Die Triffids von John Wyndham

Buchvorstellungund Rezension

Die Triffids von John Wyndham

Originalausgabe erschienen 1951unter dem Titel „The Triffids“,deutsche Ausgabe erstmals 1955, 260 Seiten.ISBN 3865970362.Übersetzung ins Deutsche von Hubert Greifeneder.

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In Kürze:

Sie waren das „;Nutzvieh“; der Menschheit, doch nach einer Naturkatastrophe schwingen sie sich zu den neuen Herren der Welt auf: die „;Triffids“;, lauffähige Giftpflanzen, die schier überall sind und der Zivilisation ein jähes Ende zu bereiten drohen, dem sich nur ein kleines Häuflein wehrhafter Zeitgenossen entgegenstemmt … Einer der bekanntesten und besten „;Post Doomsday“;-Romane; die Story verrät viel über die Ängste einer Gesellschaft im Zeitalter des Kalten Krieges; sie ist spannend, wird fast dokumentarisch und ohne Sentimentalität erzählt, was sie mit Recht zum zeitlosen Klassiker werden ließ.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Dies ist das blumig-blutige Ende der Welt“95

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

William Masen verwünscht den Arbeitsunfall, der ihm vorübergehend das Augenlicht raubt, denn er kommt dadurch um den Genuss eines einmaligen kosmischen Schauspiels: Die Erde gerät in den Schweif eines Kometen, und der Nachthimmel färbt sich zum Entzücken vieler Milliarden Zuschauer grün. Wenige Stunden später sind alle diese Menschen blind. Das Ende der Zivilisation ist völlig unspektakulär gekommen. Masen, den sein Augenverband vor dem Unglück rettete, findet sich im Chaos wieder. London ist eine Stadt der Hilflosen geworden. Rettung wird nicht kommen, denn weltweit spielt sich dieselbe Tragödie ab. Die Menschen sterben – an Hunger, aus Verzweiflung, an einer mysteriösen Seuche – und durch die Triffids.

Vor einigen Jahren sind sie aufgetaucht: mutierte oder genetisch erzeugte Pflanzen. Aus ihnen lässt sich hochwertiges Öl gewinnen, aber es gibt es zwei Nachteile: Triffids können laufen und sie verfügen über einen giftstachelbewehrten Tentakel, den sie zielsicher einzusetzen wissen. Um des Profits wegen hat man sie gezüchtet ohne sie je wirklich zu erforschen. Das rächt sich jetzt, wie Mason weiß, der auf einer Triffid-Farm gearbeitet hat und schon längst den Verdacht hegt, dass diese Pflanzen intelligent sind und sich verständigen können.

Nun schlagen sie zurück und blasen zur Jagd auf die Menschen. Überall lauern sie in den Städten, vor allem aber auf dem Land. Sie beschleunigen den Untergang, aber noch sind es die Menschen selbst, die sich die wahre Hölle auf Erden bereiten. Nicht alle sind sie blind geworden. Während sich die Leichen türmen, beginnen Verteilungs- und Machtkämpfe. Rasant fällt die britische Gesellschaft ins Mittelalter zurück. Mit seiner neuen Gefährtin, der jungen Schriftstellerin Josella Playton, gerät Masen immer wieder zwischen die Fronten selbsternannter Welterneuerer, religiöser Fanatiker, verbohrter Statuswahrer oder simpler Räuber und Mörder.

Im Hintergrund aber warten geduldig die Triffids, und ihr Tag kommt schneller, als ihre abgelenkten Gegner es erwarten …

Ein Klassiker der „gemütlichen Apokalypse“

Der Tenor ist kühl, der Stil betont sachlich: „;Die Triffids“; gleicht über weite Strecken einem Tatsachenbericht. Andererseits wirkt das Buch durch die Distanz, die es vorgeblich zur eigenen Geschichte aufbaut, sogar noch intensiver: Wyndham, der ehemalige Nachrichtenfachmann, weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss, um sein Publikum in den Bann zu schlagen. Ganz so einfach ist die Geschichte ohnehin nicht gestrickt. Sie spielt im Grunde Alternativen eines Lebens nach dem Atomschlag (s. u.) durch. Für einen scheinbar simplen Unterhaltungsroman werden einige grundsätzliche moralische Fragen aufgeworfen und erörtert. Gibt es so etwas wie einen 'richtigen’ Weg im Angesicht der definitiven Katastrophe? Einen Moment, in dem sich jede/r selbst der nächste sein darf – oder muss? Oder sind wir Menschen verpflichtet, in Solidarität unterzugehen? Wyndham drückt sich nicht um solche und viele andere unangenehme Fragen und die noch unangenehmeren Antworten. Er kommt uns dabei aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern bettet seine Thesen in eine straff konstruierte, spannende Handlung ein bzw. ihr unter: Das ist der Stoff, aus dem Klassiker bestehen!

Dazu kommt das in vielen zeitgenössischen Filmen konservierte Bild vom guten, alten England, das von skurrilen, aber liebenswerten Menschen bevölkert wird, die mit einer guten Tasse Tee und dem berühmten britischen Understatement noch jede Katastrophe überstehen: SF-Fachmann (und Landsmann) Brian W. Aldiss nannte Wyndham nicht grundlos den Meister der „gemütlichen Apokalypse“. Aber eigentlich meint er damit wohl die Abwesenheit von Hysterie und plakativer Gewalt, die so viele spätere Weltuntergangs-Szenarien prägen. Wyndham deutet das Grauen an. Es wirkt dadurch wesentlich eindringlicher. Hinzu kommt die im II. Weltkrieg unfreiwillig gründlich gelernte Lektion, dass sich der Mensch auch an das Grauen gewöhnen und mit ihm leben kann.

Die Triffids sind in dieser Geschichte nicht wirklich notwendig. Die Agonie wird durch sie nur beschleunigt, aber nicht verursacht – kein Komet, sondern eine Art Vorläufer des in den 1980er Jahren von den USA tatsächlich geplanten „Star Wars“-Programms hat die Menschheit vergiftet. Der ins All verlagerte Schutzschild entpuppt sich als optimale Methode der Selbstvernichtung: ein seltener Moment, in dem die Science Fiction wirklich kluge Voraussagen für die Zukunft trifft.

Dennoch sind die Triffids ein wichtiges Element der Handlung, denn sie personifizieren die Schuld der Menschheit am eigenen Untergang. Wyndham, der den II. Weltkrieg an vorderster Front erlebt hatte, war vom Kalten Krieg und dem damit verbundenen Wettrüsten der Supermächte USA und UdSSR entsetzt. Mit Weitsicht (die allerdings wohl jeder denkende Zeitgenosse für sich hätte reklamieren können) sah er voraus, was daraus entstehen könnte – ein neuer, dieses Mal alles und jeden vernichtenden Weltkrieg.

Ein Querschnitt durch das Menschenvolk

William Masen, der klassische Jedermann, der in der Not unbekannte Überlebens-Qualitäten an sich entdeckt: John Wyndham wählt mit Bedacht einen geradlinigen, praktisch denkenden Mann als Hauptfigur für sein Drama. Ein bisschen klüger als der Durchschnitt ist er natürlich. Als Ich-Erzähler muss Masen in der Lage sein, stellvertretend für seine Leser über das Gesehene und Erlebte zu reflektieren. Wyndham macht aus ihm außerdem einen Naturwissenschaftler, der bereits seine Erfahrungen mit den Triffids hat. So ist dieser Masen ein Mann, dem man zuhört. Darüber hinaus hegt man keine Gefühle für ihn.

Ähnlich verhält es sich mit der weiblichen Hauptfigur. Josella Playton ist eine passive Person. Man kann es ihr freilich nicht zum Vorwurf machen, denn das ist die Rolle, in die der Zeitgeist sie drängt. Ihre Selbstständigkeit als erfolgreiche Schriftstellerin stellt sie selbst als unweibliche Verirrung dar. Später schlüpft sie erleichtert in ihre angeblich von Gott oder wenigstens den Umständen gewollte Rolle als Ehefrau und Mutter eines zukünftigen Menschengeschlechts.

Als interessantere Figur erweist sich die männliche Nebenrolle. Coker ist ein Praktiker und Idealist, der nicht annähernd so gefasst und 'vernünftig’ wie Masen seine blinden Mitmenschen verrecken lassen will, sondern sich ihrer annimmt und um der guten Sache willen den Konflikt nicht scheut. Er scheitert – muss scheitern angesichts des Ausmaßes der Katastrophe -, aber er geht daran nicht zugrunde, sondern arrangiert sich unverdrossen mit den Tatsachen und findet einen neuen Weg, mit Anstand zu überleben.

Triffids und kein Ende

„;The Day of the Triffids“; wurde bereits 1962 verfilmt; in Deutschland heißt das Ergebnis „;Blumen des Schreckens“; – eine zweideutige Namenswahl, gehört dieser Streifen doch zu den ganz großen Trash-Klassikern der Kinogeschichte. Von und mit Dilettanten vor und hinter der Kamera praktisch ohne Budget heruntergekurbelt, hält er sich nur rudimentär an die Vorlage und liefert selbstverständlich das obligatorische Kino-Happy-End.

Zum 50-jährigen Jubiläum des Romans verfasste der britische Autor Simon Clark 2001 eine Fortsetzung. „The Night of the Triffids“ spielt 25 Jahre nach dem Untergang. Im Mittelpunkt der (recht wirren) Handlung steht David, der inzwischen herangewachsene Sohn von William Masen. Ihn verschlägt es u. a. in die USA, wo wider Erwarten New York bzw. die Insel Manhattan den Triffids standhielt, um sich in eine noch viel üblere, von Menschen maßgeschneiderte Privathölle zu verwandeln, während John Wyndham auf Höchsttouren im Grab rotiert …

Mit „Die Triffids“ nahm übrigens 1960 die ehrwürdige SF-Reihe des Wilhelm Heyne-Verlags – noch innerhalb der „Allgemeinen Reihe“ (als Nr. 39) ihren Anfang; ein guter Griff, denn dieser Klassiker erreichte bis in die 1980er Jahre eine sechsstellige Auflagenhöhe! Und 2006 kehrten die Triffids nach längerer Abwesenheit und unter neuem Verlagsmanagement wieder auf den deutschen Buchmarkt zurück.

Ihre Meinung zu »John Wyndham: Die Triffids«

Hans-Detlev v. Kirchbach zu »John Wyndham: Die Triffids«13.10.2007
ob gentechnik oder militarisierte raumfahrt, aber auch die gefahr jederzeitiger autoritärer und faschistoider rückfälle - john wyndhams visionärer roman tippte schon 1951 auf den nerv von problemen und bedrohungen, die nach fast 60 jahren heute längst nicht überwunden sind, sondern aktueller scheinen denn je. wyndham gehört in die corona der in jedem sinne zukunftsträchtigen utopie-klassiker wie h.g. wells, aldous huxley und george orwell. -
um so bedauerlicher kann man es natürlich finden, daß die filmischen adaptionen der "triffids" bislang eher eine karikatur als eine umsetzung des originals erbracht haben. so wie der erwähnte - unter trash-fans aber schon wieder "kultige" - trash "blumen des schreckens" (immerhin mit der musik von ron goodwin, der u.a. auch die scores zu den miß-marple-filmen ebenso komponierte zu alfred hitchcocks vorletztem filmwerk "frenzy" von 1971). vielleicht sollte man aber darauf hinweisen, daß es doch wenigstens eine gelungene hörspielfassung der "triffids" gibt: die klassische wdr-produktion von 1968; an der spitze der hochkarätigen besetzung rangierte der kürzlich leider verstorbene hansjörg felmy in der hauptrolle des "bill mason". ein "plot", zu dessen zentralen elementen der zusammenbruch zivilisatorischer strukturen durch die massenerblindung fast der gesamten menschheit gehört, ruft ja auch geradezu nach der akustischen form, dem medium radio und der kunstgattung hörspiel. -
der verfasser dieses kleinen hinweises verdankt jenem hörspiel ein "wegweisendes" radioerlebnis. 1970 erkrankte er als schon 17jähriger an masern und mußte 14 tage in einem abgedunkelten zimmer liegen (erblindungsgefahr durch masern insbesondere im erwachsenenalter). gleichzeitig strahlte der deutschlandfunk in seiner "freitags-krimi"-reihe eine vierteilige fassung des "triffids"-hörspiels aus. für den selbst im dunkeln liegenden hörer gewann die akustische annäherung an die situation der blindheit also eine unmittelbare authentizität. spätere nicht zuletzt dadurch angestoßene berufsausübung: hörfunkjournalist und radiosprecher.-
das wdr - hörspiel aus dem jahre 1968 "die triffids" nach john wyndham ist im hörbuch-verlag 2007 auf in einer ausgabe mit drei dvds erschienen. straßenpreis (in gut sortierten buchhandlungen und medienmärkten, region köln) um 22 euro.
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