2312 von Kim Stanley Robinson

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „2312“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 650 Seiten.ISBN 3-453-31435-2.Übersetzung ins Deutsche von Jakob Schmidt.

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In Kürze:

Wir schreiben das Jahr 2312: Die Menschheit hat Teile des Sonnensystems bevölkert, hat Habitate auf Asteroiden errichtet, hat auf dem Merkur eine sich bewegende Stadt gebaut. Und sie hat auf all diesen neuen Welten neue Gesellschaftsformen ausprobiert, die miteinander im Konflikt stehen. Es ist das Jahr 2312 – und die menschliche Zivilisation steht vor ihrer größten Herausforderung …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine Reise durch die Sternenwelt“85

Science-Fiction-Rezension von Horst Illmer

Wie kaum ein anderer Genreautor versucht Kim Stanley Robinson stets aufs Neue, seine Leser für die Ideenwelt der Science Fiction zu begeistern. Er fängt damit auf der ersten Seite an und möchte auf der letzten Seite immer noch weitermachen. Er bringt eine Begeisterung für die Zukunft mit, die wir in der überwiegenden Zahl der gegenwärtigen Science-Fiction-Titel oftmals schmerzlich vermissen.

Ein hervorragendes Beispiel seiner Kunst, diese Begeisterung auf seine Leser zu übertragen, ist sein neuestes Werk, der Roman „2312“. Es wimmelt darin nur so von tollen Ideen – angefangen vom Sonnenwindsurfen auf den Ringen des Saturn bis zum religiös-romantisch verklärten Beobachten der unvergleichlichen Sonnenaufgänge auf der Oberfläche des Merkur – doch der erfahrene Erzähler verliert dabei nie den Kern seiner Fabel aus dem Fokus und bringt die Geschichte in flottem Tempo voran.

Wir schreiben das Jahr 2312. In Terminator, der Hauptstadt des Merkurs, wird die Wissenschaftlerin und Politikerin Alex, eine der bekanntesten Figuren des öffentlichen Lebens im Sonnensystem, zu Grabe getragen. Ihr Tod kam völlig überraschend, ein Attentat ist nicht auszuschließen. Alex´ Enkelin Swan Er Hong, eine künstlerisch engagierte Landschaftsarchitektin, erhält posthum von ihrer Großmutter den Auftrag, einen mysteriösen Briefumschlag bei Wang abzuliefern, einem Wissenschaftler und Mitarbeiter von Alex, der auf dem Jupitermond Io zuhause ist. Kurz nachdem Swan abgereist ist, beginnt mittels gezielt gesteuerten Meteoriten ein Angriff aus dem Weltraum, der Terminator-City fast vernichtet. Und damit fangen die Probleme erst an …

Um herauszufinden, wer oder was hinter den Angriffen und Todesfällen steckt, muss sich Swan (ganz a la Cyrano de Bergerac & Jules Verne) auf eine „Reise durch die Sonnenwelten“ begeben. Natürlich verläuft diese Weltraumfahrt nicht in geordneten Bahnen, und so dürfen wir Swan unter anderem auf die Monde des Jupiter begleiten, zum Saturn, auf eine von den Chinesen teilweise terraformte Venus – dazu kommen einige Abstecher auf die gute alte, sich nur langsam von unseren heutigen Umweltsünden erholende, Erde – bis hin zu den „Vulkanoiden“, einer Gruppe ausgehöhlter und bewohnter Asteroiden noch innerhalb des Merkur-Orbits. (Für erfahrene SF-Leser streut Robinson dabei eine ganze Reihe von Zitaten ein, die – neben dem bereits genannten Jules Verne – nostalgisch gefärbte Erinnerungen an kanonische Autoren wie Robert A. Heinlein, Alan E. Nourse oder Ursula K. Le Guin aufkommen lassen.)

Bei ihren Abenteuern trifft Swan auf mehr oder weniger umweltangepasste Menschen, die ihr als Freunde, Gefährten oder Feinde entgegentreten. Dabei kommen auf interessante Weise die diversen Temperamente zum Vorschein, die das Leben in höchst unterschiedlichen Umwelten hervorbringt. Außer den sehr komplex dargestellten Hauptpersonen Swan und ihren späteren Liebhaber Fitz Wahram vom Titan gibt es eine ganze Anzahl äußerst gelungener Nebenfiguren wie zum Beispiel den ebenso kleinwüchsigen wie hartnäckigen Inspektor Jean Genette von den Äußeren Asteroiden, den unbeirrbaren Forscher Wang oder den Doppelagenten Kiran.

Neben den über das Sonnensystem verteilten humanoiden Lebensformen gibt es noch die sogenannten Qubes, künstliche Intelligenzen, die (als Weiterentwicklung heutiger Smartphones/Tabloids) zu fast unentbehrlichen Personal-Assistants der Menschen geworden sind. Swans Qube zum Beispiel hört auf den Namen Pauline (Genette träge einen „Passepartout“ mit sich) und gegen Ende des Buches spielt es eine entscheidende Rolle, auf welche Seite sich Pauline und ihre „Kollegen“ stellen.

Unterbrochen wird die epische Erzählform durch die eloquente Verwendung von Kleinkapiteln und die Einlagerung von kurzen, teilweise fast „atomisierten“ Textauszügen und vielfältigen „Listen“ – eine mehr als nur ironische Aneignung der heutzutage von den Medien gerne als „Information“ bezeichneten Reizüberflutung.

Nicht erst seit seiner phänomenalen MARS-Trilogie (1992-1995) wird Robinson aufgrund seines multimedial organisierten, Zitate, Fragmente und Splitter zusammenfügenden Stils immer wieder mit John Dos Passos, dem großen Meister der amerikanischen Moderne, verglichen. Dem Science-Fiction-Leser (vielleicht) näher ist der Hinweis auf die von John Brunner in „Morgenwelt“ („Stand on Zanzibar“, 1968) zur Meisterschaft geführte Kollage-Technik, in der sich Zitate und Ausschnitte aus Film, Internet, TV, Radio-Interviews, Zeitungen und Büchern um die Haupthandlung gruppieren und damit ein über die gesamte Buchlänge immer opulenter ausgemaltes Hintergrundbild ergeben.

„2312“ ist kein direkter Nachfolger der MARS-Trilogie, der Roman spielt mehr als ein Jahrhundert später. Trotzdem gibt es viele Bezüge und Anspielungen auf die Vorgänge während der Mars-Besiedlung, wie etwa die ausgehöhlten Asteroiden, die auch als Raumschiffe benutzt werden, die auf Schienen stetig den Äquator des Merkur umkreisende Stadt Terminator, oder das im ganzen Sonnensystem eingesetzte Terraforming zwecks Ausweitung des Siedlungsraums.

Ungeachtet dieser Anklänge besteht „2312“ jedoch auch als eigenständiges Werk. Kim Stanley Robinson versprüht ein wahres Ideen-Feuerwerk, an dessen wundervollen Lichtern, Strahlen, Explosionen und Knalleffekten man sich auf jeder Seite des Buches erfreuen kann.
Der vielbeschworene „sense of wonder“ der Science Fiction – hier kann man ihn endlich wieder einmal ganz deutlich spüren.

(Horst Illmer, März 2013)

Ihre Meinung zu »Kim Stanley Robinson: 2312«

Johann Seidl zu »Kim Stanley Robinson: 2312«28.08.2013
Es ist schwierig geworden, in den Buchläden am Rande des ausufernden Blocks schon auf dem Cover von Blut triefenden Düsterkrimis aktuelle SF zu finden. Auch wenn in allen Buchhandlungen über den Regalen immer noch "Science Fiction" als Genrebezeichnung prangt, tummelt sich darunter fast ausschließlich eine Meute von Orks, Zauberern und Vampiren.

Umso glücklicher war ich, als ich 2312 von Kim Stanley Robinson entdeckte. Ich habe seine Marstrilogie verschlungen und freute mich als nun schon alternder SF-Fan auf ein weiteres erzählerisches Feuerwerk.

Das ist es ganz bestimmt, und ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich noch mitten im Lesen bin. Und doch: So ganz haut mich das neue Werk nicht vom Hocker.

Nun gibt es, zugegeben, "nichts Neues unter der Sonne (Kohelet 1,9 EU)", aber die fahrende Stadt und die Sonnenanbetung gleich am Anfang haben mich doch so sehr an Christopher Priests "Inverted World" und den Film "Sunshine" erinnert, dass ich die ersten Kapitel eher als deja vu erlebte. Aber nun gut. das Spiel mit Zitaten gehört dazu.
Ganz Robinson ist es jedoch, in den Erzählstrang aufregend klingende Begrifflichkeiten und Kontexte einzustreuen. Das ist eine Zeit lang durchaus spannend, greift sich aber schnell ab und was bleibt ist nur so einen Touch von Selbstverliebtheit des gelernten Literaten.

Das ist wohl Geschmackssache, aber auch erzähltechnisch kann mich 2312 nicht ganz zufriedenstellen. Die Entwicklung der Heldin vom trauernden "Kind" zur allzeitbereiten Kämfperin ist nicht wirklich nachvollziehbar auf ein paar Seiten runtergeschrieben. Auf diesen suchen dann gleichzeitig alle - inkl. Inspektor - noch nach versteckten Hinweisen der Verstorbenen, finden nichts, bis die Heldin den Hauscomputer anweist: "Sag´s mir"! - enttäuschend!

Überhaupt die Heldin: Mit ihren über 100 Jahren kommt sie nur als rotzige Göre rüber, nervt alle und auch mich als Leser. Ich stecke jetzt mit ihr und dem blassen Wahram unter dem Merkur fest und ertrage nun schon seit 30 Seiten eine wenig aufregende Wanderung im Tunnelsystem ...

Wie gesagt: bin erst auf Seite 188 von knapp 600 (müssen die modernen Bücher eigentlich immer solche Ziegelsteine sein? Nur um nochmal auf - pars pro toto - Christopher Priest zurückzukommen: Den Roman "Die Stadt" konnte ich locker auf dem Rücken liegend problemlos zum Lesen über mich halten ...).

Ich freue mich trotz meiner milden Kritik auf´s Weiterlesen und wenn nötig, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil ;-)
Beverly zu »Kim Stanley Robinson: 2312«23.05.2013
Schade ... der gute Eindruck von "Die eisigen Säulen des Pluto" und eine Buchpräsentation in der Berliner SF-Buchhandlung "Otherland" veranlassten mich dazu, "2312" anzufangen.
Die ersten hundert Seiten hielt das Buch auch, was es versprach. Kim Stanley Robinson beschreibt nicht Dinge, er malt mit Worten! Vom Merkur mit der mobilden Stadt Terminator über die im Schatten eines gewaltigen Solarschirms liegende Venus bis zum Jupitermond Io mit seinen Vulkanen und viele Kilometer hohen Bergen entsteht so ein Panorama des Sonnensystems.
Nicht zu vergessen die so genannten "Terrarien": das sind augehöhlte rotierende Asteroiden, deren Innenseite mit irdischen Pflanzen und Tieren besetzt ist. Je nach Geschmack entstehen so von Arktis bis tropischer Savannenlandschaft die gewünschten Umwelten (ich übersiedle in ein Terrarium mit Kanaren-Design, wenn es so weit ist)

Die Handlung ist zwar nicht rasant, aber sie lässt sich gut an. Es beginnt mit dem Tod einer gewissen Alex auf Merkur, bei der gerade die scheinbar natürliche Ursache (Hirnschlag) den Verdacht erweckt, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Um die Hintergründe aufzuklären, jettet ihre Enkelin Swan durchs Sonnensystem, alldiweil deutlich wird, dass sie den Tod ihrer über alles geliebten Großmutter nicht verwunden hat.

Was den Zauber, den die mit Worten gemalten Beschreibungen geschaffen haben, zerstört hat, ist die Art, wie Kim Stanley Robinson gesellschaftliche, politische und ökonomische Zusammenhänge beschreibt. Ach hätte er das doch gelassen und sich auf Wortmalereien, einfühlsame zwischenmenschliche Studien und eine Krimihandlung um den Tod von Alex und ihr folgende Attentate beschränkt. Die Diskurse, die mich schon heute nerven und die ich beim Lesen vergessen will, schreibt er 300 Jahre und schmückt sie mit noch mehr nervigem Unsinn aus als sie heute schon haben. Wir haben "Klimawandel", die Nationalstaaten sind in 300 Jahren so nutzlos geworden, dass sie nicht einmal zwischen Buchdeckeln erträglich sind und die meisten Menschen auf der Erde müssen ums Überleben kämpfen. Den Menschen woanders im Sonnensystem scheint es besser zu gehen, doch anstatt dass die Erdlinge auf noch freie Himmelskörper auswandern, müssen Bewohner von dort angeblich aus gesundheitlichen Gründen alle paar Jahre einige Zeit auf der Erde verbringen. Ein Auswanderer von der Erde landet auf der terraformten Venus - genial! - in einem Zwangsarbeitlager ... irgendwie nicht dazu geeignet, Weltraum-Muffeln den Sinn der Erschließung anderer Himmelskörper zu erklären. Beim Durchblättern versuchte ich, herauszufinden, wie es nun ausgeht resp. was Sinn und Zweck des Romans war. Episodenroman? OK, aber sonst. Einigen Sentenzen entnehme ich, dass sich im Jahr 2312 Veränderungen in den Machtstürukturen und Allianzen im Sonnensystem vollziehen, diese aber nicht klar sind. Ganz zum Schluss wird geheiratet.
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