Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart von Jesse Bullington

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The Sad Story of the Brothers Grossbart“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 544 Seiten.ISBN 3-404-28550-6.Übersetzung ins Deutsche von Eva Bauche-Eppers.

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In Kürze:

Zu behaupten, die Brüder Grossbart seien grausame Räuber, wäre sogar in den Ohren des schlimmsten Wegelagerers untertrieben. Und sie als Schweine zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung selbst für den stinkendsten Keiler. Sie waren Grossbarts durch und durch, und in vielen Ländern sprach man ihren Namen mit Schrecken aus. Gleichwohl waren sie nicht so widerwärtig wie ihr Vater oder so durchtrieben wie ihr Großvater, nein, die Brüder waren schlimmer. Manchmal kann das Blut eines Geschlechts binnen einer Generation böse werden, oder sich im Laufe der Zeit in etwas wahrhaft Böses verwandeln, und das war bei den grässlichen Zwillingen Hegel und Manfried der Fall.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Scheinheilige Zwillinge auf frommer Mission“90

Fantasy-Rezension von Michael Drewniok

Vermutlich in einem der deutschen Länder – sämtliche Zeitgenossen weigern sich später, sie als Landsleute anzuerkennen – werden die Zwillingsbrüder Hegel und Manfried Großbart um 1340 geboren. Die ersten 25 Jahre ihres Lebens verdingen sie sich als Grabräuber. Nach dem Tod der Mutter satteln sie um und überfallen lebende Zeitgenossen. Schon der erste Versuch gipfelt in einem Gemetzel, dem die flüchtenden Brüder ein Massaker an ihren Verfolgern folgen lassen.

Über die Alpen zieht es sie in den warmen Süden Europas und weiter nach Ägypten, wo ihr Vater es angeblich zu einem kleinen Königreich gebracht hat – eine barmherzige Lüge der Mutter, weshalb die Großbarts unverdrossen daran gehen, unter Anwendung brutaler Gewalt ihre eigene Vision von einem bequemen Dasein zu verwirklichen. Nicht nur die Zahl ihrer Opfer steigt kontinuierlich. Sie geraten an menschenfressende Ungeheuer, einen Pest-Dämonen und eine Hexe, die sie obendrein mit einem Fluch belegt. Stets den Großbarts hart auf den Fersen reitet Bauer Heinrich, der sich für den Mord an seiner Familie rächen will.

In Venedig, wo sie sich von den Strapazen der Alpenreise erholen, wird den Großbarts der Boden heiß unter den Füßen, als die Kunde ihrer Übeltaten sich verbreitet. Bevor sie verhaftet werden können, schiffen sie sich nach Ägypten ein. Dort wollen sie das eine oder andere Grabmal schänden. Stattdessen sorgt eine zaubermächtige Sirene für unerwartete Turbulenzen und weitere gewaltsame Todesfälle. Unerschütterlich morden und lügen die Großbarts sich durch das Chaos, das ihnen auch in Ägypten treu bleibt, wo sie einen bizarren Kreuzzug geraten und Heinrich, der wütende Pest-Dämon und zwei grässliche Homunkuli sie endlich einholen …

Ein ganz besonderer Blick in die Vergangenheit

Das Mittelalter ist ab 1350 nicht nur eine exotische Ära, sondern zeigt eine Welt im Ausnahmezustand. Ursprünglich in Asien ausgebrochen, rast die Pest, der „Schwarze Tod“, ab 1347 durch Europa. Ganze Landstriche werden entvölkert, 25 Mio. Menschen – ein Drittel der Gesamtbevölkerung – sterben. Die Überlebenden sind durch das erlebte Grauen gezeichnet. Kaum eine Familie ist ohne Opfer und die Angst vor der Seuche so groß, dass sie in Hysterie umschlägt. Ohne Kenntnis der Ursachen oder medizinisch wirksamer Gegenmittel, auf der verzweifelten Suche nach Heilung oder wenigstens einer Erklärung verfallen die Menschen Scharlatanen und Weltuntergangs-Propheten. Auf der Suche nach ´Schuldigen´ brennen ´Ketzer´ und Juden. Als dieser Pestzug 1351 abklingt, folgen nach kurzen Jahren der Ruhe neue Wellen. Die Ratlosigkeit und die daraus resultierende Angst erhalten sich bis in die Neuzeit, und noch heute, da die Krankheit beinahe ausgerottet sowie heilbar ist, sorgt schon das Wort „Pest“ für Gänsehaut.

Eine ohnehin aus den Fugen geratene Welt wird bei Jesse Bullington zur Kulisse eines bemerkenswerten Fantasy-Romans. Nicht Schwertkämpfer, Dämonen-Fürsten oder von Tolkien plagiierte Orks/Zwergen/Elben/Etc.-Klone treiben ihr Unwesen in einer verfremdeten Märchen-Welt, sondern simple Menschen als Produkte ihrer turbulenten Gegenwart. Bullington, der als studierter Historiker das Mittelalter nicht nur als simple Folie benutzt, sondern in Kenntnis der historischen Realität einsetzt, gelingt das Kunststück, die zeitgenössische Gedankenwelt so zu verfremden, dass sie die zeitgenössische Realität umso deutlicher herausstellt. Darüber hinaus gelingt ihm eine ungemein unterhaltsame Geschichte.

Gott, der Teufel und der arme Mensch

Die Welt des Mittelalters muss man mit der Allgegenwärtigkeit von Religion und – aus heutiger Sicht – Aberglauben gleichsetzen. Gott und vor allem der Teufel und seine Geschöpfe waren überall. Die Kirche lehrte die Lebenden, sich dem schlauen, in vielen Verkleidungen auftretenden Bösen zu entziehen. Für die Toten bzw. deren Seelen wurde gebetet, denn das Höllenfeuer loderte stets in Reichweite. Angesichts einer Lebenserwartung, die durchschnittlich bei 35 oder 40 Jahren lag, war der Tod den Zeitgenossen eine Selbstverständlichkeit.

Nur der bedingungslose Glaube bot einen Ausweg, während sehr reale Missstände als Ausdruck einer vorgegebenen Ordnung zu akzeptieren waren. Also sind die Großbarts einerseits durchaus ehrlich fromm und andererseits ungebildete, grobe, schmutzige Lumpen. Im Mittelalter war dies kein Widerspruch. Die meisten Zeitgenossen Hegels und Manfrieds würden aus heutiger Sicht in diese Kategorie fallen.

Gleichzeitig steckte die Wissenschaft in den Kinderschuhen. Das Mittelalter war vor allem in Europa sprichwörtlich dunkel, während Forschung und Lehre ausgerechnet in den ´heidnischen´ arabischen Ländern blühte. Der Zusammenhang zwischen Ansteckung und Hygiene blieb unerkannt, Zauberei bzw. Hexerei galt als Tatsache, und die meist unbekannte Welt wurde von gefährlichen Kreaturen bevölkert. Bullington geht nur einen Schritt weiter und nimmt diesen Aberglauben für bare Münze. Die Großbarts oder Bruder Martin entsetzen sich daher nicht vor eingebildeten, sondern vor ´echten´ Ungeheuern und Dämonen.

Zwei brutale Schelme auf privatem Kreuzzug

Hegel und Manfried Großbart begeben sich auf eine lange Reise, die ihnen jedoch keine geistige Reifung bringen wird. Bullington karikiert das Motiv der Queste, wie er überhaupt sorgfältig darauf achtet, jeglichen Gedanken an positive Werte zu tilgen. Moralische Integrität, Frömmigkeit, Liebe – immer verbergen sich hinter solcher Anständigkeit Bigotterie, Lüge und Eigennutz. In dieser Beziehung ist Bullington modern: Seine Leser sollen durch die Lektüre nicht belehrt werden. Mit Vorsicht sei deshalb das umfangreiche Literaturverzeichnis betrachtet: Zwischen tatsächlich existierenden Werken verbergen sich geschickt erfundene Werke, die eine Existenz von Grossbart-Überlieferungen vorspiegeln

Hegel und Manfried sind Räuber und Mörder, aber als solche passen sie in ihre Welt. Selbst der unglückliche Heinrich paktiert für seine Rache mit einer Hexe und einem Dämonen. So kann man den Zwillingen nicht wirklich böse sein. Zwischen Anfällen eingetrichterter (und köstlich fehlinterpretierter) Glaubensstärke sind sie konsequent ehrlich. Sie wollen ihren Zipfel von der Wurst. Nach einem Leben in Elend haben sie begriffen, dass niemand mit ihnen teilen wird. Also nehmen sie sich, was sie begehren, und geben sich dabei nicht einmal den Anschein, Robin Hoods zu sein. Wenn eine ganze Welt sich in ein Irrenhaus verwandelt, sind Hegel und Manfried exemplarische Bewohner.

Der Zug ins „Gypterland“ ist ihr einziger Traum oder besser: eine vage Wunschvorstellung. Mitte des 14. Jahrhunderts lagen die ´klassischen´ Kreuzzüge ins längst sarazenische Morgenland schon viele Jahrzehnte zurück. Geblieben waren nur geschönte Erinnerungen an ein hehres Ziel, das tatsächlich in eine endlose Kette blutiger Sinnlosigkeiten ausgeartet war. Als die Großbarts 1365 tatsächlich ihr Ziel erreichen, geraten sie in den aberwitzigen „Kreuzzug gegen Alexandria“, den König Peter I. von Zypern angezettelt hat. Dieser will nicht die Wiege der Christenheit befreien, sondern lässt Alexandria sowie 1366 Tripolis und Tartus überfallen, plündern und zerstören – ein reales, durch und durch verlogenes Unternehmen, dem schließlich sogar der Papst seine Unterstützung verweigerte.

Eine traurige Geschichte aber ein tolles Buch

„Die traurige Geschichte ...“ erzählt nicht nur eine kurzweilige Geschichte, die ihrem Titel erst auf der letzten Seite gerecht wird und selbst dabei heiter wirkt. Weitere und längst nicht selbstverständliche Vorteile tragen zur Freude des Lesers bei. Da ist vor allem die fabelhafte Übersetzung hervorzuheben. Der Name Eva Bauche-Eppers sorgt für Erwartungen, denn diese Frau versteht ihr Handwerk, was u. a. daraus ersichtlich wird, dass sie 2003 für ihre Übertragung von China Miévilles Roman „Perdido Street Station“ mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet wurde. Sie mit der Übersetzung zu beauftragen, war eine wirklich gute Entscheidung, weil die Vorlage sprachlich eine Herausforderung darstellt. Bullington wandelt bunt auf einem schmalen Grat zwischen ´originaler´ mittelalterlicher und lesbar moderner Ausdrucksweise. Bauche-Eppers vermag ihm dorthin zu folgen. Die Übersetzung wirkt durch geschickt eingeflochtene altertümliche oder altertümlich erscheinende Redewendungen und Ausdrücke zeitgemäß, ohne es zu sein, es sein zu müssen oder den Leser zu überfordern. „Die traurige Geschichte ...“ liest sich reibungslos, und der historisch oder sprachlich Bewanderte freut sich über Neu- und Wiederentdeckungen als Boni.

Das Auge isst nicht nur in der Küche mit. Auch der Leser freut sich über Bücher, die ihm solide aber geschmeidig in der Hand liegen, bei Öffnen und Blättern nicht spröde krachen sowie schön aufgemacht sind. „Die traurige Geschichte ...“ bietet sich durch ihren Umfang für ein Paperback geradezu an, weshalb ihm dieses Gewand gut steht. Hier musste kein Text durch Großschrift, Leerseiten und gewaltige Zeilenabstände künstlich aufgeblasen werden. Darüber hinaus gibt es nicht nur ein ´richtiges´, also gemaltes Cover, sondern eigens angefertigte Innenzeichnungen. Man kann es prosaisch auch so ausdrücken: Hier bekommt der Leser wirklich etwas für sein Geld!

Ihre Meinung zu »Jesse Bullington: Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart«

Wijkas zu »Jesse Bullington: Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart«12.03.2012
In der Tat ein Werk der Extraklasse!!! Der Stil - und auch der Übersetzung geschuldet - ist fantastisch ungewohnt und trotzdem herrlich stimmig für die gemalten Szenen!
Wie Herr Drewniok schreibt, bekommt der Leser wirklich etwas für sein Geld...schade nur, dass es nicht zum Buch des Jahres gewählt wurde.
Randyll zu »Jesse Bullington: Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart«31.05.2011
Alles in allem ein sehr gelungener Roman, der sich auch einer blumigen Ausdrucksweise zu bedienen weiss und dessen sprachliche Schnörkel ein echter Genuss zu lesen sind. Der Autor, respektive auch die Übersetzerin, haben ein Faible für sehr detailierte Beschreibungen, auch von ekligen Szenen, was den Roman in meinen Augen zum ekligsten Stück Fantasy macht, das ich je gelesen habe. Eklig und brutal, aber gut.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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