Jack Williamson

Jack Williamson wurde am 29. April 1908 in Bisbee, einer 1880 gegründeten Bergarbeiterstadt im Arizona Territory – erst 1912 wurde Arizona 48. Staat der USA – geboren. Seine Kindheit verbrachte er auf einer Farm im westlichen Texas. Mit Pferd und Wagen zog die Familie Williamson 1915 nach New Mexico, um dort einen Neuanfang zu versuchen. Nach großen Anfangsschwierigkeiten entstand eine Ranch, die noch heute existiert. Das Leben war in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts hart und gefährlich in dieser Region, in der noch viel an den „;Wilden Westen“; der Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg erinnerte. Der junge Jack, der schon früh wusste, dass er weder Farmer noch Rancher werden wollte, musste jenseits der Schule seine Ausbildung quasi selbst in die Hand nehmen. Er nutzte wissbegierig die örtliche Bibliothek und unterrichtete sich autodidaktisch fort.

Ab 1926 entdeckte Williamson „;Amazing Stories“;, eines der ersten und berühmtesten der wenig später zahlreichen „;Pulp“;-Magazine, die sich auf Science Fiction-, Abenteuer- oder Horrorstorys spezialisierten. Als Sammler und Fan der ersten Stunde (sowie späterer Inhaber einer der größten „;Pulp“;-Sammlungen überhaupt) beschloss er selbst Schriftsteller zu werden. 1928 wurde Williamsons erste Kurzgeschichte „;The Metal Man“; veröffentlicht. Dies war der Auftakt zu einer nicht nur in der Phantastik beispiellosen Karriere, die sich über unglaubliche 78 Jahre und die gesamte Geschichte der modernen Science Fiction erstreckte.

Der „;frühe” Williamson zeigte sich stark beeinflusst von Abraham Merritt (1884-1943) und schrieb recht ausufernde, von traumähnlichen Sequenzen geprägte Phantastik. Der Arzt und heute vergessene Autor Miles J. Breuer (1889-1947) nahm sich des jungen Talents an. Gemeinsam verfassten sie 1930 “;The Birth of a New Republic„; und “;The Girl from Mars„;. Williamson lernte seinen Erzählstil zu straffen und stringent einem gut durchdachten Plot zu folgen – kurz: Williamson kam auf den Punkt.

In den 1930er Jahren – dem “;Goldenen Zeitalter„; der US-amerikanischen Science Fiction – gehörte Williamson zu den regelmäßigen und beliebten Autoren der zeitgenössischen Magazine. Er schrieb SF, Fantasy und Horrorstorys. Trotz seines Arbeitseifers kam er wegen der niedrigen Entlohnung seiner Schriftstellerei, die in den “;Pulp„;-Minen eher Schreib-Arbeit war, finanziell nur schlecht über die Runden. Dennoch entstanden in diesen Jahren einige Klassiker der Science Fiction. Dazu gehören vor allem die Storys um die “;Legion of Space„;, in denen Williamson die Abenteuer unerschrockener Weltraum-Musketiere erzählte. 1938 nahm er mit “;Legion of Time„; – eine Zivilisation der Zukunft schickt ihren Agenten in die Vergangenheit, der dort sämtliche Gefahren für die Nachfahren beseitigen soll, bevor sie akut werden – den Plot der “;Terminator„;-Filme vorweg.

Der II. Weltkrieg brachte das Ende der meisten Pulps. Das Taschenbuch begann seinen Siegeszug, Romane wurde verstärkt veröffentlicht und besser bezahlt. Williamson gelang der Wechsel, und seine Werke, die er gern in Zusammenarbeit mit seinem Freund und Kollegen Frederik Pohl (geb. 1919) verfasste, verkauften sich gut. In den 1950er Jahren erfüllte er sich einen Traum und ging zurück auf die Schule. Er studierte Englisch an der Eastern New Mexico University in Portales, New Mexico, und gehörte von 1960 bis 1977 dem dortigen Lehrkörper an. Seine Ausbildung setzte er fort und promovierte 1964 an der University of Colorado mit einer Arbeit über die frühen Arbeiten des Schriftstellers H. G. Wells.

Jack Williamson blieb als Schriftsteller fast acht Jahrzehnte präsent. Er folgte nie den großen “;Moden„; der Science Fiction, versuchte sich weder an der “;New Wave SF„; noch am Cyberpunk (den er nichtsdestotrotz interessiert zur Kenntnis nahm), sondern blieb der “;soliden„;, wenigstens teilweise der Wissenschaft und den Naturgesetzen verpflichteten SF treu. Anders als viele Kollegen, die “;harte„; SF schrieben, vernachlässigte Williamson nie den menschlichen Faktor seiner Zukünfte. In den 1930er Jahren lernte er während einer psychatrischen Behandlung viel über die komplexen Mechanismen von Hirn und Seele. Sein Wissen setzte er immer wieder ein, denn jeder Fortschritt, so sein Credo, hat seine Konsequenzen. 1947 überraschte er mit “;The Humanoids„; (dt. “;Wing 4„;). Nicht zum ersten Mal spielte Williamson reale politische, soziale und kulturelle Ereignisse auf einem fremden Planeten durch und extrapolierte mögliche Entwicklungen. Hier geht es um die Frage, wie der Mensch der Zukunft beschaffen sein wird: Bleibt er ein weiterhin unreifes Wesen, das sich mit seiner Supertechnik selbst vernichtet und von übermächtigen Robotern vor sich selbst geschützt werden muss, oder wird aus ihm ein Übermensch, der seine niederen Triebe unter Kontrolle bringt? Hier enden Williamsons Fragen nicht, er denkt weiter, denn auch dieser Übermensch mag nicht die “;ideale„; evolutionäre Lösung sein.

Obwohl das Alter allmählich seinen gesundheitlichen Tribut forderte, legte Williamson auch in den 1970er, 80er und 90er Jahren regelmäßig neue Romane und Storys vor, die natürlich einerseits auch von der strengen Kritik mit einer gewissen Ehrfurcht zur Kenntnis genommen wurden – Williamson verkörperte längst die SF -, während sie andererseits durch weiterhin kluge Gedanken und spannende Handlungen fesseln konnten. So verwundert es nicht, dass Williamson quasi jeden Preis “;seines„; Genres und oft mehrfach gewann. Zudem ehrten ihn die “;Science Fictions Writers of America„; als zweiten Schriftsteller überhaupt (nach Robert A. Heinlein) mit dem Titel “;Grand Master„;. Auch als Literaturforscher wurde Williamson ausgezeichnet; 1973 erhielt er einen “;Pilgrim Award„;.

Das 21. Jahrhundert erlebte einen weiterhin aktiven Jack Williamson. “;Wonder Child: My Live in Science Fiction„;, seine Autobiografie von 1984, musste er für eine Neuauflage erheblich erweitern. Noch 2005 erschien der Roman “;The Stonehenge Gate";. Der alte Mann begrüßte im Mai 2006 den SF-Autoren Kim Stanley Robinson in der Eastern New Mexico University, der er auch nach 1977 als Gastleser treu geblieben war und schon 1982 seine 17.000 Titel umfassende SF-Bibliothek sowie Manuskripte und Papiere übergeben hatte.

Der Tod ereilte Jack Williamson am 10. November 2006 nicht überraschend, weil in seinem 99. Lebensjahr, und an einem angemessenen Ort: im Arbeitzimmer seines Hauses, gelegen in Portales, New Mexico. [Michael Drewniok]

Phantastische Literatur von Jack Williamson:

  • Cuckoo (mit Frederik Pohl)
    • (1983) The Saga of Cuckoo [Sammelband]
  • Kurzgeschichtensammlungen
    • (1945) Lady in Danger
    • (1967) The Moon Era (mit Murray Leinster und John Wyndham)
    • (1969) Der Pandora-Effekt und andere Stories
      The Pandora Effect
    • (1971) People Machines
    • (1975) The Early Williamson
    • (1977) Dreadful Sleep
    • (1978) Die besten Stories von Jack Williamson
      The Best of Jack Williamson
    • (1979) Brother to Demons, Brother to Gods
    • (1980) The Alien Intelligence
    • (1984) The Best of Jack Williamson
    • (1990) Into the Eighth Decade
    • (2003) Darker than You Think and Other Novels
    • (2004) Seventy-Five: The Diamond Anniversary of a Science Fiction Pioneer
  • The Collected Stories of Jack Williamson
    • (1999) Vol. 1: The Metal Man and Others
    • (1998) Vol. 2: Wolves of Darkness
    • (2000) Vol. 3: Wizard’s Isle
    • (2002) Vol. 4: Spider Island
    • (2006) Vol. 5: The Crucible Power
  • Herausgeber
    • (1985) Medea: Harlan’s World (mit Harlan Ellison)
  • Sachbücher
    • (1973) H. G. Wells: Critic of Progress
    • (1980) Teaching Science Fiction: Education for Tomorrow
  • Autobiografie
    • (1984/2006) Wonder’s Child: My Life in Science Fiction