Jean Ray

Nach eigener Auskunft war er ein Abenteurer, Weltreisender, Schmuggler, Pirat, was man Raymundus Joannes de Kremer nach der Lektüre seiner farbenprächtigen, schnurrigen, quicklebendigen Geschichten gern glauben möchte. Allerdings stimmt kein Wort davon; der vermeintliche Tausendsassa hat seine belgische Heimatstadt Gent, in welcher er am 8. Juli 1887 ins kleinbürgerliche Milieu geboren wurde, kaum verlassen.

Nach gescheitertem Studium arbeitete Kremer ab 1910 in der Stadtverwaltung. Ende des Jahrzehnts wurde er Journalist. Als Schriftsteller entwickelte sich Kremer zu einem der fleißigsten Autoren seiner Zeit. Er war motiviert und nicht nur bei seinen Lesern beliebt, sondern wurde auch von der Literaturkritik zur Kenntnis genommen. Das Jahr 1926 brachte den Bruch. Kremer wurde in einen Finanzskandal verwickelt und wegen Unterschlagung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt; die Strafe wurde später auf vier Jahre herabgesetzt. Auch während er Haft schrieb Kremer und arbeitete nach seiner Entlassung erneut als Journalist, doch sein Ruf war beschädigt, und seine späteren Werke erfuhren ungeachtet ihrer Qualität nicht mehr die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.

Kremers Œvre lässt sich dreiteilen. Da gab es Jean Ray, den Autoren unzähliger (französischsprachiger) Kurzgeschichten, die sich dem phantastischen Genre zuordnen lassen. Als „John Flanders“ oder unter einem anderen seiner zahlreichen Pseudonyme schrieb Kremer in flämischer Sprache Abenteuerromane für eher jugendliche Leser, aber auch etwa 300 Storys mit starken Science Fiction- und Fantasy-Elementen. Schließlich war Kremer noch der ungekrönte, wenn auch anonyme König des belgischen Heftromans. Zwischen 1928 und 1938 erschienen 178 Abenteuer des „amerikanischen Sherlock Holmes“ Harry Dickson, für die Kremer zunächst bereits vorliegende Hefte übersetzte und später dazu überging, eigene Dickson-Abenteuer zu verfassen, weil die Vorlagen seinen Ansprüchen nicht genügten. Noch immer ist unklar, wie viele Dickson-Heftromane Kremer bearbeitet oder geschrieben hat; Schätzungen gehen von mehr als 100 Geschichten aus.

Trotz seines gewaltigen literarischen Ausstoßes gilt Raymundus de Kremer heute als einer der Großen der europäischen Phantastik. Vor allem die in den 1940er Jahren entstandenen Geschichten und Romane wurden von der Kritik gelobt, die damit längst nachgeholt hat, was die Zeitgenossen versäumten. In den 1950er kehrte Kremer in die Minen der Trivial-Unterhaltung zurück; u. a. scriptete er Comics. Vor dem endgültigen Versinken in die Anonymität bewahrte ihn die Neuveröffentlichung seiner Hauptwerke, doch das breite Publikum registrierte es nicht, als Kremer am 17. September 1964 im Alter von 77 Jahren starb; er hatte dies in einem kurz vor seinem Tod selbst verfassten Epitaph ebenso witzig wie bitter vorausgesehen. [Michael Drewniok]

mehr über Jean Ray:

Phantastisches von Jean Ray:

  • (1935) Spoken op de ruwe heide (als John Flanders)
  • (1935) Un Roman de la mer (als John Flanders)
  • (1936) Hirro, l’enfant de la jungle
  • (1943) Malpertuis
    Malpertuis
  • (1943) La cité de l’indicible peur
  • (1944) Les derniers contes de Canterbury
  • (1947) La bataille d’Angleterre (als John Flanders)
  • (1948) Geheimen van het Noorden (als John Flanders)
  • (1948) Het zwarte eiland (als John Flanders)
  • (1948) Het monster van Borough
  • (1949) La vallée du Sommeil (als John Flanders)
  • (1959) Les prisonniers de Morstanhill
  • (1960) La porte sous les eaux (mit Michel Jansen)
  • Storysammlungen
    • (1925) Les contes du whisky
    • (1932) La croisière des ombres
    • (1942) Le grand nocturne
    • (1943) Les cercles de l’épouvante
    • (1946) La Malédiction de Machrood (als John Flanders)
    • (1946) Mystères et aventures (als John Flanders)
    • (1947) Le livre des fantômes
    • (1961) Les 25 meilleures histoires noires et fantastiques
    • (1964) Le carrousel des maléfices
    • (1964) Les contes noirs du Golf
    • (1966) La griffe du diable (als John Flanders)
  • Über Jean Ray (Auswahl)
    • (1988) Franz Rottensteiner: Jean Ray. Biographie (Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur, 15. Ergänzungslieferung)
    • (1998) Armand Huftier: John Flanders – Jean Ray. L’Unité double
    • (2001) Ellen Schwarz: Der phantastische Kriminalroman. Untersuchungen zu Parallelen zwischen roman policier, conte fantastique und gothic novel, S. 191-200
    • (2004) Rein A. Zondergeld: Die Geheimnisse von Raymundus Joannes de Kremer (Nachwort zur Neuausgabe des Romans „Malpertuis“), Almersbach : Festa Verlag, S. 189-201
    • (2006) Thomas Amos: Architectura cimmeria. Manie und Manier phantastischer Architektur in Jean Rays 'Malpertuis’

Anmerkung: Weil sie den Rahmen sprengen würden, bleiben in dieser Bibliografie Rays Beiträge zur Harry-Dickson-Serie ausgeklammert, zumal sie weiterhin nicht gänzlich identifiziert werden können. Der interessierte Leser findet eine Dickson-Historie, die auch ein Rückblick auf die Frühzeit der europäischen „Pulps“ ist, auf folgender Website: www.coolfrenchcomics.com/harrydickson.htm.