Sündenfall von Ken Scholes

Buchvorstellungund Rezension

Sündenfall von Ken Scholes

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Lamentation“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 544 Seiten.ISBN 3-442-26672-6.Übersetzung ins Deutsche von Simone Heller.

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In Kürze:

Als Rudolfo, der Herr der Neun Wälder, in der Ferne eine gewaltige Rauchsäule aufsteigen sieht, erkennt er, dass etwas Schreckliches geschehen ist – und dass die Zeiten des Friedens vorbei sind: Die Metropole Windwir, in der das gesamte Wissen einer längst vergessenen Vergangenheit bewahrt wurde, ist nur noch ein Haufen schwelender Trümmer. Dort angekommen, stoßen Rudolfo und seine Männer inmitten des Ruinenfeldes auf den geheimnisvollen Metallmann Isaak. Ist der gramerfüllte Isaak der einzige Überlebende der Katastrophe – oder hat er sie womöglich sogar ausgelöst?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein vorwärtsgerichter Roman“90

Fantasy-Rezension von Anja Helmers

Rudolfo, Herr der Neun Häuser der Neun Wälder, betrachtet mit Entsetzen eine gewaltige Rauchsäule, die meilenweit sichtbar in den blauen Himmel der Benannten Lande steigt. Sofort sammelt er seine Streunende Armee, um Windwir, dem Sitz des mächtigen Androfranzinerordens, zu Hilfe zu eilen.

Aber auch die Heere der Entrolusischen Stadtstaaten unter der Führung von Aufseher Sethbert sind im Anmarsch auf die Stadt. An der Seite des wahnsinnigen Sethberts befindet sich die Kurtisane Jin Li Tam, Tochter eines einflussreichen Bankiers, die ihrem Vater als Spionin dient. Petronus, der seit über dreißig Jahren ein zufriedenes Leben als Fischer führt, kann sich beim Anblick der Rauchsäule nicht länger vor seiner Vergangenheit verstecken und reist ebenfalls nach Windwir.

Wie der Zigeunerkönig Rudolfo geahnt hatte, liegt Windwir in Schutt und Asche, das Wissen des Ordens scheint verloren. Außer einem fünfzehnjährigen Jungen namens Neb hat kein Mensch die Zerstörung überlebt. In den schwelenden Trümmern stoßen Rudolfos Zigeunerspäher auf einen sprechenden Metallmann. Der Mechoservitor Nummer drei, von Rudolfo in Isaak umbenannt, behauptet, den Völkermord und die Vernichtung der Stadt ausgelöst zu haben.

Wenige Tage nach der Katastrophe beginnt der Machtkampf um die Überreste des zerstörten Ordens und ein Rätselraten um die wirklichen Drahtzieher des Anschlags setzt ein.

Drama erster Akt: Hoffnung, Verlust, Macht und Verrat

Sündenfall ist ein bewegender Einstieg in eine vielversprechende Reihe, der Lesern mit Spaß am Hinterfragen einer Geschichte genügend Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet. Gewürzt mit Anspielungen auf die Bibel geht es teilweise um grundlegende Themen, aber ebenso um die üblichen Dramen wie Kampf um Macht und Verrat. Vom Aufbau der Geschichte sehr gelungen, – ohne langatmige Einführung in die Welt, allerdings auch ohne ausführliche Kampf- oder Schlachtszenen -, und geschrieben aus der Sicht mehrerer Charaktere. Die unterschiedlichen Perspektiven wechseln in einem schnellen Rhythmus, die jeweiligen Szenen sind meistens nur kurz. Ken Scholes gelingt es, neue Einsichten in Hintergründe und Beweggründe so geschickt einzuführen, dass sich ohne große Verwirrung ein eindrucksvolles Intrigennetz auftut. Man merkt deutlich, dass der Autor vor diesem Debüt seine Brötchen mit Kurzgeschichten verdient hat, denn wo andere Fantasy-Autoren einen Hang zu epischer Breite haben, treibt Ken Scholes seine Geschichte voran. Auch wenn ich anfangs geglaubt hatte, die Geschichte würde geradlinig verlaufen, so wurde ich bald eines Besseren belehrt und überraschende Wendungen durchziehen den Erzählstrang bis zum Schluss.

Ein rückwärtsgewandter Traum

Sündenfall beginnt mit der Verheerung von Windwir. Die Stadt wird innerhalb weniger Minuten komplett zerstört, alles Leben ist verbrannt und alle Gebäude liegen in Trümmern. Als moderner Mensch hat man sofort einen Atomschlag vor Augen. Auch wenn in den Benannten Landen natürlich Magie im Spiel ist und keine modernen Atomwaffen, führt diese Assoziation doch in die richtige Richtung. Ken Scholes mischt in seinem Werk die Benutzung von Magie und technischen Errungenschaften wie dampfbetriebenen Automaten und Maschinen. Allerdings wirft dieser Weltentwurf auch einige Fragen auf, aber dazu später. Entgegen vielen anderen Fantasy-Werken, gilt es nicht, die Welt zu retten. Die Welt hat sich mit einem Schlag verändert, weil das streng gehütete und gehortete Wissen der Androfranziner vernichtet wurde. Die Androfranziner holten sich dieses Wissen durch archäologische Ausgrabungen in den Mahlenden Ödlanden, aus Überbleibseln einer Gesellschaft, die vor langer Zeit einer apokalyptischen Katastrophe zum Opfer fiel und sowohl in technischen wie auch magischen Dingen weiter entwickelt war. Dank ihrer religiösen und wissenschaftlichen Vormachtstellung seit 1000 Jahren konnte der Androfranzinerorden mit ihrem Papst als obersten Herrn alle Fäden im Reich der Benannten Lande ziehen.

Aber wie Petronus es nennt, war das Zurückhalten von Wissen und das Festhalten an alten Ordnungen ein „rückwärtsgewandter Traum“. Während die eine Partei versucht, zu retten, was zu retten ist, freut sich eine andere Partei diabolisch über das Ende der Androfranziner und sieht einzig die Chancen eines Neubeginns.

Gerechte Strafe?

Der deutsche Titel „Sündenfall“, im Original, „Lamentation. The Psalms of Isaak“, ist endlich einmal ein gut gewählter Titel. Das deutet auf die Bibel hin, ebenso wie der Titel „Papst“ dazu verleitet, den Androfranzinerorden mit einem christlichen Orden gleich zu setzen. Aber die Lehre von P’Andro Whym, dem Gründer des Ordens, beruht ähnlich wie der Buddhismus nicht auf einem Gott. Trotzdem passt der Begriff Sündenfall. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob es Sinn macht, Wissen zurückzuhalten, weil es missbraucht werden könnte. Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben, nachdem sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Immer wieder klingt an, dass die Androfranziner nur ihre gerechte Strafe erhalten haben, weil sie sich auf verbotenes Terrain begaben. Ist es so, wurden sie für ihre Sünden bestraft? Die folgenden Bände werden sicher noch einige Überraschungen zu bieten haben.

Aber der Roman lebt nicht nur von seiner guten Geschichte, sondern auch durch seine interessanten Protagonisten wie Antagonisten. Zwar sind sie nicht unbedingt klischeefrei und auch nicht bis ins Detail psychologisch ausgearbeitet, aber sie sind sorgsam gestaltet und handeln glaubwürdig. Und nette Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die selbstverständlich hübsche weibliche Hauptfigur die meisten Männer um einen Kopf überragt, finde ich erfreulich. Jin Li Tam ist eine selbstbewusste und rational denkende Frau, auf deren weiteres Schicksal ich sehr gespannt bin. Aber auch die anderen Figuren bieten ein vielschichtiges Potential, um unterschiedliche Leser zufrieden stellen zu können.

Aber jetzt komme ich zu meinen beiden Hauptkritikpunkten.

Android oder Blechmann?

Der Metallmann Isaak wird als menschenähnlicher Automat mit Dampfantrieb und Speicherregistern im Kopf beschrieben. Seine Zahnräder surren, aus seinen Lüftungsschlitzen entweicht Dampf, seine Augen sind Edelsteine und er hat einen Blasebalg im Brustkorb. Irgendwie habe ich ihn mir nach der Beschreibung wie den primitiven Blechmann im Zauberer von Oz vorgestellt. Aber das passt überhaupt nicht damit zusammen, dass er reiten kann wie ein Mensch, sich bewegt wie ein Mensch, er weint und schreckt zusammen, er blinzelt und zuckt. Und dann entwickelt er Gefühle und ein eigenes Bewusstsein. Diese Diskrepanz hat mich anfangs ziemlich gestört, bis ich einfach dazu übergegangen bin, ihn mir als Androiden vorzustellen und nicht als alberne Dampfmaschine.

Zweitens gibt es für mich Unstimmigkeiten im Weltaufbau von Ken Scholes. Mir erscheint es unwahrscheinlich, dass in einer Gesellschaft in über 1000 Jahren keine Entwicklung stattgefunden hat und dass sich die Machtverhältnisse so lange halten konnten. Aber vielleicht liefert der Autor in den folgenden Bänden eine schlüssige Erklärung dafür.

Abschließend noch einige Worte zum Stil. Eine schlichte, aufs Wesentliche reduzierte Sprache, leise und unaufdringlich, aber mit einer eigenen Melodie, die dank einer hervorragenden Übersetzung zur Erzählung passt und das Lesen zum Vergnügen macht.

Für mich gehört „Sündenfall“ zu den bisherigen Highlights der diesjährigen Neuveröffentlichungen, trotz meiner Kritikpunkte.

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