Geisterbrigaden von John Scalzi

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2006unter dem Titel „The Ghost Brigades“,deutsche Ausgabe erstmals 2007, 432 Seiten.ISBN 3-453-52268-0.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Kempen.

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In Kürze:

In ferner Zukunft wird der interstellare Krieg mit scheinbar bizarren Mitteln geführt: Für die Verteidigung der Kolonien im All werden nur alte, betagte Menschen rekrutiert. Menschen wie John Perry, der mit fünfundsiebzig noch einmal einen neuen Anfang machen will – und nicht ahnt, dass das größte Abenteuer seines Lebens auf ihn wartet.

Das meint phantastik-couch.de: „Sympathischer Klon als Spielball der Politik“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Im Weltraum einer nicht allzu nahen Zukunft hat die „Koloniale Union“ das Sagen. Mehr als 600 intelligente 'Nachbarn’ bevölkern den Kosmos innerhalb des Radius', den die Raumschiffe der Menschheit durchreisen und innerhalb dessen ihre Kolonisten siedeln können. Fast alle diese Völker gelten als feindlich, was den Aufbau einer starken „Kolonialen Verteidigungsarmee“ erforderlich machte.

Die Soldaten der KVA sind geklonte und gentechnisch aufgerüstete Supermänner und -frauen. Unter ihnen gelten die Mitglieder der „Geisterbrigaden“ als geachtete aber auch gefürchtete Sondereinheit: Rekruten, die sterben, bevor ihr Bewusstsein in die für den Kampf getunten Neukörper 'umgeladen’ werden konnte, werden ebenfalls geklont und stehen auf diese Weise quasi von den Toten wieder auf.

Jared Dirac gehört dieser Elitetruppe an, gilt aber sogar hier als Außenseiter: In sein Klonhirn wurde das kopierte Bewusstsein des genialen Wissenschaftlers Charles Boutin transferiert. Dieser hat sich mit den kriegerischen Obin zusammengetan, die sich wiederum mit den insektoiden Rraey verbündeten, um einen Vernichtungsfeldzug gegen die KU zu starten. Dirac soll den 'Gast’ in seinem Hirn 'aushorchen’ und so in Erfahrung bringen, was Boutin plant.

Im Rahmen seiner Ausbildung bringt Dirac diverse gefährliche Einsätze hinter sich und arrangiert sich mit seinem Leben, während seine Vorgesetzten und Kameraden darauf lauern, dass sich Boutins Bewusstsein offenbart. Als dies endlich geschieht, erfährt Dirac sogar, wo der Verräter sich aufhält. Ein Stoßtrupp wird zusammengestellt, der ihn dort stellen und gefangen nehmen soll. Dirac nimmt teil, obwohl er zunehmend Schwierigkeiten hat, seine eigene Persönlichkeit zu wahren.

Vor Ort angekommen, müssen die Soldaten erkennen, dass nicht Dirac ihr Problem ist: Charles Boutin, das 'Original', war ein bisschen schlauer als die Spezialisten der KVA, und hat sie bereits erwartet …

Ein Remake mit deutlichen Verbesserungen

„Zunächst einmal möchte ich allen, die glauben, eine Fortsetzung zu schreiben wäre einfach, weil man das Universum ja schon erschaffen hat, Folgendes sagen: Kicher, prust, lach, brüll! Ha ha ho he! Nein, so ist es nicht.“ (S. 426)

So spricht John Scalzi in seiner Danksagung, die er dem Roman „Geisterbrigaden“ nachgestellt hat. Man kann aus den wie hingeworfen wirkenden Worten eine gewisse Frustration herauslesen, denn genau diese Bemerkung wird Scalzi wohl mehr als einmal gehört haben.

Was ihn wirklich erbittert haben muss, spricht er freilich nicht an: Die Kritik ist durchaus berechtigt. „Geisterbrigaden“ ist im Vergleich zum Vorgängerband „Krieg der Klone“ zwar der 'bessere', d. h. schlüssiger geplottete und eleganter geschriebene Roman. Dennoch ist er gleichzeitig ein Remake: Wie weiland John Perry wird ein Soldat der Zukunft in einem Klonkörper wiedergeboren und muss sich mit den daraus resultierenden Veränderungen und Schwierigkeiten auseinandersetzen. Parallel dazu gibt’s erneut viel militärischen Drill, der mit Liebe zum Detail und Landserhumor beschrieben wird. Schließlich steht ein zum Mann und Kämpfer gereifter Klon vor uns, der in ein actionreiches Kriegsgetümmel geworfen wird und sich dort bewähren muss, bevor er sich mit dem Drama seiner zweckgebundenen 'Geburt’ auseinanderzusetzen hat.

Die subtilen aber entscheidenden Veränderungen sind es, die auch „Geisterbrigaden“ wieder zu einem lesbaren Roman machen. Jared Dirac ist kein 'richtiger’ Mensch, sondern gehört zur berüchtigten und gefürchteten „Geisterbrigade“, deren geklonte Mitglieder durch die Gene von Toten 'beseelt’ werden. Für zusätzliche Dramatik sorgt die Tatsache, dass Diracs Hirn eine Kopie ist, in die das Bewusstsein eines gefährlichen Verräters gepflanzt wurde, das jederzeit 'erwachen', den Körper übernehmen und sein unheilvolles Werk fortsetzen kann.

Krieg als Fundament der Zivilisation

Selbstverständlich geschieht das als Höhepunkt der Handlung, denn „Geisterbrigaden“ ist keine 'literarische’ Science Fiction, sondern ein knalliges Abenteuer, das in einer ebensolchen Zukunft spielt. Scalzi vertieft bei dieser Gelegenheit seine Schöpfung eines Weltalls, in dem die Menschen erstens nicht allein und zweitens den – allesamt feindlichen – Aliens körperlich unterlegen sind. „Geisterbrigaden“ ist mehr noch als „Krieg der Klone“ ein politisch unkorrektes Werk, weil der Verfasser dieses Mal den politischen und vor allem den sozialen Aspekten seiner Welt breiteren Raum bietet.

Das All ist kein Ort für Diplomaten und Friedensapostel, denn hier wird scharf geschossen. Diese Prämisse steht wie in „Krieg der Klone“ fest und wird für „Geisterbrigaden“ übernommen. Auf ihr baut Scalzi eine zukünftige Menschheitsgeschichte auf, die nicht erfreulich ist aber konsequent entwickelt wird. Der Autor drückt sich nicht um die Auswirkungen. Schon im ersten Kapitel wird ein Alien-Spion von Föderationssoldaten gefangen genommen und zur 'Zusammenarbeit’ gezwungen, indem man ihn mit einer künstlich erzeugten und tödlichen Krankheit infiziert: Nur wenn Administrator Cainen spurt, bekommt er das Serum, das ihn am Leben hält. Da schreien bei der Lektüre alle Gutmenschen empört auf, doch Scalzi setzt sogar noch eins drauf: Cainen verflucht seine Peiniger nicht, denn er hat mit solcher 'Behandlung’ gerechnet und gibt offen zu, dass sein Volk die Ausrottung der Menschen plant.

Der geistig wache (oder indoktrinierte?) deutsche Leser fragt sich unwillkürlich, ob Scalzi hier als Sprachrohr der „Falken“ fungiert, die in der US-Regierung den totalen „Krieg gegen den Terror“ propagieren, wobei Folter eingeschossen ist. Nüchtern betrachtet ist „Geisterbrigaden“ allerdings nur ein gelungenes Produkt trivialer oder besser populärer Unterhaltung und als Element eines psychologischen Feldzugs  zur schleichenden Untergrabung friedensbewegter Überzeugungen völlig ungeeignet …

Gehorchen statt denken …

Jared Dirac: aus Leichen-DNS geklonte Kopie eines Hochverräters & gleichzeitig ein reiner, unschuldiger Tor, der ohne gefragt zu werden und ohne eigenes Verschulden in ein Leben geworfen wird, das ihn einerseits überfordert und ihm andererseits gefällt. Einmal mehr greift John Scalzi auf Bekanntes & Bewährtes zurück und präsentiert es auf höchst unterhaltsame Weise. Dirac ist ein Sympathieträger, dessen Schicksal die Leser interessiert. Der Außenseiter im Getriebe des Establishments ist stets eine fesselnde Figur; solange wir nicht selbst unter diesem Status leiden, lesen wir gern darüber, wie ein Querkopf das System unterwandert.

Das geschieht hier geradezu subtil, denn KU und KVA sehen und hören dank BrainPad alles, was Dirac durch den Kopf geht. „Geisterbrigaden“ erzählt deshalb auch, wie der Außenseiter geschliffen bzw. in das System 'integriert’ wird, das zwar seine Fehler und Tücken aufweist aber dennoch das einzige System ist, das in Scalzis Universum seine Existenz garantieren kann.

Ohne Konfrontation geht das natürlich nicht. Dirac ist ein Klon mit individuellen Zügen. Er grübelt gern und mag die 'normalen’ Menschen, was sich u. a. in einer Vorliebe für schlechte Witze niederschlägt. Wie im richtigen Leben (Achtung: Ironie!) erregt er das Interesse einer schönen Frau, die sein intellektuelles und emotionales Potenzial erkennt und fördert. Daneben steht der fiese Rivale, der zwar nicht zum besten Freund aber zum treuen Kampfgefährten mutiert.

Hier geraten wir endgültig ins 'Heinlein-Kontinuum'. Scalzis (niemals sklavisch imitiertes) Vorbild als SF-Autor ist zweifellos Robert A. Heinlein (1907-1988), der die Welt als Spielplatz des Tüchtigen betrachtete, dem sich die Trägen und Dummen unterzuordnen hatten. Dieses Credo, das den „American Way of Life“ befördert, hat Scalzi ein wenig abgeschliffen und bekömmlicher gemacht. Im Kern blieb es allerdings bestehen. Wie Heinlein macht es sich Scalzi einfach: Was der 'normale’ Erdenbürger oder Kolonist über die elitäre Militärkaste denkt, bleibt weitgehend ausgespart. KVA und „Geisterbrigade“ bleiben nach dem Willen der KU weitgehend isoliert von denen, die sie schützen. Der Informationsfluss ist spärlich. Das bewahrt die Regierung von unerwünschter Kritik und vermeidet die Vergeudung von Zeit, die sie sonst in die Diskussion mit der Opposition investieren müsste. Demokratie ist schön und gut, aber die Realität sieht halt nur die effiziente Niederhaltung bösartiger Aliens vor.

 …aber Zweifel beginnen zu keimen

In diesem Zusammenhang schildert Scalzi einen beim Leser bewusst Unbehagen provozierenden Einsatz: Das wehrlose Kind einer feindlichen Rraey-Königin wird entführt, unfruchtbar gemacht und schließlich sogar umgebracht, um den Feind zum Einlenken zu bringen: Der Zweck heiligt nach Ansicht der KVA wirklich alle Mittel. Dies ist der Zeitpunkt, an dem zumindest Jared Dirac darüber zu grübeln beginnt, in wessen Dienst er sich gestellt hat. Charles Boutin klärt ihn später endgültig auf: In der Tat hat sich die KVA längst verselbstständigt; sie ist am imperialistischen und möglichst ewigen Krieg im All interessiert, um auf diese Weise ihre Vormachtstellung zu bewahren.

Dirac zieht keine Konsequenzen aus dieser Erkenntnis. Auch Boutin will ihn indoktrinieren, soviel ist sicher. Also entscheidet sich Dirac letztlich doch für die KVA, die er trotz ihrer Lügen und Manipulationen für den besseren Vertreter der Menschheit hält. Das ist schwer zu schlucken, zumal Scalzi die Kanonenboot-Politik von KU und KVA geschickt zu verbrämen weiß. Er gibt gar nicht vor, dass sein System perfekt ist. Die KU und die KVA treffen mehrfach kapitale Fehlentscheidungen. Sie beanspruchen nie im Besitz des Steins der Weisen zu sein. Kritik und freie Meinungsäußerung ist den Soldaten gestattet.

Die Krux ist dabei, dass sich Generäle und Militärveteranen immer als alltagstaugliche Realisten entpuppen; hört ein Soldat nicht auf sie, was sein gutes Recht ist, gerät er prompt in Schwierigkeiten. Welche Lehre wird er wohl daraus ziehen? In Scalzis Welt funktioniert dieses System. Außenseiter werden entweder eingepasst oder ausgetilgt. Auf diese nur scheinbar Zwischentöne berücksichtigende Schwarz-Weiß-Zeichnung muss sich der Leser einlassen. Wieder ist dabei der Gedanke hilfreich, dass „Geisterbrigaden“ nur Unterhaltung ist, die nicht einmal die wahrhaft Armen im Geiste in kritiklose Kampfmaschinen verwandeln wird.

Zumal der Keim der Veränderung gelegt ist. Auf Dauer kann die KVA den Deckel nicht geschlossen halten. Die Menschheit hat sich unter ihrer Regie zum womöglich schlimmsten Aggressor überhaupt entwickelt. Scalzi wird diesen Aspekt in den Fortsetzungen seiner Zukunftssaga aufgreifen und weiterentwickeln; man darf gespannt sein und ist es auch!

Ihre Meinung zu »John Scalzi: Geisterbrigaden«

Parallelleser zu »John Scalzi: Geisterbrigaden«15.10.2016
Scalzi schildert eine militaristische Gesellschaft aus Sicht einzelner Soldaten, die mittels Vernichtung anderer intelligenter Spezies Lebensraum für menschliche Kolonialisten erobert. Zwar sind die Protagonisten mehr oder weniger sympathisch gezeichnete Haudraufs - aber machen sich die Leser, macht sich Scalzi überhaupt darüber Gedanken, dass hier ein faschistisches Begründungsmuster für Genozide propagiert wird? Fast alle nicht-menschliche Spezies gelten als totale Bedrohung der menschlichen Existenz, deren Antwort ist die Vernichtung von Aliens auf beliebigen Planeten, die Menschen besiedeln oder erobern wollen. Ich lese das als eine Ideologie, die Lebensraum, "Blut und Boden" propagiert und für diese wahnhafte Zielsetzung die Vernichtung Fremder rechtfertigt.
Zwar deutet Scalzi an, dass es eine Kritik an dieser "menschlichen" Vernichtungspolitik gibt, dass sich andere Spezies zusammenschließen, um den Kriegen eine Ende zu machen. Aber der Autor bleibt in diesem Buch irgendwie "ideologisch-neutral", außer in der einen Hinsicht: Die Kameraden der Geisterbrigade kämpfen ehrenhaft gemäß ihres Auftrags für die Menschheit und für ihre jeweilige Kampfgruppe. Das schildert Scalzi mit großer Sympathie, mit impliziten Verständnis.
Am Ende des Romans bleibt ein sehr übler Geschmack zurück. So kann also Militarismus und faschistische Aktion gerechtfertigt erscheinen, zumindest für die "Blut-und-Eisen-Sklaven" (Johann Most), die ein nicht vorhandenes Bewusstsein jeglicher gesellschaftlicher Zusammenhänge haben.
Im Übrigen: Der Roman ist recht spannend, die Handlungen interessant, Charakterzeichungen sind ungenügend, Beschreibung der Aliens und ihrer Lebensweisen sind seltsamerweise kaum bis gar nicht vorhanden. Ich habe stilistisch definitiv weit bessere SF gelesen.
alieninabook zu »John Scalzi: Geisterbrigaden«08.01.2008
Die Geisterbrigaden sind vielleicht nicht der Klassiker der Science Fiction, aber durchaus gute Unterhaltung. Nicht die große Gesellschaftskritik, aber durchaus gut zu lesen. (Für Leute wie mich auch durchaus ein zweites und drittes Mal) Und während im ersten Band die KVA noch eher unkritisch betrachtet wurden (und als gegeben galt, dass alle Aliens böse sind) fängt hier der Topf zumindest schon an zu blubbern. Ich denke auch, im dritten Band wirds so langsam ans Überkochen, bzw. der KVA ans Leder gehen.
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