Die Augen der Überwelt von Jack Vance

Buchvorstellungund Rezension

Die Augen der Überwelt von Jack Vance

Originalausgabe erschienen 1966unter dem Titel „The Eyes of the Overworld“,deutsche Ausgabe erstmals 1986, 224 Seiten.ISBN 3-426-05835-9.Übersetzung ins Deutsche von Lore Strassl.

»Die Augen der Überwelt« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Glücksritter Cugel wird nach einem missglückten Einbruch von einem Magier gezwungen, sich auf die gefährliche Suche nach einem dämonischen Artefakt zu begeben; ein Unternehmen, das Cugel von einer Bredouille in die nächste führt ... – Locker erzählter, trotzdem ungemein dichter, farbenfroher, gleichermaßen spannender wie witziger Episodenroman, der aufgrund des immensen Ideenreichtums glänzend unterhält: ein zeitloses Lektüre-Vergnügen!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Glückritter Cugel stolpert über die eigene Schläue“90

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

In ferner Zukunft liegt unsere Sonne in den letzten Zügen. Noch wärmt sie die Erde, doch sie droht zu erlöschen. Die wenigen Menschen, die den Planeten bevölkern, fürchten diesen Moment, der ihr Ende bedeuten wird. Solange die Sonne jedoch scheint, setzt man das Leben fort, so gut es geht. In dieser Hinsicht hat sich der Kreis bereits beinahe geschlossen, denn die Hightech vergangener Tage ist nur noch eine vage Erinnerung. Geblieben sind vor allem hässliche Relikte; so gipfelte einst die Entschlüsselung genetischer Codes in der Schaffung bizarrer Mischwesen, die viel zu oft den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, weiter mutierten und nun ganze Landstriche verheeren.

Die restlichen Menschen fristen ihr Leben wieder wie im Mittelalter. Allerdings haben nicht nur außerirdische Kräfte ihre Nischen gesucht und gefunden. Magie ist Alltag geworden und mächtig, wie aktuell der Glückritter Cugel erkennen muss, der sich mit wenig Erfolg als Amulett-Händler in Azenomai, einer uralten Handelsstadt, versucht. Da Cugel auch als Gelegenheitsdieb aktiv ist, horcht er auf, als ihm ein Konkurrent vom Lachenden Magier Iucounu erzählt, der in seinem Heim unglaubliche Schätze hortet.

Cugel bricht in Iucounus Haus ein, gerät aber in eine der Fallen, die der Magier gestellt hat, und wird auf frischer Tat ertappt. Statt ihn zu töten, zwingt Iucounu Cugel, sich auf eine riskante Expedition zu begeben: Der Magier sucht nach einem der 414 Augen der Überwelt, die vor langer Zeit der Dämon Unda-Hrada im Land Cutz auf dem fernen Nordkontinent zurücklassen musste. Cugel soll ihm eines dieser zauberkräftigen Augen beschaffen.

Um ihn zu kontrollieren, setzt der Magier Cugel den Außerirdischen Firx in den Leib, der ihn tüchtig zwickt, wenn sein Opfer den Auftrag zu „vergessen“ droht, was angesichts unglaublicher Gefahren und Verlockungen immer wieder vorkommt …

Erde am Ende

Noch während er seinen (Kriegs-) Dienst in der US-Handelsmarine absolvierte, schrieb Jack Vance ab 1943 die ersten Storys um eine Erde, die in ferner Zukunft um eine beinahe ausgebrannte Sonne kreiste. Der Autor mischte Einfallsreichtum mit Melancholie, der er nicht selten eine Ironie beimischte, die leicht die Grenze zum Zynismus überschritt. Die erste Sammlung dieser Geschichten, die 1950 unter dem Titel „The Dying Earth“ (dt. Die sterbende Erde) erschien, blieb noch eher ernst, doch spätestens in den 1960er Jahren war Vance als Schriftsteller einerseits etabliert und andererseits selbstsicher genug, um mit den Regeln der Phantastik zu spielen.

Zwischen Dezember 1965 und Juli 1966 erschienen im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“ sechs Storys um Cugel, den man „den Schlauen“ nennt, wobei der Witz in der Tatsache liegt, dass Cugel immer wieder durch die Ungunst des Schicksals und noch öfter selbstverschuldet in groteske Bredouillen gerät: Wenn jemand nicht schlau auf dieser sterbenden Erde ist, dann muss wohl Cugel die Eselsmütze tragen.

Jack Vance war als Autor ein Profi. Er sah das Potenzial in seinen „Cugel“-Storys, die ihr Publikum gefunden hatten, und beschloss dies einerseits auszunutzen, während er sich andererseits die Arbeit erleichtern wollte. Also verschmolz er die Einzelgeschichten zu einem Roman, dem er eine Rahmenhandlung gab. Die Handlung blieb dennoch episodisch, was allerdings in erster Linie literaturkritische Puristen bemängelten. Das Gros des Publikums genoss eine ebenso spannende wie witzige Geschichte, die nicht nur durch das Geschehen, sondern auch durch den beeindruckenden Ideenreichtum bestach. Heute wäre Cugel mindestens Held einer 6 x 1.000-seitigen Fantasy-Saga. 1966 verdichtete Vance die Handlung inhaltlich wie formal, bis quasi jeder Halbsatz eine eigene Geschichte erzählte.

Düstere Zeiten werden bunt in Worte gefasst

Im 21. Jahrhundert und im Zeitalter endlos ausgewalzter Garne ist dies eine selten gewordene Erfahrung. „Automatisches“ Lesen und das problemlose Überspringen ganzer Passagen, ohne den dürren Erzählfaden zu verlieren, ist hier nicht möglich. Man muss und sollte sich konzentrieren, um die volle Dosis Vance genießen zu können. Selbst zu seiner Zeit war die Zahl der Autoren, die über das Talent verfügten, wirklich fremde = fremd wirkende Welten zu entwerfen, arg begrenzt. Vor allem in seinen späteren Werken übertrieb es Vance mit seiner überbordenden Fantasie. Als er Die Augen der Überwelt schrieb, hatte er diesen Drang noch im Griff.

Hier steht kein Wort zu viel. Die sterbende Erde ist ein faszinierender Ort. Heute mögen viele der von Vance beschriebenen Seltsamkeiten bekannt oder zum Klischee verkommen sein. Doch guten Autoren wie Vance verdanken wir eine Exotik, die erst weniger begabte und faule Epigonen aufgegriffen und ausgepresst haben. Cugels Erde ist authentisch, und so wirkt sie auch auf den heutigen Leser.

Vance hat sich als Weltenschöpfer an klassischen Vorbildern orientiert. Die Literaturkritik nennt hier vor allem James Cabell Branch (1879-1958), der zwischen 1901 und 1929 eine Serie von Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten schrieb, die das fiktive Leben des Edelmanns Dom Manuel aus der ebenso imaginären französischen Provinz Poictesme beschrieben („Biographie of the Life of Manuel“). Dabei bediente sich Branch einer künstlich „historisierenden“ Sprache, was Vance maßvoll aufgreift. (Die deutsche Übersetzung greift den kunstvoll verdrehten, das Geschehen indirekt kommentierenden, mit knochentrockenem Witz bereicherten Stil auf.)

Mensch bleibt Mensch, d. h. schlecht

Vances Absicht liegt sichtlich nicht darin, eine auf Fakten basierende irdische Zukunft zu entwerfen. Das Ambiente orientiert sich an einem populären Mittelalter, das ebenfalls keiner wissenschaftlich untermauerten Realität unterworfen ist, sondern vor allem auf farbenfrohe Verfremdung setzt. Folgerichtig bleiben der eigentliche Niedergang der Zivilisation und seine Gründe vage. Präzise Erklärungen sind für diese Geschichte ohnehin überflüssig.

Schriftsteller überspitzen gegenwärtige Probleme bzw. Menschenschwächen. Diesbezüglich gab es zwischen 1966 und heute grundsätzlich keine positiven Fortschritte zu verzeichnen; kein Wunder, dass „Die Augen der Überwelt“ so zeitlos wirkt! Profit- und Machtgier zeichnet die Menschheit auch kurz vor ihrem Untergang aus. Die Vertreter von Politik, Religion oder Wirtschaft sind umso korrupter, je höher sie aufgestiegen sind und je vornehmer sie sich geben. Wissenschaftler sind keineswegs besser. Sie hüten eifer- und selbstsüchtig das halbvergessene, zu ‚Magie’ geronnene Wissen ihrer Vorfahren. Der „Lachende Magier“ Iucounu ist exemplarisch für diese zudem untereinander zerstrittene Gruppe, denn das haben die Magier der Zukunft mit allen Machthabern der Geschichte gemeinsam: Jeder sägt an jedem Stuhl. Vance schildert eine Fluss- und Pilgerfahrt, die sämtliche Passagiere – fromme Prediger und selbsternannte Propheten – als erbitterte Gegner zeigt, denen nichts gleichgültiger als der jeweils vertretene Glaube oder gar dessen Anhänger sein könnten.

In dieser nur oberflächlich friedlichen Schlangengrube stellte Cugel der Schlaue keine Ausnahme dar. Als ‚Held’ im klassischen Sinn ist er denkbar untauglich. Cugel lügt und betrügt, was man ihm nachsehen könnte, wenn es nur Lügenbolde und Pfeffersäcke träfe. Doch Cugel ist ebenfalls hinterlistig und jähzornig; so erschlägt er kurzerhand und grausam ein Muschelwesen, das ihm einen harmlosen Streich spielt. Später zwingt er einer Frau seinen Willen auf und lässt sie kurz darauf umkommen, um seine eigene Haut zu retten: Nein, Mitleid will nicht mit Cugel aufkommen. Trotzdem verfolgt man seine Abenteuer voller Freude, denn Vance findet stets unterhaltsame Wege, Cugels großartige Pläne scheitern zu lassen.

Alles zurück auf Anfang

Dies bleibt die Konstante: Zunächst mag Cugel seine Opfer blenden, doch immer kommen sie ihm rasch auf die Schliche – auch deshalb, weil Cugels tollen Plänen kleine aber wichtige Details fehlen, weshalb sie im ungünstigsten Moment auf ihren Verursacher zurückschlagen.

Cugels Odyssee hat keinen eigentlichen Beginn. Zwar gibt es ein Finale, aber auch das Ende ist offen bzw. bildet einen Kreis, denn Cugel landet genau dort, wo er seine Irrfahrt begann. Wir können aber sicher sein, dass er sich unverdrossen, unbelehrbar kriminell und von meist selbst verschuldeten Missgeschicken verfolgt erneut auf den Weg machen wird.

Dies bestätigte allerdings nicht Jack Vance. Eine direkte Fortsetzung zu Die Augen der Überwelt lieferte 1974 Autoren-Kollege Michael Shea (1946-2014) mit „A Quest for Simbilis“ (dt. Die Reise durch die Unterwelt), bevor Vance mit dem Episoden-Roman „Cugel’s Saga“ (dt. Cugel der Schlaue) wieder selbst übernahm.

Ihre Meinung zu »Jack Vance: Die Augen der Überwelt«

Manfred Ilsemann zu »Jack Vance: Die Augen der Überwelt«30.06.2016
Die deutsche Erstauflage ist 1976 als Terra Taschenbuch 277 erschienen. Jack Vance "Das Auge der Überwelt" (Cugel der Schlaue). Viele Romane, die später als Taschenbücher gedruckt wurden, sind schon weit vorher als Heftromane als Terra SF, Terra Sonderband, Terra Extra, Terra Nova und Terra Astra erschienen.
Ihr Kommentar zu Die Augen der Überwelt

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.