Der Graben von

Buchvorstellungund Rezension

Der Graben von

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Ejji“,deutsche Ausgabe erstmals 2014, 592 Seiten.ISBN 3-453-43744-6.Übersetzung ins Deutsche von Katrin Marburger.

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In Kürze:

In den USA verschwinden immer wieder Menschen, ohne jede Spur. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Derweil beobachten Astronomen seltsame, beängstigende Himmelsphänomene. In Japan häufen sich ähnliche Vorkommnisse. Die junge Saeko soll für eine Fernsehsendung das Verschwinden einer ganzen Familie untersuchen. Schritt für Schritt gerät sie in einen unfassbaren Albtraum, der globale Ausmaße annimmt. Als der San-Andreas-Graben vor San Francisco von einem Beben erschüttert wird, spitzen sich die Ereignisse zu einem Crescendo des Grauens zu …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Universum wird auf null gestellt“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Saeko Kuriyama, eine japanische Journalistin, stößt zum Team des Regisseurs Hashiba. Er soll für das Fernsehen eine Dokumentation drehen, die sich dem Rätsel der Familie Fujimura widmet: Vor einem Jahr ist sie spurlos verschwunden. Die Polizei war und ist ratlos, denn es hat den Anschein, als sei das Haus von einem Moment auf den anderen verlassen worden. Hinweise auf ein Gewaltverbrechen gibt es nicht.

Saeko ist von diesem Auftrag fasziniert, denn er rührt an ein privates Trauma: Vor 18 Jahren ist Shinichiru Kuriyama, ihr Vater, unter ähnlichen Umständen verschwunden, als er von einer Reise aus Bolivien zurückkehrt war. Der Senior interessierte sich sehr für übernatürliche Phänomene, die er als wissenschaftlich bisher vernachlässigte Realitäten betrachtete, wofür er nicht selten überzeugende Beweise vorlegen konnte.

Zwischen dem früh verwitweten Vater und seiner Tochter bestand eine enge Bindung, sodass Saeko seit vielen Jahren energisch aber vergeblich versucht in Erfahrung zu bringen, was aus Shinichiru geworden ist. Nun stellt sie fest, dass es ebenso prägnante wie beunruhigende Parallelen zwischen dem Schicksal des Vaters und dem Verschwinden der Fujimuras gibt. Darüber hinaus recherchieren Saeka und der von ihr beauftragte Ermittler Kitazawa, dass sich aktuell an vielen Orten der Erde Menschen quasi in Luft auflösen.

Die Markierung dieser Plätze zeigt ein Muster: Die Personen verschwanden dort, wo unter die gewaltigen Erdplatten aneinanderstoßen und tiefe Gräben bilden. Dort scheint sich u. a. das irdische Magnetfeld zu verändern, was die Forschung stark beunruhigt. Umwälzungen buchstäblich biblischen Ausmaßes kündigen sich an – und die Vorzeichen mehren sich: Bisher fixe Zahlen verändern sich, am Himmel verlöschen Sterne. Das naturgesetzliche Fundament des Universums beginnt sich aufzulösen, sein Ende steht bevor …

Das Ende der Welt: eine interessante Variante

Ohne die Apokalypse wäre die Welt der Phantastik ein gutes Stück ärmer. Vor allem die Science Fiction liebt den Untergang der Welt, der mehr oder weniger wissenschaftlich verbrämt stattfindet. Faktisch ist stets schnell der Punkt erreicht, an dem alle graue Theorie in die wirre Turbulenz des Zusammenbruchs mündet. Dies schließt die nur ausgedachte Wissenschaft ein, da nachvollziehbarerweise das Interesse am Prozess notgedrungen in die eigene Verwicklung übergeht: Der Weltuntergang verschont niemand und folglich auch die Forscher nicht.

In diesem Punkt ist auch Kôji Suzuki Purist. Freilich geht die Entfesselung der Zerstörung einher mit dem Versuch, trotzdem eine Hintertür zu finden. Die ultimative Vernichtung ist ebenso tragisch wie langweilig. Spannender wird es, wenn man sich ihr entziehen kann. Dieser Vorgang ist selbstverständlich kompliziert und mit Gefahren verbunden; da verwundert es kaum, dass viele Betroffene abwinken, weil Aufwand und Risiko der Rettung aus ihrer Sicht in keinem Verhältnis zum Ergebnis stehen. Selbst ein langweiliges Leben oder ein bequemer Tod sind mehrheitlich beliebter als der Sprung in eine abenteuerliche aber von den Segnungen der Zivilisation freie Alternative.

Suzuki beschäftigt sich ausführlich mit diesem Thema. Überhaupt spart er kein Element des „Doomsday“-Genres aus. Gleich mehrere Prologe bereiten langsam und unheimlich das Verderben vor; Der Graben wirkt hier tatsächlich wie der Horror-Roman, den uns die Cover-Werbung anpreist. Dass der Schrecken einer gänzlich anderen Quelle entspringt, weiß Autor Suzuki seinen Lesern eine ganze Weile vorzuenthalten.

Nicht nur Geister warten im Jenseits

Die eigentliche Handlung stellt die Journalistin Saeko Kuriyama in den Mittelpunkt. Sie arbeitet an einem mysteriösen Fall menschlichen Mehrfachverschwindens. Bis das Geschehen nachdrücklich in Gang kommt, nimmt sich Suzuki viel Zeit, uns diese Frau und ihre Geschichte vorzustellen. Was zunächst in dieser Ausführlichkeit vor allem Wortgeklingel zu sein scheint, gewinnt in der zweiten Buchhälfte an Bedeutung: Der Graben spielt als Roman auf mehreren Ebenen. Lange nebensächlich oder unwichtig erscheinende Informationen werden spätestens im Finale relevant.

Man sollte sie dort parat haben. Glücklicherweise (oder leider) kann es bei einem Werk dieser Seitenstärke nicht ausbleiben, dass der Verfasser sich wiederholt. Zwar bemüht sich Suzuki, dies u. a. als Betrachtung eines Ereignisse oder eines Faktums aus mehreren Interpretationsperspektiven zu tarnen. Manchmal übertreibt er es einfach, und mancher Leser wird die oft komplexen und komplizierten naturwissenschaftlichen Informationseinschübe auch beim dritten oder vierten Mal nicht begreifen.

Davon sollte sich niemand abschrecken lassen. Der Graben funktioniert auch ohne die erstaunlich detaillierten „Erklärungen“, die Suzuki seiner Apokalypse angedeihen lässt. Er hat sich ausführlich über Themen der Astronomie, der (Quanten-) Physik, der Biologie, der Evolution und – dies besonders intensiv – über die Vorgeschichte des Menschen informiert. Darüber hinaus hat er in den Randbereichen der Forschung recherchiert. Dort tummeln sich kluge und wirre Köpfe gleichermaßen. Suzuki schert sie über einen Kamm, indem er sich aus echter und Pseudo-Wissenschaft herauspflückt, was spannend klingt und sich zu einer bizarren aber unterhaltsamen Geschichte zusammenfügen lässt.

Die Realität als Speisekammer

Suzukis Literaturverzeichnis spiegelt seine eklektische Quellenauswahl wider. Die strikt wissenschaftliche Deutung von Fakten steht neben den Märchen und Wunschgebilden selbst ernannter „Spezialisten“ und Dummschwätzer, die über die urzeitlichen Kulturen von Mu und Atlantis, (nicht nur) kulturbefruchtende Besuche aus dem Weltall oder „verbotenes Wissen“ und ihre noch heute aktiven Wächter schwadronieren. Der Autor dreht alles durch seinen Fleischwolf und formt daraus eine wenig gehaltvolle aber schmackhafte Mahlzeit: Nicht immer lesen sich 600 Buchseiten so vergnüglich.

Der Autor verblüfft als Meister der Überraschungen. Obwohl er deutlich einem roten Faden folgt, ist er immer für einen Twist gut. Vor allem im Finale jagt eine Enthüllung die nächste; die Offenbarungen scheinen einander beinahe zu überholen. Erstaunlicherweise verkraftet die Geschichte es problemlos – kein Wunder, denn Suzuki hat eben doch auf diesen Punkt hingearbeitet.

Seine Apokalypse ist auch deshalb erfreulich „anders“, weil weder böse Außerirdische noch andere Gewalttäter sie bringen. Die Auflösung kommt schleichend und originell: Elementare Naturgesetze lösen sich auf bzw. nehmen neue Wertigkeiten an, was die traditionellen Verhältnisse grundsätzlich ändert. Das Universum ist eigentlich ein Multiversum, das insgesamt besteht, während es sich in seinen unendlichen Einheiten ständig regeneriert. Für die Bewohner des gerade betroffenen Universums ist dies fatal, doch so funktioniert der Kosmos halt.

Der Augenblick der Erkenntnis

Wie verhält sich der Mensch, wenn er weiß, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht? Der Beantwortung dieser Frage ´verdanken’ wir unzählige langweilige Buch-Apokalypsen (sowie Filme), in denen bisher unscheinbare Zeitgenossen ihre Skrupel abwerfen und sich zu Diktatoren aufschwingen, die noch einmal richtig die Sau ´rauslassen, bevor über allem der Sargdeckel zuklappt.

Suzuki verschont uns mit globaler Panik. Er deutet sie an, bleibt aber auf sein Figurenpersonal konzentriert, das somit den Rest der Menschheit vertreten muss. Nach Suzuki bricht echte Panik primär oder sogar ausschließlich dort aus, wo Menschen von den unmittelbaren Folgen der Apokalypse betroffen sind. Dazu gehört die Entstehung kilometertiefer Erdrisse, die ganze Landstriche in den Abgrund reißen. Wer davon verschont bleibt, schaut sich den Weltuntergang interessiert im Fernsehen an. Der Gedanke an ein ultimatives Geschehen, das niemanden ausspart, ist dem Menschen nicht gegeben, so Suzuki; der Lebenserhaltungsinstinkt sorgt für ein Ausblenden des Endes, das man sich hier ohnehin nur schwer vorstellen kann.

Die Protagonisten sind weder allzu sympathisch noch hysterisch: Auch hier weicht Suzuki vom „Doomsday“-Raster ab. Dabei spielt die Zurückhaltung, die in der japanischen Gesellschaft gepflegt wird, eine große Rolle: Den westlichen Leser verwundert die Förmlichkeit, mit denen die Figuren einander begegnen, selbst wenn sie sich schon lange und gut kennen. Gleichzeitig irritiert Suzuki absichtlich durch Charakterisierungen, die den Leser in einen Zwiespalt stürzen: Hashiba will seine schwangere Ehefrau mit Saeko betrügen, der hilfreiche Sohn des Detektivs Kitazawa hatte sie vor einigen Jahren sucht sie zu vergewaltigen.

Offensichtlich möchte Suzuki eine Glorifizierung seiner Figuren um jeden Preis vermeiden. Helden oder Schurken gibt es nicht, der Untergang trifft die Guten und die Bösen, die zur Menschheit verschwimmen. Deshalb ist es nebensächlich, ob der Apokalypse ein Mechanismus der Natur oder ein göttlicher Wille zugrunde liegt: Suzuki spricht beide Möglichkeit an, überlässt aber die Entscheidung schlau seinen Lesern, die sich einmal mehr vor die Herausforderung gestellt sehen, dem Verfasser auf manchmal ungewöhnlichen Wegen zu folgen: Es lohnt sich!

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