Necrologio von

Buchvorstellungund Rezension

Necrologio von

Originalausgabe erschienen 2009, 320 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Inhalt:

  • Martin Schemm: Anonomalous Species of Terror (Essay)
  • Michael Knoke: Schattenlieder
  • Walter Diociaiuti: Necrologio
  • Tobias Bachmann: Der Fall der Gruppe Us & Her
  • Dominic Flenner & Jörg Kleudgen: Die Rote Maske des Todes
  • Heiko Haas & Jörg Kleudgen: Kein Gott auf Erden
  • Arnold Reisner: Entschleiert
  • Markus K. Korb & Jörg Kleudgen: Transmutartion II
  • Christian von Aster & Jörg Kleudgen: Der Raub der Zeit
  • Boris Koch & Jörg Kleudgen: Morphin
  • Mark Freier: Subinfernal

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein sehr persönliches Werk“90

Horror-Rezension von Elmar Huber

Der fast volle Mond hing, wenn die Wolkendecke für einige Augeblicke aufriss, wie aufgespießt zwischen den Zweigen der kranken Bäume, und es waren seltsame Laute in der Luft, die ich nie zuvor vernommen hatte. Ob sie alle vom Wind herrührten, der den Regen gegen die Fenster peitsche und die Läden klappern ließ, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Eher war mir, als mische sich ein Heulen unter das Schleifen und Rauschen von draußen.
(Heiko Haas & Jörg Kleudgen – KEIN GOTT AUF ERDEN)

Martin Schemm – An Anomalous Species of Terror (Zur Psychologie in Edgar Allan Poes „The Fall of the House of Usher“)

Martin Schemms Essay, das sich mit der Symbolik und Psychologie in Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ beschäftigt, funktioniert als ein etwas anderes Vorwort. Seine Betrachtungen über die Dualität der ganzen Geschichte und das äußerst präzise Vorgehen von Poe beim Schreiben von „Haus Usher“, versetzen den Leser in eine sensible, zugängliche Stimmung, aufnahmebereit für die wohligen Schauer, die die Autoren folgen lassen.

Michael Knoke – Schattenlieder

Der seltsame Brief seines Studienfreundes Magnus von Wolfenstein – ein Sammler bizarrer Tondokumente – veranlasst den Erzähler Marco schließlich doch zu einem Besuch auf dessen Anwesen. Über dubiose Kanäle hat von Wolfenstein ein Tonband erhalten, dass angeblich Halluzinationen auslöst. Mit Hilfe der verstärkenden Wirkung von Drogen und unter Aufsicht seines Freundes setzt sich Magnus schließlich der Tonaufzeichung aus.

Trotz zahlreicher Verweise auf Poes „Haus Usher“ erzählt Michael Knoke mit „Schattenlieder“ eine eigenständige, überzeugende Geschichte. Die bedrückende Stimmung auf dem Familiensitz Wolfenstein, Besuche geheimnisvoller, vermummter Gesellschaften, seltsame Geräusche, die das Haus durchziehen. Das alles trägt zu der trist-bedrohlichen Stimmung von „Schattenlieder“ bei. Erinnert aufgrund der Halluzinationen auslösenden Töne an Tobias Bachmanns „Dagons Erben“.

Walter Diociaiuti – Necrologio

Italien in den 1960er Jahren. Die „Marygold Prellys“ sind eine Band, die sich eher treiben lässt, als eigene Akzente zu setzen. Bis der charismatische Sänger Bela bei ihnen einsteigt und der Musik der „Prellys“ eine neue Richtung gibt. Bald kommt es bei ihren Auftritten regelmäßig zu Ausschreitungen. Doch das ist Bela nicht genug.

Walter Diociaiutis zeichnet das überzeugende Bild einer Band der „wilden sechziger Jahre“. Auf den ersten Seiten fängt er das Lebensgefühl dieser Zeit so perfekt ein, dass man sich förmlich in das künstlerisch-bunte Treiben hineinversetzt fühlt. Danach folgt die Geschichte des ewigen Verführers, der Erfolg verspricht, dafür aber Opfer fordert. Geschickt werden in „Necrologio“ moderne Mythen aufgegriffen, nach denen diese oder jene fragwürdigen Geräusche tatsächlich Eingang gefunden haben in Aufnahmen einschlägiger Bands. Zur überzeugenden Wirkung tragen bestimmt auch Walter Diociaiutis eigene Erfahrungen als Musiker bei.

Tobias Bachmann – Der Fall der Gruppe Us & Her

Der Sänger der Gruppe „Us & Her“ bezieht ein gespenstisches Anwesen, um in dieser Atmosphäre auch die Aufnahmen für die nächste LP der Band zu machen. Tatsächlich durchströmt alle Bandmitglieder bei den Proben ein Gefühl des bevorstehenden Erfolges. Doch die Gerüchte um eine lebendig begrabene Frau in dem Haus trüben die Euphorie der Gruppe. Auch auf den Aufnahmebändern der Band klingen plötzlich fremde Geräusche und Gesänge.

Schon das Wortspiel im Titel ist schlicht genial. Tobias Bachmann versetzt gleich Jörg Kleudgens ganze Band „The House of Usher“ (unter dem Pseudonym „Us & Her“) in das ehemalige Anwesen von Poes Familie Usher und konfrontiert diese mit den Geistern der Vergangenheit. Dabei entgleitet dem Sänger immer mehr die Wirklichkeit und er wird zu einem legitimen Nachfolger Roderick Ushers. Formal interessant durch Zeitsprünge und eingefügte Texte von Zeitungsausschnitten.

Dominic Flenner & Jörg Kleudgen – Die Rote Maske des Todes

In einem Laden für skurrile Dinge (E.Allans Curiositäten) ersteht Ethan, der Sänger der Band „Berenices’s Disease“, eine geheimnisvolle Maske. Angeblich wurde diese bei den Dreharbeiten zu Roger Cormans „Mask of the Red Death“ eingesetzt, soll aber weit älter sein. Sobald Ethan die Maske bei Proben und Auftritten trägt, beginnt sich die die Musik der Band zu verändern. Sie wird zu etwas hypnotischem, das direkt in die Köpfe eindringt. Den Auftritten von „Berenice’s Disease“ folgen grausame Morde, begangen von Konzertbesuchern.

Ähnlich wie Walter Diociaiuti in „Necrologio“ erzählen Dominic Flenner & Jörg Kleudgen vom plötzlichen Erfolg einer Band, der seinen – letztendlich vernichtenden – Preis fordert. Ungewöhnlicherweise wird „Die Rote Maske des Todes“ aus der Perspektive eines Roadies erzählt, der das Ganze mit einem gewissen Abstand betrachtet. Der Bandname „Berenice’s Disease“ könnte auf den Zustand der Berenice (körperliche Entstellung, zeitweise geistige Umnachtung) in Poes gleichnamiger Erzählung deuten, der ebenfalls Ethan umfängt, sobald er „Die Rote Maske des Todes“ anlegt.

Heiko Haas & Jörg Kleudgen – Kein Gott auf Erden

Nachdem der Erzähler seine neue Stelle als Sekretär und Krankenpfleger auf Ozalith – einem einsam gelegenen Anwesen – begonnen hat, findet er sich im Zentrum seltsamer Ereignisse wieder. Bei seinen Wanderungen im einsamen Moor lernt er den Torfstecher Ulf kennen, der ihm eine unglaubliche Geschichte erzählt. Alle seine Erlebnisse scheinen mit seiner Kindheit zusammenzuhängen und mit der geheimnisvollen Soleil Noir – einer tödlichen Krankheit, die damals in seiner Heimatstadt Cathay gewütet hat.

Sowohl durch den Ort Cathay, der hier als Geburtsort des Erzählers eine Rolle spielt, als auch in ihrem surrealen Stil, fügt sich „Kein Gott auf Erden“ in Jörg Kleudgens Cathay-Erzählungen ein, die sich in „Cosmogenesis“ (Golbin-Press, überarbeitete Neuauflage 2005 im Blitz-Verlag) finden. Heiko Haas und Jörg Kleudgen legen Fährten, die ins Leere führen, und zaubern so eine traumartige Stimmung. Die Tristesse des Hauses und der Landschaft tut ihr übriges und huldigt darüber hinaus Edgar Allan Poe, der sein Haus Usher in einer ähnlichen Umgebung angesiedelt hat. Der Storyverlauf schlägt einige Haken und es ist unmöglich, das Ende auch nur zu erahnen. Man könnte dem Autorenduo Willkür oder Planlosigkeit vorwerfen, ob der zahlreichen losen Enden, die bleiben, doch diese Unüberschaubarkeit stellt den Leser dem Erzähler gleich und erzeugt eine gewisse Surrealität. Der Leser muss sich mit den Figuren treiben lassen.

„No God on Earth“ ist der Titel eines Stücks auf der „The House of Usher“-LP „Cosmogenesis“, das quasi als Begleitwerk/Ergänzung zur Geschichtensammlung „Cosmogenesis“ funktioniert.

Arnold Reisner – Entschleiert

Die Suche nach einer Kapelle des Mithra(s) führt den Erzähler wieder in seine Heimatstadt. Nach einem anfänglichen Rückschlag entdeckt er unter den Straßen der Stadt schließlich doch den unterirdischen Tempel. Und der alte Kult hat seine Arme schon viel weiter ausgebreitet als vermutet.

Arnold Reisner verpflanzt das Grauen unter die Straßen einer Allerweltsstadt. Das Ganze bleibt leider sehr distanziert und unübersichtlich. Die ganze Geschichte wird einfach zu schnell und ohne sichtbare Entwicklung abgehandelt. Der Protagonist bleibt zu fremd, um als Identifikationsfigur zu dienen. Auch das vielversprechende Mithra(s)-Thema wird zugunsten eines kraftlosen Finales einfach fallen gelassen.

Markus K. Korb & Jörg Kleudgen – Transmutartion II

Die rätselhafte Einladung zu einem parapsychologischen Kongress lässt den Erzähler den Weg aus dem krisengeschüttelten Deutschland nach Cathay, auf dem indischen Subkontinent, antreten. Ein geheimnisvoller Mitreisender und groteske Vorbereitungen verunsichern ihn. In der Tat erweist sich der angebliche Kongress als etwas vollkommen anderes.

Und wieder führt uns der Weg in den Schmelztiegel Cathay aus Jörg Kleudgens „Cosmogenesis“. „Transmutartion II“ reiht sich mit seiner unwirklichen Stimmung perfekt in die Reihe der anderen Cathay-Erzählungen ein. Der Poe-Spezialist Markus K. Korb zeichnet sich hier überraschenderweise als Co-Autor einer nicht Poe’schen Geschichte verantwortlich. Lediglich die Ratten, die die Fesseln durchbeißen, sind eine kleine Referenz an Poe.

Christian von Aster & Jörg Kleudgen – Der Raub der Zeit

Überall in Wien verschwinden auf geheimnisvolle Weise Uhren an öffentlichen Gebäuden. Der Zeuge eines solchen Vorfalls beschäftigt sich näher mit diesen bizarren Vorfällen, die ihm keine Ruhe lassen. Geleitet von seinen Träumen findet er schließlich heraus, was hinter dem Raub der Zeit steckt.

Ein geheimnisvoll-amüsanter Plot, der Christian von Asters Einfluss erkennen lässt, mündet in ein surreal unwirkliches Ende, das den Erzähler die Beweggründe des Uhrendiebs besser verstehen lässt, als es ihm lieb ist. Eine sehr interessante Kombination von schrägem Humor und einem Kleudgen-typischen Finale.

Boris Koch & Jörg Kleudgen – Morphin

Zufällig entdeckt ein Polizist die Leiche des alten Adolphe Comper, den er vor Jahren bei Mordermittlungen kennengelernt hat. Alle Anzeichen deuten auf einen Ritualmord, ganz ähnlich dem vor einigen Jahren. Weitere Morde mit gleichem Modus Operandi lassen ihn auf eigene Faust weiter ermitteln.

Realitätsnah und mit einem lebensechten Hauptdarsteller erlaubt „Morphin“ einen schnellen Einstieg für den Leser. Ich wage es, diesen gezielt schnellen und überzeugenden Spannungsaufbau Boris Koch zuzuschreiben. Die seltsamen Morde bauen eine morbide Faszination auf. Nicht zuletzt wegen der lateinischen Zeilen, die an den Tatorten gefunden werden, wähnt man sich bei „Morphin“ in einem Film von Dario Argento. Dennoch ist „Morphin“ gepaart mit einem plötzlichen und rätselhaften Ende, das auf Jörg Kleudgen verweist. Durchaus wirkungsvoll, auch wenn ich diesem Hauptdarsteller gerne noch länger bei seinen Ermittlungen begleitet hätte.

Mark Freier – Subinfernal

Nur das Morphium bewahrt ihn vor den Schmerzen, die ihm seine schwelenden, fliegeneiverseuchten Wunden verursachen. Langsam dämmert ihm die Bedeutung der seltsamen Sätze, die er ständig vernimmt, die aber von niemandem geflüstert werden.

Der Grafiker Mark Freier, der – wie hier – auch immer mal wieder als Autor in Erscheinung tritt, überzeugt mit einem dichten Stimmungsbild, das lediglich die düsteren Gedanken seines einsamen Protagonisten preisgibt. In Tagebuchform erfahren wir von dem Albtraum, in dem der Erzähler gefangen ist und der schließlich zum Verderben. In bester Tradition Poe’scher Figuren, die nach und nach dem Wahnsinn anheim fallen.

„Jede Betrachtung offenbart neue Einzelheiten ...“

Um alle Ebenen von „Necrologio“ zu erfassen, muss man die unbedingte Verbindung von Literatur und Musik sehen, die Jörg Kleudgens Leben bestimmt und die auch in besonderem Maße in einige der Geschichten in „Necrologio“ Einzug gehalten hat. So schreibt Jörg Kleudgen schon etliche Jahre unheimliche Geschichten in der Tradition Edgar Allan Poes und H.P. Lovecrafts. Einige Jahre war er Chef und Herausgeber seines eigenen Mini-Verlages „Goblin-Press“, der leider 2004 seine Pforten endgültig geschlossen hat. Als Herausgeber hatte Jörg Kleudgen stets ein glückliches Händchen und bot dort vielen Schreiberkollegen eine erste Plattform für ihre Geschichten (Michael Siefener, Boris Koch, Tobias Bachmann). Dabei übernahm Jörg Kleuden oft persönlich die Cover- und Innengestaltung, was zu einem Äußeren mit hohem Wiedererkennungswert führte und – in Verbindung mit den teils verzahnten Geschichten – die „Goblin-Press“ in die Nähe eines Gesamtkunstwerks rücken. Viele Veröffentlichung sind hier über eine Auflagenstärke von 100 Stück nicht hinaus gekommen und gelten heute als begehrte Sammlerstücke.

Darüber hinaus ist Jörg Kleudgen Kopf und Frontmann der Gothic-Rock-Gruppe „The House of Usher“. Die Wahl des Bandnamens spricht für sich und erklärt die vielen Verweise auf Poe im allgemeinen und auf „Der Untergang des Hauses Usher“ im besonderen in „Necrologio“. Die Band mag nicht zu den einschlägig bekannten Headlinern zählen, zeichnet sich aber durch eine langjährige Bandgeschichte und einige bemerkenswerte internationale Auftritte, z.B. im Libanon, aus. „Necrologio“ ist der erste Teil einer Reihe Veröffentlichungen zum 20jährigen „The House of Usher“-Jubiläum im Jahre 2010.

„Das Publikum feierte seinen neuen Götzen.“

So beinhaltet „Necrologio“ Beiträge, die die verschiedenen Facetten von Jörg Kleudgens künstlerischem Schaffen zum Thema machen. Die aufeinender folgenden Geschichten „Necrologio“, „Der Fall der Gruppe Us & Her“ und „Die Rote Maske des Todes“ handeln alle drei von Bands/Musikern, die auf fragwürdige Weise Berühmtheit erlangen. Mit diesen Geschichten setzen seine Freunde/Kollegen/Weggefährten dem Musiker/Frontmann Jörg Kleudgen ein augenzwinkerndes Denkmal („Die Aura eines dunklen Gottes hatte er abgelegt, um wieder in die Rolle eines schüchternen jungen Mannes mit ernsten Gesichtszügen und einem hageren Körper in eng anliegender schwarzer Kleidung zu schlüpfen“ (Die rote Maske des Todes)). So gelungen die Stories sind, hätte man diese besser im Buch verteilen können.

Weitere Beiträge zeichnen sich durch den surrealen Touch aus, den Jörg Kleudgens Geschichten typischerweise innehaben und die für den Gelegenheitsleser unbefriedigend wirken könnten („Kein Gott auf Erden“, „Der Raub der Zeit“, „Entschleiert“). Helden, die sich treiben lassen – oder getrieben werden – hin zu unheimlichen Plätzen, beseelt von fremden Mächten. Zu fremd, als das das menschliche Bewusstsein diese vollständig erfassen könnte. Doch lässt man sich einmal auf diese ungewöhnliche Erzählweise ein, bei der nicht alles einen Sinn ergibt, wird man mit einer angenehmen gedanklichen Schwerelosigkeit belohnt. Ein besonderes Schmankerl sind zwei weitere Cathay-Geschichten enthalten, die thematisch mit Jörg Kleudgens Sammlung „Cosmogenesis“, „die atmosphärischste und düsterste Schöpfung des Autors“ (Verlagswerbung), verbunden sind.

Als Beispiele seines darstellerischen Schaffens sind einige Zeichnungen und Grafiken Jörg Kleudgens in „Necrologio“ verteilt. Teilweise sind diese in den Text eingebettet, was einen besonders schönen Effekt ergibt.

Den Abschluss bildet ein wunderbar persönliches Nachwort von Kai Meyer, der mit Jörg Kleudgen die Schulbank gedrückt hat und Hoffnung macht auf die nächste Generation von Autoren und Musikern, die ihre Träume Wirklichkeit werden lassen.

„Dieses Zusammenspiel knisterte nur so vor düsterer Energie...“

Insgesamt ist „Necrologio“ ein sehr persönliches Werk geworden, das drei Passionen von Jörg Kleudgen vereint, wie er selbst es schon immer praktiziert. So enthalten die selbstgestalteten CD-Booklets und die Newsletter von „The House of Usher“ stets auch Geschichten von Jörg Kleudgen. Alle Leser, die der Goblin-Press nachtrauern, können hier bedenkenlos zugreifen. Aber auch alle, die sich einmal abseits moderner Phantastik-Klischees gut und düster unterhalten lassen wollen, sollten einen Blick riskieren.

„Necrologio“ kommt als edles Hardcover mit glänzendem Schutzumschlag und einer guten Papierqualität daher. Leider ist der Druck teils unregelmäßig und die Buchstaben sind auf einigen Seiten eher grau als schwarz. Die sehr düstere Covergestaltung – ein absoluter unheimlicher Blickfang – wurde von Marc Freier übernommen, der momentan alle Titel des Blitz-Verlags gestalterisch betreut. Die Limitierung beträgt – wie bei allen Blitz-Titeln – 888 Exemplare.

„Was hatte ich bloß geträumt? Der groteske Traum, den ich soeben durchlebt hatte, verblasste um so schneller, je mehr ich mich darauf konzentrierte.“
(Markus K. Korb & Jörg Kleudgen – Transmutartion II)

Ihre Meinung zu »Jörg Kleudgen: Necrologio«

candyman zu »Jörg Kleudgen: Necrologio«10.01.2010
"Necrologio" ist eine Story-Kollektion des "House of Usher"-Sängers und Texters Jörg Kleudgen im Blitz-Verlag. Und wie man sich vorstellen darf, geht es in vielen der Geschichten um Musik und ihre manchmal grausamen (End-)Effekte auf empfindsame Gemüter.

Einleitend findet sich ein grossartiger Essay von Martin Schemm über Poes Story "The Fall of the House of Usher". Dieses wohl berühmteste Haus der Literaturgeschichte ist weiteres Motiv für manche Erzählung in diesem Buch.

In "Schattenlieder" von Michael Knoke geht es um einen Inhaber eines solchen Hauses, der seltsame Tondokumente sammelt und schliesslich einem solchen "Tape aus der Hölle" verfällt. Die Geschichte ist mit fast 50 Seiten viel zu lang geraten, ohne grosse Überraschungen und dafür voller Klischees dieses Genres. Kann man getrost überlesen!

In der titelgebenden Story von Walter Diociaiuti gerät eine junge Band in den Bannkreis eines dämonischen junger Mannes, welcher eine ganz eigene Sicht der Welt zu haben scheint und auch ganz aussergewöhnliche Ziele anstrebt, nämlich die Welt in eine Art Hölle auf Erden zu verwandeln. Auch diese Story ist nicht wirklich originell, aber vom Plot her, der im Italien der 70er angesiedelt ist, immerhin nicht so ausgelutscht.

Tobias Bachmann sieht in einem Haus im französischen Versailles die Überreste von Poes "Haus Usher" (klingt ja auch so französisch!), in welchem der Protagonist und seine Band-Kollegen von der Spukgestalt von Madeline Usher in den Wahnsinn getrieben werden. Ein mir unerträgliches "Hinbiegen" von Poes Vorlage auf eine ach so "realistische" Erklärung. Grottenschlecht aber mit Trash-Faktor!

Ähnliche Absicht verfolgt "die rote Maske des Todes" (Kleudgen/Dominic Flenner), wobei hier ein eben solcher Gesichtsschmuck den Menschen Tod und Verderben bringt. Etwas lange und nicht ganz sauber in der inneren Logik, aber nicht unspannend.

Mit "Kein Gott auf Erden" wirds dann zumindest literarisch ein wenig interessanter. EIne Kollaboration Kleudgens mit Heiko Haas. Der Anfang ist eine solide phantastische Geschichte, wie sie Lovecraft oder Blackwood geschrieben haben könnte. Nur leider wird sie zu guter Letzt in fast mythologischer Art "zu Ende erklärt", was dem guten Anfang der Geschichte jedes Geheimnis abspricht.

Arnold Resiner wagt mit "Entschleiert" ein surrealistisches Experiment, in dem es um die Suche nach einer Kirche und den Überbleibseln des Mithras-Kultes (ein vorderasiatischer Götze) geht. Etwas verwirrlich aber durchaus interessant zu lesen.

"Transmutation 2" ist eine Kollabo mit Markus Korb, die ebenfalls in Kleudgens Cathay-Universum angesiedelt ist. Süffisanter Pulp!

"Der Raub der Zeit" (Kleudgen/von Aster), eine klassische Weird-Story, in der es um einen unerklärlichen Verlust der Zeit des Protagonisten (und seiner Stadt = Wien) geht. Keine neue Idee aber sicher solide in der Umsetzung.

"Morphin" (Kleudgen/Koch) ist mein kleiner Favorit der Sammlung. Ein klassischer Krimi um seltsame Ritualmorde in klassischer Robert-"Psycho"-Bloch-Manier. Mehr verrate ich aber nicht!

Die letzte Story ist von Mark Freier, der auch das stimmungsvoll düstere Cover beigesteuert hat. Die Erzählung ist eine etwas schwülstige Masturbation eines Massenmörders und Psychopathen, die ich so bestimmt schon dutzende Male gelesen habe.

Im Schlusswort zeichnet Kai Meyer die Entwickling des Fantasy-Genres (von einer Randerscheinung in den Achtzigern bis zur heutigen "Massenware") nach und legt dabei seine persönliche Beziehung zum Herausgeber Kleudgen dar. Interessanter Einblick.

Insgesamt lässt sich über diese Story-Kollektion folgendermassen urteilen: Erste Hälfte - Schrott (immerhin mit Unterhaltungswert), zweiter Teil - Ganz passabel (ohne echte Glanzlichter). Unerklärlich ist mir immer wieder, weshalb alle deutschen Phantastik-Autoren stets ihr literarischen Vorblider (wie es scheint nur gerade Poe und Lovecraft) zitieren müssen (inhaltlich sowie stilistisch), ohne dabei ein eigenes Bewusstsein für eine eigene Sprache und eine gute spannende Geschichte zu entwickeln. Deshalb ist dieser Band für mich ein weiteres Dokument des Epigonen-Tums. Schade, aber es ist wirklich so.
Ich bleibe also lieber bei Kleudgens "Alleingang" "Cosmogenesis". Das ist wenigstens qualitativ eine homogene Sache!
[Bewertung=57]
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