Interview mit Torsten Low

„Für Cthulhu-Fans kann es sich lohnen, uns im Augen zu behalten.“

Auf der letztjährigen Verleihung des Deutschen Phantastik Preises gewann der Kleinverleger Torsten Low gleich zwei: einen für die beste Anthologie „Geschichten unter dem Weltenbaum“, darin enthalten die Kurzgeschichte „Das Herz des Jägers“, die ebenfalls ausgezeichnet wurde. Grund genug für Phantastik-Couch einmal nachzuhorchen, wie so eine Anthologie entsteht und warum der Verleger auch mal gern in blutiger Küchenschürze aus den Werken seiner Autoren vorliest. Blicken Sie hinter die Kulissen eines kleinen Verlagshauses und lernen Sie Torsten Low in unserem Interview kennen.

Phantastik-Couch: An dieser Stelle nochmal herzlichen Glückwunsch zur zweifachen Auszeichnung mit dem Deutschen Phantastik Preis für die beste Anthologie „Geschichten unter dem Weltenbaum“ und die beste Kurzgeschichte „Das Herz des Jägers“. Hattest Du mit einem Sieg gerechnet? Machen Dich Preise und Nominierungen (wie z.B. auch die für den Vincent-Preis) stolz?

Torsten Low: Vielen Dank für die Glückwünsche. Ich habe darauf gehofft, aber ernsthaft damit gerechnet habe ich wirklich nicht. Und ja, diese Nominierungen und Preise machen mich wahnsinnig stolz. Sie zeigen mir, dass ich auf den richtigen Weg bin und wir wirklich „Phantastik vom Feinsten“ herausgeben.

Phantastik-Couch: „Phantastik vom Feinsten“ steht auch als Leitsatz auf Deiner Internetseite. Was verstehst Du darunter? Wie wählst Du Deine Titel aus?

Torsten Low: Dieses Motto ist gleichzeitig unser Programm. Wir verlegen ausschließlich Phantastik für Jugendliche und Erwachsene. Dabei ist es egal, ob es klassische High Fantasy ist oder humorige Fantasy, ob es Horror, Märchen oder Mythologie ist. Und da ich nur jene Manuskripte annehme, von denen ich voll und ganz überzeugt bin, also nur das Beste, das Feinste aus dem Stapel der Manuskripte herauskrame, lag das Motto für mich auf der Hand. Natürlich ist das eine recht subjektive Sache. Aber ich bin davon überzeugt, dass jedes unserer Bücher etwas ganz Besonderes ist. Und viele unserer Leser sehen das wohl genauso – anders kann ich mir die häufigen Nominierungen für den Deutschen Phantastik Preis oder den Vincent Preis nicht erklären.

Für das Auswählen habe ich insgesamt drei Testleser. Geben mir alle Testleser für ein Manuskript volle Punktzahl, dann lege ich es in meinem Stapel ganz obendrauf. Wird ein Manuskript von mir und mindestens zwei meiner Testleser mit kompletter Punktzahl bewertet, bin ich mir relativ sicher, dass es was wirklich Gutes ist. Und dann schicke ich den Vertrag raus. Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, warum ich das so umständlich mache und ob ich nicht allein entscheiden könne. Doch – könnte ich schon. Aber dann würde ich nur von meinem eigenen Geschmack ausgehen, und der ist ja nicht unbedingt allgemeingültig. Aber da ich mit meinen Testlesern und mir sowohl männliche, als auch weibliche Leser unterschiedlicher Altersgruppen abdecke, habe ich da schon eine relativ aussagekräftige Information darüber, wie eine bestimmte Geschichte ankommt.
Bei den Anthologien ist es ähnlich. Oft habe ich die Vorauswahl an eine Jury abgetreten oder der Herausgeber entscheidet mit mir gemeinsam.

Phantastik-Couch: „Fair verlegen“ – unter diesem Motto stellst Du Deine Arbeit vor. Was unterscheidet Deinen Verlag von anderen?

Torsten Low: Dieses Motto hat für mich verschiedene Aspekte. Zum einen möchte ich meinen Autoren ein fairer Verleger sein. Das fängt damit an, dass wir keinerlei Druckkostenzuschüsse nehmen. Die einzigen Kosten, die den Autoren entstehen, sind eventuell für das Porto beim Einsenden der Manuskripte. Dann zahle ich grundsätzlich Honorare. Auch für Kurzgeschichten – was ja bei vielen Kleinverlagen nicht üblich ist. Und ich biete den Autoren, die eine Lesung halten wollen, die Möglichkeit dazu. Wohlgemerkt: Es ist eine Möglichkeit, keine Pflicht.

Ein weiterer Aspekt sind meine Geschäftspartner. Beispielsweise unsere Druckerei, die bisher immer tadellose Arbeit geleistet haben und die uns auch schon oft aus der Patsche geholfen hat, wenn es mal wieder eng wurde. Und die wirklich sehr wachsam sind, wenn sie glauben, dass etwas aus dem Ruder läuft und dann sofort die Maschinen stoppen und Rücksprache halten, anstatt eine verkorkste Auflage rauszublasen. Solche großartige Arbeit ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn man die gleiche Sprache spricht. Deswegen habe ich mich schon vor langer Zeit entschieden, die Angebote der Druckereien aus dem Ausland ungesehen in den Papierkorb zu entsorgen – auch wenn unsere Bücher deswegen ein wenig teurer sein müssen. Ich weiß, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein (und manche belächeln mich auch deswegen), aber unsere Kunden, unsere Leser kommen größtenteils aus Deutschland, deswegen produziere ich auch in Deutschland.

Und der dritte Aspekt des Mottos ist der Leser. Transparenz beispielsweise – dass der Leser weiß, dass sein Buch in Deutschland produziert wird. Dass wir vorrangig auf deutschsprachige Autoren setzen. Auch Zuverlässigkeit. Verlässlichkeit. Und auch, dass der Leser weiß, dass er nur Phantastik bei uns finden wird. Keine Krimis, keine Western, keine Liebesromane – es sei denn, es sind phantastische Krimis, Western, Liebesromane.

Phantastik-Couch: Was hat Dich bewogen, eine vermeintlich sichere Angestelltenposition aufzugeben und selbständiger Kleinverleger zu werden?

Torsten Low: An der Stelle muss ich gleich erstmal korrigierend eingreifen. Ich habe meine Angestelltenposition nicht aufgegeben. Mein Ziel ist es, 2018 vom Verlag leben zu können – aber im Moment kann ich es noch nicht. Das liegt zum einen daran, dass ich den Verlag nur langsam wachsen lasse. Ich wollte mich weder zeitmäßig noch finanziell übernehmen. Und so ein Verlag braucht ein ganz schönes Geldpolster, falls mal etwas nicht so läuft. Da ist es natürlich besser, einen festen Brotjob zu haben. Was mir richtig viel geholfen hat, war das Jahr Elternzeit. In der Zeit bin ich wirklich komplett aus dem Job ausgestiegen, habe meine kleine Tochter betreut und nebenher Bücher herausgebracht. Doch seit letzten September bin ich wieder voll erwerbstätig und stemme den Verlag in den Abendstunden und am Wochenende.

Phantastik-Couch: Was hat es mit der Eule als Verlagslogo auf sich?

Torsten Low: Es war nicht immer eine Eule. Ursprünglich war es nichts weiter wie eine simple Raute, in die „Verlag Torsten Low“ hineingepappt war. Kein wirklich tolles Logo, Marke Eigenbau – wie vieles am Anfang unserer Verlagstätigkeit. Als wir mit „Lichtbringer“ den Sprung vom Eigenverlag zum echten Verlag machten, wollten wir diese Änderung auch ins Logo reinbringen, ohne jedoch ganz mit unseren Anfängen zu brechen. Ich habe schon immer viel gelesen. Büchereule haben mich manche genannt. Deswegen hatte ich mich sehr schnell für eine Eule entschieden. Eine Eule, die auf einem Buch sitzt. Eine Büchereule eben. Und die Designerin baute das Buch so ein, dass es an die Raute, an unser altes Logo erinnerte. So kam es zum neuen Verlagslogo.

Phantastik-Couch: Ein besonderer Schwerpunkt Deines Verlags sind Anthologien. Dafür machst Du Ausschreibungen, zur Zeit für eine Anthologie rund um das Thema Bibliothek und Bücher. Wie viel Zeit vergeht, bis alle Einsendungen durchgelesen sind und entschieden ist, was berücksichtigt wird, bis das Lektorat abgeschlossen ist und die Anthologie veröffentlicht wird?

Torsten Low: Oftmals fängt so eine Anthologie ja weitaus früher an. Ich bin beispielsweise jetzt schon wieder in Kontakt mit Fabienne, denn nach den „Geisterhaften Grotesken“ und den „Einhörner“ wird es noch mindestens zwei weitere Fabelwesen geben. So kann vom ersten Gedanken bis zu Ausschreibung schon mal gut und gerne ein Jahr und länger ins Land ziehen, in der ich mit den Herausgebern am Ausschreibungstext feile oder Autoren gezielt anschreibe. Nach der Ausschreibung kommt das Lesen und die Auswahl, der Kontakt mit den Autoren, das Lektorat und Korrektorat, die Coverbeauftragung, Gimmicks werden geplant, das Buch wird gesetzt, der Probedruck abgeschickt und korrigiert und dann geht der Auftrag für die erste Auflage an die Druckerei. Diese ganze Zeit nach der Ausschreibung kann zwischen einem halben und einem Jahr dauern.

Phantastik-Couch: Die „Geschichten unter dem Weltenbaum“ stammen unter anderem von Usern des Fantasy Forums. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Torsten Low: Ich war bereits im alten Fantasy Forum Mitglied. Als es aufgelöst wurde und später dann neu entstand, war ich sofort mit dabei. Nachdem ich „Lichtbringer“ in Zusammenarbeit mit dem Schreibforum Verlorene Werke veröffentlicht habe, kam Lothar Mischke, der Foreneigentümer, auf mich zu und äußerte Interesse an einer ähnlichen Zusammenarbeit. Er ließ mir ein Konzept zukommen und dann war ich sofort Feuer und Flamme.

Phantastik-Couch: Wird es nach „Metamorphosen“ und „Die Klabauterkatze“ noch einen dritten Band „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ geben?

Torsten Low: Ich liebe Lovecraft und ich liebe den Cthulhu-Mythos. Deswegen werden wir ziemlich sicher auch ein drittes Mal auf den Spuren H.P.´s wandeln. Auch Romane in dieser Reihe halte ich nicht mehr für ausgeschlossen. Für Cthulhu-Fans kann es sich lohnen, uns im Augen zu behalten.

Phantastik-Couch: Bei der Preisverleihung des Deutschen Phantastik Preises auf der BuchmesseCon in Dreieich trugst Du ein Sweatshirt mit der Aufschrift „Achtung! – bissiger Verleger“. Wen beißt du und warum?

Torsten Low: Ursprünglich sollte diese Aufschrift vor allem bewirken, dass die Leute ein zweites Mal hinschauen, nachdenken, vielleicht auch schmunzeln. Und sich an den komischen Verleger mit dem komischen Sweatshirt erinnern. Eine weitere Bedeutung steckte ursprünglich nicht dahinter. Nachdem wir auch Kannibalenhorror im Programm haben, hat die Aufschrift natürlich eine noch etwas andere Note bekommen. Vor allem, wenn man weiß, dass ich auf Lesungen auch mal ganz gerne die Kettensäge (wenn auch nur von CD) anwerfe.

Phantastik-Couch: Auffällig ist, dass Du den Horror-Titel „Im Zentrum der Spirale“ von Cecille Ravencraft auf Deiner Verlagsseite mit leuchtend rotem Warnzeichen „Ab 18 Jahren“ gekennzeichnet hast. Das sieht man bei der Vorstellung von Büchern nicht so oft. Hältst Du es generell für sinnvoll, Altersempfehlungen zu machen, oder liegt hier ein besonderer Fall vor?

Torsten Low: In dem Fall liegt wirklich ein ganz besonderer Fall vor. Das Buch hätte ganz gut in die Heyne Hardcore-Reihe neben Jack Ketchums „Evil“ gepasst (um ehrlich zu sein, ist „Evil“ das einzige Buch, welches mir eine ähnliche Gefühlsmischung von Faszination und Ekel, vom Wegschauen-wollen und gleichzeitig Mehr-wissen-wollen verschafft hat). Es ist roh. Es ist brutal. Und es ist verdammt gut. Der Titel beschreibt das Buch recht gut. Er bezieht sich nicht nur auf die Opfer, die im Zentrum der eingemeißelten Spirale auf dem Kellerfußboden der Moerfields festgekettet sind und auf ihren Tod warten, sondern auch auf den Leser, der sich mitten in einer Spirale der Gewalt wiederfindet, die anfangs kaum merklich, aber mit jeder Seite schneller und schneller dreht. In den meisten Fällen ist sicher eine Altersempfehlung nicht nötig. In diesem speziellen jedoch erschien es mir einfach richtig und fair.

Phantastik-Couch: Wird es zu „Im Zentrum der Spirale“ eine Fortsetzung geben?

Torsten Low: Die Fortsetzung des Buches liegt bereits auf meinem Tisch, meine Testleser sind wie auch schon beim ersten Teil begeistert. Deswegen ein definitives „Ja, noch in diesem Jahr“

Phantastik-Couch: Für Dich ist Dein Job als Verleger offenbar kein reiner Schreibtischjob. Den schon genannten Horror-Roman „Im Zentrum der Spirale“ stellst Du in Lesungen bisweilen selbst mit blutbefleckter Schürze vor. Was gehört sonst alles zu Deiner Arbeit?

Torsten Low: Das Schöne an der Arbeit in so einem kleinen Verlag ist die Vielfalt der Aufgabe. Dadurch wird es für mich nie langweilig. Einen Großteil meiner Zeit beschäftige ich mich mit der Vermarktung. Kontakte zum Buchhandel, zu spezialisierten Onlineshops, Webseitenpflege, social networking, Newsletter, Imagepflege in Foren, Rezensionsbeauftragung und die unterschiedlichsten Formen von Werbung. Dann steht natürlich die Arbeit am Projekt in Vordergrund. Herausgeber wegen Anthologien ansprechen, mit ihnen die Ausschreibungen erarbeiten, Geschichten lesen und auswählen, die Auswertungen der Testleser prüfen, Verträge schreiben, lektorieren, korrigieren, setzen, Druckaufträge erteilen. Und natürlich das Tagesgeschäft, Bestellungen versenden, Bezahlvorgänge prüfen, Rechnungen stellen. Natürlich schaue ich auch nach, was die Konkurrenz macht, betreibe ein wenig Marktanalyse, schaue mich auch bei anderen Medien um und mache mir Gedanken über zukünftige Projekte, Chancen und Ziele. Ein Punkt, der mir immer Bauchgrimmen bereitet, ist die Manuskriptsichtung. Dafür bleibt leider immer zu wenig Zeit. Und ein absolutes Bonbon für mich sind die von dir angesprochenen Lesungen. Ich liebe diesen direkten Kontakt zu unseren Lesern.

Phantastik-Couch: Danke, Torsten, dass Du Dir Zeit für ein Gespräch mit Phantastik-Couch genommen hast

Torsten Low: Gleichfalls, vielen Dank

Das Interview führten Elmar Huber und Eva Bergschneider im Februar 2012