Die zerbrochene Puppe von Judith & Christian Vogt

Buchvorstellungund Rezension

Die zerbrochene Puppe von Judith & Christian Vogt

Originalausgabe erschienen 2012, 400 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Die Physikerin Æmelie stellt auf einer Konferenz in Venedig den Prototypen einer Brennstoffzelle vor. Kurz darauf dringen wandelnde Tote in ihre Unterkunft, die sie mit ihrem Mann Naðan bewohnt, und töten die Wissenschaftlerin, der es gerade noch gelingt, ihrem Mann die Flucht zu ermöglichen. Das Letzte, was sie ihm mit auf den Weg gibt, ist Æmelies alte Porzellanpuppe Ynge, die von nun an Naðans beste Freundin wird, da sie mit der Stimme seiner verstorbenen Frau spricht. Die sterblichen Überreste seiner geliebten Frau indes verschleppen die wandelnden Kadaver. Die Polizei kann seiner Spur bis nach Æsta, einer schwimmenden Stadt auf einem Eisberg, folgen, wo sie sich verliert. Der verzweifelte Naðan jedoch beschließt, weiter nach Æmelies Leiche zu suchen. Mittellos sucht er zwischen Gewerkschaftlern, Huren und Opiumsüchtigen nach dem Täter.Eine Odyssee beginnt, in deren Verlauf Naðan zahlreiche Irrungen und Wirren durchleben muss, ehe er einem schrecklichen Geheimnis auf die Schliche kommt. Zuvor jedoch muss er mit friesischen Luftpiraten und der Spionin Tomke nach Hochgotland im Harz, um eine Streitmacht gegen Æsta auszuheben.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Mystik und Moral einer Steampunk-Welt“82

Fantasy-Rezension von Eva Bergschneider

Judith und Christian Vogt haben sich für ihr Roman-Debüt ein Steampunk-Setting ausgesucht – und präsentieren sich selbst auf Lesungen auch in entsprechendem Outfit. Dem Steampunk verdanken wir inzwischen einige der schönsten Phantastik-Romane, weil sich hier viele originelle Aspekte kombinieren lassen; eine Alternativhistorie, in der die Dampfmaschine und nicht der fossile Brennstoff das Industriezeitalter prägt, woraus sich wiederum phantastisch anmutende technische Entwicklungsmöglichkeiten und ebensolche Konflikte ergeben. Weshalb Steampunk oft eine Krimi-Handlung enthält und der Industriegesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält. Steampunk spielt in einer viktorianischen Gesellschaft, die zwar anders ist, in mancherlei Hinsicht aber Parallelen zu unserer Historie aufweist. In einem Phantastik-Couch Leserkommentar zu einem Buch des Genres ist zu lesen, dass Steampunk die viktorianische Welt verkläre. Stimmt das?

Ein Verrückter jagt die Mörder seiner Ehefrau – und die Diebe einer revolutionären Erfindung

Naðan ist Künstler und entstammt einer adeligen Familie aus Aquis (Aachen). Mit Stolz begleitet er seine intelligente und schöne Ehefrau Æmelie, die sich in der Männerwelt der Physiker und Ingenieure mit brillanten Ideen durchgesetzt hat, zu einem Kongress in Venedig. Sie stellt mit dem Prototyp einer kleinen Galvanischen Gasbatterie eine technische Revolution vor, die sie schließlich das Leben kostet.

In ihren letzten Sekunden überträgt Æmelie scheinbar ihren Geist auf ihre Puppe Ynge. Ihr Ehemann hört Ynge mit der Stimme seiner Ehefrau sprechen, sie wird zu seinem wichtigsten Ratgeber. Mit seiner letzten Reichsmark bucht er eine Luftschiffpassage nach Æsta, einer im Eismeer schwimmenden künstlichen Insel, die Rohstoffe ausbeutet. Hier treffen arme Arbeiter, die sich in den Stollen abrackern, auf Adelige, die sich in einer Enklave des Reichtums und der Privilegien abgeschottet haben. Es kommt zu gewalttätigen Aufständen, doch die Brennstoffzelle soll diese Probleme lösen. Der Stadtkanzler Æstas verspricht die ´Lösung der sozialen Frage und ein Heranreichen an Gottes genialen Geist´. Durch den Einsatz von Maschinenmenschen mit eigener Energiequelle?

Wie kann Naðan, der verrückte Puppenflüsterer die Mörder seiner Æmelie finden und eine derartige Übermacht der Industrie und des Adels aufhalten? Welche Verbündeten kann er auf seiner Seite zählen?

Erfindungsreichtum auf mehreren Ebenen

Steampunk mag sich an gedanklichen Experimenten erfreuen und den Erfindergeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts zelebrieren, aber das viktorianische Zeitalter verklären? Ich finde in den mir bekannten Steampunk-Werken eher das Gegenteil. "Die Götter von Whitechapel„ von S. M. Peters und “Maschinengeist„ von Chris Schlicht beschreiben Abgründe der Armut in einem Grostadtmoloch, in dem der arbeitende Mensch wenig zählt. In “Die zerbrochene Puppe„ erscheinen die Schauplätze zunächst nicht ganz so unheimlich. Jedoch ist das schwimmende Æsta, Rohstofflieferant für die ehrgeizigen technischen Pläne des Adels, nicht nur aufgrund der frostigen Temperaturen kein gemütlicher Ort. Sondern auch aus ähnlichen Gründen, hier bleibt dem kleinen Mann kaum genug zum Leben, während es sich die Oberschicht gut gehen lässt. Es kommt zur Aufruhr und die Herrschenden suchen nach einer ´Endlösung des sozialen Problems´. Dr. Roϸblatts Zombie-Roboter (nach der “Frankenstein„ Autorin Mary Shelly “Shellys„ genannt) sollen die Arbeiter erst in Schach halten, dann ersetzen.

Erfindergeist ist in jeder Zeile zu spüren. Luftschiffe sind allgegenwärtig, auf Ikarus´ Spuren wandeln die Protagonisten, als sie mechanische Flügel konstruieren. Das ´corpus delicti´ der Geschichte schlägt eine Brücke zur Energieproblematik in unserer Welt. Die galvanische Brennstoffzelle ist eine neu entdeckte, altmodische Technologie, die uns helfen wird, mit weniger fossilen Brennstoffen auszukommen.

In dieses faszinierende Setting platzieren die Autoren eine spannende Kriminalgeschichte mit originellen Protagonisten mit hohem Identifikationspotential. Judith und Christian Vogt lassen uns sehr nah an die Emotionen jedes einzelnen heran, ohne dabei in Gefühlsduselei zu verfallen. Das gilt natürlich besonders für Naðan, aus dessen personaler Sicht die Geschichte erzählt wird, aber auch für die wichtigsten Nebenfiguren, wie Naðans Freund Domek, oder die friesische Luftpiratin Tomke. Die Autoren haben es sorgsam vermieden, archetypische Helden zu erschaffen. Die Hauptfigur Naðan ist alles andere, als eine heldentaugliche Figur. Denn eigentlich ist er feige und erliegt bisweilen den Sünden der Versuchung, was ihm deutlich zu schaffen macht. Allein seine Liebe zu Æmelie und eben das Schuldgefühl, sie nicht gerettet zu haben, sorgen dafür, dass er sich auf das waghalsige Abenteuer einlässt. Doch Naðan wächst an seiner Aufgabe und aus Beharrlichkeit entwickelt er einen Mut, den man ihm zunächst nicht zugetraut hätte. Nicht zuletzt durch die Unterstützung der sprechenden Puppe Ynge, die der Hauptfigur Skurrilität und der Story schrägen Humor verleiht.

Einfallsreich sind ebenfalls die Sprache und der Schreibstil der Autoren, das fängt bei der alt-nordischen Schreibweise an und hört mit der friesischen Sprache noch lange nicht auf. Hervorzuheben ist, dass diese sprachlichen Akzente nicht nur stilistischer Schmuck, sondern aus der Historie der beschriebenen Welt erwachsen sind, denn die Wikinger haben hier einst Europa beherrscht und die Friesen sind ein eigenständiges Volk geblieben.

Als einziger Kritikpunkt bleibt anzumerken, dass an einigen Stellen die Übergänge in eine neue Szenerie etwas bemüht wirken und vielleicht die eine oder andere Aktion nicht ganz schlüssig erscheint. Insgesamt aber bleibt festzuhalten, dass Werke wie “Die zerbrochene Puppe" beweisen, wie vielfältig Steampunk ist und welch interessantes Potential in dieser phantastischen Spielart steckt. Besonders wenn sich ihr so kreative Autoren wie Judith und Christian Vogt widmen.

(Eva Bergschneider, November 2012)

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