Die Nacht der Morlocks von K. W. Jeter

Buchvorstellungund Rezension

Die Nacht der Morlocks von K. W. Jeter

Originalausgabe erschienen 1979unter dem Titel „Morlock Night“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 214 Seiten.ISBN 3937897399.Übersetzung ins Deutsche von Michael Siefener.

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In Kürze:

Am Ende von H. G. Wells berühmtem Roman Die Zeitmaschine verschwindet der Zeitreisende in die ferne Zukunft seither fragen sich Millionen Leser dieses Science-Fiction-Klassikers, was wohl aus ihm und seiner Maschine geworden sein mag. K. W. Jeter, der schon mit seinen Romanen zu Philip K. Dicks Meisterwerk Blade Runner Aufsehen erregte, beantwortet diese Frage: In der Zukunft fällt die Zeitmaschine den Morlocks in die Hände, und die planen eine Invasion des viktorianischen London!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Völlig anders als erwartet“74

Science-Fiction-Rezension von Peter Kümmel

H. G. Wells’ 1895 erschienener Zeitreise-Klassiker „Die Zeitmaschine“ (The Time Machine) hat bereits ganze Generationen von Lesern in seinen Bann gezogen. Bekannter noch als der Roman dürfte die filmische Adaption von George Pal aus dem Jahr 1960 sein. Zum Inhalt dieses Meisterwerks brauche ich also nicht mehr viele Worte zu verlieren. Am Ende der Geschichte reist der Held ins Jahr 802.701, um die Eloi, ein von den menschenfressenden Morlocks versklavtes Volk, zu unterstützen.

So manch einer hätte gar zu gerne gewusst, wie es dem Helden denn nun dort ergangen ist. Aus dem Nachlass des Österreichers Egon Friedell erschien bereits 1946 mit „Die Reise mit der Zeitmaschine“ eine Fortsetzung. Auch der Engländer Stephen Baxter legte mit „Die Zeitschiffe“ (The Time Ships) 1995 eine solche vor. Zwischen diesen beiden versuchte sich auch der amerikanische Autor K. W. Jeter mit „Morlock Night“ daran. Der 1979 entstandene Roman steht nun nach über 30 Jahren in einer Übersetzung endlich auch der deutschen Leserschaft zur Verfügung.

Und „Morlock Night“ beginnt völlig anders, als der Leser sich das vorgestellt hat. Wir befinden uns nicht im Jahr 802.701, sondern im viktorianischen London des Jahres 1892. Unser zeitreisender Held aus „The Time Machine“ spielt keine Rolle mehr; er dürfte den Morlocks wohl zum Opfer gefallen sein. Der Held – oder besser Anti-Held – und Erzähler unserer Geschichte ist Mr. Hocker, einer der Gäste aus Wells’ Roman. Noch ganz von dem Bericht des Zeitreisenden in den Bann gezogen, aber skeptisch, begegnet dieser auf dem Heimweg dem mysteriösen Dr. Ambrose, der versucht, Hocker von einer Invasion der Morlocks zu überzeugen. Er möchte Hocker als Gefährten gegen seinen unmöglich erscheinenden Kampf gegen die Eindringlinge zu gewinnen. Angeblich hätten sich diese in der Zukunft der Zeitmaschine bemächtigt und seien in die Gegenwart zurück gereist, um dort die Herrschaft über die Menschheit zu übernehmen.

„Welcher böse Plan der Vorsehung hatte es ermöglicht, dass die Schöpfung auf sich selbst zurückfällt wie eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt?“

Hocker schenkt dessen Ausführungen keinen Glauben und vermutet, einen Irren vor sich zu haben, doch schon wenige Schritte später befindet er sich plötzlich inmitten eines zerstörten Londons und wird in die Kampfhandlungen hinein gezogen. Er schließt sich zunächst der Widerstandskämpferin Tafe an.

Und nun trägt der Autor so dick auf, dass der Leser sich im falschen Film wähnt: Mr. Ambrose entpuppt sich als der legendäre Zauberer Merlin und nur König Artus, dessen Reinkarnation in einem Heim vor sich hin siecht, kann mit dem Schwert Excalibur die drohende Invasion noch verhindern.

Die Farce rettet sich ins Abenteuer

„Was hat der Autor geraucht?“ scheint sich der Leser ob dieser abstrusen Enthüllungen zu fragen. Statt Zeitreise-Abenteuer eine moderne König-Artus-Sage? Doch Jeter schafft es, nachdem er den Leser erst mal geschockt hat, sich da auch wieder heraus zu winden.

Was als Farce beginnt, entwickelt sich kurz vor der Hälfte des Buches dann plötzlich in eine völig andere Richtung. Nun verschlägt es unsere Protagonisten durch die Abwasserkanäle in Londons Unterwelt und Jeter beginnt, feinstes Abenteuergarn zu spinnen.

Und dort lernen wir endlich die Morlocks besser kennen. Neben den affenartigen Vertretern aus Wells’ Zukunft existieren auch intelligente Kreaturen dieser Spezies. Diese Charaktere bleiben jedoch ebenso oberflächlich wie alle anderen, ausgenommen der als Erzähler fungierende Protagonist Hocker. Einzig die Figur seiner Gefährtin Tafe ist mit etwas Tiefgang ausgestattet, aber bei weitem nicht so, dass sie dem Leser ans Herz wachsen könnte.

Mit Jeters Zeitmaschinen-Fortsetzung ist das Genre Zeitreise um eine skurrile Variante reicher geworden. In diesem Roman verläuft eigentlich gar nichts so, wie es der Leser erwartet. Der Autor sprüht nur so vor originellen Einfällen, die er jedoch gerne ruhig noch etwas weiter hätte spinnen dürfen. So kam das Schachspiel zwischen Dr. Ambrose und seinem Gegenspiel für mich etwas kurz. Das dürfte aber wohl ebenso wie manch andere zu kurz abgehandelte Idee dem mit 214 Seiten relativ kompakt geratenen Umfang des Werkes geschuldet sein.

Auch das überraschende Ende wird reichlich knapp abgehandelt. Es bleiben einige offene Fragen und einige Widerspüche, wogegen ein Zeitreise-Roman aber aufgrund der jeglicher Logik widerspechenden Hypothesen apriori nicht gefeit ist.

Ihre Meinung zu »K. W. Jeter: Die Nacht der Morlocks«

geronimox zu »K. W. Jeter: Die Nacht der Morlocks«11.11.2010
Dies ist ein Roman nach dem Motto: »Warum schmeissen wir nicht einfach allerei Sagen-, Mythen- und historische Romangestalten in einen Topf und verrühren alles zu einem Brei?«

Denn das ist dieser Roman: Ein dicker Brei.

Die Idee, einen Zuschauer der Zeitmaschinen-Premiere von HG Wells zum Leidtragenden einer Reihe von Paradoxe dieser Zeitreise zu machen, wird durch die Vermischung der Story mit allerlei Gestalten aus Sagen und Mythen verwässert.

Zudem hat die Geschichte einen depressiven Grundcharakter, eine Identifikationsfigur für den Leser fehlt völlig. Der Protagonist ist ein feiger Antiheld, der bis kurz vor Ende des Romans wie ein Blatt im Wind hin- und hergewirbelt wird. Am Schluss der Geschichte wechseln die Hauptpersonen auch noch auf skurrile Weise ihre Identitäten. Ätsch bätsch, alles anders als gedacht!

Ich verrate an dieser Stelle mal ausnahmsweise das Ende, weil es sowieso voraussagbar ist: Die Zerstörung der Zeitmaschine stellt alles wieder auf Null, die »gemischte Platte« der Protagonisten zappt wieder zu ihren eigenen, individuellen Schicksalen zurück.

Fazit: Wer sich (wie ich) eine schöne Fortsetzung der reinen Zeitmaschinen-Geschichte erhofft hat, wird enttäuscht.

Wer jedoch ein Fan von »Dr. Frankenstein trifft Dr. Mabuse trifft Dr. Jeckyll trifft Dr. ...« Geschichten ist (Serviervorschlag) könnte dieser Roman interessieren. 5/10
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