Karla Schmidt: Hinterland von Karla Schmidt

Buchvorstellungund Rezension

Karla Schmidt: Hinterland von Karla Schmidt

Originalausgabe erschienen 2010, 383 Seiten.ISBN 3938065699.

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In Kürze:

Was passiert, wenn eine Gruppe von Autorinnen und Autoren sich von der Musik eines Ausnahmekünstlers wie David Bowie inspirieren lässt? Die Forschungsreisenden dringen mit umfangreicher Ausrüstung (Musikanlage, Monsterboxen, an die dreißig Alben) in das seltsame, oft fremdartige HINTERLAND von Bowies Schaffen vor. Dort stoßen Sie auf Levitationsprobleme, leere Drachen, traurige Spaceguns, philosophierende Elitesoldaten, sprechende Telefonzellen, schwule Roboter, romantische Ninjas, jeweils leuchtende: blaue Fische, rote Schuhe, weiße DNA-Suppe, Zeitverschiebungen, Paralleltrips, internationale Erlösung, interstellare Versicherungen, eine Glühbirnenmanufaktur, Leichenkunst, verpilzte Zombies, Flammenwerferkatharsis, übermäßig hungrige Kinder und die endgültige Lösung sowohl des Hunger- als auch des Müllproblems. HINTERLAND – 20 Science Fiction Erzählungen, inspiriert von der Musik David Bowies.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Take your protein pills and put your helmet on“95

Science-Fiction-Rezension von Elmar Huber

„Die Klänge des Saxophons beanspruchten wieder meine Aufmerksamkeit. Sie schienen mich zu verfolgen, obwohl ich, sooft ich mich umdrehte, niemanden in dem hochgewachsenen Gestrüpp erblicken konnte.“

Am Anfang war die Idee. Eine Anthologie mit Geschichten, inspiriert von Liedern eines der einflussreichsten und vielseitigsten Musiker dieses Planeten: David Bowie. So ist es nicht verwunderlich, das das Ergebnis eine Science-Fiction-Sammlung sein soll, denn Mr. Bowie gilt der Science-Fiction als sehr zugetan. Immerhin war er „Major Tom“, „Ziggy Stardust“ mit seinen „Spiders from Mars“, „Aladdin Sane“ und im Kino sogar „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Doch überraschenderweise findet sich in „Hinterland“ keine dieser Figuren, kein einsamer Astronaut, kein androgyner Sternenprinz, kein Außerirdischer, der seinen Planeten retten möchte. Statt dessen ließen sich die 20 AutorInnen von „Hinterland“ ganz von ihren Assoziationen und Stimmungen leiten, die sie beim – teilweise erneuten – Entdecken von David Bowies Werk, überkamen. So ist es auch zu erklären, dass sogar ganz und gar un-Science-Fiction-hafte Songs wie „Fill your heart“, „Let’s Dance“ oder „Hearts filthy Lesson“ zu Ideenlieferanten für die „Hinterland-Geschichten“ wurden.

Dirk Röse verschmilzt einzelne Zeilen aus „All the Madmen“ in „Purgatorium“ zu einer wehmütigen Parabel über Hoffnung und Vertrauen, die ebenso wie „All the madmen“ eine gewisse Endzeitstimmung und Hoffnungslosigkeit innehat. Das „selbstvergessene Vollmeisenentzücken“ mit dem Bowie seine Empfehlung, das Hirn wegzuschmeißen – „Fill your heart“ – intoniert, inspirierte Dietmar Dath zu den zitategespickten Folgen eines Medikamententests. Für Jasper Nicolaisens rauschartiges „Kleines Mädchen aus China“, diente „China Girl“ als Ideenlieferant. Ein durchaus unbequemer Trip für Bowie-Fans, denn dieser kommt hier nicht gut weg. Jakob Schmidt nimmt den Titel „Running Gun Blues“ wörtlich und erfindet eine Waffe mit Gewissen, „Die betrübte Strahlenkanone“. Anna Janas verkehrt „Life on Mars?“ in „Life on Earth?“ und lässt zwei Marsianer aus ihrem vorbestimmten Leben ausbrechen, nachdem sie auf der Erde eine CD entdeckt und angehört haben. Die Stimmung der kompletten A-Seite von „Lodger“ motivierte Pepe Metropolis zu einem faszinierendes Expeditionsabenteuer irgendwo zwischen „Lost“ und „2001“. Aus den „Sound and Vision“-Zeilen „blue, blue, electric blue, that’s the colour of my room“ machte Bibo Loebnau das Unterwasserabenteuer „Tief-Blau“, dessen geheimnisvoller Beginn von dem trivialen Ende leider sehr abgeschwächt wird. „Time“, „Saviour Machine“ und „Heathen“ standen Pate für Barbara Streuns „On Idle“, in dem ein Student zunehmend beginnt, an der Realität zu zweifeln. Im melancholischen „Der Saxophonist vom Rathaus Neukölln“ erklärt Ernst-Eberhard Manski wie es Bowie für sein Stück „Warszawa“ gelang, solch treffende Töne für das zerbombte Warschau zu finden. „Five Years“ lieferte der Herausgeberin Karla Schmidt die Idee zu ihrem „Erlösungsdeadline“, in dem ein verzweifelter alter Mann auf dem Weg zu seiner Enkelin noch einmal die Freuden des Lebens kennenlernt. Angesiedelt ist „Erlösungsdeadline“ im gleichen Social-Fiction-Umfeld wie schon Karla Schmidts „Lebenslichter“ (in „Die Audienz“, Wurdack-Verlag, 2010). „Leon takes us outside“ ließ in Wulf Dorns Kopf das Bild einer gigantischen Mauer erstehen, die eine Stadt eingrenzt. Leon möchte unbedingt erfahren, was sich „Jenseits der Mauer“ befindet. Die Transformation, die Philip Glass Bowies Alben „Low“ und „Heroes“ angedeihen ließ, inspirierte Karsten Kruschel zu der brillanten Groteske „Vierte und Erste Sinfonie oder: Müllerbrot“, in dem es um eine Transformation der ganz anderen Art geht. Dass die herrschenden Nationen nicht nur die Welt, sondern auch Menschen verkaufen ist das Thema in „Kamera(d), Action!“. Zwei Erzählstränge, jeweils beeinflusst von „The Man who sold the World“ und „Running Gun Blues“ finden hier am Ende auf tödliche Art und Weise zusammen. Das Video zu „Hearts filthy Lesson“ inspirierte Markolf Hoffmann zu dem Body-Art-Minithriller „Triptychon“. Hier wie da geht es um Kunstwerke, die aus dem menschlichen Körper geschaffen werden. Hoffmann ummantelt dieses Thema noch mit einer düsteren Krimihandlung, die locker für einen ganzen Roman ausgereicht hätte. Aleksandr Voinov machte aus dem elegischen „This is not America“ die Erlebnisse eines US-Brokers, der in London in eine Zombie-Epidemie gerät. Dies ist eben „Nicht Amerika“. Von starken Bildern lies sich Tobias Bachmann für „Die letzte Telefonzelle“ leiten. Eine einsame Telefonzelle, beim Rückbau des öffentlichen Fernsprechernetzes scheinbar vergessen, und ein wartender Beobachter. „No-one calls“ heißt der zugehörige Track. Mit „Putting out Fire“ im Kopf schrieb Tobias Lagemann „P.O.S.“ (Putting-Out-Syndrom). „Putting out Fire with Gasoline“ heißt es in dem Lied. Unter Extrembelastungen kann es zu einer solchen selbstzerstörerischen Kurzschlusshandlung kommen. Valerie Kreifelts überträgt Bowies romantisch-trauriges „Absolute Beginners“ in eine Machogemeinschaft. Auf unaufdringliche Weise wird sich ein kaltblütiger Killer seiner Gefühle für den Neuling in der Truppe bewusst und der Titel „Anfänger“ bekommt langsam eine doppelte Bedeutung. Eine Zugfahrt wird für Malin zu einer Gedankenreise in die Vergangenheit. „V2-Schneider“ inspirierte Dirk C. Fleck zu dem symbolhaften „Schneider ist raus“. Siegfried Langer verwandelt den 80er-Jahre-Smash „Let’s Dance“ in den sentimentalen Abgesang auf den Ausnahmekünstler David Bowie „Berlin, Nachklang“ und beschließt damit folgerichtig die Hinterland-Anthologie.

„Es erklangen Vibrationen. Hörbare Vibrationen von unvorstellbarer Intensität und Harmonie. Göttliche Vibrationen voller Raffinesse und purer, einfacher Schönheit. Die Geräuschempfänger der Marsianer aktivierten sich automatisch und ein Universum voller Klänge und neuer Dimensionen offenbarte sich ihren Prozessoren.“
(Anna Janas – Life on Earth?)

Nicht zuletzt ist auch der Titel „Hinterland“ einem Bowiestück entlehnt. In „Red sails“ heißt es „The hinterland, the hinterland, We’re gonna sail to the hinterland, It’s far far, far far far, far far far away.“ und das ist selbstverständlich im übertragenen Sinne zu verstehen. Nicht besser könnte man jedoch diese Reise beschreiben, die man mit der Lektüre von „Hinterland“ antritt. Die Herausgeberin Karla Schmidt hat es sogar geschafft, einen Spannungsbogen innerhalb dieser Anthologie aufzubauen, ganz so, wie es bei einem guten Album sein sollte. Der Opener „Purgatorium“ gibt die Richtung vor und stimmt den Leser ein auf die folgenden Stücke: Science-Fiction zwar, doch nie so weit von der Erde abgehoben, dass der Bezug zur aktuellen Realität verloren geht; melancholisch, wie es das Gesamtwerk David Bowies ebenfalls ist; hier und da mit bereits bekannten Elementen, die jedoch perfekt in den neuen Kontext eingegossen sind. Und so entwickelt sich „Hinterland“ immer weiter, zeigt immer neue Landstriche und überrascht mit jeder neuen Geschichte, bis hin zum einzig denkbaren Ausklang „Berlin, Nachklang“.

Zusätzlich zu den ganzen Inspirationen, zu denen sich die AutorInnen in der „Tracklist“ bekennen, finden in den Hinterland-Geschichten sich zahllose, manchmal nur winzig kleine, weitere Anspielungen, Einflüsse, Hommagen, die auf David Bowies Werk deuten. Dabei bleibt das nicht auf sein musikalisches Schaffen beschränkt. Mehrmals finden sich z.B. Anspielungen an seine Rolle als Nikola Tesla in Christopher Nolans „Prestige“ (z.B. in „On Idle“)

Auf der Internetseite www.hinterland-stories.com kann man verfolgen, wie dieses einzigartige Projekt gewachsen ist. Außerdem findet man dort (Teile einiger) englische Übersetzungen der Hinterland-Geschichten, sowie alle Songs, die den „Hinterland“-Geschichten zugrunde liegen.

Das Experiment „Hinterland“ kann ohne Einschränkung als gelungen betrachtet werden und könnte durchaus Schule machen. Vielleicht können die Leser irgendwann Anthologien, inspiriert von den Beatles, Pink Floyd, Velvet Underground oder Johnny Cash in Händen halten. Die Möglichkeiten sind noch längst nicht ausgeschöpft.

Für das Covermotiv wurde einmal mehr ein Bild von Wurdack-Stammgrafiker Jacek Kaczynski verwendet, das zwar keinen Zusammenhang zum Inhalt hat, dessen Stimmung aber sehr gut zu den Hinterland-Geschicten passt. Im Zusammenspiel mit den Format (Paperback mit Klappenbroschur) und Lettering aber vornehmes Understatement ausstrahlt.

 

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