So ruhet in Frieden von John Ajvide Lindqvist

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Hanteringen av odöda“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 450 Seiten.ISBN 3-404-15913-6.Übersetzung ins Deutsche von Paul Berf.

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In Kürze:

Stockholm, 13. August 2002: Nach einer extremen Hitzewelle legt sich ein elektrisches Feld über die Stadt. Lampen können nicht mehr gelöscht, Maschinen nicht mehr ausgeschaltet werden. Die Menschen leiden unter mörderischen Kopfschmerzen, ein Chaos droht. Doch plötzlich ist alles wieder vorüber. Oder doch nicht? Irgendetwas ist verändert. Als der pensionierte Journalist Gustav Mahler einen Anruf aus dem nahegelegenen Krankenhaus bekommt, will er nicht glauben, was ihm berichtet wird: Die Toten seien erwacht …

Das meint phantastik-couch.de: „Zombies in Stockholm“80

Horror-Rezension von Michael Drewniok

An einem heißen Augusttag legt sich ein mysteriöses elektrisches Feld über die schwedische Hauptstadt Stockholm. Es reizt die Menschen bis zum Wahnsinn, bevor es sich plötzlich auflöst. Die Erleichterung währt nur kurz, denn in der folgenden Nacht erwachen in den Sektionsräumen der Krankenhäuser die Leichen. Sie brechen aus und versuchen ‚nach Hause‘ zurückzukehren, was ihnen oft gelingt. Die Wiedersehensfreude der Hinterbliebenen hält sich in Grenzen, denn die ‚Rückkehrer‘ zeigen sämtliche Schäden, die der Tod dem menschlichen Körper zufügt. Außerdem reagieren sie nicht, werden sie angesprochen; das Gehirn ist offenbar geschädigt. Immerhin sind die Zombies harmlos, d. h. weder aggressiv noch hungrig auf Menschenfleisch. Das zu wissen ist wichtig, denn kurz darauf graben sich die ersten Leichen aus ihren Friedhofsgräbern.

Dem Entsetzen folgt wilder Aktionismus. Die „;Wiederlebenden“, wie man sie bald politisch korrekt nennt, werden mit Hilfe des Militärs gesammelt und in einer aufgelassenen Wohnsiedlung konzentriert, wo man sie besser untersuchen kann. Das gruselige Phänomen beschränkt sich glücklicherweise auf diejenigen Menschen, die vor höchstens acht Wochen gestorben sind. So sind es letztlich ‚nur‘ 2000 Zombies, die leicht unter Kontrolle zu halten sind.

Doch wer sind „;Wiederlebenden“? Sind es noch Menschen? Kann man sie ‚heilen‘? Haben sie Bürgerrechte? Die psychischen Folgen sind verheerend, denn wer zunächst um verstorbene Angehörige trauerte, wird nunmehr womöglich mit ihren schrecklichen Zerrbildern konfrontiert. Die Politik reagiert nervös, die Kirchen mauern, die Medien laufen Amok. Der Tod muss neu definiert werden. Die daraus resultierenden Konsequenzen drohen die Gesellschaft zu spalten. Fast geraten die Zombies selbst darüber in Vergessenheit, bis sie sich nachdrücklich in Erinnerung bringen, denn sie haben durchaus ihre eigene Sicht der Dinge …

Was wäre, wenn sie wiederkehren?

Die Zombies kommen! Dieses Mal bleiben sie eher friedlich und jagen die Lebenden nicht hungrig durch die Straßen. Das macht es möglich einige Dinge zu überdenken, die über die Frage nach dem schnellstmöglichen Ausschalten der lästigen Schreckgestalten hinausgehen.

Siehe da, es entsteht eine völlig neue Art der Spannung. Die Toten sind wieder da. Sie bleiben passiv und überlassen den Lebenden die Entscheidung, was mit ihnen zu geschehen hat. Das ist perfide, denn hier gilt es Grundsätzlichkeiten des Lebens völlig neu zu beurteilen. Tod bedeutete bisher tot. Wer sich nach ein, zwei Tagen nicht mehr rührt und atmet, kann und muss unter die Erde, wird von Angehörigen und Freunden betrauert und schließlich mehr oder weniger vergessen. So läuft es seit jeher, und es funktioniert.

Selbstverständlich taucht in diesem Prozess häufig das Verlangen nach der Wiederkehr des oder der Verstorbenen auf – ein verständlicher Wunsch, der zuverlässig nicht in Erfüllung ging. John Ajvide Lindqvist schaltet dieses Hindernis nun aus. Er ist nicht der erste Schriftsteller, der dies tut und über die Konsequenzen nachdenkt. William Wymark Jacobs (1863-1943) griff bereits 1902 das Thema in einer der berühmtesten Gruselgeschichten überhaupt („;The Monkey’s Paw“, 1902; dt. „;Die Affenpfote“) auf. Bereits er kam zu dem Schluss, dass eine solche Wiedervereinigung die Lebenden überfordern würde.

Was damit gemeint ist, deutete Jacobs noch vornehm an. Lindqvist hält sich im 21. Jahrhundert in keiner Weise zurück und beschreibt ausführlich und drastisch, wie sich der Körper nach dem Tod aufzulösen beginnt. Er lässt 2000 verwesende, von Krankheiten zerfressene, durch Unfälle zerstörte Leichname durch Stockholm torkeln. Will und kann man sie wirklich wieder in die Gemeinschaft aufnehmen?

Was machen wir mit ihnen?

„;So ruhet in Frieden“ lautet zwar sinnig aber wie üblich falsch der deutsche Titel dieses Romans. Das Original macht deutlicher, worum es wirklich geht: „;Vom Umgang mit den Untoten“, könnte man ihn übersetzen. Wichtig ist dabei, dass die Romerosche Ur-Katastrophe ausbleibt. Es sind nicht die Toten einer ganzen Welt, die sich erheben, sondern gerade 2000 Leichen, denen weiterhin mehr als 6 Milliarden Menschen gegenüberstehen. Was das bedeutet, fasst eine von Lindqvists Figuren mit diesen Worte zusammen: „;Nichts deutete darauf hin, dass die Welt in dieser Nacht aus den Fugen geraten war.“ (S. 155)

Das Konfliktpotenzial entsteht unter den Lebenden. Sie müssen entscheiden, wie sie mit den Wiederkehrern umgehen. Das können und das wollen sie nicht. Die Folgen bilden die eigentliche Handlung dieses Buches. In diesem Punkt stimmt Lindqvist mit George A. Romero überein: Die Uneinigkeit der Lebenden ist der Schlüssel zu ihrem Untergang und zum Sieg der „;Wiederlebenden“. Nur weil die Zombies dieses Mal in der Minderzahl sind, wird Schweden nicht zum „;Land der Toten“.

Lindqvist gibt den unterschiedlichen Reaktionen Gesichter. „;So ruhet in Frieden“ ist ein Roman in Episoden. Das Unfassbare wird aus mehreren Perspektiven durch die Augen verschiedener Figuren betrachtet, die einander erst später oder auch gar nicht begegnen: David fürchtet die Rückkehr seiner fremden, schrecklich veränderten Gattin Eva, während der Journalist Mahler seinen „;wiederlebenden“ Enkel als Gelegenheit sieht, alte Fehler als Vater und Großvater wettzumachen. Die religiöse Elvy hält den Tag des Jüngsten Gerichts für gekommen. Ihre agnostische Enkelin Flora wartet auf eine positive Veränderung der Welt.

Sie alle müssen lernen, dass sie vor allem ihre eigenen Wünsche und Ängste auf die Rückkehrer projizieren, was fatale Auswirkungen haben wird. Überfordert zeigen sich auch die Ordnungsmächte. Politiker, Militärs, Gelehrte, Kirchenleute – sie versuchen ein nie gekanntes Phänomen mit alten Methoden zu meistern, zu instrumentalisieren oder zu verdrängen.

Wer sind sie?

Ob direkt oder indirekt betroffen: Die Menschen reagieren falsch. Der Wirbel um die Zombies ist wesentlich schädlicher als die „;Wiederlebenden“ selbst. Wer oder was sie sind, klärt sich deshalb erst, als es beinahe zu spät ist. Dass sie „;sind“ und eigene Pläne haben, kündigt der Autor spannenderweise schon früh an.

Lindqvist hat sich wie für seine Vampire in „;So finster die Nacht“ für seine Zombies eine ‚logische‘ Existenzerklärung einfallen lassen. Sie verharrt wohlweislich in den Grauzonen der modernen Medizin, die den meisten Laien ohnehin wie Voodoo erscheint.

Letztlich schwenkt Lindqvist doch wieder auf die klassische Horrorgeschichte ein, die zur zwar fesselnden aber fast ‚literarischen‘ Beschäftigung mit der Rolle der lebenden Toten in einer modernen Gesellschaft eine ‚richtige‘ Handlung addiert. Der Tod ist nicht nüchterne Tatsache sondern eine reale Wesenheit. Ob das nötig oder gar gelungen ist, bleibt eine Streitfrage. Es öffnet dem Verfasser vor allem eine Hintertür zu einem einigermaßen gelungenen Ende seiner Geschichte, auch wenn dieses an Filme wie „;Final Destination“ oder „;Reeker“ erinnert. Leider kann sich Lindqvist nicht zurückhalten, ein fantastisches aber wohl doch im Gefüge der Naturgesetze verankertes Geschehen mit (christlich) religiösen Heilsmetaphern zu verquicken – ein unnötiger und sentimentaler Ausklang, mit dem sich der Autor vor weiteren Fragen drückt: Die Toten sind wieder fort, doch das Wissen um ihre Wiederkehr ist ein Vermächtnis, dessen Aufarbeitung gerade dort beginnt, wo dieser Roman endet.

Ihre Meinung zu »John Ajvide Lindqvist: So ruhet in Frieden«

Buboter zu »John Ajvide Lindqvist: So ruhet in Frieden«03.07.2010
Die Handlung dieses Romans wird der in der Couch-Rezi wunderbar zusammengefasst. Leider hatte ich diese beim Kauf nicht zur Hand. Die Handlungsbeschreibung auf der Rückseite des Buches ist leider mehr als irreführend (gleicher Wortlaut, wie die Kurzbeschreibung auf der Couch), lässt diese einen doch auf einen „richtigen“ Zombie-Roman hoffen.

Die Geschichte bzw. die drei Geschichten erzählen uns von drei Einzelschicksalen, in denen jeder einen mehr oder weniger geliebten Menschen verliert. Es werden die verschiedenen Stadien und Arten des Umgangs mit der Trauer geschildert. Die Wiederlebenden sind hier nur der Anlass bzw. bieten sie, da sie telepathische Fähigkeiten in ihrer Umwelt auslösen, die Möglichkeit sich mit Fehler aus der Vergangenheit, Schuldgefühlen und zwischenmenschlichen Spannungen auseinanderzusetzen.

Außerdem geht der Autor darauf ein wie Behörden und Mitmenschen mit so einer Situation umgehen. Wie sie das tun? Da die Wiederlebenden hier kaum Bedrohung, sondern lediglich ein übelriechendes, unangenehmes Problem darstellen, werden sie kurzerhand weggesperrt und man geht nach ein, zwei Tagen wieder zur Tagesordnung über.

Wer auf einen actionreichen und blutigen Zombie-Roman hofft, sollte hier wirklich die Finger davon lassen. Wer allerdings eine sensible, ans rührselig grenzende, ruhige und stellenweise spannende Geschichte lesen möchte, die auch ein paar ekelige Details enthält, liegt mit diesem Buch genau richtig.

Ich möchte dem Autor auf keinem Fall seine literarischen Fähigkeiten absprechen. Gut geschrieben war das Buch für meine Begriffe auf alle Fälle, sonst hätte ich es auch nicht zu Ende gelesen. Leider war es nicht das was ich mir auf Grund der Beschreibung erhofft hatte. Mir persönlich ist es leider nur 65 ° Wert.
tscheburaschka zu »John Ajvide Lindqvist: So ruhet in Frieden«11.03.2009
Das ist eine ganz ausgezeichnete Rezension, die das anspricht, was ich beim Lesen empfunden habe. Sowohl die positiven Ansätze, als auch die kritikwürdigen sind hier gut herausgearbeitet. Ich habe außerdem den Eindruck, dass uns hier möglicherweise ein zweiter Teil blühen wird, weil die "Spielwelt" durchaus dicht erzeugt ist und tatsächlich viele Fragen offen bleiben.
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