Eclipse Halbschatten von John Shirley

Buchvorstellungund Rezension

Eclipse Halbschatten von John Shirley

Originalausgabe erschienen 1998unter dem Titel „Eclipse Penumbra“,deutsche Ausgabe erstmals 2002, 288 Seiten.ISBN 388619972X.Übersetzung ins Deutsche von Peter Robert.

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In Kürze:

Nur wenige Menschen kennen die Wahrheit, und noch weit weniger Menschen sind bereit, für sie zu sterben. Stellen Sie sich vor: Eine Weltraumkolonie auf halber Strecke zwischen Erde und Mond, abgeriegelt von Raumschiffen der Neu-Sowjets, während die Zweite Allianz Massenmorde arrangiert, um ihre politischen Gegner aus dem Weg zu räumen …Eine Hand voll verzweifelter Guerillas, die sich über einen gefährlichen Alpenpass kämpft …Ein eigensinniger CIA-Agent, der herausfindet, dass seine Arbeitgeber jemanden umbringen möchten, der ihm sehr nahe steht: seine Frau …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Rassenlehre, Menschenversuche, Krieg und kein Frieden“89

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

Der Krieg zwischen Russland und den Bündnisstaaten der NATO dauert an. Danny „Stahlauge“ Torrence und seine Mitstreiter bekämpfen die Soldaten der Zweiten Allianz (Second Alliance, SA), die in Europa ein Apartheidsystem errichten will. Der Neue Widerstand will die Öffentlichkeit über die Zweite Allianz aufklären. Sie hat sich von den Vorstellungen der Soziobiologie entwickelt in Richtung Sozialgenetik. Dr. Cooper betreibt in einem so genannten Internierungslager in Lyon, Frankreich, eine abscheuliche Versuchsanordnung mit rigider Rassentrennung in Pferchen und unglaublichem Leid für die Opfer. Am Ende herauskommen soll die Auslöschung aller minderwertigen Rassen und deren Ersetzung durch eine Unterrasse von Arbeitern, die nicht klüger als Hunde oder Pferde sein sollen, kenntnisreiche Idioten für niedere technische Tätigkeiten.

Auf FirStep verschwinden Oppositionelle, die Lebensbedingungen werden allgemein härter. Die Luftqualität nimmt in manchen Sektoren ab, während sie für privilegierte Sektoren gut bleibt, die Verpflegung wird schlechter, ob der Blockade der Neo-Sowjets ist ein Besuch auf der Erde nicht möglich, Ausgangssperren zwingen die Bewohner, während der Freizeit in ihren unmittelbaren Bereichen zu bleiben. Eine Gruppe von Widerständlern um Kitty Torrence und Lester will die Station übernehmen.

Eclipse ist auch und besonders ein politischer Kriegsroman

John Shirleys zweiter Band der Eclipse-Trilogie, „Eclipse – Halbschatten“, setzt den ersten Band als bekannt voraus. In diesem wurden Themen, Hauptfiguren und Handlungsorte eingeführt. Im zweiten Band zieht Shirley das Tempo an. Die Frage, wie jemand dazu kommt, Faschist zu werden, lässt Shirley im Prolog seinen Charakter Jack Brendan Smoke mit den Worten beantworten, so gut wie jeder könne unter den richtigen Umständen und mit genug Angst zum Faschisten werden, weil die meisten Menschen wie Schlafwandler durchs Leben gingen, höchstens glaubten, wach zu sein. Dann wirft er die Leser ohne inhaltlichen Übergang in eine mörderische Auseinandersetzung zwischen Soldaten der Zweiten Allianz und Mitgliedern des Neuen Widerstands in Südostfrankreich.

Die Struktur der Eclipse-Trilogie ist komplex, es gibt sehr viel Personal (mindestens zwei Dutzend Figuren, die sich in einem transparenten Beziehungsgefüge finden, teils und vorübergehend eine unklare Rolle in diesem Gefüge spielen oder aber eine eindeutige Rolle, die irgendwann gut vorbereitet und begründet wechselt) und viele Schauplätze, zwischen denen häufig gewechselt wird (Südostfrankreich, Lyon, Rouen, Insel Merino, Washington, Malta, New York, Langley, ein Vorort von Chicago, die Raumkolonie FirStep).

In „Eclipse – Halbschatten“ leben nicht mehr alle Hauptfiguren aus „Eclipse – Sonnenfinsternis“. Dafür werden neue eingeführt, verschwinden aber zum Teil schnell wieder. Mitglieder der Zweiten Allianz beginnen, eigene Ziele zu verfolgen. Ein CIA-Agent findet heraus, dass seine Ehefrau auf der Abschussliste seiner Arbeitgeber steht. Die Neo-Sowjets belagern FirStep. Der Roman gestaltet das individuelle Erleben vieler Figuren nach und verwendet es, um eine gesellschaftliche Situation zu beschreiben.

Das Kriegsgeschehen nimmt einen breiten Raum in der Erzählung ein. Wir lesen nicht einfach nur über dieses Geschehen, sondern nehmen in Momenten voyeuristisch daran teil. Die Wiedergabe sehr handlungsreicher Auseinandersetzungen mutet mitunter dokumentarisch an und ist durchsetzt mit der Schilderung unerwarteter Grausamkeiten:

„...der Junge schrie, weil er kein Gesicht mehr hatte und weil ein Teil seines Kopfes und die meisten Finger seiner linken Hand fort waren...er schlug mit dieser fingerlosen Hand gegen einen Hautfetzen, seine gottverfluchte rosige Wange, die von seinem Kieferknochen abgerissen war und das Blau und das schleimige Gelb des nässenden Gewebes darunter freilegte.“

Für seine Zukunftsvision bedient sich Shirley in der Historie. Institutionen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wie die Gestapo und Resistance, werden verbunden mit Institutionen der Nachkriegszeit, namentlich der NATO.

Namen und Orte

Shirley verwendet einige auffällige Namen und Orte. Eine der wichtigsten Figuren im Roman ist Danny Torrence, dessen Name sich allein in einem Vokal von dem unterscheidet, den Danny Torrance, der Sohn des Ehepaars aus Stephen Kings „The Shining“, trägt.

Senator Specter, der für eine vierstellige Zahl politisch motivierter Tötungen verantwortlich ist und durch eine Intrige auf die Seite gerät, die er zuvor bekämpft hat, woran seine Frau hervorragend verdient, mag sein Vorbild haben in dem republikanischen Senator Arlen Spector (auch hier ist nur ein Vokal ausgetauscht), der in den 1960er Jahren das Amt erstmals bekleidete und der dienstälteste Senator in der Geschichte der USA ist. Was Shirley zur Zeit der Arbeit am Roman nicht wissen konnte: auch der reale Senator wechselte die Seiten – er wurde 2009 Demokrat.

Zwei Namen sind auffällig, weil sie an reale Personen aus der Musikbranche erinnern, die dem Musiker Shirley sicher nicht unbekannt sind. Jack B. Smoke könnte seinen Ursprung haben in der britischen Band The Smoke, die 1967 mit My Friend Jack einen Hit hatte. Der etwas sinistre, gleichwohl zum Mythos aufgestiegene Widerstandskämpfer Jean Michel Karakos mag sein Vorbild in dem Musikproduzenten Jean Karakos (Georgakarakos) haben. Der zeichnet verantwortlich für den Song Lambada, mit dem die Popband Kaoma 1989 einen Welthit realisierte. Die Rechte an diesem Song wurden 1990 in einem Plagiatsprozess einem bolivianischen Komponisten zugesprochen.

Die Orte sind auch sinnvoll ausgewählt: in Lyon war Klaus Barbie Gestapochef, in Rouen wurde Jeanne D’Arc, die Widerständlerin gegen die englischen Besatzer, von diesen gefangen gehalten. Die Karibikinsel Merino ist allerdings nicht nachweisbar.

Segnungen der Zukunft

In Shirleys Welt gibt es eigenartige technologische Entwicklungen: operativ entnommene menschliche Gehirne als Interfaces; Attack-and-Kill-Hirnkontrollinstrumente der Army; Hirnimplantate zur Verbesserung bestimmter Funktionen; Junkies lassen sich im Hollow Head destillierte Neurochemikalien in die Venen spritzen, wodurch Gedanken und Gefühle der ehemaligen Hirnträger wahrnehmbar werden; Sauger ermöglichen die Extraktion von Informationen aus dem Gehirn; Gangs überfallen in U-Bahnen Fahrgäste und entnehmen ihnen Organe für den Handel; es wird ein Grippevirus entwickelt, um die Menschen zu disziplinieren.

Die Zweite Allianz kauft die größte PR-Firma der Welt, „Weltsprech“, zur Programmierung der Öffentlichkeit. Hier ist natürlich „Neusprech“ die Referenz, aus George Orwells Klassiker „1984“. Und eine Entwicklung in der Zukunft ist es auch nicht wirklich.

Mit „Eclipse – Halbschatten“ setzt John Shirley seine anspruchsvolle Trilogie auf bleibendem Niveau fort. In 14 Kapiteln mit sehr vielen nach Handlungsorten differenzierten und oft kurzen Abschnitten erzeugt er eine sehr dynamische Handlung, die er schnell und gradlinig erzählt. Die Zukunft ist so intelligent in ein historisches Bezugssystem eingebettet, dass wir beim Lesen den Eindruck gewinnen können, diese Zukunft steht direkt vor unserer Tür, weil uns vieles so bekannt vorkommt. Die Gewaltdarstellungen sind bestimmt nicht Lesefutter für alle. Der Roman unterhält und regt zum Nachdenken an.

(Almut Oetjen, Oktober 2011)

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