Der Engelseher von

Buchvorstellungund Rezension

Der Engelseher von

Originalausgabe erschienen 2012, 200 Seiten.ISBN 392707151X.

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In Kürze:

Die Liebe zwischen Mensch und Engel ist verboten. Vor allem, wenn es die Liebe zu einem schwarzen Engel ist. Von Anbeginn dienen die weißen Engel unsichtbar den Menschen, beschützen sie und helfen ihnen, den richtigen Pfad zu finden. Seit seinem gescheiterten Selbstmordversuch kann Jeásh Engel sehen. Gegen alle Regeln verliebt er sich in einen schwarzen Engel. Schwarze Engel jedoch führen die Menschen auf Irrwege und stürzen ihre Seelen ins Verderben. Seinen Kampf kann Jeásh nur gewinnen, wenn er bereit ist, einen hohen Preis dafür zu zahlen. Ein Engel und ein Sterblicher auf der Suche nach sich selbst. – Ihre Schicksale sind untrennbar miteinander verwoben …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Einfach anders“70

Fantasy-Rezension von Julia Tambor

Der Engelseher ist als recht kurzes, aber ausgefeiltes Erstlingswerk der jungen Autorin Laura Flöter in der Reihe Ars Literrae des Fabylon Verlages erschienen. Der szenenhafte Aufbau erinnert mehr an ein Theaterstück und hat auch sonst nicht viel mit den in der Fantasyliteratur üblichen dicken Wälzern, Chroniken und Questen gemein.

Verstörend eindringlich

Bereits nach den ersten kurzen Kapiteln ist es gar nicht so einfach, sich zu überwinden und weiterzulesen, derart abschreckende und verstörende Bilder lässt die Autorin vor den Augen des Lesers entstehen. Irgendwann im ersten Teil der Lektüre begann ich mich zu fragen, ob Bücher tatsächlich Depressionen auslösen können. Immerhin sollen sich ja nach Goethes „Werther“ reihenweise junge Männer in den Tod gestürzt haben. Gleichzeitig aber ziehe ich den Hut vor einer derart bildgewaltigen, unter die Haut gehenden Sprache.

„Der Engelseher“ kommt größtenteils ohne Weltenaufbau zurecht. Die Hintergründe der postapokalyptischen Welt werden allenfalls angerissen. Die Beschreibung der Umgebung erfolgt im wesentlichen szenenhaft, wie Vorlagen für ein Bühnenbild. Alles Beschriebene ist unschön, grau, voller Ruß, Abgase, Verfall und industrieller Maschinerie.

Streit um die Seelen der Menschen

Im Prolog wird, anmutend wie ein biblisches Ereignis, ein Streitgespräch über Gut und Böse und den freien Willen der Menschen zwischen der Schöpferin und ihrem Lieblingsengel Morgenstern erzählt. Die Konfrontation endet in einem Kampf der Engel, mit dessen Ausgang die Grundlage für die Erzählung geschaffen wird: Fortan begleiten jeden Menschen zwei Engel, ein weißer und ein schwarzer. Ihre jeweilige Aufgabe ist nicht schwer zu erraten. Der weiße Engel soll seinen Menschen behüten und rechtleiten, der schwarze Engel auf Irrwege führen und ins Verderben stürzen.

Jeásh, die zentrale Figur des Buches, wird im ersten Kapitel aus Sicht seiner beiden Engel beschrieben. Er weint, „fühlt sich so schwarz und leer wie das Nichts zwischen den Sternen, das ihm durch ein Loch ins Herz schien“. Jeash steht kurz davor, Selbstmord zu begehen. Seine beiden Engel stehen daneben und versuchen, ihn ihrer Aufgabe entsprechend davon abzuhalten bzw. ihn in seinem Suizidentschluss zu bestärken. Jeásh ist trotz des Flehens seines weißen Engels Malach derart in seiner depressiven Gedankenwelt verfangen, dass er dazu ansetzt, aus dem Fenster zu springen. Malach greift ein und opfert sein Herzblut, um Jeásh zu retten. Diese einem Engel nur einmalig mögliche Aufopferung verändert Malach jedoch und er verlässt danach seinen Menschen. Ezariel, sein schwarzer Engel, begreift dies als Verrat an ihrer Aufgabe und wendet sich Jeásh zu. Nun könnte man sagen, ein Kampf zwischen Gut und Böse entbrennt, nur sind die Fronten in diesem Fall vertauscht.

Ausgefeilte Charakterstudie

Die Erzählung enthält nur wenig Handlung im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Abfolge von Szenen, in denen der Seelenzustand der drei Hauptcharaktere akribisch bis in den letzten Winkel beleuchtet wird. Auch ist die personelle Ausstattung überschaubar. Neben Jeásh und seinen beiden Engeln kommen nur noch Randfiguren vor.

Doch obwohl sich der Text so sehr auf die Gedanken und Motive von Jeásh und seinen beiden Engeln konzentriert, überzeugt die Wandlung Ezariels vom Verderber zum Seelenverwandten nicht. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb ein Wesen, dessen einzige Zielstellung es ist, einen Menschen zum Bösen zu verführen, um letztendlich seine Seele für die Hölle verbuchen zu können, seinem Gegenstück verübelt, dass er aufgibt. Ein schwarzer Engel mit Mitgefühl und Pflichtbewusstsein? Ebenso verwundert im Prolog das Streitgespräch zwischen Schöpferin und Morgenstern: Er fordert von der Herrin, die Menschen zu lehren, ihren freien Willen richtig zu gebrauchen, da sie sonst – in einer selbst geschaffenen – Hölle landen würden. Wenn aber sein Vorwurf ist, die Schöpferin würde sich zum Handlanger der Hölle machen, warum will er selbst die Menschen dann dazu verdammen?

Kein Buch für Jedermann

Ingesamt bleibt festzuhalten, dass „Der Engelseher“ dem Leser einen unvergleichlich tiefen Einblick in den Seelenzustand der Protagonisten bietet. Der Ausdruck ist ausgefeilt, treffsicher und sprachgewaltig, hinterlässt zugleich aber einen antiquierten Eindruck. Jeder Satz ist ein Stilmittel und kommt daher mit einer Wucht, die unablässig auf den Leser einschlägt, pausenlos und häufig pathetisch. Gelegentlich wird der Text erst beim zweiten, dritten Lesen verständlich. Der Engelseher ist keine Lektüre für eben mal zwischendurch oder für´s gemütliche Stündchen vorm Einschlafen. Man muss wirklich jeden Satz aufmerksam lesen und sich selbst die Bedeutung erschließen. Dass die Autorin ein Philosophie-Studium absolviert hat, ist durchgängig bemerkbar. Philosophie durchzieht das gesamte Buch in Thema, Handlung und sprachlicher Umsetzung.

Der Engelseher ist alles andere als seichte Fantasy, sondern ein überwältigendes und außergewöhnliches Buch, das sicher nicht jedermann gefallen wird. Man muss schon eine Vorliebe für philosophische Fragestellungen und detailverliebte Charakterstudien haben, um mit diesem Buch glücklich zu werden. Es empfiehlt sich zudem, als Leser über eine stabile Persönlichkeit und ausreichend (Mit-) Leidensfähigkeit zu verfügen.

(Julia Tambor, Mai 2012)

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