Das Tier vom Vaccarès von Joseph d´Arbaud

Buchvorstellung und Rezension

  • Fantasy
  • Science-Fiction
  • Horror
  • Mystery

Originalausgabe erschienen 1926 unter dem Titel La bête du Vaccarès, deutsche Ausgabe erstmals 1954 , 112 Seiten. ISBN 3037403802. Übersetzung ins Deutsche von Heinz Zehnder.

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In Kürze:

«Das Gift, das sich in meine Adern schlich, ich weiß, ich werde es in mir tragen bis zu meinem Tod. Ein Schrecknis, eine Freundschaft, ein Mysterium; und dazu die Last des Gewissens, ja, des Gewissens.„ 1417. Die mittelalterliche Camargue, ein wilder, von Seen durchsetzter Landstrich von erschreckender Schönheit. Der Viehhirte Jacques Roubaud, der dort ein karges, einsames Dasein führt, entdeckt auf einem seiner Ausritte unbekannte Hufspuren. Seine Neugier ist entfacht, und als er das “Tier» schließlich eingekreist hat, kommt es zu einer Furcht erregenden, verstörenden Begegnung, die Jacques Roubaud für sein Leben zeichnet. Eine seltsame Verbundenheit entwickelt sich zwischen den beiden, voller Barmherzigkeit und Entsetzen, Wissensdrang und Gottesfurcht. Das mittelalterliche Christentum und der heidnisch-ländliche Mythos der Antike ringen miteinander inmitten einer ungezähmten Natur um Macht und Einfluss auf die Herzen der Menschen. Ein Märchen im Schnittpunkt zur Moderne, das in lyrischer Prosa vom Ende der Mythen erzählt. La Bèstio dóu Vacarés gilt als die Meistererzählung des provenzalischen Dichters Joseph d’Arbaud (1874-1950), verfasst in seiner Muttersprache Provençal und für die zweisprachige Pariser Erstausgabe 1926 von ihm selbst ins Französische übertragen (La bête du Vaccarès). In Frankreich wird die Bedeutung Joseph d’Arbauds in den letzten Jahren verstärkt wahrgenommen. Zuletzt erschien 2007 eine zweisprachige Taschenbuchausgabe von La bête du Vaccarès bei Grasset & Fasquelle, Paris.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Gelungener Start einer neuen Reihe“ 75

Fantasy-Rezension von Peter Kümmel

Als erstes Buch der Sparte dunkle Fantastik erschien in der neuen Reihe „Zwielicht“ des Waldgut-Verlages „Das Tier vom Vaccarés“. Der Étang de Vaccarès ist ein flacher salziger Strandsee in der Camargue. Dem Volksglauben nach lebt am Ufer dieses Sees seit Jahrhunderten ein Mischwesen aus Mensch und Ziege. Auf der Grundlage dieser Legende hat der provenzialische Dichter Joseph d’Arbaud seine 1926 zunächst in einer provenzalischen (danach ins französische übertragenen) Ausgabe erschienene Erzählung „La Bèstio dóu Vacarés“ verfasst.

Als handschriftliche Notizen eines Gardian – eines Viehhüters – aus dem 15. Jahrhundert verkauft der Verfasser seinen Lesern die Geschehnisse, die in „Das Tier vom Vaccarès“ erzählt werden. Dadurch, dass dieser „Cowboy der Provence“ ein „wenig gebildeter Mann“ gewesen sei, entschuldigt der Autor bereits im Prolog den „geschraubten Stil“ der Erzählung.

Im Jahr 1417 war es, als Jacques Roubaud, der Gardian, zum ersten Mal die seltsamen Fußabdrücke sah, die er nicht seinen Rindern zuordnen konnte. Sie waren dünner und länger mit unregelmäßigen Schritten. In den Folgetagen tauchte die Spur immer wieder auf und entfachte die Neugier des Gardian. Nun wollte er unbedingt wissen, von welchem unbekannten Tier diese Fährte stammte und verfolgte sie über Stunden hinweg, ohne den Verursacher ausmachen zu können. Doch eines Tages gelang es ihm, das Wesen im Schilf zu überraschen. Seine Angst war groß, als er erkannte, dass der Kopf des Tieres ein menschliches Antlitz trug. Pures Entsetzen kam in ihm auf, als das Wesen begann, zu ihm zu sprechen. Der Gardian wusste nicht mehr, ob es real war, was er da sah oder ob er träumte.

Diese Begegnung hat ihm so zugesetzt, dass er an einem Fieber erkrankte. Doch seitdem ließ ihm die unheimliche Begebenheit keine Ruhe mehr. Die Faszination des Wesens, seine bemitleidenswerte Erscheinung, hatte ihn gepackt und er musste es wiedersehen. Tage vergingen auf seiner Suche, bis etwas geschah, dass ihn an seinem Verstand zweifeln ließ …

Innerliche Zerrissenheit des Erzählers

Von Entsetzen und Angst über Faszination und Neugier bis hin zu Mitleid und Zuneigung reichen die Seelenzustände des Erzählers im Hinblick auf diese seltsame und für ihn nicht zu begreifende Kreatur, die in der Mythologie als Faun bekannt ist. Eine Art Halbgott, deren Leben Jahrhunderte währt, die jedoch ebenso um ihr Überleben kämpfen muß wie jeder Mensch. Ein Wesen, das die anderen Tiere lenken kann wie ein Gott, dass aber auch Not und Hunger leiden muss. Die innerliche Zerissenheit des Gardian, der nicht weiß, wie er sich gegenüber einer Kreatur, die es gar nicht geben darf, zu verhalten hat, hat der Autor hervorragend dargestellt, indem er die bereits erwähnte Art der Erzählung als Tagebuch aus Sicht des Protagonisten gewählt hat.

Wie kann Roubaud weiter an seinem Glauben festhalten, wenn ein Individuum existiert, das in der Lage ist, Stiere zu lenken und Pferde zu zähmen?

Bereits das erste Buch der Zwielicht-Reihe macht Appetit auf mehr. „Zeitgenössische und historische Entdeckungen und Wiederentdeckungen“ will der Verlag bieten, unorthodoxe Bücher mit Anspruch, „die spannend und gleichzeitig geistig anregend und tiefgründig“ sind. Das ist ihm hier vollauf gelungen. 16 Euro für ein Buch von etwa 100 Seiten Umfang sind zwar ein stolzer Preis, doch dürfte nicht nur die edle Ausstattung, sondern auch die Auswahl der ungewöhnlichen Titel dafür sorgen, dass die Reihe nicht nur in Sammlerkreisen von sich reden machen wird.

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