Das erste Buch des Horrors von

Buchvorstellungund Rezension

Das erste Buch des Horrors von

Originalausgabe erschienen 1990, 318 Seiten.ISBN 3-453-04578-5.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Angst ist, so H. P. Lovecraft, einer der berühmtesten Horror-Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, die älteste Empfindung des Menschen, und fast ebenso alt ist die Geschichte der Angst, die Horror-Story.

DIE BÜCHER DES HORRORS
bieten einen einmaligen Überblick über die Geschichte der unheimlichen Literatur. Sie enthalten die besten Stories und die besten Autoren aller Zeiten und bilden damit den unerläßlichen Grundstock einer jeden Horror-Bibliothek.

DAS ERSTE BUCH DES HORRORS
enthält Geschichten von Stephen King, Clive Barker, Peter Straub, Ramsey Campbell, Dennis Etchison, Patrick McGrath, Thomas Owen und vielen anderen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Schrecken definiert sich neu“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

In elf Erzählungen wird die Entwicklung der unheimlichen Literatur zwischen 1940 und 1990 nachgezeichnet:

 – Vorwort, S. 7-12

 – Fritz Leiber: Das Rauchgespenst (The Smoke Ghost, 1941), S. 13-40: Der Spuk der urbanen Gegenwart trägt keine weißen Laken mehr, sondern kleidet sich in rußige, schmutzige Lumpen; die Bosheit ist ihm freilich geblieben.

 – Thomas Owen: Die Gefahr (Le Peril, 1943), S. 41-76: Vampire haben entdeckt, dass sie in der modernen Großstadt praktisch unbemerkt ihren Blutdurst stillen können.

 – Shirley Jackson: Die Lotterie (The Lottery, 1949), S. 77-90: Das jährliche Menschenopfer ist für die Bürger dieser Kleinstadt zum selbstverständlichen Volksfest geworden.

 – Richard Matheson: Menschenkind (Born of Man and Woman, 1950), S. 91-95: Der genetisch mutierte Nachwuchs dieser geplagten Familie ist es satt, im Keller angekettet zu werden.

 – Claude Seignolle: Die Gorel (Les Gorel, 1952), S. 96-110: Der junge Arzt gerät in die erbitterte, selbst durch den Tod nicht endende Fehde einer bitterbösen Familie.

 – Ramsey Campbell: Der Keller (The Cellars, 1967), S. 111-133: Was ihm in einer schimmelschleimigen Katakombe begegnet, gibt Vics Leben eine völlig neue Richtung.

 – Stephen King: Der Wäschemangler (The Mangler, 1972), S. 134-165: Der moderne Dämon fährt notfalls in ein profanes Haushaltsgerät, um seine Opfer zeitgemäß zu piesacken.

 – Dennis Etchison: Die Nachtschicht (The Late Shift, 1980), S. 166-190: Für die Maximierung des Gewinns gehen moderne Konzerne buchstäblich über Leichen.

 – Peter Straub: Die Frau des Generals (The General´s Wife, 1982), S. 191-232: Im Haus des alten Soldaten vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart auf mysteriöse Weise.

 – Clive Barker: Neue Morde in der Rue Morgue (New Murders in the Rue Morgue, 1984), S. 233-281: Eine alten Familienlegende lebt in Paris bizarr und mörderisch auf.

 – Patrick McGrath: Die schwarze Hand des Raj (The Black Hand of the Raj, 1988), S. 282-296: Im kolonial geknechteten Indien übt ein Zauberer besonders grausame Rache an den britischen Eroberern.

 – Anhang I: Zur weiteren Lektüre empfohlen, S. 297-314

 – Anhang II: Quellen- und Rechtenachweis, S. 315-318

Neue Schrecken für eine neue, schreckliche Welt

Die Ära der Gaslicht-Gespenster endete im vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Nicht die Elektrizität machte ihnen den Garaus; mit ihr hatten sich die Geister arrangiert. Es war die Realität bzw. der ihr innenwohnende reale Schrecken, mit dem sie nicht mehr mithalten konnten. Der II. Weltkrieg offenbarte eine Dimension menschlicher Grausamkeit, die das Wirken der klassischen übernatürlichen Mächte lächerlich wirken ließ. Nach 1945 wurde es nicht besser; die Welt blieb im Aufruhr. Aus dem Jenseits drohten keine Phantome, sondern Schrecken ganz anderer Kaliber. Angeführt wurden sie von der Atom- und der Wasserstoffbombe, die jederzeit am dem Himmel fallen konnten.

Auch dort, wo es friedlich blieb, wandelte sich die Welt. Die großen Städte wuchsen und entwickelten sich zu einem Lebensraum, in dem ein kettenklirrendes Gespenst schlicht untergehen musste. Zwischenmenschlicher Druck und Anonymität, Verbrechen, Lärm und Schmutz jagten den Menschen mehr Angst ein.

Das klassisch Unheimliche zeigte sich allerdings wandlungsfähig. Es passte sich den veränderten Umständen an und entwickelte eine neue Dimension der Furcht, indem es die genannten Ängste auf bewährte Weise bündelte und verstärkte. Der ´neue´ Horror mochte anders aussehen und sich anders benehmen, aber er war jedenfalls zurückgekehrt und entwickelte sich prächtig!

Die Angst formiert sich wieder

Fritz Leiber (1910-1992) beschwört einerseits das klassische Schreckgespenst herauf, um es andererseits der meisten entsprechenden Attribute zu entkleiden. Die moderne Großstadt ist ein schmutziger, anonymer Ort, Mr. Wrans Verfolger ein Geschöpf dieser Umgebung geworden. Abfälle, Ruß und Rauch verleihen ihm eine ´Gestalt´, die auch Tarnung ist. Quasi ohne Deckung, weil von den Mitmenschen übersehen, kann sich dieses Gespenst seinen Opfern nähern. Was es vom unglücklichen Wran will, findet dieser nie heraus; möglicherweise geht es der Kreatur nur darum, Furcht zu erzeugen. Hinzu kommt eine außergewöhnliche Empfindlichkeit, die Wran hellsichtig macht aber auch als psychische Störung gedeutet werden kann: Das Rauchgespenst wird zur Verkörperung einer bereits latenten Angst.

Auch Thomas Owen (1910-2002) stellt einen Archetyp des Grauens ins Zentrum. Noch Graf Dracula suchte sich im spätviktorianischen London einen möglichst abgelegenen Schlupfwinkel. Dabei hätte er leicht in der Gleichgültigkeit der Großstadt untertauchen können. Die (vermutlich gar nicht so) junge Vera tarnt sich als frühreife Lolita und lockt mit einer Mischung aus Unschuld und sexueller Lockung ihre (männlichen und weiblichen) Opfer ins Verderben. Da der endgültig aufgeklärte Mensch des 20. Jahrhunderts nicht mehr an Geister, Vampire u. ä. Gruselgestalten glaubt, kommt sie problem- und folgenlos über die Runden.

Shirley Jackson (1916-1965) und Claude Seignolle (*1917) siedeln ihre Schrecken außerhalb der Großstadt an. Während Seignolle – der in seiner französischen Heimat als Großmeister einer sich aus der lokalen Folklore speisenden Phantastik gilt – eine sehr traditionelle Geschichte um die geisterhafte Enthüllung eines verborgenen Unrechts erzählt, kontrastiert Jackson das scheinbar idyllische Kleinstadtleben mit dem grausamen Opfer, das im Gegenzug von den Bürgern gebracht wird. Weil hier kein Spuk am Werk ist, scheint die menschliche Niedertracht als Element des Schreckens durch. Diese kompromisslose Prägnanz war 1949 ein Novum, weshalb Jackson mit ihrer kurzen Erzählung großes Aufsehen (sowie die übliche Entrüstung intellektuell überforderter Schlichtgeister) erregte.

Die Angst findet ihre Winkel

Richard Matheson (*1926) beschreibt ähnlich drastisch einen menschgemachten Schrecken gänzlich anderer Natur. In den 1950er Jahren wurde deutlich, dass die Drohung der Atombombe über ihre Zerstörungskraft hinausging. Der radioaktive Niederschlag sorgte für die Mutation des genetischen Codes. Wie weit die Veränderungen gehen konnten, war noch unbekannt, sorgte aber gerade deshalb für Angst. Im B-Kino dieser Jahre trieben allerlei atomar erzeugte Monster ihr Unwesen. Mathesons „Menschenkind“ ist die Verkörperung einer Furcht, die man (noch) zu unterdrücken versucht. Doch die Schattenseiten der Atomkraft lassen sich nicht einfach ignorieren, weil sie irgendwann über ihre Verursacher kommen werden wie Mathesons unschuldiges aber gefährliches ´Baby´: „Wenn sie mich schlagen, werde ich ihnen weh tun. Das werde ich.“

Ramsey Campbell (*1946) geht in seiner Geschichte wie üblich weit über den profanen Schrecken hinaus, dem sein Protagonist in einer Katakombe unter der Stadt Liverpool begegnet. Tatsächlich ist Pechvogel Vic nur eine Randfigur. Im Mittelpunkt steht die frigide Julie, deren unterdrückte Angst und Ekel vor ´verbotenem´ Sex Campbell meisterhaft in der Beschreibung der verkommenen Höhlenwelt widerspiegelt. Am Ende rafft der ´Geist´ = eine Geschlechtskrankheit den allzu neugierigen = geilen Vic dahin.

Ungleich literarischer und symbolträchtiger (aber nicht unbedingt eindringlicher) beschäftigt sich Peter Straub Peter Straub (*1943) mit einem ähnlichen Thema. Das Haus des Generals ist zu einer Stätte geworden, an der sich die unbewältigte Vergangenheit des Bewohners mit der Gegenwart überschneiden. Die in ihrer erloschenen Ehe gefangene Andy Rivers gerät in den Bann des Hauses und scheint allmählich die Identität einer Frau anzunehmen, deren Liebe und Wahnsinn sich über den Tod hinaus verselbstständigt haben.

Die Angst erreicht den Alltag

Für Stephen King (*1947) wurzelt das Grauen seit jeher am tiefsten in einer scheinbar glatten, schattenlosen Alltagswelt. Die klassischen Schauergestalten haben sich zuletzt auch diesen Verhältnissen angepasst. Warum sollte ein Dämon nicht in einen Wäschemangler fahren? Die technisch verstärkte Kraft einer Maschine bietet ihm wesentlich bessere Möglichkeit, Zerstörung und Tod über seine Opfer zu bringen. Wenn King einen Fehler begeht, so liegt dieser darin, dass der Autor doch wieder altmodische Magie bemüht, um diesen Akt der Aneignung zu ´erklären´. So musste sich u. a. eine echte Jungfrau in die Hand schneiden, damit ihr Blut in den Mangler tropfen konnte. Solche Erfordernisse sorgen für unangemessene Erheiterung in einer ansonsten gelungen gruseligen Geschichte.

Wie King sucht und findet auch Dennis Etchison (*1943) seine Gespenster in den banalen Winkeln des Alltags. Hier ist es ein Supermarkt, der in der Nachtschicht Verkäufer beschäftigt, die sich garantiert nicht über Mindestlohn und Überstunden beschweren werden. Die Anonymität der Großstadt wird von Etchison durch den Zynismus moderner Großkonzerne ergänzt, die im Menschen keinen Arbeitnehmer, sondern Humankapital sehen, das buchstäblich bis auf den letzten Blutstropfen ausgepresst wird.

Die Angst beginnt zu spielen

Um unterdrückte Sexualität und unterdrückte Folgen geht es auch bei Patrick McGrath (*1950). Er greift scheinbar auf eine Vergangenheit zurück, in der es klassisch umging, lädt diese Kulisse dann jedoch mit sehr modernen Untertönen auf. Die Briten kamen angeblich nach Indien, um das Land zu ´zivilisieren´. Stattdessen nehmen sie es ohne Rücksicht und Verständnis für seine Bewohner in Besitz, um es auszubeuten. In „Die schwarze Hand des Raj“ erhält ein britisches Paar ebenso gruselig wie witzig die Quittung. Ihr Schicksal bleibt rätselhaft, denn eine Erklärung des Geschehenen verweigert uns McGrath.

Noch einen Schritt weiter geht Clive Barker (*1952). Er greift auf den plakativ in Blut & Gedärmen schwelgenden „Grand-Guignol“-Horrors zurück, der ´zufällig´ in Paris entstand, mischt ihn mit Elementen eines psychologisch geerdeten Schreckens, wie ihn Edgar Allan Poe über die lesende Welt brachte, und transportiert ihn in die Gegenwart, wo er ihm eine sexuelle Komponente beimischt, die den frühen Gruselmeistern in dieser Deutlichkeit verwehrt blieb. Auch Barker beantwortet in „Neue Morde in der Rue Morgue“ nicht alle Fragen. Damit hat Barker wie Straub oder McGrath den Horror-Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlossen.

(Dr. Michael Drewniok, Februar 2013)

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