Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos von Jeffrey Thomas

Buchvorstellungund Rezension

Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos von Jeffrey Thomas

Originalausgabe erschienen 2012, 336 Seiten.ISBN 3865521215.Übersetzung ins Deutsche von Fabian Dellemann u.a..

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In Kürze:

13 Erzählungen zu Lovecrafts unsterblichem Cthulhu-Mythos – ungewöhnlich, originell, beeindruckend. Mit einem Autoreninterview von Christian Endres.

Inhalt:

  • Meine Frau, der Shoggoth
    I Married A Shoggoth
  • Die Gebeine der Großen Alten
    The Bones Of The Old Ones
  • Die Avatare der Großen Alten
    The Avatars Of The Old Ones
  • Die Abkömmlinge der Großen Alten
    The Young Of The Old Ones
  • Zu Diensten
    Servile
  • Konglomerat
    Conglomerate
  • Hinter undurchsichtigem Glas
    Through Obscure Glass
  • Aus dem Bauch der Hölle
    Out Of The Belly Of Sheol
  • Die Fratze Baphomets
    The Face Of Baphomet
  • Leichenkerzen
    Corpse Candles
  • Pazuzus Kinder
    Pazuzu’s Children
  • Der Tanz der Ugghiutu
    The Dance Of Ugghiutu
  • Die Kinder des Drachen
    Children Of The Dragon

Das meint Phantastik-Couch.de: „Geisterbahnfahrt durchs Lovecraft-Universum“80

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Der Blick auf das Werk von Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) hat in den letzten dreißig Jahren eine interessante Wandlung erfahren. Ursprünglich als einzelne Kurzgeschichten und Novellen erschienen, haben seine Fiktionen ihre Definition reiner Pulp-Literatur gesprengt und dürfen heute als einer der großen Würfe (und Inspirationsquellen) der Phantastik gelten. In Prachtausgaben gesammelt und von Fans und Literaten gleichermaßen verehrt. Ist Lovecraft schon ein Stückchen Weltliteratur geworden? Möglich, dass mancher ´ernsthafter´ Literaturkenner noch nie etwas von Cthulhu gehört haben will; doch dem aufgeschlossenen Leser, der sich für alle Spielarten der Literatur interessiert, ist zuzutrauen, dass er dem außerirdischen Tentakelgott und seinen Schergen schonmal begegnet ist. Diese Bekanntheit ist wesentlich auf Verleger und Autorenkollegen in Lovecrafts Umfeld zurückzuführen, die sich meist selber großzügig an dessen Ideen bedienten um dem Mythos der unheilbringenden Chaos-Götter ihre eigenen Geschichten beizusteuern.

Klar, dass dabei die Begabung eines Schriftstellers maßgeblich ist, ob eine Hommage blasser Abklatsch bleibt oder ob sie originell genannt werden darf. Robert E. Howard, Clark Ashton Smith, King und Campbell, – um nur ein paar der bekannteren zu nennen -, haben den lovecraft’schen Mythos in ihre jeweils eigene Sprache übersetzt und ihn dadurch um diverse Facetten bereichert. Fast monatlich erscheinen Anthologien, Kurzgeschichten und Romane in allen Sprachen, die mit dem Schlagwort Cthulhu etikettiert werden. Einige davon lassen den Meister wohl im Grab rotieren, doch es gibt auch immer wieder gelungene Veröffentlichungen, die den Originalen stimmungsmäßig durchaus nahe kommen.

Festa widmet Lovecraft und seinen Jüngern seit Jahren die gelungene Bibliothek des Schreckens, in die sich nun auch Jeffrey Thomas´ Storysammlung einreihen darf.

Cthulhu zum Ersten: Im Fahrwasser des mehr oder weniger Bekannten

Bei mehr als der Hälfte der dreizehn Stories ist der Plot auf der Erde in der Gegenwart angesiedelt, womit die Schrecken der Äußeren Dimensionen dem Skeptizismus aufgeklärter Zeitgenossen begegnen müssen. Konnte Lovecraft zu seiner Zeit noch gut mit vagen Andeutungen und Umschreibungen arbeiten um eine unheimliche Stimmung zu erzeugen (die sich Wort für Wort ins Grauen hineinsteigerte), so müssen seine Nachfolger, die solche Pfade mittlerweile reichlich breitgetreten haben, etwas mehr Einfallsreichtum beweisen um den echten kosmischen Schrecken heraufzubeschwören. Thomas gelingt das mit denjenigen Stories am besten, in denen man keine außerirdischen Götter erwartet.

Die erste Erzählung „Meine Frau, der Shoggoth“ ist in Studentenkreisen der fiktiven Stadt Arkham angesiedelt und zeigt, dass Lovecrafts Brut eine unerwartete und (beinahe) menschliche Seite besitzen kann.

„Pazuzus Kinder“ hat die Operation ´desert storm´ im Irak zum Rahmen und handelt von einem amerikanischen Piloten, der nach einem Crash in die Hände der Feinde gerät. Bestürzt stellt er fest, dass diese keine gottesfürchtigen Muselmanen sind, sondern dass ihre Götter weit älter – und was noch viel schrecklicher ist: körperlicher – sind. Thomas stellt dabei seine amerikanischen Landsmänner als reichlich naiv dar. Sie haben trotz militärischer Vormacht keine Ahnung von den wahren Ungeheuerlichkeiten, die unsere Dimension bedrohen, und selbst der Diktator Saddam ist nicht derjenige, den man zu kennen glaubt.

In „Zu Diensten“ kehrt eine Hausangestellte zu ihrer ehemaligen Arbeitgeberin zurück, nur um festzustellen dass die Hausherrin mit ihren esoterischen Forschungen tief in Sphären vorgedrungen ist, aus denen es kein Zurück mehr gibt. Eine stimmungsvolle Story, deren Reiz eher Andeutungen als grobe Effekte ausmachen. Ein Beitrag dazu sind, – wie in allen von Thomas´ Erzählungen -, glaubwürdige Motive und Beziehungen der Handelnden.

In „Konglomerat“ will der Protagonist die Natur einiger meteoritenartigen Kugeln erforschen, die in den Empfangshallen eines global vernetzten Firmenimperiums ausgestellt sind. Dabei erlangt er die Gewissheit, dass diese, wenn sie eine bestimmte Konstellation einnehmen, Yog-Sothoth, Tor, Hüter und Schlüssel zur Äußeren Dimension, heraufbeschwören. Geschähe dies, wäre die Barriere, welche die Großen Alten von der Erde fernhält, durchbrochen und es stünde den Menschen eine Invasion durch die außerirdischen Horrorgestalten bevor. Was aber liegt einem der größten zeitgenössischen Firmen-Moguln daran in Besitz der Kugeln zu kommen? Steckt hinter dem Anagramm Ralph Nye etwa niemand anderer als Nyarlathothep, das kriechende Chaos und die ´Stimme´ der Großen Alten?

Nicht primär um das lovecraft’sche Pantheon geht es in „Hinter undurchsichtigem Glas“ und „Leichenkerzen“. Beide sind durchaus eigenständige, eher Grusel- als Horrorgeschichten, wobei die erste auf Lovecrafts vielschichtige ´Traumlande´ verweist (siehe dazu: „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ und „Die Katzen von Ulthar“).

„Aus dem Bauch der Hölle“ ist eine Neuinterpretation des alttestamentarischen ´Buch Jona´; und in „Die Fratze Baphomets“ recherchiert der Protagonist über einen Götzen, den angeblich schon die Tempelritter Jerusalems heimlich angebetet haben wollen.

In der letzten Story, vielleicht dem Meisterstück der Sammlung, lässt sich ein Kryptozoologe in Vietnam von einer asiatischen Schönheit verführen. Sie ist aber nicht nur die Fleischwerdung seiner erotischen Fantasien, sondern zeigt ihm auch einige der weniger touristischen Plätze ihrer Heimat: wo Kreaturen leben, die eng mit dem mythologischen Urgrund verbunden sind, dem wiederum das Land und seine Menschen entstammen: „Die Kinder des Drachen“. Thomas gelingt es dabei Erotik und Horror so zu verschmelzen, dass man zuletzt nicht mehr genau sagen könnte, ob das nun schrecklich oder schrecklich erotisch ist.

Cthulhu zum Zweiten: Die Großen Alten mischen Punktown auf

Etwas Besonderes sind auch die Geschichten, die in Thomas´ ureigenem Punktown-Universum angesiedelt sind. Punktown, ein Synonym für Paxton, ist eine Stadt auf dem Planeten Oasis – in einer Zukunft, in der das Universum von Menschen und vielgestaltigen Aliens kolonisiert wurde.

Und in Punktown stehen die Gestirne richtig. Das zumindest schließen die Ermittler in „Die Gebeine der Großen Alten“ aus der regen Geschäftigkeit diverser Sekten, die alle nur das Ziel verfolgen, die Schleusen für ihre absonderlichen Götter zu öffnen, die in verborgenen Dimensionen schlafen.

„Die Avatare der Großen Alten“ sind ihre Vorboten, wobei eine seuchenartige Krankheit Menschen und Aliens gleichsam zu bizarren Krüppeln mutieren lässt. Doch das ist nur das Vorspiel für eine weitaus gewaltigere Metamorphose, bei der jede einzelne Kreatur nicht mehr (oder weniger) Bedeutung haben wird als eine Zelle eines Körpers.

Im Namen der Wissenschaft lässt sich ein Astronaut in eine fremde Dimension teleportieren, doch der Kontakt bricht kurz nach seinem Übertritt ab. Nach Jahren kehrt er zurück, unversehrt und nackt. Doch mit dabei, im Gepäck seines Blutes ist etwas, das die Kollegen in Staunen versetzt. Wollen „Die Abkömmlinge der Großen Alten“ auf diese Weise die Barriere der Dimensionen überwinden?

„Der Tanz der Ugghiutu“ will von einer Gruppe kalianischer Studentinnen im Exil aufgeführt werden, doch dieser ist normalerweise nur geweihten Frauen vorbehalten. Die Studentinnen ziehen damit Zorn und Vergeltung ihrer Spezies auf sich. Ist das Attentat auf die Tänzerinnen zuletzt aber gar nicht das Werk religiöser Verblendung, sondern ein Akt der Rettung vor einem viel schlimmeren Übel?

Auch in Punktown erwarten den Leser liebevoll gezeichnete Figuren und groteske Einfälle. Das exotische und düster-grelle Szenario des Planeten Oasis mischt sich gut mit dem nicht minder Grotesken aus Lovecrafts Hirnkasten. Thomas ist mit seinen „Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ eine durchaus abwechslungsreiche Sammlung gelungen. Allerdings hat das Erzählgarn nicht ganz das Format eines Lovecraft, dafür fehlt ihm ein bisschen das Geheimnisvolle. In fast jeder Geschichte ´erklärt´ der Autor in ein paar Sätzen dem scheinbar ahnungslosen Leser wie es sich mit den Großen Alten und den Älteren Göttern und ihrer Verbannung in die Äußeren Dimensionen verhält. Meines Erachtens ist das unnötig, denn ein Mythos ist nicht unbedingt etwas Durchexerziertes und endgültig Erklärbares. Solche Sinndeutungen hat Lovecraft bewusst rar gesät und oft über verschiedene Erzählungen hinaus mit Widersprüchen versehen. Eben um den Reiz daran zu erhalten. Aber durch die Angewohnheit aller Lovecraft-Bewunderer, die dessen Universum bis in jeden letzten Winkel ausleuchten und deuten wollen, geht viel an Stimmung und Atmosphäre verloren. Meist ist es dann am Ende nicht mehr der kosmische Schrecken, der einen erwartet, sondern die Plastik- und Gummi-Staffage in der Jahrmarkt-Geisterbahn. Aber gut, das ist im Fall von Jeffrey Thomas Meckern auf hohem Niveau. Ein großes Plus sind bei ihm die Figuren, die auf wenigen Zeilen sehr lebensnah gestaltet werden, im Gegensatz zu Lovecrafts ´Originalen´, die mehr oder minder neurotische, umständliche Charaktere darstellen und oft die Geduld des Lesers herausfordern.

Die Stories sind kurzweiliger Pulp, kommen aber in ihrer Gesamtheit nicht ganz an die großartige Punktown-Kollektion heran. Trotzdem ein interessanter Neuzugang zum Cthulhu-Universum; und alle minder begabten Nachahmer Lovecrafts dürfen sich nebenbei gerne eine Scheibe von Thomas´ Erzählweise abschneiden.

(Thomas Nussbaumer, September 2012)

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