Kurzinterview mit DSFP-Gewinnerin Ulrike Nolte

In der letzten Woche wurden die Deutschen Science Fiction Preise 2007 verliehen, wir haben Ulrike Nolte, Gewinnerin in der Kategorie „Bester Roman“, ein paar Fragen dazu gestellt:

Phantastik-Couch: Hallo Ulrike, dein Roman ist gerade mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet worden – Herzlichen Glückwunsch! Hast du gefeiert?

Ulrike Nolte: Na klar, ich habe mich riesig gefreut. Als ich davon gehört habe, bin ich mit ein paar Freundinnen bei Sonnenuntergang zum Beach Club an den Elbestrand gegangen, und wir haben mit Blick auf den nächtlichen Containerhafen angestoßen- – Das sieht nämlich genau aus wie in einem SF-Film: Eine Stadt aus leuchtenden Maschinen und dazwischen schieben sich haushohe Schiffe durch, um in Richtung Meer zu fahren.

Phantastik-Couch: Was, glaubst du, hat der Jury an deinem Roman besonders gefallen?

Ulrike Nolte: Mir wird immer gesagt, dass ich eine übersprudelnde Fantasie habe, und tatsächlich bemühe ich mich in meinen Büchern, Lebewesen / Techniken / Kulturen zu erfinden, denen man als Leser bisher noch nie begegnet ist. Daher ist der „;Sense of Wonder“ natürlich besonders stark zu spüren. Außerdem bin ich hauptberuflich Literaturübersetzerin und habe auch schon als Lektorin gearbeitet, was bedeutet, dass mein Schreibstil sehr ausgefeilt ist.

Phantastik-Couch: Was hat dich an der Kombination von Homosexualität mit SF gereizt?

Ulrike Nolte: Ich bin seit ein paar Jahren geradezu süchtig nach Fanfiction im Internet (Geschichten mit den Charakteren von Harry Potter, Stargate, Highlander, Akte X …die oft deutlich besser sind als die Originalvorlagen). Dabei habe ich zu meiner Verblüffung festgestellt, dass über die Hälfte der Storys zur Kategorie „;Slash“ gehören, also einen schwulen oder lesbischen Inhalt haben. Anscheinend besteht ein großes unerfülltes Bedürfnis nach solchen Geschichten. Da man sie im Buchhandel und von den klassischen Verlagen nicht bekommt, geht man eben ins Netz und liest dort …Mein Buch füllt also sozusagen eine Marktlücke. Aber natürlich hat das Thema auch einen persönlichen Hintergrund. Als ich den Roman angefangen habe, hatte ich gerade mein Coming Out. Vielleicht kann „;Die fünf Seelen des Ahnen“ dazu beitragen, dass sich die Leserschaft an die Vorstellung gewöhnt, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen etwas Normales sind. Das Buch stellt ja die augenblickliche Wirklichkeit auf den Kopf: Homosexuelle sind der bürgerliche Mainstream, also die ganz normalen Leute. Die Heteros dagegen sind etwas Exotisches, leicht Perverses, das man toleriert. In meinem Buch machen die Leser also sozusagen die Erfahrung, die Welt durch die Augen der sexuellen Randgruppe zu betrachten. Für so ein Gedankenexperiment eignet sich die SF natürlich besonders gut.

Phantastik-Couch: Wie kombinierst du die Übersetzung schwedischer Literatur mit Science Fiction?

Ulrike Nolte: An meine ersten Übersetzungsaufträge bin ich tatsächlich durch schwedische SF gekommen. Ich habe nämlich als Doktorarbeit ein Buch über „;Schwedische Social Fiction“ geschrieben und dafür einen Teil des SF-Gedichtsepos „;Aniara“ vom Literaturnobelpreisträger Harry Martinson übersetzt. Damit habe ich mich dann für den Hamburger Übersetzerpreis beworben und ihn tatsächlich gewonnen. Und mit diesem Preis wiederum konnte ich mich bei Verlagen um Aufträge bewerben. Wie man sich vorstellen kann, hat das alles ein paar Jährchen gedauert, in denen ich mich mit Nebenjobs über Wasser halten musste, z.B. als Stadtführerin bei Busrundfahrten. Inzwischen habe ich aber mehr als genug zu tun. Ich übersetzte hauptsächlich englische Jungendbücher für den Harry-Potter-Verlag „;Bloomsbury“ und bin damit sehr glücklich. Da ich beruflich so eingespannt bin, komme ich allerdings immer weniger zum selber schreiben.

Phantastik-Couch: Wer gehört zu deinen Lieblings-Genreautoren und warum?

Ulrike Nolte: Ich mag am liebsten SF, die exotische fremde Kulturen möglichst glaubhaft darstellt. Daher sind meine Favoriten: Vernor Vinge „;A Fire upon the Deep“ (Wolfähnliche Aliens leben als Gruppenorganismen), Doris Egan „;Das Elfenbeintor“ (Wissenschaftlerin strandet auf einer Welt, wo Magie funktioniert), C.J. Cherryh „;Cuckoo’s Egg“ (Menschliches Baby wächst unter Aliens auf). Oh, und ganz hingerissen war ich von einem Buch, das ich kürzlich zur Übersetzung erhalten habe: „;Lerchenlicht“ von Philip Reeve, eine Weltraumoper im Viktorianischen Zeitalter voller fliegender Segelschiffe, Roboter-Butler und Staubsaugerschweine im himmlischen Äther …

Phantastik-Couch: Schreibst du bereits an deinem nächsten SF-Roman?

Ulrike Nolte: Noch kritzele ich nur Ideen auf Zettel. Die Vorbereitungsphase dauert bei mir immer lange, weil ich meine Welten erst sehr detailliert im Kopf entwerfe. Schließlich soll alles stimmig sein und möglichst viele fantasievolle Ideen enthalten. Außerdem hat – wie schon erwähnt – meine Motivation etwas nachgelassen, seit ich als Übersetzerin tätig bin. Wenn man beruflich den ganzen Tag am Computer sitzt, fällt es schwer, auch noch in der Freizeit zu schreiben. Im Moment verhandele ich gerade mit einem Verlag über die Veröffentlichung eines Fantasy-Weihnachtsmärchens für Kinder. Für meinen nächsten Roman habe ich geplant, mir nächstes Jahr im Winter eine Auszeit zu nehmen und alles zu Papier zu bringen. Vermutlich wird es eine Mischung aus Fantasy und SF, die an Philip Pullmans „;Der goldene Kompass“ erinnert. 

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das Interview, Ulrike!