H. P. Lovecraft - Eine Biografie von L. Sprague de Camp

Buchvorstellungund Rezension

H. P. Lovecraft - Eine Biografie von L. Sprague de Camp

Originalausgabe erschienen 1975unter dem Titel „H. P. Lovecraft: A Biography“,deutsche Ausgabe erstmals 2002, 637 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Diesel.

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In Kürze:

De Camps Biografie des scheuen Großmeisters der Phantastik erschien bereits 1975, gilt aber mit Recht immer noch als Standardwerk. Es ist gut geschrieben, räumt mit vielen Legenden über H. P. Lovecraft auf, ersetzt sie durch Fakten und ermöglicht Einblicke in das bemerkenswerte Werk eines Mannes, das durch sein sonderliches Privatleben in den Schatten gestellt sowie erklärt werden kann.

Das meint phantastik-couch.de: „;Ein seltsamer Mann in einer fremden Welt“;100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Die berühmte Biografie über den Großmeister des modernen Grauens erscheint mit arger Verspätung auf dem deutschen Buchmarkt, ohne indessen an fundamentaler Bedeutung eingebüßt zu haben. Meisterhaft schildert Verfasser de Camp das merkwürdige Leben des „;Einsiedlers von Providence”, den psychische Probleme zu einer Randexistenz als Außenseiter verdammten und der sich doch zu einem Neuerer des Genres entwickelte. De Camp, der nicht nur Biograf, sondern selbst Schriftsteller ist, leistet gleichzeitig eine Werkschau des Lovecraftschen Œvres und spürt dessen Ursprüngen nach. Die immense Fleißarbeit bemüht sich um Objektivität. Immer wieder scheint freilich de Camps persönliche, oft harsche Kritik an einem Mann durch, den er, ein Tatmensch durch und durch, nicht wirklich verstehen kann. Die (fabelhaft übersetzte) Biografie liest sich trotzdem spannend wie ein Roman, da de Camp sein enormes Lovecraft-Wissen dem Leser nicht vorsetzt, sondern es sachkundig aufbereitet, gliedert und mit viel trockenem Witz präsentiert. Das Ergebnis ist ein trotz des hohen Preises ein Muss für den Gruselfreund, der hinter die Kulissen blicken möchte.

Er ist heute so etwas wie ein Popstar der Phantastik, der ob seiner Vorliebe für Adjektive  von der Kritik viel geschmähte, für seine stimmungsvolle Verschmelzung des Horrors mit der Science Fiction gerühmte Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), der den qualligen ET-Götzen Cthulhu und seine nicht minder bösen Kumpane auf die Menschheit losließ.

Vor allem weist Lovecraft auf, was ihn von einem simplen Schreiberling & Schreibtischtäter zur Kultfigur erhebt: ein bizarres, unglückliches Privatleben, das denen, die es nicht führen, sondern nur darüber lesen müssen, unterhaltsam dünken kann und viel Raum für angenehme Schauder lässt. Lovecraft gilt als “;Einsiedler von Providence”, der am schnöden Alltag scheiterte und sich ganz in eine Fantasiewelt zurückzog, die ihm die Möglichkeit bot, sich eine Existenz als vornehm verarmter Gentleman im Stil des 18. Jahrhunderts vorzugaukeln.

Abgerundet wird dieses lieb gewonnene Bild vom genial-spinnerten Lovecraft durch das Foto der steifen, leichenblassen Gestalt mit dem wuchtigen Schumi-Kinn, gewandet in altmodische Kleidung, die Anekdoten über abnorme Empfindlichkeit gegenüber Kälte und die schier endlose Liste weiterer Eigenheiten, die nur Reichtum & Erfolg zur „;Exzentrik” hätten adeln können. Dem politisch Korrekten blieb schließlich die Ergötzung an diversen Skandalen, die sich um Lovecrafts rassistischen Ausfälle, seine grotesken Vorurteile oder seine von Geheimnissen umwitterte Sexualität ranken.

Armer Lovecraft, zu Lebzeiten chronisch erfolglos, blieben ihm nur der literarische Nachruhm und jene Mischung aus Faszination, Mitleid & Abscheu, mit der die Lebenstüchtigen ein Kuriositätenkabinett besuchen. Von dem einen hatte er nichts, das andere hätte er aus ganzem Herzen verabscheut.

Die Wahrheit toppt die Legenden mit Leichtigkeit

Dabei kann und darf man es sich nicht so einfach machen, wie uns die von Lyon Sprague de Camp hier vorgelegte Biografie deutlich macht. Lovecraft ist ein wunderbarer Poet des Schreckens und ein neurotischer Sonderling gewesen, aber er war gleichzeitig ein interessanter, liebenswerter Mensch, der es wert ist, unter der Last der Klischees geborgen zu werden.

Wobei dieses letzte Bild gar nicht so schief ist, denn obwohl das erzählerische Werk des H. P. Lovecraft bedauerlich schmal geblieben ist, hat dieser Mann in seinem gar nicht langen Leben ca. 100.000 Briefe oft monumentalen Umfangs verfasst! Für den unglücklichen de Camp eher ein Zuviel an Information, durch das er sich wacker kämpfte.

Er rekonstruiert einen sonderbaren, aber auch berührenden Lebenslauf, räumt viele Irrtümer und Fragen aus, stellt Verzerrungen richtig. Lovecraft mag ein Spinner gewesen sein, aber dann war er einer mit vielen faszinierenden Facetten. Die Fülle der Fakten, die de Camp auf knapp 650 Seiten (der deutschen Ausgabe) vor uns ausbreitet, kann an dieser Stelle nur punktuell beleuchtet werden. Das Gesamtwerk verdeutlicht, wie breit vor 1975 überhaupt und bis 2002 in Deutschland die Lücke klaffte, die das Fehlen einer gewissenhaft realisierten Lovecraft-Biografie für das Verständnis dieses Mannes und seines Wirkens aufriss.

Immer wieder wurde de Camps Arbeit in sekundärliterarischen Texten über Lovecraft zitiert (und übrigens vor langer Zeit im Suhrkamp-Verlag angekündigt, wo sie allerdings nie erschien). Wie sich nun herausstellt, diente sie wohl eher als Steinbruch, aus dem sich diese Autoren jenes Material brachen, mit dem sie ihre persönliche Lovecraft-Sicht zementierten.

Denn vor de Camp war da wenig, und nach ihm kam wiederum nichts von vergleichbarer Güteklasse. Viele Weggenossen und Bewunderer haben Erinnerungen an H. P. L. niedergeschrieben, aber diese blieben insgesamt nur Stückwerk. Erst L. S. de Camp hat sich die Mühe gemacht, ein Gesamtbild zu rekonstruieren. Wie nun auch wir deutschen Leser wissen, war dies von entscheidender Bedeutung; wer weiß, welches Lovecraft-Bild ohne de Camps Einsatz entstanden wäre!

So wurde Lovecraft gern als Rassist, Antisemit und Bruder im faschistischen Geiste gegeißelt; entsprechende Äußerungen wurden seinen Briefen entnommen. De Camp nimmt Lovecraft nie in Schutz, der in der Tat schauerlich über “;Fremdblütige” herziehen konnte. Doch dies war einerseits die Reaktion eines ängstlichen, unreifen Menschen, der sich dem Schicksal ausgeliefert fühlte und lange einen Sündenbock benötigte, den er für sein persönliches Unglück verantwortlich machen konnte, bevor er endlich klüger wurde und sich von solchem gefährlichen, beschämenden Unsinn löste. Andererseits war Lovecraft diskriminierend in einer Ära, welche die Unterdrückung von Minderheiten als selbstverständlich betrachtete. Anders ausgedrückt: Wie Lovecraft sprachen (viel zu) viele US-Amerikaner. De Camp liefert dafür deprimierend überzeugende Belege. Als Zeitgenosse Lovecrafts weiß er zudem gut, wovon er spricht.

Viele weitere Lovecraft-Legenden stellt de Camp richtig. Er hat insgesamt tief gegraben, legte die Wurzeln des Lovecraft-Stammbaums offen (die längst nicht so tief in die Geschichte reichen wie dies der selbst ernannte Gentleman gern behauptete). Dabei widerstand er der Verlockung, sich auf Lovecrafts eigene Worte zu verlassen. De Camp prüfte quer, d. h. er verifizierte die Fakten, die ihm die Lektüre der Lovecraft-Briefe vermittelten, indem er sie mit anderen Quellen abglich. Darüber hinaus konnte er in den 1970er Jahren, als er seine Biografie verfasste, noch Zeitzeugen befragen.

Von Vorteil ist weiterhin de Camps intime Kenntnis des Milieus, in dem sich Lovecraft als Schriftsteller bewegte. Seit 1937 schrieb er selbst für die „;Pulp”-Magazine, kannte also Rösser & Reiter dieses rauen Gewerbes. Zudem hat sich de Camp immer für die Geschichte des phantastischen Genres (das er selbst mit klassischen Beiträgen bereicherte) interessiert. Dieses Wissen ermöglichte ihm auch, Lovecrafts Werk als “;Kollege” einzuordnen und zu werten.

Der Biograf als Antipode seines Forschungsobjekts

Dies ist freilich auch der Punkt, an dem de Camp die Sachlichkeit des Biografen verlässt. Er leistet Großartiges, wenn er angebliche Grillen Lovecrafts durch die Einordnung in das historische Umfeld erklärt und relativiert. Doch Lyon Sprague de Camp hat ein Problem, das er nicht überwindet: Er ist in seinem Leben und Werk quasi das genaue Gegenteil von Howard Phillips Lovecraft. Wo dieser introvertiert, weltfremd und gehemmt war, zeigte sich de Camp als weltoffener, praktischer, erfolgreicher Zeitgenosse, der im Guten wie im Bösen alles aus den 93 Jahren seines Lebens holte.

Lebenserfahrung und Erfolg machen nicht zwangsläufig intolerant, leicht jedoch ungeduldig. Viele, viele Male lässt de Camp dies durchscheinen, spricht sogar offen aus, was er eigentlich möchte: Lovecraft so lange in den Hintern treten, bis dieser aus seinem in Selbstmitleid, Alltagsflucht, Attitüde und sich selbst reproduzierenden Ängsten verankerten Schneckenhaus herauskommt, um sich endlich dem Leben zu stellen bzw. es wenigstens zu leben statt es zu fliehen.

De Camp tut sich sichtlich schwer damit zu begreifen, dass ein Mensch so gefangen in seinem Ego sein kann, dass ihm eine solche Flucht einfach nicht gelingt. Er versucht es immerhin, zitiert viele Psychologen, kann hier allerdings nicht überzeugen: Lovecrafts Seelenlabyrinthe weiß de Camp zu beschreiben, manchmal zu entschlüsseln, aber es kommt stets der Punkt, da bleiben sich Biograf und Biografierter fremd wie Aliens. Für diese Unsicherheit musste de Camp viel Kritik einstecken. Dass er sie nicht verbirgt, verleiht seinem Werk aber durchaus zusätzlich Glaubwürdigkeit und Spannung.

Wahrscheinlich fährt man als (ratloser?) Leser am besten, wenn man voraussetzt, dass de Camps Lovecraft-Biografie auch dem Zweck dient, seine private Philosophie populär zu machen. Liest man – nicht einmal zwischen den Zeilen – ein wenig aufmerksamer, kristallisiert sich das Bild eines Biografen heraus, der sich selbst quasi dafür beglückwünscht, Lovecrafts Fehler vermieden zu haben. L. S. de Camp zählte in der Tat zu den Autoren, die produktiv und erfolgreich waren. Sein Rezept lautet wie folgt: ";Er [= der professionelle Schriftsteller] sollte sein Handwerk gründlich meistern – und zwar von allen Seiten.… Er sollte die Geschäftsseite des Schreibens ebenso gut kennen wie die literarische… Man sollte energisch, unternehmungsfreudig, unverwüstlich und überaus diszipliniert sein. Man sollte auf seine körperliche Gesundheit achten. Man sollte keine arrogante Haltung gegenüber anderen Arten der Literatur als der eigenen einnehmen.” (S. 631)

Stellt sich die Frage, ob de Camp hier der Weisheit letzter Schluss formuliert. Ist es ihm eigentlich selbst gelungen, diesen Vorgaben gerecht zu werden? Macht er sich mit der mehrfach wiederholten Auflistung solcher schriftstellerischen Tugenden selbst etwas vor? Oder noch krasser gefragt: Wer gibt ihm eigentlich das Recht, solche und andere Urteile über Lovecraft (oder generell) zu fällen?

Dass de Camp Lovecraft und seine Lovecraft-Biografie instrumentalisiert, um seine eigene Weltsicht populär zu machen, kann ihm leicht nachgewiesen werden. Auf S. 254 sattelt er beispielsweise auf H. P. L.’s Ablehnung gewissen Sparten der modernen Kunst seine eigene diesbezügliche Kritik auf, die er zwar in bissig-humorvolle Worte kleidet, die so an dieser Stelle jedoch nichts verloren hat.

Auf der anderen Seite leistet de Camp uns Lesern den unschätzbaren Dienst, Lovecraft-Romantik der dämlichen Art zu vertreiben. Von gewissen „;Verehrern” wird der Mann aus Providence als Opfer philisterhafter Krämerseelen verklärt, die ein Genie unter das Joch zwingen wollten. Solche “;Fans” finden wenig Gnade vor de Camps Augen, der selbst in den Pulp-Minen schuften und lernen musste, dass einem dort nichts geschenkt wird. Endgültig zum Schweigen bringt er sie, wenn er Lovecraft selbst zitiert, der schrecklich gern erfolgreich gewesen wäre, hätte er nur gewusst, wie man dies anstellt.

Unterm Strich überwiegt deshalb das Positive. Kompetente Biografien selbst halbwegs prominenter Schriftsteller des phantastischen Genres sind nicht gerade häufig. Diese gehört trotz gewisser Abstriche eindeutig dazu. Sie ist seit 1975 vermutlich literaturwissenschaftlich überholt, was der Nicht-Fachmann verschmerzen kann, aber ansonsten eigentlich nur in einem Punkt wirklich veraltet: Der Leser des 21. Jahrhunderts würde gern Fotos sehen. Die muss es geben, denn Lovecraft war in seinen letzten Lebensjahren längst kein Einsiedler mehr, sondern gern und oft unter Menschen. (Für den Suhrkamp-Verlag gab Franz Rottensteiner 1992 als Nr. 290 der seligen „;Phantastischen Bibliothek” die Aufsatzsammlung “;Der Einsiedler von Providence. Lovecrafts ungewöhnliches Leben” heraus. Hier werden einige Lovecraft-Fotos abgedruckt. Der Band bietet auch sonst eine interessante Lektüre, weil er einige der Quellen, die de Camp paraphrasiert, im vollen Wortlaut wiedergibt, und intensiver auf Lovecrafts letzte Lebensmonate und seinen Tod eingeht, was bei de Camp, der doch bisher so viele Details zu berichten wusste, ein wenig zu knapp ausfällt.)

Ihre Meinung zu »L. Sprague de Camp: H. P. Lovecraft - Eine Biografie«

Tobias Daniel Wabbel zu »L. Sprague de Camp: H. P. Lovecraft - Eine Biografie«26.10.2011
Ich kann auch hier nur beiflichten. De Camps Biographie ist sehr gut, allerdings nicht der Weisheit letzter Schluss, denn S.T. Joshi veröffentlichte seine Biographie "Lovecraft - A life" in dern 1990er Jahren, in der einige der Punkte, die De Camp anführte, relativiert und aktualisiert werden.

www.tobiasdanielwabbel.com
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