Interview mit Trudi Canavan

„...dann wird es Horror sein!“

Keine Angst, Trudi Canavan wird weiter Fantasy schreiben. Aber ein Ausflug in Horror-Gefilde  könnte es auch mal sein, wie sie uns offenbart hat.

Phantastik-Couch: Trudi, wann hast du die Fantasy für dich entdeckt?

Trudi Canavan: Schon als Kind, damals habe ich Geschichten mit fantastischen Elementen am liebsten gemocht. Märchen, Geschichten aus der Bibel, alles übernatürliche hat mich fasziniert. Als dann die Star-Wars-Filme in die Kinos kamen, beschloss ich, später mal Filme zu machen. Und von den Erwachesenen habe ich dann den Rat erhalten, meine Ideen erstmal aufzuschreiben. Dann, als Teenager, habe ich den Hobbit und Der Herr der Ringe von Tolkien entdeckt, was dazu führte, dass sich meine Ambitionen vom Filmemachen weg und zum Verfassen  langer epischer Fantasybücher hin entwickelten.

Phantastik-Couch: Und was gefällt dir am meisten an der Fantasy?

Trudi Canavan: Die Idee, dass das Unmögliche real sein kann. Dieser „;Was wäre, wenn“;-Faktor, über den Fantasy und Science Fiction verfügen, der dich zum Nachdenken bringt, der die Hauptfiguren in Situationen bringt, in die sie in dieser Welt normalerweise nicht geraten würden. Und der auch einfach großartige und atemberaubende Landschaften oder Ereignisse entstehen lässt, die den klassischen Sense of Wonder bedienen.

Phantastik-Couch: Hast du bei deiner Arbeit bestimmte Vorbilder?

Trudi Canavan: Nein, aber ich finde die Ideen und Kreationen anderer Leute sehr inspirierend. Egal, ob schriftlich oder visuell oder auch musikalisch.

Phantastik-Couch: Du bist international sehr erfolgreich. Gab es vor deinem Durchbruch als Fantasyautorin eine Zeit, in der du an dem gezweifelt hast, was du tust?

Trudi Canavan: Natürlich! Und so geht’s mir auch jetzt noch manchmal. Zweifel sind ein normaler Teil des Schriftstellerlebens. Und wenn du zweifeln würdest, hättest du auch nie den Antrieb, deine Ergebnisse zu verbessern.

Phantastik-Couch: Anscheinend mit Erfolg, denn du giltst hierzulande als Fantasy-Senkrechtstarter.  Wie hat sich das angefühlt, welche privaten und beruflichen Veränderungen hat es mit sich gebracht?

Trudi Canavan: Nun, so senkrecht bin ich nicht sofort gestartet, zumindest nicht in Australien. Ich habe die Trilogie Gilde der Schwarzen Magier in den Jahren 1995/96 geschrieben, aber erst im Jahr 2000 hat ein Verlag ernsthaftes  Interesse signalisiert. Bis 2003 kamen hier in Australien alle drei Teile heraus und die Verkaufszahlen waren in Ordnung. Doch zum Bestseller hat sich die Trilogie erst entwickelt, nachdem sie 2004 in Großbritannien veröffentlicht wurde. Also fast zehn Jahre nach meiner Niederschrift.

Doch die die deutsche Ausgabe ist tatsächlich schneller durchgestartet, als ich erwartet hatte. Ich überrascht, wie rasch und auch enthusiastisch die Trilogie aufgenommen wurde. Eines der ersten Anzeichen dafür war eine plötzliche Emailflut von deutschen Lesern, was auch einer der Gründe für meine Planung ist, einige Seiten meiner Webpräsenz für meine deutschsprachigen Fans übersetzen zu lassen.

Und wie hat nun der Erfolg mein Leben verändert? Ich lebe jetzt vom Schreiben. Glücklicherweise  sind die Auswirkungen auf mein Privatleben nur sehr gering. Wenn du ein erfolgreicher Schriftsteller  bist, dann sind deine Bücher erfolgreich,  nicht du. Zum Glück erkennt dich niemand, um dich dann vor dem Supermarkt auszurauben.

Phantastik-Couch: Früher hast du als Grafikdesignerin gearbeitet. Hast du dafür noch manchmal Zeit?

Trudi Canavan: Ja, schon, wenn ich am Ball geblieben wäre. Aber der australische Markt gibt nicht sehr viel her, deshalb habe ich es aufgegeben, seit ich mit dem Schreiben genug verdiene, um alle Rechungen zu bezahlen. Jetzt male ich was ich will wann ich will, die Kunst ist so wieder ein Hobby geworden, das ich genießen kann.

Phantastik-Couch: Ist denn das Schreiben mit wachsendem weltweiten Erfolg schwieriger geworden?

Trudi Canavan: In letzter Zeit ist es in der Tat schwieriger geworden, allerdings aus völlig anderen Gründen. Mein Lebensgefährte  und ich haben einen Handwerker angeheuert, um unser Haus räumlich zu erweitern. Aber es stellte sich schnell heraus, dass er überhaupt nicht in der Lage ist, irgendetwas zeitgerecht fertigzustellen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es genauso anstrengend ist, Haus zu bauen, wie ein Baby zu bauen. Ein Baby kann aber nicht ein Jahr zu spät auf die Welt kommen …

Phantastik-Couch: Haben dich australische Mythen und Legenden je in deiner Arbeit beeinflusst?

Trudi Canavan: Bisher noch nicht, aber das liegt in der Hauptsache daran, dass meine Geschichten in einer technisch fortschrittlicheren  Zeit angesiedelt sind als die ursprünglichen australischen Legenden. Und andererseits in einer weniger technisierten als die australische Kolonialära.

Phantastik-Couch: Wie organisierst du deine Arbeitszeit? Schreibst du immer zu bestimmten Zeiten oder stehst auch mal mitten in der Nacht auf, um eine Idee festzuhalten?

Trudi Canavan: Meistens schreibe ich nachmittags. Bevor ich Vollzeit-Schriftstellerin wurde, habe ich abends und am Wochenende geschrieben,  aber alles auf den Tag verlegt, als ich dazu in der Lage war. Für plötzliche Ideen, die mir außerhalb der Schreibzeit kommen, habe ich immer ein Notizbuch in Reichweite.

Phantastik-Couch: Auf welche Weise näherst du dich einer so komplexen Trilogie wie „;Das Zeitalter der Fünf“;? Planst du oder lässt du auch vieles auf dich zukommen, wären du schreibst?

Trudi Canavan: Ich bin eine Planerin. Ich habe gerne einen generellen Plan, eine Vorstellung von der Struktur der Geschichte, bevor ich anfange. Dazu gehören auch Zweck und Auflösung, die ich in allen Teilen und für jedes Buch in der Trilogie anstrebe. Es gibt aber innerhalb der Struktur reichlich Platz für Details, so dass ich manchmal auch den ursprünglichen Plan ändere, wenn eine neue Idee gut ist.

Phantastik-Couch: In deiner aktuellen Trilogie spielt Religion eine wichtige Rolle. Was ist der Hintergrund?

Trudi Canavan: Als ich die „;Gilde der Schwarzen Magier“; schrieb, habe außer sozialen Sprachunterschieden zwei wichtige gesellschaftliche Aspekte nicht ausgearbeitet: Sex und Religion. Warum? Nun, ersteres war schwer in die Handlung zu integrieren,  der mittlere Punkt war nicht meine Schreibstärke und weil ich aus einer nicht-religiösen Familie komme, fühlte ich mich bei dem letztem Punkt inhaltlich nicht sattelfest genug.

Der Funke für die Ursprungsidee zu„;Das Zeitalter der Fünf“; kam aus der römischen und griechischen Mythologie. Die Götter, von Sterblichen herbeigerufen,  sollten gnadenlos sein und ihre Wünsche erfüllen. Dabei wollte ich ganz eintauchen in die Vorstellung einer Welt, in der tatsächlich so etwas wie ein Götter-Pantheon existiert. Das fand ich wahrscheinlich einfacher,  als eine monotheistische Religion zu entwerfen, die außerdem normaler und auch gewöhnlicher in unserer Welt ist. Und über die man auch zu leicht Vermutungen anstellen kann.

Phantastik-Couch: Du hast eben schon von deiner Website gesprochen – wie wichtig ist dir der direkte Kontakt mit deinen Fans?

Trudi Canavan: Die Website entwickelt sich dauernd weiter. Ich glaube, dass es wichtig ist, Informationen und auch Extras für die Fans anzubieten, die auf die Seite kommen. Also habe ich alles über meine Bücher hineingestopft, außerdem Schreibtipps und ein paar biografische Eckpunkte. Ich würde sehr gerne regelmäßig in direkten Kontakt treten, aber ich bekomme wirklich so viel Fanmails, dass ich sie nicht alle beantworten kann. Mit meinem Blog bin ich auch nicht so ganz zufrieden, der Ärger mit dem Haus und der bevorstehende  Abgabetermin für mein nächstes Buch haben mich vom bloggen abgehalten. Es sollte sich aber alles wieder normalisieren, wenn sich die Umstände wieder normalisieren.

Phantastik-Couch: Hast du schon mal Ideen von Fans verarbeitet?

Trudi Canavan: Nein. Man hat mir geraten, es aus rechtlichen Gründen nicht zu tun, weshalb ich auch meine Fans auffordere, mir keine Ideen zu schicken. Aber das ist nicht der einzige Grund für mich: Wenn ich Ideenvorschläge  bekäme, würde ich sie lesen und versuchen, sie nicht zu verwenden. Und je mehr Ideen ich bekäme, desto weniger Story-Möglichkeiten hätte ich, und ich würde sehr bald mit dem Rücken zur Wand stehen und keine Optionen für Geschichten mehr haben!

Phantastik-Couch: Das wird hoffentlich nicht eintreten. Was steht als nächstes auf deiner Agenda? Science Fiction? Oder vielleicht ein Ausflug in die Mystery-Welt?

Trudi Canavan: Mehr Fantasy! Und wenn ich irgendwann Ausflüge in ein anderes Genre machen sollte, dann wird es Horror sein.

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das Gespräch, Trudi!

Trudi Canavan: Sehr gerne!