und die Reaktionen der Lektorate waren so freundlich, dass ich mich nicht länger sträuben konnte. Ich habe also mein Manuskript eingepackt und an vier Verlage geschickt.

Es hat dann ein bisschen gedauert, dann hatte ich einen Brief von Heyne im Kasten, dass sie das Manuskript herausgeben wollen. Ich habe so was immer für dichterische Übertreibung gehalten – aber in dem Moment hab ich Sternchen gesehen, mir ist die Luft weggeblieben und ich hab weiche Knie bekommen! Danach war ich erst einmal für längere Zeit auf Wolke 7. Etwas später habe ich dann erfahren, dass ein sehr, sehr positives Gutachten eines externen Lektors mir den Weg geebnet hat – dem hab ich dann gleich eine “Danke"-Mail geschickt und dadurch einen wirklich tollen, klugen Menschen kennen gelernt: Ralf Reiter (http://members.aol.com/rreiter66/). (Liebe Grüße von hier aus, Ralf – du bist schuld! *g*)

Phantastik-Couch: Die Frage nach Vorbildern und Einflüssen darf nicht fehlen.

Susanne Gerdom: Das ist eine wirklich schwierige Frage. Es gibt so viele unterschiedliche AutorInnen, die ich bewundere – und jede und jeder von ihnen hat ganz sicher Spuren hinterlassen. Ein direktes, benennbares Vorbild habe ich beim Schreiben nicht. Wie viele in meiner Generation habe ich alles gefressen, was in den Siebzigern und Achtzigern an Phantastik zu bekommen war. Das war ganz sicher mehr SF als Fantasy, die erlebte ihren Boom ja erst wesentlich später. Asimov, Heinlein, Bradbury, später Zimmer Bradley, natürlich Ursula LeGuin …die Liste ist endlos lang.

Phantastik-Couch: Welche Bücher liest Du selbst gerne, welche Autoren bewunderst Du und warum genau ausgerechnet diese?

Susanne Gerdom: Ich lese (Überraschung!) sehr gerne Phantastik. Daneben Krimis und gute Thriller, Kinderbücher und ab und zu auch mal einen ganz klassischen Roman. Ich bewundere: Terry Pratchett für alles! – Jane Austen und Charles Dickens für ihre schöne Schreibe und weil sie wussten, wie man spannende Geschichten erzählt, die von den Figuren leben; Stephen King, weil er in einem Genre, das ich normalerweise überhaupt nicht leiden kann, so großartige Bücher zustande bringt, Susanna Clarke für Jonathan Strange & Mr. Norrell, das für mich so ein Buch ist, nach dem ich eine Weile neidgrün und deprimiert herumlaufe; Diana Wynne Jones, die viel, viel witzigere Ideen hat und sie besser umsetzt als Joanne Rowling …oh, hast du Zeit mitgebracht?

Phantastik-Couch: Nach der Heyne Trilogie wurde es etwas still um Dich. Hattest Du keine Lust mehr zum Schreiben, oder warum hast Du pausiert, gerade als Fantasy aus deutschen Landen auf dem Vormarsch war?

Susanne Gerdom: Schlechtes Timing. Mir wird heute manchmal noch ganz flau, wenn ich daran denke, wie nah dran ich war, meinen winzig kleinen Zugang zur Welt der veröffentlichten Bücher wieder zu verlieren. Ich habe mich damals aber selbstständig gemacht, und das hat viel Zeit, Schweiß, Nerven und …ZEIT gekostet. Nebenbei zu schreiben ging erstaunlich gut neben meinem Halbtagsjob und dem anschließenden Dreivierteltag Theaterarbeit – zusätzlich zu einem 48-Stunden-Tag „Ich mache mich selbstständig“ ging es dann nicht mehr.

Phantastik-Couch: Wie kam es dann zum Kontakt mit Piper?

Susanne Gerdom: Als der Heyne-Verlag sein Fantasy-Programm an Piper abgab, konnte ich mir aussuchen, ob ich weiter bei Heyne bleiben wollte oder mit meinen vier alten Büchern zu Piper wechseln. Ich habe mich einfach bei Friedel Wahren – die ja inzwischen bei Piper die Phantastik aufgebaut hatte, mal gemeldet und gefragt, ob sie mich haben will. Sie hat sehr nett darauf reagiert und mich gleich gefragt, ob ich Lust hätte, etwas über Elben zu schreiben. An dem Punkt stand mein Entschluss, zu Piper zu wechseln – heim zu „Mama“ – dann kurz mal auf der Kippe …Elben waren mir doch als Thema eher fremd.

Phantastik-Couch: War gleich klar, dass Du einen Roman zu einem der Fantasy-Völker beisteuern würdest? War das Deine Idee, oder kam der Anstoss von Seiten des Verlages?

Susanne Gerdom: Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen! Wenn mich jemand das gefragt hätte, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt und gesagt, dass es schon so dermaßen viele Bücher gibt, die auf Tolkiens grünen Auen grasen, dass garantiert kein Mensch mehr NOCH so ein Buch lesen möchte. Schon gar nicht über Spitzohren …(Ich selbst hatte zu Elben oder Elfen überhaupt kein Verhältnis, konnte mir auch nicht vorstellen, dass der Markt gerade mit diesem nicht längst übersättigt ist.) Na gut, ich habe mich eines Besseren belehren lassen …

Phantastik-Couch: War es gleich klar, dass der Roman als grossformatiges Paperback mit entsprechender Werbebegleitung herauskommen würde?

Susanne Gerdom: Ja, das stand von Anfang an fest. Das hat den Stress, den ich nach der langen Schreibpause ohnehin hatte, nicht gerade vermindert. Ich hatte die ersten Wochen des Schreibens erhöhten Blutdruck, glaube ich. Dann hatte ich mich mit meinen Figuren angefreundet, das Schreiben lief wieder, wie ich es gewohnt war. Den „Erwartungshorizont“ hab ich einfach verdrängt, wenn man das als Autorin beim Schreiben nicht kann, ist man paralysiert.

Phantastik-Couch: Was ist der Unterschied zwischen einem Elben und einem Elfen?

Susanne Gerdom: Da ist keiner, außer dass Tolkien großen Wert darauf gelegt hat, dass in der deutschen Übersetzung seines „Lord of the Rings“ die „Elves“ mit „Elben“ übersetzt wurden. Er wollte die Assoziation „klein, niedlich, geflügelt, hocken in Blumen herum“ à la Rackham (oder noch kitschiger) unbedingt vermeiden.

Phantastik-Couch: Mit »EIbenzorn« hat Du ein munteres Fantasy-Abenteuergarn vorgelegt, das Ansätze für Se- und Prequels zuhauf bietet – wie sieht es hier aus, ist etwas spruchreif?

Susanne Gerdom: Danke für das „muntere Garn“, das gefällt mir als Beschreibung sehr gut! Oh ja, ich stecke schon mittendrin. Der Arbeitstitel ist „Elbendieb“, und es handelt sich um ein Prequel. Wer „Elbenzorn“ gelesen hat: Mittendrin ist mir ein Protagonist desertiert, der offenbar keine Lust mehr hatte, mitzuspielen, und der muss für diese Arbeitsverweigerung jetzt noch mal richtig ran. Als Erscheinungstermin ist Herbst 2008 geplant.

Phantastik-Couch: Besonders gefallen hat mir Deine Idee, Schiffe mitten in der Wüste mittels Zauberer eine wassergefüllte Fahrrinne zu verschaffen. Wie kamst Du auf diese ungewöhnliche Idee?

Susanne Gerdom: Ich glaube, ich konnte mich nicht entscheiden. Ich wollte eine Hafenstadt (ich liebe Hafenstädte und das Meer!), hatte aber die ganze Zeit auch klare Bilder von Wüste und Wüstenbewohnern vor Augen. Das kommt ja nicht so gut zusammen. Dann habe ich in irgendeiner Zeitschrift wunderschöne Fotos von Wüstenlandschaften gesehen, und eins davon sah wirklich aus wie zu Sand gewordene Dünung. Ich glaube, das hat den endgültigen Auslöser gemacht. Der Rest ist dann von alleine passiert.

Phantastik-Couch: Welche Deiner Personen ist Dir besonders ans Herz gewachsen und warum?

Susanne Gerdom: Trurre, der Zwerg. Warum? Ich weiß nicht, er fing mitten im Manuskript an, ein ganz besonders starkes Eigenleben zu entwickeln. Ich habe mich richtig bremsen müssen, damit ich das Elbenprojekt nicht verlasse und statt dessen Trurres wildbewegte Geschichte schreibe. Dabei hätte ich vorher auf die Frage „Möchten Sie mal ein Buch über Zwerge schreiben?“ wahrscheinlich mit einem vernehmlichen „Würg“ geantwortet!

Phantastik-Couch: Wie viel von Susanne Gerdom steckt in Iviidis?

Susanne Gerdom: Hm. Ich stecke in jeder meiner Figuren (auch in den fiesen …*g*.) Bei Iviidis ist es wohl die Abneigung gegen alles Förmliche und Formelle, ich hasse es genau wie sie, mich für irgendeinen Anlass besonders „fein“ machen zu müssen, und meine nähere Umgebung bestätigt mir, dass ich genau wie sie ein bisschen was vom zerstreuten Professor habe, wenn ich mit einer Sache beschäftigt bin.

Phantastik-Couch: Wie erlebst Du den Kontakt mit Deinen Lesern – gibt es hier Anstösse, Ideen oder Wünsche, die Du dann in Deine Romane einfliessen lässt?

Susanne Gerdom: Jetzt, bei diesem Buch, erlebe ich den Kontakt sehr intensiv und ich stecke auch einigermaßen viel Zeit in den Austausch mit meinen LeserInnen. Das ist eine sehr spannende und sehr stimulierende Erfahrung – ich habe zum Beispiel gerade eine Leserunde (bei Leserunden.de) hinter mir, in der ich sehr viel über mein Buch erfahren habe ;-). Das bringt mich alles beim Schreiben weiter. Und Ideen, Anstöße, sogar explizite Wünsche (so weit das möglich ist) in meine Arbeit einfließen zu lassen, ist für mich eine neue Erfahrung, aber eine, die ich als sehr spannend empfinde. Ein Experiment, das ich im Moment mache: ich baue einen Leser als Figur in das neue Buch ein. Er hat das als Hauptpreis in einem Wettbewerb gewonnen, den ich unter den Fittichen der Zeitschrift „Nautilus“ ausgeschrieben hatte. Das war sehr lustig und hat mich zu einer Figur inspiriert, auf die ich auf anderen Wegen nicht gestoßen wäre. Ich liebe solchen Input!

Phantastik-Couch: Welche Personen stehen bei Deinen Fans am höchsten im Kurs?

Susanne Gerdom: Trurre (na so was! *g*), Lluigolf und Iviidis. Rutaaura ist zu spröde und zu kühl, um Lieblingsfigur zu sein. Auch nicht unbedingt meine, wie ich hinzufügen möchte. Aber sie hat ihren Job trotzdem gut gemacht.

Phantastik-Couch: Vielen Dank, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir alles Gute.

Susanne Gerdom: Ich danke Dir für deine interessanten Fragen und wünsche allen LeserInnen weiter ganz viel Vergnügen mit all den wunderbaren Büchern, die es auf der Welt gibt!

Das Interview wurde durchgeführt von Carsten Kuhr