Der tote Raumfahrer von James P. Hogan

Buchvorstellungund Rezension

Der tote Raumfahrer von James P. Hogan

Originalausgabe erschienen 1977unter dem Titel „Inherit the Stars“,deutsche Ausgabe erstmals 1981, 252 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Brandhorst.

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In Kürze:

Im Staub des Mondes findet man einen mumifizierten Menschen in einem roten Raumanzug. Man nennt ihn „Charlie“. Wie sich herausstellt, ist Charlie 50000 Jahre alt. Aber vor 50 000 Jahren gab es noch keine Menschen, die wie Charlie aussahen. Und sie hatten weder Raumanzüge, noch konnten sie den Mond erreichen. Charlies Existenz bringt die Grundlagen der Menschheitsgeschichte durcheinander. Wer ist Charlie?Weitere Funde und Nachforschungen ergeben, daß sich vor 50 000 Jahren etwas Einschneidendes im Sonnensystem ereignet hat. Ein Drama scheint sich abgespielt zu ha ben, ein Drama, das auch für die Erde einen tiefen Einschnitt bedeutete. Aber die Lösung ist komplizierter, als dies in den Theorien der Wissenschaftler zum Ausdruck kommt. Immer neue Widersprüche tun sich auf. Als sich endlich die wahre Geschichte des toten Raumfahrers abzeichnet, ergeben sich Konsequenzen, die weit in das Leben jedes einzelnen hineinreichen.

Das meint phantastik-couch.de: „Mausetoter Mann im Mond“80

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Im Jahre 2028 herrscht Friede auf Erden. Statt sich zu streiten, auszubeuten oder aufzurüsten, investieren die Nationen in Forschung und Wissenschaft. Die Belohnung bleibt nicht aus: Eindrucksvolle Raumschiffe durchstreifen das Sonnensystem, auf vielen Planeten und Monden gibt es Stützpunkte und Forschungsstationen. Der Erdmond wird kolonisiert und dabei ausgiebig vermessen. Dabei stößt man auf das Höhlengrab eines unbekannten Raumfahrers. „Charlie“ wird er genannt, und er hat sich in der Luftleere des Mondes gut erhalten, obwohl er dort mehr als 50.000 Jahre gelegen hat. Die Aufregung ist groß, denn Charlie ist definitiv ein Mensch. Aber zu seinen Lebzeiten gab es keine Raumfahrt auf Erden.

Die UN-Weltraumorganisation (UNWO) heuert auf der ganzen Welt Fachleute an. Viele Monate werden kluge Köpfe zerbrochen, diskutieren und streiten die Wissenschaftler – und sie kommen voran: Charlie ist ein Bewohner des Planeten Minerva, der einst zwischen Mars und Jupiter durch unser Sonnensystem kreiste, aber vor 50.000 Jahren zerbarst. Doch wie kamen Menschen auf die Erde, und wie gelangten sie später auf den irdischen Mond?

Als ob dies nicht schon mehr als genug wäre, kommt auf dem Jupiter-Mond Ganymed das Raumschiff einer völlig unbekannten Spezies zum Vorschein. 25 Millionen Jahre ist es alt. Im Laderaum: Tiere aus der Frühzeit der Erde – und ein Urmensch. Die Ganymeder bilden ein wichtiges Steinchen im Charlie-Puzzle, aber wohin gehört es? Es braucht wiederum viel Zeit und einige aufregende Expeditionen durch das All, bis auch dieses Geheimnis gelüftet werden kann …

Eine Zukunft, die Gutes verhieß

Die „harte“ Science Fiction ist ein ehrwürdiges Genre der Zukunftsliteratur. Bis in die 1960er Jahre dominierte sie die SF, doch später fristete sie lange ein Schattendasein, propagier(t)en ihre Vertreter doch eine Welt, die sich durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt stetig zum Besseren entwickelt. Dabei ´wissen´ wir doch längst, dass die Technik an sich böse und die Wissenschaft zu kostspielig ist sowie die Zukunft nur Schlechtes bringen wird. Darüber wurden besonders in den 1970er Jahren viele deprimierende (aber durchaus hervorragende) SF-Geschichten verfasst. Verpönt war die in der Tat übertriebene Fortschrittsgläubigkeit der Gernsback-Ära. Über Bord ging leider auch der Spaß am Fabulieren, geopfert dem Bierernst professioneller und selbst ernannter Weltverbesserer.

Natürlich wird die Welt nicht am Fortschritt genesen, aber es bereitet durchaus Vergnügen sich vorzustellen, wie es sein könnte, würde es so funktionieren. Glücklicherweise darf man sich heute dieses unschuldigen Zeitvertreibs längst wieder erfreuen, ohne sich dafür im Keller verstecken zu müssen. Dass dies ist, verdanken wir unverzagten und fähigen Erneuerern wie Gregory Benford, Greg Bear, Robert L. Forward oder James P. Hogan.

Diese Zukunft ist heute Vergangenheit

„Der tote Raumfahrer“ ist harte SF in Reinkultur. Davon künden die (der Kritik oft zu) ausführlichen Schilderungen einer zukünftigen Alltagswelt, die zu verfolgen fast dreißig Jahre später doppelten Spaß bereitet: Nun lässt sich nämlich feststellen, was Wirklichkeit geworden ist und was Spekulation blieb. Siehe da, Hogan lag manchmal gar nicht so falsch. Wir finden – noch unter anderen Namen – das Internet oder die Computertomographie.

Genauso oft lag Hogan daneben. Mit der Raumfahrt wird es wohl sogar in diesem 21. Jahrhunderts nichts mehr. Der Anschluss an eine viel versprechende Vergangenheit wurde verpasst, die Gegenwart sieht düster aus, abzuwarten bleibt, ob die markig angekündigten Kolonien im Weltraum tatsächlich Realität werden: Charlie muss wohl keine Entdeckung fürchten. Wohlstand für alle Menschen wird definitiv eine Fiktion bleiben; in gesellschaftlicher Hinsicht steht zu befürchten, dass die Cyberpunk-Unken das präzisere Bild einer unerfreulichen Zukunft zeichneten.

Jenseits der Spekulation erzählt Hogan eine SF-Geschichte als buntes Abenteuer, das weniger auf Action, sondern auf Köpfchen setzt und dennoch oder gerade deswegen fesseln kann. Auch dieser Aspekt – das Primat der Idee – wird der harten Science Fiction vorgeworfen. Da die Beschäftigung mit dem „Inner Space“ des Menschen der Kritik seit seiner Entdeckung hart am Herzen liegt, gilt SF à la „Der tote Raumfahrer“ mit ihrem schlüssig entworfenen und umgesetzten Plot als nicht „gesellschaftsrelevant“, als zu „rational“, als zu „technisch“. Dabei war genau dies ein Aspekt, der Hogan am Herzen lag; Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltall“, hatte er sehr genossen, aber weder verstanden noch die daraus resultierende Verwirrung als erwünschtes Resultat akzeptiert.

Als der Verstand noch triumphieren durfte

Wissenschaftler sind seltsame Zeitgenossen; sie beschäftigen sich mit praxisfernen Dingen, die den gesunden Menschenverstand übersteigen, und erwarten dafür auch noch finanzielle Mittel oder gar persönliche Entlohnung. Für diese Dreistigkeit wird ihnen seit jeher in Zeiten, da das Geld knapp wird, die Rechnung präsentiert: fort mit Schaden.

Vielleicht sähe die Welt ein wenig mehr der Zukunft ähnlich, die Hogan uns hier ausmalt, wenn Männer wie Victor Hunt, Gregg Caldwell oder Chris Danchekker mehr gälten. Andererseits weiß Hogan deutlich zu machen, wieso dies niemals geschehen wird: Sie sind einfach zu sehr Forscher und wissen ihre Ellenbogen nicht einzusetzen. Nur die Science Fiction verleiht ihnen Flügel. In der Realität würde die mit Köpfchen und Zusammenarbeit erzielte Lösung eines Rätsels, das hauptsächlich die menschliche Neugier befriedigt, fantastische Summen verschlingt und nur theoretisch Profit einbringt, niemals zu Stande kommen. Wie es funktionieren könnte, ist ein intellektueller, wenn nicht akademischer und im positiven Sinne naiver Lesespaß.

Denn es mag überraschen, aber „Der tote Raumfahrer“ ist eine leichte Lektüre; dies sogar buchstäblich, denn mit 250 Seiten ist das Werk nach heutigen Maßstäben sträflich untermotorisiert. Daher stört es nicht, dass Hogans Protagonisten recht zweidimensional bleiben. Sie lieben ihren Job und gehen in ihm auf. Ein Privatleben haben sie nicht bzw. sie stellen es zurück. Seelische Verwirrungen, mit denen auch die moderne SF viel zu oft auf ein ´literarisches´ Niveau gehievt werden soll, bleiben ausgespart, und siehe da, man vermisst sie wirklich nicht.

Und selbstverständlich geht das Abenteuer weiter: Hogan setzt die Saga vom Planeten Minerva und den Riesen vom Ganymed bis heute fort. Das gab mehr als genug Raum, um in die Breite zu gehen …

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