Horror 4 von Kurt Singer (Hg.)

Buchvorstellungund Rezension

Horror 4 von Kurt Singer (Hg.)

Originalausgabe erschienen 1972unter dem Titel „Ghouls & Ghosts“,deutsche Ausgabe erstmals 1974, 141 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Charlotte Blauensteiner.

»Horror 4« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Fünf angejahrte aber bis auf eine Ausnahme nicht klassische, sondern eher derbe Gruselgeschichten, die einfach nur unterhalten wollen, verfasst von Haudegen der Pulp-Ära und einer großen alten Dame der (phantastischen) Literatur.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Fünf handfeste Begegnungen mit dem Übernatürlichen“70

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Seabury Quinn: Das Muttermal (Birthmark, 1941); Im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1919 lernen vier amerikanische Soldaten ein schönes Mädchen kennen, das von einem Afrika-Aufenthalt ein mörderisches Andenken mitgebracht hat.
  • F. Marion Crawford: Der schreiende Totenschädel (The Screaming Scull, 1908): Der alte Doktor hat seine ihm lästige Gattin zwar unter die Erde gebracht, aber dort will sie partout nicht bleiben.
  • Edmond Hamilton: Das Tal der Assassinen (The Valley of the Assassins, 1943): Eine uralte Sekte orientalischer Meuchelmörder zeigt sich sehr lebendig, was zwei wackere amerikanische Ingenieure nicht abhält, Eisenbahnschienen vor ihrer Mordhöhle zu legen.
  • Edith Wharton: Ein Geist, den man nicht gleich erkennt (Afterward, 1910): Geschäft ist Geschäft, denkt ein schlauer Spekulant, bis ihn sein in Schande zugrunde gegangenes Opfer eines Tages besuchen kommt.
  • Peter Phillips: Das Bukett des Todes (Death’s Buquett, 1948): Ein allzu liebender Vater züchtet Rosen, die stets dann am schönsten blühen, wenn wieder einmal ein junger Mann verschwand, der um das schöne Töchterlein geworben hatte.

Horror auf Samtpfoten oder lautstark?

Abermals mischt Herausgeber Kurt Singer klassische Phantastik mit Gruselstorys aus billigen (aber nicht zwangsläufig minderwertigen) „Pulp“-Magazinen, die in den USA ab 1920 wie Pilze aus dem US-Boden schossen. Die alten Meister hatten das Übernatürliche vor allem über die Andeutung wirken bzw. erahnen lassen. Sie wurden ergänzt oder ersetzt durch junge Wilde, die den Schrecken trivialisierten und dadurch massentauglich machten.

Die „Pulps“ brachten eigene Klassiker hervor. Sie wurden zur Wiege begabter Nachwuchstalente, die fern der grauen Theorie lernten, wie man schrieb, und sich erste Sporen verdienten. Das berühmteste (und in den Augen tugendboldiger Zensoren berüchtigste) jener Magazine, die sich auf Horrorgeschichten spezialisiert hatten, wurde „Weird Tales“, das zwischen 1923 und 1954 erschien und es auf 279 Ausgaben brachte.

Aus diesem „Weird-Tales“-Fundus zieht Singer diejenigen Erzählungen, in denen das Grauen eher handfest zur meist gesundheitsschädlichen Sache kommt. Für die deutschen Leser, die ohne „Weird Tales“ oder andere Magazine auskommen mussten, bieten die fünf „Horror“-Bände die seltene Gelegenheit, den „Gebrauchs-Horror“ der 1930er und 40er Jahre kennenzulernen.

Gespenster legen „Hand“ an

Die Geschichten von Seabury Grandin Quinn (1889-1969) werden im angelsächsischen Raum immer wieder nachgedruckt. Trotzdem ist er weder wirklich populär noch ein Liebling der Kritik. Purer Fleiß und ein Geistesblitz, der ihn den beliebten „okkulten Detektiv“ Jules de Grandin erfinden ließ, sichern ihm trotz eines beschränkten Talents seine Präsenz. „Das Muttermal“ interessiert durch seine stimmungsvolle Atmosphäre und das gut getroffene Lokalkolorit, irritiert aber durch seinen hanebüchenen Plot bzw. dessen ‚Begründung', die indes vor dem Zeitalter der modernen Genetik dem Publikum nicht so schwachsinnig vorgekommen sein mag.

Francis Marion Crawford (1854-1909) hat mit „The Upper Belt“ (1894, dt. „Die obere Koje“) eine der besten Geistergeschichten aller Zeiten verfasst. „Der schreiende Totenschädel“ ist dagegen nur arg in die Länge gezogener Gruseldurchschnitt. Sehr umständlich erzählt der Verfasser seine im Grunde sehr einfache Geschichte nicht in der ersten oder dritten, sondern in der zweiten Person Singular.

Edmond Moore Hamilton (1904-1977) ist einer der ganz Großen des Goldenen Zeitalters der US-amerikanischen Science Fiction, das etwa 1935 begann und mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den II. Weltkrieg schon wieder abklang. Dies war die Ära der glotzäugigen Tentakelmonster, die aus dem All kamen, um schöne Erdenfrauen zu rauben, die von muskulösen Helden mit kantigem Kinn und Laserpistole gerettet werden mussten. Hamilton schuf mit „Captain Future“ eines ihrer Parade-Exemplare. Aber neben Science Fiction schrieb er auch Fantasy und Horror. Das Tal der Assassinen gibt indes dem alten Hamilton Recht, der reuevoll zugab, in jüngeren Jahren wohl etwas zu eifrig mit dem Veröffentlichen und Verdienen gewesen zu sein; diese Story ist purer Trash ohne das geringste Gespür für Stimmung und Grusel, ihre Protagonisten schlecht verkleidete Darsteller aus Hamiltons üblichen B-Space-Operas.

Edith Newbold Wharton (1862 1937) gehört zu den großen Literatinnen der USA. Sie entstammte der gesellschaftlichen Oberschicht, deren lebensleeren Rituale sie kritisch und kundig bloßlegte. Die Psyche galt ihr als Quelle allen menschlichen Handelns. Auch das scheinbar Übernatürliche wurzelte für Wharton deshalb stets in der Seele. Unbefangen schrieb die Pulitzer-Preisträgerinnen immer wieder ‚triviale’ Gespenstergeschichten, die sie sich weigerte von ihrem „richtigen“ Werken zu trennen. Es wird kaum überraschen, dass sie Großartiges leistete. „Ein Geist, den man nicht gleich erkennt“ überragt die übrigen Erzählungen dieser Sammlung turmhoch und macht deprimierend deutlich, dass Talent und schriftstellerisches Können eben doch wichtiger als die bloße Freude am Verfassen von (profitablen) Gruselgeschichtchen.

Peter Phillips (1920-2012) kann gut gefallen mit seiner groben, aber straff auf den Höhepunkt zueilenden und mit ekligen Details nicht sparenden Story – Pulp-Trash der gelungenen Art, d. h. effektvoll und unterhaltsam, ohne gleichzeitig den Leser für dumm zu verkaufen.

Horror in Deutschland: ein Trauerspiel

Vier eher geisterbahnlaute Storys und eine großartige Gruselgeschichte: Echte Gemeinsamkeiten lassen sich nicht entdecken in dieser Sammlung. Hat Herausgeber Kurt Singer fünf gerade verfügbare Erzählungen gegriffen und zu einem kostengünstig auf den Markt Taschenbuch gebündelt? Man darf Kurt Singer durchaus phantastisches Expertenwissen unterstellen, doch wird es in dieser Sammlung nicht deutlich.

Hier gibt es zwar Geister aber keinen einzigen Ghoul, obwohl die Originalausgabe sogar mehrere dieser Leichenfresser ankündigt. Tatsächlich gab es sie. Ihr Fehlen darf man hierzulande nicht dem Herausgeber vorwerfen. Stattdessen wird der deutsche Leser wieder einmal zum Besten gehalten bzw. mit einem bunten Sammelsurium von Geschichten beglückt, die rüde aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen wurden. Als „Ghouls & Ghosts“ 1972 erschien, umfasste diese Kollektion nicht nur 15 – nicht fünf! – Storys, sondern wurde darüber hinaus durch ein Vorwort von Kurt Singer eingeleitet, der allerlei Kluges und Informatives zum Thema zu schreiben wusste.

In Deutschland geriet sein Werk unter das Diktat der Seitennormierung. Um 1970 kalkulierten die meisten Taschenbuch-Verlage so: Bücher bis 144 Seiten kosteten 2,80 DM, bis 192 Seiten 3,80 DM. Wenn die Vorlage nicht „passte“, wurde sie passend gemacht, also gekürzt. Waren Sammlungen betroffen, wurden Storys weggelassen; die Leser konnten immerhin hoffen, dass die „Überlebenden“ ungeschoren in den Druck gegangen waren. Das Schmuddel-Image wurde durch eine beinahe absichtlich wirkende, bemerkenswert lieblose Präsentation unterstrichen. Die fünf Bände der „Horror“-Reihe wurden schlicht durchnummeriert und grell eingefärbt; möglicherweise sollte sich der Käufer schämen, Geld für solchen Schund auszugeben.

Ihre Meinung zu »Kurt Singer (Hg.): Horror 4«

Ihr Kommentar zu Horror 4

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.