Interview Tad Williams

„Winzig kleine Leute sind interessanter und heldenhafter“

Der amerikanische Fantasy-Autor Tad Williams kann sich über mangelnde Auslastung nicht beklagen. Phantastik-Couch.de hat er verraten, woran er gerade arbeitet und dass er gerne ein Ork wäre – im Film.

Phantastik-Couch: Tad, woran arbeitest du gerade?

Tad Williams: Ich schreibe zurzeit „Shadowrise“, das die in „Shadowmarch“ begonnene und in „Shadowplay“ weitergeführte Geschichte beenden wird. Meine Frau Deborah Beale und ich haben gerade dafür unterschrieben, eine mindestens fünf Bände umfassende All-Age-Serie namens „Ordinary Farm“ zu verfassen. Wir sind im Moment dabei, mit „The Dragons of Ordinary Farm“ den ersten Teil fertig zu stellen. Daneben arbeite ich an einem kurzen Roman, der auf dem Nibelungenlied basiert – voraussichtlich wird der renommierte Maler Paul Storey Illustrationen dafür anfertigen – und ich plane die nächsten Romane.

Und ich stecke im Moment bis über beide Ohren in Comics: Ich schreibe „Aquaman“ und eine Miniserie für DC Comics, die ich mir ausgedacht habe, sie heißt „The Factory“. DC Comics sind die Leute, die Superman und Batman herausbringen.

Tad Williams

Oh, und als Berater bin ich an der Entwicklung eines MMO (Massive Multiplayer Online Game, ein internetbasiertes Computerspiel, an dem bis zu mehrere tausend Spieler gleichzeitig teilnehmen können, Anm. des Übersetzers) beteiligt, das auf „Otherland“ basiert.

Meine Frau und ich sind auch noch mit einem weiteren All-Ages-Buch beschäftigt, „Urchin’s Luck“. Wahrscheinlich habe ich ein paar andere Dinge vergessen. Mit anderen Worten, ich bin ziemlich beschäftigt.

Phantastik-Couch: Und jetzt die einzige Homestory-Frage: Was siehst du, wenn du aus dem Fenster deines Arbeitszimmers blickst – Berge, Wiesen oder das Meer?

Tad Williams: Wir leben in den Ausläufern der Santa Cruz Mountains (Bergkette in Kalifornien zwischen San Francisco und Salinas, Anm. des Übersetzers). Wenn ich aus dem Fenster meines Büros schaue, sehe ich unseren Hügel, wie er mit Redwood-Bäumen bedeckt in unserem Garten aufsteigt. Das sieht sehr schön aus und ist bei weitem die netteste Aussicht, die ich jemals beim arbeiten hatte.

Phantastik-Couch: Mit Epen wie „Osten Ard“, in der Mitte „Otherland“ und jetzt „Shadowmarch“ in deiner Bibliographie, sieht es aus als wärst du ein Fantasyautor, der einen Ausflug in die Science Fiction gemacht hat und nun zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Wie würdest du deine Genre-Geschichte beschreiben?

Tad Williams: Als ich aufwuchs, kamen die meisten meiner Lieblingsautoren aus der Fantasywelt, und sie waren fröhlich dabei, die Genregrenzen in beide Richtungen zu überschreiten, ohne sich groß darum zu kümmern, in welche Kategorie ihre Werke einsortiert würden. Ray Bradbury, Theodore Sturgeon, Michael Moorcock, Fritz Leiber, Ursula K. LeGuin, Roger Zelazny, Harlan Ellison, P.K. Dick – keiner von ihnen hat sich wirklich um Genre geschert, außerhalb des generellen Phantastik-Genres.

So bin ich auch, glaube ich. Außer, dass meine Bücher länger sind, weshalb man das Hin-und-Her-Muster schwerer erkennen kann. Die Verlage stehen heutzutage auch unter einem gewissen Druck, deine Arbeit zu definieren und sie an ein vorab ausgewähltes Subgenre-Publikum zu verkaufen.

Phantastik-Couch: Was ist besonders an der Shadowmarch-Trilogie und worin unterscheidet sich am meisten von „Osten Ard“ und „Otherland“?

Tad Williams: In den Shadowmarch-Büchern geht es eigentlich um zwei Dinge: Die Unausweichlichkeit von Familienidentität und den andauernden Einfluss der historischen Vergangenheit. Im Allgemeinen versuche ich, keine meiner Arbeiten zu stark zu definieren. Sie haben viele Ebenen und viele Themen, aber entweder sie funktionieren als reine Geschichte oder sie tun es nicht. Deshalb versuche ich, das zur ersten und zugänglichsten Eigenschaft jedes meiner Werke zu machen.

Phantastik-Couch: Ursprünglich war „Shadowmarch“ als Fernsehproduktion vorgesehen, dann wurde aus dem Epos eine Internet-Serie. Was war die Idee dahinter und warum wurde schließlich ein Buch daraus?

Tad Williams: Die Fernsehsache musste ich abschreiben, weil niemand von den TV-Leuten Fantasy begriffen hatte. Ein Typ sagte sogar „Es gibt doch schon ´Xena´ – warum sollte irgendjemand noch eine Fantasy-Serie haben wollen?“ Jetzt bringe ich es als Buch heraus, weil ich die Geschichte fertig schreiben will – ich will eben auch wissen, wie sich die Dinge entwickeln – und ich es mir nicht leisten konnte, Geld dabei zu verlieren, wenn ich sie als Online-Serie poste.

Phantastik-Couch: Hast du speziell an jüngere Leser gedacht, als du die Hauptfiguren Briony und Barrick entwickelt hast?

Tad Williams: Junge Charaktere sind in der Fantasy immer interessant, weil sie dem Autor die Chance zur Leserinformation geben, während die jungen Charaktere selbst auch lernen. Außerdem kann man ihnen leichter für Fehler vergeben, somit ist unsere Unterstützung für sie elastischer und gesteht ihnen eine höhere Fehlerrate zu – was üblicherweise zu interessanten Wendungen in der Handlung führt.

Phantastik-Couch: Die „rooftoppers“ erinnern entfernt an Märchenfiguren wie den Däumling oder „Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf. Gibt es Vorbilder, die die Entwicklung der „rooftoppers“ angeregt haben?

Tad Williams: Oh, sie stehen auf alle Fälle in Tradition des „Wee Folk“, der kleinen Leute in der westlichen Folklore. Ich habe natürlich Däumeling und Däumelinchen benutzt, aber neben vielen anderen auch „The Borrowers“, die in der englischsprachigen Welt sehr bekannt sind (Roman von Mary Norton, UK 1952, Anm. d. Übers.). Mir gefällt einfach die Vorstellung winzig kleiner Leute, ich finde sie viel interessanter und heldenhafter, falls sie nicht schon an sich „magisch“ sind.

Phantastik-Couch: Wird sich das Sklavenschicksal der „Funderlings“ langfristig ändern?

Tad Williams: Ich glaube nicht, dass die „Funderlings“ Sklaven sind, sondern eher Mitglieder einer Gilde und somit wertvolle Wissen bewahren. Aber sie sind natürlich irgendwie gettoisiert, weil sie anders sind. In dieser Hinsicht geht es ihnen wie vielen Minderheiten in vergleichbaren Situationen.

Phantastik-Couch: Wie eng ist deine Zusammenarbeit mit den Übersetzern von „Shadowmarch“, Cornelia Hohlfelder von der Tann und Hans-Ulrich Möhring („Otherland“)?

Tad Williams: Meine deutschen Übersetzer sind immer die vorsichtigsten und neugierigsten von all meinen Übersetzern gewesen – sie stellen sehr viele Fragen. Herrn Möhring kenne ich schon seit vielen Jahren, und er ist zu einem guten Freund geworden.

Phantastik-Couch: Gut, dann lass uns zur Meta-Diskussion übergehen: Was würdest jemanden erwidern, der behauptet, dass Fantasy Literatur minderer Güte sei?

Tad Williams: Es ist wichtig, zwischen Fantasy (Literaturgenre) und Fantasy (kommerzielles Genre) zu unterscheiden. Jedes Genre, das sich so gut verkauft, wie Fantasy, zieht eine Menge mittelmäßiger Texte an, um die Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen. Deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn man sagt, dass es viele nicht so gute Texte im Genre gibt – für ein kommerzielles Genre ist das schon fast die Definition.

Falls genug Leute, besonders junge Leser mit ungeformtem Geschmack, viel „literarische“ Belletristik kaufen würden und dadurch ein Verkäufermarkt für Schriftsteller entstünde, gäbe es ebenso viel richtig dumme „literarische“ Belletristik. (Dumme „literarische“ Belletristik gibt es auch so schon, aber die Nachfrage ist so gering, dass kaum ein Markt entstehen kann.) Betrachtet man Fantasy als literarisches Genre, dem der kommerzielle Bereich, all die „magischen Realisten“ und diejenigen angehören, die sich der Themen des Gebietes bedienen, aber bei aller Ähnlichkeit nicht mit dem Kommerz in Verbindung gebracht werden wollen, dann erkennt man, das sie so stark und kunstvoll ist, wie jede Art von Belletristik.

Phantastik-Couch: Kannst du dir vorstellen, etwas völlig anderes zu schreiben, zum Beispiel „Whodunnit“-Krimis? Was würdest gerne schreiben, abgesehen von Science Fiction und Fantasy?

Tad Williams: Ich kann mir vorstellen, fast alles zu schreiben, von Krimis bis zu historischen Romanen. Tatsächlich habe ich zukünftig vor, noch mehr Teile anderer Genres in meine Arbeit einfließen zu lassen. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen, und je mehr Werkzeuge ich dafür habe, umso besser.

Phantastik-Couch: Würdest du es noch einmal mit dem Internet probieren? Vielleicht mit mehr interaktiven Eigenschaften, Rollenspielen oder gar „Second Life“?

Tad Williams: Wie gesagt, ich arbeite mit einigen Leuten zusammen, die ein MMO von „Otherland“ entwerfen, und ich habe eine Menge Ideen, wie man daraus mehr als nur ein Spiel machen kann. Was das veröffentlichen von Geschichten angeht, ja, ich würde es gerne noch einmal probieren. Und ich werde es auch, wenn ich einen anderen interessanten Weg finde, es zu tun. (und Zeit...!)

Phantastik-Couch: Da wir gerade über andere Medien sprechen: Wie hat dir das „Otherland“-Hörspiel gefallen? Hast du es dir so vorgestellt?

Tad Williams: Ich fand es GROSSARTIG und dass Walter Adler mit allen, die daran beteiligt waren, eine wunderbare Arbeit abgeliefert haben. Und nein, es klingt nicht genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber das ist das schöne an Künsten, die zusammenarbeiten – es wird mehr als die Summe seiner Teile. Ich WOLLTE, dass es sich anders anhört, als ich erwartet habe. Auf diese Weise konnte ich es auch genießen, und zwar richtig.

Phantastik-Couch: Falls eines deiner Bücher verfilmt würde, würdest eine Gastrolle übernehmen, als Hofnarr oder Bote? Als du vor einigen Jahren in Köln aus „Der Blumenkrieg“ gelesen hast, schimmerte schon ein gewisses Schauspieltalent durch …

Tad Williams: Oh, ich bin nur ein Gesichtsvermieter, das kommt von früher. Und ich bin sicher, dass irgendetwas von mir irgendwann verfilmt wird, falls ich danebenliege, ist es auch in Ordnung. Ich würde gerne eine Gastrolle übernehmen, am liebsten als Monster oder so. Wenn ich Orks in meinen Geschichten hätte, wäre ich ein Ork.

Phantastik-Couch: Wenn der letzte „Harry Potter“ veröffentlicht wird, schaltet man eine Telefon-Hotline für möglicherweise geschockte Leser. Kannst du mit diesem Hype etwas anfangen? Wirst du vielleicht am 20. Juli 2007 vor einem Buchladen kampieren, um pünktlich um Mitternacht eine Ausgabe von HP7 zu ergattern?

Tad Williams: Mein Sohn macht das vielleicht, aber obwohl mir die Geschichten sehr gut gefallen, bin ich doch nicht Fan genug, so etwas zu tun. Eigentlich bin ich heutzutage kein wirklicher Fan von IRGENDWAS: Falls die Beatles wieder zusammen kämen – inklusive John und George aus ihren Gräbern – ich glaube, ich würde mich nicht drei Tage und Nächte hintereinander an eine kalte Straßenecke hocken, um Eintrittskarten zu bekommen. Ich würde versuchen, sie auf dem Schwarzmarkt zu bekommen.

Phantastik-Couch: Letzte Frage: Was können deine Fans nach „Shadowrise“ von dir erwarten?

Tad Williams: Neben den Projekten, die ich schon erwähnt habe, möchte ich nach wie vor meine „Osten Ard“-Kurzgeschichtensammlung schreiben. Ich plane auch noch zwei andere Zukunftsprojekte, die die Arbeitstitel „And Ministers of Grace“ und „Arjuna rising“ tragen. Das erste ist ein Thriller über einen kalten Krieg zwischen Himmel und Hölle (ein Engel wird auf die Erde zurückgeschickt, um mit der widerstrebenden Hilfe verschiedener Dämonen ein Verbrechen aufzuklären), das andere ein Science-Fiction-Epos über einen Galaxis weiten Kampf zwischen Vernunft und Glauben – mit genetisch aufgerüsteten Superhelden.

Und ein paar andere Dinge, die mir aber gerade nicht einfallen …

Phantastik-Couch: Tad, vielen Dank für dieses Gespräch!!

Dieses Interview führten Eva Bergschneider und Frank Dudley im März 2007. Übersetzung: Frank Dudley. Sie können es auch im englischen Original nachlesen.