Osama von Lavie Tidhar

Buchvorstellungund Rezension

Osama von Lavie Tidhar

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Osama“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 302 Seiten.ISBN 3954030144.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

In einer Welt, in der Terrorismus nur in der Fantasie existiert, sucht ein Mann nach dem Schöpfer von Osama bin Laden. Joe ist ein Detektiv, wie er in vielen Büchern steht: wortkarg, hart im Nehmen, mit einer Vorliebe für Whiskey und einer Schwäche für schöne Frauen. Als eine solche ihn beauftragt, den Autor der Groschenromanserie Osama bin Laden aufzuspüren, beginnt ein ebenso gefährlicher wie undurchschaubarer Fall. Auf der Suche reist Joe um die Welt, ermittelt im Pariser Halbweltmilieu, in Londoner Privatclubs und Opiumhöhlen und auf einer Osama-Fan-Convention in New York. Auf seinen Fersen: die brutalen Agenten einer unbekannten Behörde. Wer Joe hilft, stirbt. Die Hure in Paris, die sich vor seinen Augen auflöst, der Privatdetektiv in London, der erschossen wird. Doch je näher Joe dem Autor kommt, desto größer wird das Rätsel um ihn, und Fragen drängen sich auf, die Joe lieber nicht stellen würde: Ist wirklich alles in den Osama-Romanen nur Fiktion? Und: Ist er selbst der, der er zu sein glaubt? Mit Osama hat Lavie Tidhar einen Thriller über Terrorismus und Selbstbetrug geschrieben, der dem Leser langsam aber sicher den Boden unter den Füßen entzieht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Niemand kann allen Ernstes Mike Longshott heißen.“90

Science-Fiction-Rezension von Horst Illmer

Laotischer Detective Noir

Als unterbeschäftigter Privatdetektiv in einem schmuddeligen Büro im ersten Stock eines heruntergekommenen Geschäftshauses in Laos herumzusitzen ist nicht gerade das, was man einen Traumjob nennen würde.
Hinter seinem Schreibtisch mit der halbleeren (oder halbvollen?) Whiskeyflasche in der obersten Schublade sinniert Joe gerade über dieses Dilemma, als er Besuch von einer faszinierenden jungen Dame erhält, die ihm einen Auftrag erteilt, der es in sich hat: „Finden Sie Mike Longshott!“

Longshott ist der Verfasser einer vielgeschmähten, dafür aber äußerst erfolgreichen Taschenbuchreihe, in der ein „Osama bin Laden: Vergelter“ sein Unwesen treibt und die Welt mit Terroraktionen überzieht. Joe kennt diese Schundromane natürlich, schließlich helfen sie ihm dabei, seine gleichförmig-langweiligen Tage in Laos zu ertragen.
Da sich unter seinem Büro ein Antiquariat befindet, startet Joe dort mit seinen Ermittlungen. Er erfährt, dass Mike Longshott vermutlich ein Pseudonym ist und dass die „Vergelter“-Bücher in einem Pariser Verlag erscheinen, der für seine Porno- und Gewalt-Schmöker berüchtigt ist. Noch ist sich Joe nicht sicher, ob er den merkwürdigen Auftrag der mysteriösen Frau überhaupt weiter verfolgen will, doch als er das Antiquariat verlässt, wird auf ihn geschossen. Das weckt seine Ermittler-Instinkte und er bucht den nächsten Flug nach Paris.

Dort landet Joe auf dem Flughafen von Orly, vor dessen Abfertigungshalle die Statue des 1944 in Algerien gefallenen Generals Charles de Gaulle steht. Kurz erinnert sich Joe daran, dass Frankreich unter seinem Präsidenten Antoine de Saint-Exupéry nach dem Krieg zu neuer Größe gefunden hat, dann begibt er sich in die engen Gassen der Seine-Metropole und findet schließlich die Spur zu Papa D., dem aus Griechenland stammenden Verleger von Mike Longshott. Allerdings ist er nicht der Einzige, der Longshott sucht – und die anderen Parteien in diesem „Spiel“ sind nicht allzu zimperlich. So wird Joe bedroht und verprügelt, wovon er sich – natürlich – nicht entmutigen lässt, und bekommt schließlich nicht nur Longshotts Londoner Postadresse heraus, sondern auch, dass seine Gegner vom KGG sind, einem „Verein“, der im Geheimen operiert.

Kurz bevor Joe in Paris in den Zug zur Küste steigt, hat er eine merkwürdige Begegnung mit einer Frau, die anschließend vor seinen Augen einfach verschwindet. Während der Überfahrt mit dem Schiff liest Joe den neuesten „Vergelter“-Roman, in dem Osama seinen Wirkungsbereich nach England ausweitet. In London angekommen nimmt Joe Kontakt zu einem einheimischen Detektiv auf. Kurz nachdem er von Mo einige Hinweise erhalten hat, wird schon wieder auf ihn geschossen. Während Mo tödlich getroffen wird, kommt Joe mit einem Streifschuss davon. Der weitere Aufenthalt in London besteht aus vergeblichen Versuchen in Longshotts Club zu gelangen, diversen eindringlichen „letzten“ Warnungen und Todes-Drohungen, einem Besuch in einer Opium-Höhle, einer Schießerei in einer aufgelassenen U-Bahnstation mit vier Toten und einer obskuren Szene im „Blue Note“, die nach dem Drehbuch von „Casablanca“ abzulaufen scheint. Mike Longshott erweist sich währenddessen immer mehr als ein nicht zu greifendes Phantom.

Getarnt als „Mr. Laszlo“ folgt Joe verzweifelt einer letzten Spur nach New York. Dort findet, veranstaltet von der „Gesellschaft zur Würdigung von Mike Longshott“, im Hotel Khandahar in Manhattan die erste „Osama-Convention“ statt (inklusive Fanzine-Verkauf, Dealers-Room und Cosplay-Events). Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Immer öfter sieht Joe jetzt „Irrwirre“, schattenhafte Wesen, die gleichzeitig da und nicht-da sind, manchmal als reale Gestalten ins Geschehen eingreifen können, nur um dann einfach zu „verblassen“. Auch das KGG („wir sind das Komitee für Gegenwärtige Gefahr – und die Gefahr ist immer gegenwärtig“) verliert die Geduld und schnappt sich Joe, um mittels Folter und Drogen Informationen aus ihm herauszuholen. Der Vorwurf an Joe, selbst ein Irrwirrer zu sein, berührt diesen jedoch kaum.

Und spätestens an dieser Stelle sprengt Lavie Tidhars Erzählung alle Grenzen der Realität und legt auch für den letzten, dem Autor noch nicht „auf die Schliche“ gekommenen Leser offen, dass hier mehrere parallele Welten ineinander greifen. Erkennbar wird dies bereits auf den ersten Seiten, wenn die Protagonisten im Flugzeug, im Hotel oder im Cafe einfach ihre Zigaretten herausholen und rauchen wie die Schlote. Auch die immer wieder aus dem Nichts auftauchenden ruhelosen Männer und Frauen und Joes Verwunderung über Alltägliches und Bekanntes („Was ist ein Welthandelszentrum?“; „Warum hängen den Menschen weiße Kabel aus den Ohren?“) sind deutliche Fingerzeige.

Gedenken an die Opfer des Terrors

Worauf Lavie in „Osama“ aber letztlich abzielt, wird erst auf den letzten fünfzig Seiten wirklich klar. Vor dem großen „Endspiel“ in den Höhlen von Tora-Bora und der Begegnung zwischen Joe und Mike Longshott gibt es eine lange Passage im „Übergang“, die auf ungeheuer intensive und große Empathie zeigende Weise die Opfer der diversen Terroranschläge Osama bin Ladens in Ich-Form zu Wort kommen lässt.
In diesem erzählerischen Zentrum des Romans steckt der Schlüssel zu „Osama“. Hier zeigt sich, dass Tidhar nicht einfach nur eine spannende, humoristisch aufgeladene und vor Zitaten fast überlaufende Pulp-Geschichte geschrieben hat, sondern ein Erinnerungs-Buch, welches den inzwischen schon fast zu lautlosen Schatten verblassten Toten der Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam, auf die Londoner U-Bahn und schließlich auf das World Trade Center in New York noch einmal Stimme und Substanz verleiht.

Lavie Tidhar, der als Globetrotter sehr viel auf Reisen ist, entkam selbst einigen dieser Anschläge nur knapp. Diese tief verstörenden Eindrücke und eine Vorliebe für klassische Unterhaltungsliteratur und alte Filme benutzt er in „Osama“, um mittels seiner ausgeprägten Fähigkeiten als Geschichtenerzähler Joes Zerrissenheit, Trauer und Weltschmerz so universal darzustellen, dass wir (die „Überlebenden“) wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wie glücklich wir uns schätzen dürfen.

Ein unterbeschäftigter Privatdetektiv in einem schmuddeligen Büro im ersten Stock eines heruntergekommenen Geschäftshauses in Laos – manchmal ist genau das der Traumjob, für den man am Ende alles andere aufzugeben bereit ist.

Horst Illmer (Mai 2013)

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