Interview Thilo Corzilius

„Ich fürchte, das ist tatsächlich einfach meine “Schreibe„. Ich kann nicht anders.“

„Ravinia“ ist der erste Fantasy-Roman des Neu-Schriftstellers, Musikers und Theologiestudenten Thilo Corzilius. Warum „Ravinia“ quasi über Nacht in die Buchläden kam, was er über Fantasy mit alttestamentarischen Motiven denkt und warum er so schreibt, wie er schreibt, erzählte uns Thilo Corzilius im Interview.

Phantastik-Couch.de: Thilo, der Piper-Verlag schreibt, er habe Dein Erstlingswerk „Ravinia“ über Nacht veröffentlicht. Wie ist dieses kleine Wunder aus Deiner Sicht geschehen?

Thilo Corzilius: Hallo erstmal. „Über Nacht“ ist eine nette Metapher für die Geschwindigkeit mit der alles vonstatten gegangen ist. Ich habe einfach eine Menge Glück gehabt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute zu treffen. Und diese wiederum haben meine Geschichten wieder den richtigen Leuten zu lesen gegeben und so weiter und so fort. Letztlich hatte ich im Mai meinen Agenturvertrag in der Tasche, im Juni das Manuskript fertig und im Dezember den Verlagsvertrag unterschrieben. Nach allem, was man so hört ist das wohl sehr schnell, gemessen daran, dass Verlagsmühlen wohl manchmal eher langsam mahlen sollen – oder gemessen daran, dass mancher Kollege jahrelang mit seinen Manuskripten von Verlagshaustür zu Verlagshaustür reist, um einen Vertrag zu ergattern. Es ist also sicher nicht alles „über Nacht“ geschehen, aber doch recht schnell.

Phantastik-Couch.de: Wie hat sich die Geschichte von „Ravinia“ in Deinem Kopf und auf Deinem Storyboard entwickelt? War da zuerst die Idee, mit magischen Schlüsseln an verschiedene Orte, in verschiedenen Welten zu gelangen? Oder gab es zuerst eine Figur wie Lara oder Tom Truska, um die sich die Geschichte herum entwickelt hat?

Thilo Corzilius: Im Prinzip ist der kleine Dackel meiner Eltern schuld, der mich so lange bequengelt hat, bis ich mit ihm in den Wald spazieren gegangen bin. Und auf dem Spaziergang hab ich dann plötzlich über magische Schlüssel nachgedacht, die an andere Orte führen. Ich habe immer weiter gefragt: Wo führen die Schlüssel hin? Wer macht sie? Brauchen diese Leute eine Art Refugium? Wer könnte etwas dagegen haben? Gibt es lediglich magische Schlüssel oder auch andere magische Dinge, wie Bücher oder Bilder? Da ist innerhalb von anderthalb oder zwei Stunden so viel in meinem Kopf entstanden, dass ich mir ein Notizbuch geschnappt habe, alles aufgeschrieben habe, was mir eingefallen ist und dann recht schnell losgelegt habe mit dem eigentlichen Schreiben. Der Plot des Buches hat sich recht schnell aus den Umständen ergeben, die ich mir ausgedacht hatte. Ich musste lediglich ein wenig filtern, damit sich herauskristallisierte, wer in Ravinia was und mit welchem Motiv tut. Denn leider sind die Motive der Menschen nicht immer ganz leicht in Gut und Böse, Schwarz oder Weiß zu kategorisieren.

Phantastik-Couch.de: Du hast so viele Figuren für „Ravinia“ erschaffen, da muss in der einen oder anderen ein Charakterzug des Autors versteckt sein. Welche deiner Eigenschaften finden sich in Lara, Tom Truska, Henry, Quibbes oder gar Lord Winter wieder?

Thilo Corzilius

Thilo Corzilius: Ich glaube nicht, dass ich ganze Charakterzüge meiner Person verwendet habe. Aber sehr wohl fällt es auch mir als Autor manchmal leichter, manchmal schwerer, mich in verschiedene Eigenheiten oder Stimmungen hinein zu versetzen. Zum Beispiel sind Laras und mein Musikgeschmack ziemlich deckungsgleich – mit ein paar Ausnahmen: Lara hört mehr Mainstream als ich, ganz einfach, weil ich gerne wollte, dass mancher Leser die Chance hat, etwas wieder zu erkennen. Außerdem hört Lara natürlich keine deutsche Musik (und da gibt es abseits vom Juli/Silbermond-Mainstream auch echte Schätze, die zu zitieren sich gelohnt hätte), weil sie aus Schottland kommt und sie einfach nicht versteht. Toms verschwiegene Art oder Henry McLanes Herzlichkeit im Angesicht eigentlich bitterer Umstände sind vielleicht auch in Teilen gewissen Stimmungen entlehnt, die ich selbst kenne. Doch sind die Gründe und Motive, die die Charaktere aus Ravinia sein lassen, wer sie sind, völlig andere und haben wenig mit meinem persönlichen Leben zu tun.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Bücher, die für Dich persönlich zu besonderen Werken gehören, welche, die Dich vielleicht inspiriert haben?

Thilo Corzilius: Na klar gibt es die. Unglaublich viele sogar. Ich könnte sie gar nicht alle aufzählen, selbst wenn ich wollte. Exemplarisch kann ich aber mal einige wenige anführen: Ralf Isau hat Mitte der 90er Jahre mit seinen Neschan-Büchern meine Liebe zur phantastischen Literatur erst geweckt. Cornelia Funke schreibt bestechend vereinnahmende Geschichten, wie z.B. „Drachenreiter“ oder „Der Herr der Diebe“. Neil Gaiman hat so viele Ideen, dass er aus jedem beliebigen Thema eine phantastische Geschichte spinnen könnte. Ich mag „American Gods“ besonders, und Gaimans Kurzgeschichten. Christoph Marzi ist vielleicht so etwas wie der Vater der modernen deutschen Urban Fantasy der letzten Jahre, dessen Bücher ich leider (oder zum Glück?) zu spät gelesen habe, aber von ihnen so begeistert war, um rückwirkend noch die eine oder andere Verbeugung vor ihm im Text von Ravinia unterzubringen. Und natürlich ist Oliver Plaschkas „Fairwater“, ein Ausbund phantastischer und unglaublich wortgewaltiger Spinnerei. Waren das genug? Ansonsten kann ich gerne weitermachen: Bücher von Matt Ruff, Kai Meyer, China Mieville, Stephen King, Sergej Lukianenko, Scott Lynch, T. A. Barron, Dan Simmons, Philipp Pullman, Michael Ende, Terry Pratchett, Walter Moers, *hier bitte extasisches Abdriften in die Aufzählung diverser großartiger Autoren und ihrer Bücher einfügen*

Phantastik-Couch.de: Dein Schreibstil erscheint mir poetisch-verspielt. Du arbeitest gern mit Sprichwörtern, Bildern, Metaphern und Verstärkungen. Ist das einfach die „Schreibe“, die Thilo Corzilius aus der Feder fließt, oder hast Du diese sprachlichen Mittel bewusst und gezielt in „Ravinia“ eingesetzt?

Thilo Corzilius: Ich fürchte, das ist tatsächlich einfach meine „Schreibe“. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich vor ein leeres Blatt setze und eine Geschichte erfinden möchte, kommt ziemlich automatisch so etwas dabei heraus. Natürlich gibt es einige typische Dinge für jede Geschichte, die sich einfach ergeben. Auch variiert der Sprachgebrauch von Geschichte zu Geschichte sicherlich, weil er auch von Umfeld und Gegebenheiten der Story abhängt. Aber Sprache ist so etwas Wunderbares. Und das faszinierendste an ihr ist, dass man mit ihr sprichwörtlich alles tun kann. Dort, wo dem Zeichner, dem Architekten, dem Regisseur, dem Musiker die Mittel ausgehen und er an seine Grenzen stößt, kann man mithilfe der Sprache in immer noch tiefere und weitere Sphären vordringen. Mit Sprache zu spielen ist mit das Größte.

Phantastik-Couch.de: Du studierst Theologie und kennst dich sicherlich in der Bibel gut aus. Altes und Neues Testament enthalten doch eine Fülle von phantastisch anmutenden Themen, auch abseits der bereits in die Fantasy eingegangenen Engel und Teufel. Würde es Dich reizen, einmal einen Fantasy Roman mit biblischen Motiven zu gestalten?

Thilo Corzilius: Es gibt doch schon jede Menge Fantasy basierend auf biblischen Motiven. Das fängt bei Dan Brown an und geht über diverse Engel/Teufel-Geschichten bis hin zu Serien wie „Supernatural“. Die Bibel ist in erster Linie ein großer Schatz in dem eine unglaubliche Zahl kultureller Einflüsse offensichtlich oder versteckt zu finden sind. Und alle haben sie ihre Götter und Dämonen, ihren Glauben, ihre Ängste etc. über Jahrtausende hinweg dort eingebracht. Ich habe vor einiger Zeit zum Beispiel gerne im „Dictionary of Deities and Demons in the Bible“ geblättert, weil bei allem, was dort beschrieben ist, einem Fantasy-Autor natürlich das Herz aufgeht. Aber reine, auf der Bibel basierende Fantasy? Oder gar in einem biblischen Umfeld? Ich habe mit einem Freund mal im Scherz über so etwas palavert, ohne es jedoch ernst zu nehmen. Aber wir haben festgestellt, dass so was sicherlich im Bereich des Möglichen wäre. Wer wollte, könnte sicher z.B. zu alttestamentlichen Zeiten eine Geschichte zwischen sprechenden Tieren und Cherubim, mit magischen Stäben, Totenbeschwörern und gegeneinander kämpfende Götter ansiedeln. (Wer das liest und sich nun inspiriert fühlt: Bitte, nur zu!) Ich fürchte bloß, ich bin nicht der Typ dafür, auch, wenn ich Theologie studiere. Ich halte es da lieber wie viele Fantasy-Autoren: Kenntnis von biblischen Geschichten zu haben ist für das eigene literarische Schaffen sicherlich von großem Nutzen.

Phantastik-Couch.de: Du bist auch ein aktiver Musiker. Ergänzen sich die beiden Künste? Gibt es Musikrichtungen die zu phantastischen Ideen inspirieren?

Thilo Corzilius: Das kann man – denke ich – pauschal gar nicht sagen. Ich kenne es auch eher andersherum, dass phantastische Literatur als Vorlage für musikalisches Schaffen funktioniert. Leider ist das meistens nicht so ganz meine Musik. Aber was funktioniert sind Kleinigkeiten. Ich habe z.B. in Hamburg mal einen deutschen Singer/Songwriter ein Lied über einen „Tag im Wasserglas“ spielen hören. Das Bild in meinem Kopf dazu gibt es heute noch, auch wenn keine Geschichte daraus geworden ist. Doch solche Dinge sind wie Steilvorlagen für mich, um darum herum irgendwelche Geschichten zu spinnen. Musik ist ein phantastisches Schaffen, das für mich in vielerlei Hinsicht auf einer völlig anderen Ebene liegt als das Schreiben von Romanen. Aber es gibt immer wieder solche Kleinigkeiten, wo die Grenzen durchbrochen werden.

Phantastik-Couch.de: An welchen Orten hast Du „Ravinia“ geschrieben? Auch an einigen Schauplätzen, die Lara und Tom besuchen?

Thilo Corzilius: Nein, an den Schauplätzen, die Lara und Tom während ihrer Reise sehen, habe ich keine Worte zu Papier gebracht. Das meiste ist – ziemlich unspektakulär – am Schreibtisch meiner damaligen Wohnung in Hamburg entstanden. Den Anfang hab ich im Haus meiner Eltern geschrieben und zwei oder drei größere Abschnitte am Küchentisch einer WG in Hannover.

Phantastik-Couch.de: „Ravinia“ ist zwar ein abgeschlossener Roman. Aber die Handlung lässt doch ein Hintertürchen für eine Fortsetzung offen. Wird es eine geben? Schreibst Du bereits daran?

Thilo Corzilius: Ich fürchte, da muss ich einfach mal alle Spekulationen offen lassen …

Phantastik-Couch.de: Wirst Du dem Subgenre Urban Fantasy eine Weile treu bleiben, oder könntest Du Dir auch vorstellen, auch andere phantastische oder nicht phantastische Gattungen zu erobern?

Thilo Corzilius: Die meisten romanfähigen Geschichten in meinem Kopf bewegen sich nach gängigen Genre-Definitionen wohl im Bereich der Urban-Fantasy, aber es gibt auch ein paar andere, die ganz bestimmt nicht dazuzuzählen wären. Doch was die Zukunft bringt steht ja -wie man so schön sagt in den Sternen …

Phantastik-Couch.de: Danke, Thilo für das Interview!

Das Interview führte Eva Bergschneider