Liber XIII von

Buchvorstellungund Rezension

Liber XIII von

Originalausgabe erschienen 1999, 178 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Inhalt:

  • Tobias Bachmann: Liber XIII
  • Michael Knocke: Convert 2027
  • Frank Eßer: Die Bibliothek des Dr. Serög
  • Chris Dohr: Stille und Licht
  • Martin Schemm: Der Wanderer durch die Zeiten
  • Thomas Hofmann: Das Herz der Nacht
  • Frank Eschenbach: Leben und Tod
  • Richard Wagner 33°°: Trapezohedron (bearbeitet von Jörg Kleudgen)
  • Jörg Bartscher-Kleudgen: Im Felsenmeer
  • Boris Koch: Spiegel
  • Michael Tillmann: Zwei Birnbäume

Das meint Phantastik-Couch.de: „11 unwillkommene Hinterlassenschaften und ihre Auswirkungen“100

Horror-Rezension von Elmar Huber

„;(Das Wesen) besaß zwei Köpfe. Der eine hatte eine hornigen Schnabel, der andere war ein menschlicher, der mir irgendwie vertraut vorkam. Der erstgenannte war im Begriff, sein menschliches Gegenstück zu zerfleischen. Gierig hackte er und riss mit schnalzenden Geräuschen rohe Fleischfetzen heraus. Das andere Haupt schrie vor Schmerz und ich erkannte das hohe, schrille und furchteinflößende “;Tekeli-li, Tekeli-li„.“
(Tobias Bachmann – Liber XIII)

Nachlässe, egal welcher Art, sind nicht immer ein Grund zur Freude. Nicht nur, dass eine Erbschaft meist mit dem Verlust eines geliebten Menschen einhergeht, nein, auch die Hinterlassenschaft selbst kann für den Empfänger das Verderben bedeuten.

Das „;Liber XIII“ ist ein geheimnisvolles Buch, das sich in eine Reihe stellen läßt mit dem Necronomicon, den Unaussprechlichen Kulten oder dem De Vermis Mysteriis. Nach der Lektüre wird Francesco de Montserrat von immer heftiger werdenden Albträumen heimgesucht. Er bittet seinen Freund Charles Laughton zu sich nach Providence.

Schon Laughtons Zugfahrt nach Providence beschreibt vergangene Zusammentreffen mit Cthulhu. Diese werden als kurze Tagträume eingebaut, indem Laughton während der Zugfahrt nach Providence immer wieder wegdämmert. Eine Idee, die hervorragend funktioniert. Im weiteren Verlauf versucht Tobias Bachmann gar nicht, seine Verehrung für Lovecraft zu verschleiern. Wild mischt er Elemente aus dessen Geschichten zu einem neuen Ganzen. Da wird ein Turm für eine polynesische Eingeborene errichtet, die sich ein Kapitän auf seiner Fahrt zur Frau genommen hat; da ist die Rede von verwinkelten, unzugänglichen Zimmerteilen, hinter denen Kinderknochen modern; da klärt ein hoffnungslos Betrunkener Zeitgenosse unseren Helden über die Wurzeln der Geschehnisse auf. Die wohl ungewöhnlichste Remineszenz ist allerdings der bereits von H.P.Lovecraft und E.A.Poe verwendete Vogelschrei „;Tekeli-li, Tekeli-li“. Obwohl hier stark gewildert wird, gelingt es Tobias Bachmann doch, eine fesselnde, eigenständige Geschichte zu erzählen. Die Figur Charles Laughton ist ein wiederkehrender Charakter in Tobias Bachmanns Geschichten.

Das Jahr 2027. Riesige Braunalgenkonverter – schwimmende Fabriken, die aus Braunalgen Proteine für die Ernährung der Weltbevölkerung gewinnen – durchpflügen die Meere. Einer dieser Konverter läuft mit unerklärlichen Zerstörungen scheinbar führungslos in einem Hafen ein. Von der 25köpfigen Besatzung lebt noch ein Mann, der sofort in eine Spezialklinik für Mutationen eingeliefert wird. Aus Logbuchaufzeichnungen versucht ein unabhängiger Ermittler, die Vorgänge zu rekonstruieren.

Michael Knocke schreibt mit „;Convert 2027“ eine ungeheuer dichte und mitreißende Story, die fast nur von Andeutungen lebt. Die Zusammenführung des großen Ganzen bleibt dem Leser überlassen. Hervorragend durch die stilistischen Wechsel (Tagebucheinträge wechseln sich mit direkten Beobachtungen ab) und die rationale Ermittlungsarbeit im Angesicht des Undenkbaren. Das Ganze verlagert in eine gar nicht so weit entferne Zukunft. Erstklassig.

Dr. Serög bietet der jungen Psychologiestudentin Monika Gritha an, ihre Abschlußarbeit zum Thema Selbstkontrolle in der Abgeschiedenheit seines Waldhauses fertig zu stellen. Alleine mit dessen Haushälterin beginnt die Studentin, aufgrund zunehmender zusammenhangloser Gedanken, bald selbst an ihrem Geisteszustand zu zweifeln.

Zwei Frauen alleine in einem einsamen Waldhaus, das sich als ehemalige psychiatrische Anstalt entpuppt; ein geheimnisvoller Doktor, der zunächst nicht in Erscheinung tritt; beklemmende Fundstücke; ein versteckter, seltsam veralteter Steuerungscomputer, der die Gefühlsregungen der Hausbewohner zu manipulieren scheint und die Andeutungen einiger unschöner Tode. Das sind die Zutaten von „;Die Bibliothek des Dr. Serög“. Ein schwer zu klassifizierender Beitrag, der von seiner stetigen Atmosphäre der Unsicherheit und den scheinbar unvereinbaren Einzelkomponenten lebt. Entsprechend ist die Story alles andere als rund, aber dennoch bemerkenswert und von einer ständigen unwirklich-bedrohlichen Stimmung durchzogen.

Der Erzähler sitzt scheinbar gelähmt in seinem Sessel, der noch das einzige Möbelstück in seinem Zimmer ist. Vor sich befindet sich ein unerreichbares Fenster, vor dem, verdeckt durch die kindlichen Vorhänge, ein unnatürlich helles Licht scheint. Plötzlich lodern Flammen im Zimmer, die stetig näher kommen.

Offensichtlich wurden hier die gängigen Vorstellung der Reise der Seele in den Himmel bzw. die Hölle verwendet. Weiter sollte man „;Stille und Licht“ wohl nicht hinterfragen und interpretieren, sondern einfach wirken lassen.

Bei den Recherchen zu einer historischen Schenkungsurkunde stößt der Geschichtsprofessor Karl Dietrich Warden auf einige Ungereimtheiten in Stil und Inhalt des Schriftstücks. Zusätzlich häufen sich die Todesfälle jener Personen, die ebenfalls die Urkunde untersucht haben.

Martin Schemm baut ein glaubwürdiges historisches Gerüst auf, auf dem die hereinbrechende Bedrohung um so überzeugender erscheint. Dennoch wird das Grauen nie wirklich greifbar. In Thema und Stil eng mit Michael Siefeners Veröffentlichungen und den früheren Geschichten von Jörg Kleudgen verwandt, ist „;Der Wanderer durch die Zeiten“ eine überzeugende Verschmelzung von historischer Detektivarbeit und phantastischen Andeutungen. Einige marginale unglückliche Formulierungen sind zu verschmerzen. Der Name Karl Dietrich Warden erinnert stark an Lovecrafts Charles Dexter Ward.

Auf der Suche nach unverbrauchten Motiven gerät ein Maler in einen geheimnisvollen Wald. Tortz den Beschwichtigungen eines Gastwirts begibt er sich in der Nacht doch hinaus in die Dunkelheit, um die Ursache der geheimnisvollen Geräusche im Wald zu erkunden.

Die Story von „;Das Herz der Nacht“ ist unterm Strich belanglos. Die gewählte Umsetzung als Comic ist großartig. Thomas Hofmann liefert die detailierten Tuschezeichungen für Jörg Kleudgens kurzen Text, der zum Teil in die Zeichnungen eingebettet ist. Ein interessantes, gelungenes Experiment innerhalb dieser Storysammlung.

Zu einer unbestimmten Zeit, an einem unbestimmten Ort im Weltall. Auf zwei Raumstationen kreisen zwei Beobachter einer fremden Rasse um den dritten und vierten Planeten eines Sonnensystems. Bald schon machen sich Veränderungen am Beobachter des vierten Planeten bemerkbar. Als die Ungewissheit zu groß wird, macht sich der Beobachter des dritten Planeten auf den Weg zu seinem Pendant. Mit verheerendem Ausgang.

Frank Eschenbachs „;Leben und Tod“ beginnt gemächlich und fremdartig. Zunächst muß der Leser sich zurechtfinden. Um wen oder was handelt es sich bei dem Erzähler der Geschichte? Einmal an die fremdartigen Wesen gewöhnt, fragt man sich unwillkürlich, was denn auf den beobachteten Planeten geschieht. Das Ganze ist perfekt aus Sicht eines der Beobachter erzählt. In einem kühlen, dokumetarischen Stil, der trotzdem unterschwellig die Bewunderung für die Schöpfung durchblicken lässt. Frank Eschenbach versteht es, auf den wenigen Seiten, die Beobachter glaubhaft darzustellen; es gibt keine Längen und keine Sprünge in der Gschichte. Die Story fließt förmlich auf den apokalyptischen Höhepunkt zu, der dann erbarmungslos zupackt.

Im kurzen Nachwort gibt der Autor zu, die Figuren nicht erfunden zu haben, sondern auf Geschöpfe aus einem Cthulhu-Rollenspiel zurückgegriffen zu haben. Dennoch versteht er es, diesen fremdartigen Geschöpfen Leben zu geben und den Leser das Grauen des Sterbens mit ihnen erleben zu lassen.

Ein gewisser Robert reist nach dem Tod seines Freundes H.P. Lovecraft nach Providence, um dessen Nachlass zu verwalten. Gemäß Lovecrafts Anweisungen findet sich der Reisende in einer verfallenen Kirche ein, um dort ein unveröffentlichtes Manuskript von Lovecraft zu suchen. Statt es, wie gefordert, zu vernichten, liest er darin.

Realitätsverloren treibt der Erzähler durch Lovecrafts Providence. Richard Wagner 33°° läßt in „;Trapezohedron“ H.P. Lovecraft wieder auferstehen, um diesen dann wie einen besessenen Sklaven seine ungeschriebenen Geschichten schreiben zu lassen. Die Stimmung der Geschichte ist entrückt, alles scheint hinter einen diffusen Schleier zu liegen.

Mit dem Erzähler ist wohl Robert Blake gemeint, der in Lovecrafts „;Der leuchtende Trapezoeder“ (Trapezohedron=Trapozoeder) auftritt. Der Name soll eine kollegiale Verballhornung von Robert Bloch sein, der seinerseits ein literarisches Alter Ego Lovecrafts in einer seiner Geschichten sterben ließ. Auch die verfallene Kirche, in der das Manuskript versteckt ist, legt das nahe.

Eine versteckte Schatzkarte aus dem Nachlass seines Urgroßonkels führt den Erzähler ins Felsenmeer. Noch im unklaren, was er eigentlich zu finden hofft, weist ein zweiter Blick auf die Schatzkarte auf einen Jungbrunnen hin.

Durch die Konzentration auf eine Person und den Verzicht auf wörtliche Rede, bekommt „;Im Felsenmeer“ einen traumhaften Anschein, unterstützt von der wilden Mischung einzelner Motive wie der Schatzsuche, dem Jungbrunnen und sich von selbst bewegender Felsbrocken ohne ein Thema wirklich zu Ende zu verfolgen. Für mich bezieht jedoch die Geschichte ihren Charme daraus, alles andere als schablonenhaft konstruiert zu sein.

Der eingenbrötlerische Student Walter erbt von seinem Großvater eine Eigentumswohnung, die der vorherige Mieter in einem Zustand der unerklärlichen Euphorie ob seines endlichen Auszugs verlassen hatte. Walter kann sich das zunächst nicht erklären, bis er erkennen muß, was – statt seinem Vorbewohner – tatsächlich die Wohnung verlassen hat.

Auf die Handlung reduziert klingt „;Spiegel“ nicht sehr aufregend. Doch wie immer gelingt es Boris Koch, seinen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen Profil zu geben und somit zu Identifikationsfiguren zu machen. Zugegebenermaßen hätte das Mystery-Element noch weiter ausgebaut werden können. So allerdings kommt das Ende um so unvermittelter und unvorhersehbarer.

Wie kommt es, dass die Früchte zweier benachbarter Birnbäume so unterschiedlich schmecken? Die einen gut und angenehm, die anderen „;wie das Obst von Friedhöfen“.

Angekündigt als unbekannte Anekdote aus dem Leben Lovecrafts beschreibt „;Zwei Birnbäume“ den Geschmackstest, den der Schriftsteller durchführt und der fast seinen Tod bedeutet. Ein von Michael Tillmann frei erfundenes, kuzweiliges Histörchen, das trotz der Person Lovecraft einmal ohne Auftauchen von dessen dämonischen Schöpfungen auskommt (nun gut, ganz genau genommen schafft es Michael Tillmann doch, durch einen geschickten Kniff, diese zu erwähnen).

Hervorragende semi-professionelle Veröffentlichung für Lovecraft-Fans, an der sich große Verlage ein Beispiel nehmen sollten

Wie bei den meisten semi-professionellen Veröffentlichungen der Goblin Press atmen die Geschichten den Hauch von Fan-Veröffentlichungen. Wie bei ebenfalls fast allen Goblin-Veröffentlichungen handelt es sich um Geschichten von und für Lovecraft-Fans. Direkt und indirekte Bezüge lassen sich nicht verleugnen. Meiner Meinung nach hatte der idealistische Goblin-Chef Jörg Kleudgen allerdings durch die Bank eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Veröffentlichungen. Ich persönlich sehe die Stories und Bücher, die unter seiner Regie bei Goblin veröffentlicht wurden, eher als ungeschliffen an und für mich machen genau diese Ecken und Kanten den Reiz der Geschichten aus.

Sehr interessant ist rückblickend die Autorenliste. Während einige inzwischen eine feste Größe auf dem deutschsprachigen Phantastikmarkt sind (Tobias Bachmann, Boris Koch, Jörg Kleudgen), wurde – zumindest von mir – von anderen leider nie wieder eine Veröffentlichung gesehen (Frank Eßer, Martin Schemm). Die einzelnen Beiträge mögen kein riesiges Hintergrundgerüst aufweisen, aber das ist auch nicht Sinn der Sache. Die Stories sind fokussiert und funktionieren in ihrem jeweiligen engen Rahmen außerordentlich gut.

Wohl keine Veröffentlichung eines rennomierten Verlages kann in einem solchen Maße überraschen. Die Aufmachung, obwohl relativ einfach, verdient ebenfalls Erwähnung. Alle Cover der Goblin-Press Veröffentlichungen wurden von Jörg Kleudgen selbst in einer einheitlichen Machart gestaltet. Das Büchlein ist in einer ersten Auflage von 100 Exemplaren erschienen und damit ein absolutes Sammlerstück. Dass es eine zweite Auflage gab, bezweifle ich.

Man kann nur hoffen, dass Jörg Kleudgen nach dem Auflösen der Goblin-Press doch noch ein Einsehen hat und diese längst vergriffenen Geschichten in irgendeiner Form einmal wieder auflegt. Es wäre mehr als schade, wenn diese Perlen nie wieder ans Tageslicht kommen sollten.

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