Unsichtbare Parasiten von Jack Finney

Buchvorstellungund Rezension

Unsichtbare Parasiten von Jack Finney

Originalausgabe erschienen 1955unter dem Titel „Invasion of the Body Snatchers“,deutsche Ausgabe erstmals 1962, 188 Seiten.ISBN 3-442-23324-0.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

„Doktor, auch wenn es verrückt klingt, ich laß’ es mir nicht ausreden, meine Frau ist nicht meine Frau. Sie sieht wie meine Frau aus, spricht genau wie sie, benimmt sich wie sie – aber sie ist nicht meine Frau!“

Es kommen noch andere verstörte und verschreckte Patienten zu Dr. Miles Bennett, und sie erzählen die gleiche Geschichte. 'Eine Art von Geistesverwirrung', denkt er. Bis er eines Nachts auf die schlafende Frau starrt, die er heiraten will – und sich dann selbst fragen muß: 'Wer ist das nun wirklich?'
Diese erschreckend eindringliche Story von den unglaublichen Geschehnissen in einer kleinen kalifornischen Stadt und von zwei Menschen, die sich gegen eine drohende Vergewaltigung ihres Ichs zur Wehr setzen, ist ein phantastischer Thriller, der an H. G. Wells erinnert.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Redliche Amerikaner gegen heimtückische Invasoren“75

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Mill Valley liegt zwar im US-Staat Kalifornien, ist aber trotzdem ein abgelegenes Städtchen, dessen Bürger das Leben geruhsam lieben. Nach seiner Scheidung ist Dr. Miles Bennell deshalb hierher zurückgekehrt, wo bereits sein Vater als Arzt praktizierte, um ein wenig Abstand für einen Neuanfang zu gewinnen.

Normalerweise ist man in Mill Valley recht gesund, weshalb eine Folge seltsamer ´Krankmeldungen´ für Aufregung in den örtlichen Arztpraxen sorgt: Verschiedene Bürger behaupten, Familienmitglieder oder Freunde seien nicht mehr sie selbst, sondern äußerlich perfekte aber seelenlose, gefühlskalte ´Kopien´. Auch Bennell wird mit solchen Fällen konfrontiert und glaubt an eine Massenpsychose, bis ein Freund, der Autor Jack Belicec, ihn mit einem makabren Fund aus seinem Keller konfrontiert – eine Leiche ohne Fingerabdrücke und mit ´unfertigen´ Gesichtszügen.

Als sich dieser Körper nach und nach zu einem Ebenbild des Schriftstellers entwickelt, weiß Bennell, dass wider alle Wahrscheinlichkeit tatsächlich „Körperfresser“ umgehen. Sie duplizieren ihre Opfer und haben sich unbemerkt bereits in Mill Valley ausgebreitet. Polizei und Verwaltung sind infiltriert, der Ort ist wie abgeschnitten von der Außenwelt; dass jemand dort der Geschichte einer wohl außerirdischen Invasion Glauben schenken würde, ist ohnehin unwahrscheinlich.

Miles, dem sich Becky Driscoll, eine Jugendfreundin, angeschlossen hat, beschließt, zusammen mit Jack und dessen Ehefrau Theodora um Mill Valley zu kämpfen. Da das im Partisanenkampf unerfahrene Quartett wenig subtil vorgeht, werden die Invasoren rasch aufmerksam. Sie übernehmen ihre Opfer im Schlaf und müssen deshalb nur warten, bis Erschöpfung die kleine Gruppe übermannt, deren Mitglieder zudem nie wissen, ob ihnen ein Mitbürger oder ein Außerirdischer gegenübersteht …

Die hinterlistige Invasion

Bekanntlich kommen die Außerirdischen normalerweise in Riesen-Raumschiffen und mit Laserfeuer über uns Erdmenschen. Schon H. G. Wells nannte jenes Werk, das man als Blaupause für spätere Invasionen bezeichnen kann, den „Krieg der Welten“ – und das zu Recht, ging dabei doch allerhand zu Bruch.

Das Konzept der „Fünften Kolonne“ ist jünger. Zwar haben sich schon immer subversive Kräfte gut getarnt unter ihre Gegner gemischt, um diese auszuspionieren. Doch erst im Zuge des Zweiten Weltkriegs und dann im „Kalten Krieg“ wurde die Unterwanderung des großen Stils entwickelt. Nicht nur Agenten, sondern auch gut ausgebildete und ausgerüstete Truppen sickerten hinter die Linien des ´Feindes´, wo sie den Boden für später nachrückende ´richtige´ Streitkräfte bereiteten.

Ein solches Vorgehen gilt verständlicherweise als besonders gefährlich sowie hinterlistig. In der Schlacht lassen sich Freunde und Feinde immerhin unterscheiden, was er ermöglicht, einander über den Haufen zu schießen oder es zu unterlassen. Eine Fünfte Kolonne kann dagegen nicht oder erst gestoppt werden, wenn es zu spät ist und die eigene Verteidigung unterminiert wurde.

In den 1950er Jahren grassierte in den USA die Furcht vor den womöglich heimlich bereits allgegenwärtigen Sowjets. Der ideologische Kampf zwischen westlichen Individualisten und ostroten Konformisten drohte politisch und in letzter Konsequenz militärisch auszuarten. Die US-Bürger waren angehalten, Augen und Ohren offenzuhalten und nach bereits im Untergrund wühlenden Kommunisten zu spähen.

Freund oder Feind?

Romane und Filme griffen diese Stimmung auf. Sie mischten Unterhaltung und Mahnung und trafen den Nerv ihres Publikums. Es lag deshalb nahe, das Prinzip der Fünften Kolonne spielerisch auszuweiten. Jack Finney war nicht der erste Autor, der Invasoren aus dem All heimlich die Erde erobern ließ. ihm gelang jedoch ein Klassiker, weil er sehr genau wusste, auf welche Weise er Paranoia, Beklemmung und einen Unterton ständiger Bedrohung in ein Umfeld stellen musste, in dem sich seine Leser wiederfinden konnten.

Mill Valley ist die archetypische US-Kleinstadt der 1950er Jahre. (Der deutsche Leser wird aufs Glatteis geführt, indem die Geschichte in der Übersetzung kurzerhand ins Jahr 1976 verlegt wird. Dort hat sie sichtlich nichts zu suchen und wirkt kontraproduktiv anachronistisch.) Finney nimmt sich viel Zeit, den Ort und seine Bewohner einzuführen. Beinahe übertreibt er es mit der detailreichen Schilderung einfacher, hart arbeitender Menschen, die in stabilen sozialen Netzen verankert sind.

Ausgerechnet dieser Mikrokosmos uramerikanischer Vorbildlichkeit ist bereits außerirdisch infiziert, als die Geschichte einsetzt. Der Verfall hat unmerklich eingesetzt und ist allgegenwärtig. Die Fremden dominieren auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Auch die Autoritäten, denen man sich 1955 noch bereitwillig unterwirft, weil „die da oben“ am besten wissen, was dem Volk nutzt bzw. schadet, sind betroffen. Nun missbrauchen sie die ihnen übertragene Macht, um die Invasion voranzutreiben.

Der Riss geht noch tiefer. Sogar die Familie, vielfach beschworene Kernzelle der US-Gesellschaft, ist befallen. Väter, Ehegatten, Brüder, Schwestern: Das eigene Heim ist keine Burg mehr. Jeglicher Sicherheit ist das Fundament nachhaltig entzogen: „Die Männer, Frauen und Kinder auf der Straße und in den Läden unter mir waren jetzt etwas anderes, bis hin zur letzten Person. Sie waren alle unsere Feinde, einschließlich jener mit den Augen, Gesichtern, Gesten und Bewegungen alter Freunde.“ (S. 148)

Kluge Leute treffen dumme Entscheidungen

Dass „Die Körperfresser kommen“ als Klassiker gilt, verdankt der Roman auch oder vor allem der Verfilmung von 1956. Bei nüchterner Betrachtung war Finney in der Beschwörung von Verfolgungswahn erfolgreicher als in der Entwicklung einer logischen Handlung. Obwohl die Hauptfigur beispielsweise ein Arzt ist, benimmt sich Miles Bennell alles andere als klug. So flüchtet er aus Mill Valley und kehrt, bereits glücklich entkommen, willensstark aber planfrei und mit leeren Händen dorthin zurück, um gegen die Invasoren zu ´kämpfen´. Er und seine ähnlich unorganisierten Freunde verbringen stattdessen ihre Zeit nicht unerwartet damit, vor den inzwischen allgegenwärtigen Körperfressern zu flüchten, die sie schließlich doch erwischen.

Wie wäre es alternativ mit einer Blut- und Gewebeprobe gewesen, die Arzt Bennell der ´Leiche´ im Belicecschen Keller hätte entnehmen können, um sie einer Regierungsbehörde als Beweis vorzulegen? Stattdessen ruft man einen alten Kumpel Stellung in Washington an, der dort rein gar nichts zu sagen hat, und wundert sich, dass der Präsident nicht umgehend Truppen nach Mill Valley schickt. Die Biologie der Körperfresser ist selbst 1955 mehr romantische SF als realistisch: Sie treiben nicht als Sporen, sondern als mülltütengroße Schoten durch das All. Schon Finneys Autorenkollege Damon Knight wies missbilligend auf solche Bockschüsse hin.

Das Finale drückt entweder Finneys Ratlosigkeit oder den Zwang zum kommerzielleren „happy end“ aus. Die Invasion löst sich binnen weniger Zeilen quasi in Luft auf, eine halbherzige ´Erklärung´ folgt. Unsere Körperfresser, die so schlau eine ganze Stadt in ihre Gewalt bringen konnten, werden von einigen panischen Menschlein vertrieben. Spätestens dies ist der Punkt, an dem der Leser begreift, dass „Die Körperfresser kommen“ eine Science-Fiction-Gruselgeschichte ist, die im Schutz ihres Alters eine literarische Bedeutung gewinnen konnte, die ihr so nicht zukommt. Vor allem der Nostalgie-Faktor und einige klug konstruierte, erst später zum Klischee geronnene Spannungsszenen retten Finneys Garn heute über die Distanz. „Klassiker“ können durchaus ´alt´ sein – und trotzdem Lese-Spaß verbreiten!

Exkurs: Die „Körperfresser“-Filme

Bereits nachdem Finneys „Körperfresser“-Roman 1954 in Fortsetzungen im „Collier’s Magazine“ erschienen war, begannen in Hollywood die Vorbereitungen zur Verfilmung. Das Kleinstudio „Allied Artists“ erwarb die Rechte und beauftragte den späteren Meisterregisseur Don Siegel (u. a. „Dirty Harry“, 1971, und „Flucht von Alcatraz“, 1979) mit der Regie. Das geringe Budget zwang zu zahlreichen Außenaufnahmen, was dem gleichermaßen kostengünstig wie stimmungsvoll in Schwarz-Weiß gedrehten Film zugutekam.

Deutlich stärker als im Roman ist im Film der Subtext. Während die Romanhandlung diverse Logikbrüche aufweist und „happy“ endet, geht es in der Kino-Fassung deutlich düsterer zu. Je nach politischem Lager konnte man „Invasion of the Body Snatchers“ (dt. „Die Dämonischen“) 1956 als allegorische Warnung vor einer Unterwanderung durch die gleichgeschalteten Sowjets oder vor einer faschistoiden Beugung der US-Bürgerrechte durch die Hexenjagden des selbsternannten Kommunistenfahnders Joseph McCarthy deuten.

„Invasion ...“ gilt heute als einer der besten (SF-) Filme seiner Zeit und wurde 1994 in das „National Film Registry“ aufgenommen. Der Plot war und ist zeitlos, weshalb nicht verwundert, dass „The Body Snatchers“ mehrfach neu verfilmt wurde. Der Fortschritt der Tricktechnik ermöglichte dabei die wesentlich detailfreudigere Darstellung der körperfresserlichen Aktivitäten, während der politische Aspekt in den Hintergrund geriet.

1978 gelang Philip Kaufman mit „Die Körperfresser kommen“ nichtsdestotrotz ein spannendes Remake mit kompromisslos düsterem Unterton und entsprechendem Finale. Ebenfalls interessant ist die Version von 1993. In „Body Snatchers“ (dt. „Angriff der Körperfresser“) lässt Regisseur Abel Ferrara die Invasoren einen Militärstützpunkt unterwandern. In diesem streng hierarchischen, auf Befehl und Gehorsam fußenden Umfeld können sie besonders effizient agieren. Deshalb sind es schwer bewaffnete Soldaten, die jene, die sie eigentlich schützen sollen, den Körperfressern in die ´Arme´ treiben.

Die bisher letzte Verfilmung stammt aus dem Jahre 2007 und heißt nur noch „The Invasion“ (dt. „Invasion“). Unter der Regie von Oliver Hirschbiegel entstand ein Film, der vor allem Spektakel ist, während die metaphorische Ebene dem Durchspielen eher seifenoperlicher Als-ob-Probleme weicht.

(Dr. Michael Drewniok, Mai 2012)

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