Nullpunkt von Lincoln Child

Buchvorstellungund Rezension

Nullpunkt von Lincoln Child

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „Terminal Freeze“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 396 Seiten.ISBN 3805208820.Übersetzung ins Deutsche von Axel Merz.

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In Kürze:

Fear Base, eine verlassene Militärstation in Alaska. Ein kleines Team von Wissenschaftlern untersucht einen Berg, der den einheimischen Tunits heilig ist. In einer Höhle blickt sie aus der Tiefe des Eises ein riesiges gelbes Auge an. Ein alter Tunit warnt die Forscher, aber es ist bereits zu spät: Ein ehrgeiziges Filmteam fällt in die Station ein. Zum Entsetzen der Wissenschaftler sägen die Dokumentarfilmer das Monstrum aus dem Eis, um es vor laufenden Filmkameras aufzutauen. Doch über Nacht verschwindet es aus dem Tiefkühlcontainer. Am Morgen findet man sein erstes Opfer oder das, was von ihm übrig geblieben ist.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Killer-Kreatur aus eiszeitlicher Vergangenheit“80

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Mount Fear, ein längst erloschener Vulkan im unwirtlichen Norden des US-Staates Alaska, war bisher nur Namengeber für eine Militärstation, die hier vor einem halben Jahrhundert erbaut wurde, um möglichst früh heimlich anfliegende Atombomber aus der Sowjetunion orten zu können. Der Kalte Krieg wurde inzwischen von der globalen Erwärmung abgelöst, weshalb die alte Station nun von einem Team der „Northern Massachusetts University“ als Basis für ihre Forschungsarbeit genutzt wird. Finanziert wird diese Expedition vom Fernsehsender „Terra Prime“, denn im Zeitalter des Reality-TVs findet sogar die Alltagsarbeit von Wissenschaftlern Zuschauer.

Eine Sensation bahnt sich an, als im Inneren einer Lavaröhre der tief ins Eis gefrorene Körper eines urzeitlichen Wesens gefunden wird. Die Forscher tippen auf einen vor vielen Jahrtausenden umgekommenen Säbelzahntiger. Der Kadaver soll sorgfältig geborgen werden, aber die Wissenschaftler haben den Vertrag mit dem Sender nicht sorgfältig genug gelesen: Was sie fanden, gehört nunmehr dem Fernsehen und soll im Verlauf einer sorgfältig inszenierten Livesendung und noch vor Ort aus dem Eis geschmolzen werden.

Die Proteste der Forscher verhallen ebenso ungehört wie die Warnungen der örtlichen Ureinwohner. Tunit-Schamane Usuguk weiß recht genau, was man in der Vulkanhöhle entdeckt hat, denn uralte Überlieferungen kündigen Unheil an, sollte man es aufstören. Denn in dem Eis steckt keine Eiszeit-Katze, sondern eine vergleichsweise unirdische Kreatur, die ebenso schlau wie quicklebendig ist. Als es die dummen Menschen endlich aus seinem Eisgefängnis befreit haben, knüpft das Geschöpf nahtlos dort an, wo es einst gestoppt wurde: Es tötet – in Serie und mit wachsender Freude, als die schwindende Gruppe seiner Gegner sich versuchen zu wehren …

Alte Geschichte – neu präsentiert

Normalerweise muss man nicht bis in die Arktis gehen, um gut erhaltene Klischees zu finden. Auch in wärmeren Regionen – z. B. in Hollywood – leben sie munter weiter. Wieso auch nicht, erfreuen sie sich doch nicht umsonst jenes Zuschauer- und Leser-Interesses, das ihr eigentliches Lebenselixier darstellt: Wir wollen unterhalten werden, aber da jeder Film und jedes Buch die Investition von Zeit und Geld erfordert, wissen wir gern schon vorher, ob diese sich lohnen wird.

Ein Roman wie dieser garantiert Vorwissen bereits durch die Lektüre des Inhaltsverzeichnisses. Es kündigt zuverlässig ein Horror-Action-Garn an, dessen Plot den Fußstapfen des bewährten (und tausendfach kopierten) John-W.-Campbell-Jr.-Klassikers „Who Goes There?“ (1938; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“) folgt. Würde man diese beiden Spuren übereinander projizieren, könnten wohl nur Spezialisten sie unterscheiden.

Die Story wurde mit ebenfalls bereits zum Klischee geronnenen Elementen des 21. Jahrhunderts ´modernisiert´. Das ihr übergestülpte Reality-Mäntelchen der globalen Erwärmung dürfen wir jedenfalls umgehend vergessen. Es ist nur ein Vorwand, der unsere Wissenschaftler glaubhaft an den Ort des Geschehens führt: Child ist sehr geschickt darin, schlagzeilenerprobtes (Halb-) Wissen auf „Galileo“-´Niveau´ in seine Geschichten einfließen zu lassen. Das ist kein Vorwurf, denn es erfüllt seinen Zweck, d. h. lässt den „Nullpunkt“-Mikrokosmos glaubwürdiger erscheinen.

Alles unter Kontrolle für das Chaos

„Mikrokosmos“ ist hier ein mit Bedacht benutzter Begriff, denn auch die Kulisse ist ein gutes Beispiel für Childs erzählerische Ökonomie: Mount Fear ist der ideale Spielplatz für die sich dort tummelnde Schar aus Forschern, Fernsehleuten, Soldaten und Ureinwohnern. Es ist kalt und einsam, es gibt einen mit Höhlen durchsetzen Vulkan und eine alte, mit Relikten der Vergangenheit zugerümpelte Station, die ein hervorragendes Labyrinth abgibt.

Diese Orte erleichtern dem Verfasser seinen Job beträchtlich. Mount Fear ist eine Stätte, die Child völlig willkürlich gestalten kann. Der Rest der Welt findet höchstens Erwähnung, kann aber ansonsten außen vor bleiben. Child wählt wie üblich den sicheren Weg, den er schon mehrfach (z. B. mit Douglas Preston in „Relic“/„Das Relikt“ oder „Mount Dragon“) gegangen ist, und setzt auf Isolation und Unübersichtlichkeit: Der routinierte Einsatz dieser Faktoren lässt die Story per Autopilot auf Kurs gehen. Es gibt immer eine scheinbar verriegelte Kammer oder einen düsteren Winkel, in dem das Monster lauern kann. In dem verwinkelten Gelände lässt sich jede Hetzjagd problemlos in die Länge ziehen, bis es Zeit für das Finale (oder die vorab mit dem Verlag vereinbarte Seitenzahl erreicht) wird.

Wissenschaft als bloßes Ingredienz = „Science Thriller“

„Richtige“ Wissenschaft ist langweilig. Scheinbar ewig dauert es, bis eine neue Erkenntnis formuliert ist. Selbst dann scheint nur aus Vorbehalten zu bestehen, und der normal sterbliche Zeitgenosse versteht sie nicht. Glücklicherweise gibt es die Medien. Sie bereiten sperriges Wissen bzw. weichen es auf, bis es der Dümmste womöglich immer noch nicht begreift, es aber in Wort und Bild garantiert unterhaltsam daherkommt.

Wer fleißig „Galileo“ oder „Mythbusters“ schaut sowie zusätzlich den „Discovery Channel“ abonniert, darf sich in Sachen Infotainment auf der sicheren Seite wähnen. Child gestattet sich einem seltenen Moment der Ironie, wenn er den fiktiven TV-Sender „Terra Prime“ und seine Vertreter als oberflächliche, auf die Quote fixierte Täuscher & Lügner darstellt; man mag hierin eine späte Rache des Autors sehen, der einst selbst als Wissenschaftler startete, bevor er mit der Produktion von Standard-Bestsellern begann.

Infotainment, also unterhaltsam aufbereitetes Halbwissen, ist ein echter Leser- und Zuschauermagnet. In der Unterhaltungsliteratur gibt es sogar ein eigenes Genre: den „Science Thriller“. Im Brustton der Überzeugung können seine Autoren ihren Lesern oder Zuschauern noch den gröbsten Bären aufbinden, wenn er wenigstens lose mit der wissenschaftlichen Realität zu verknüpfen ist; „Technobabbel“ nennt man dies in der Science Fiction, doch das Verschneiden von Wissen mit Unfug beschränkt sich nicht auf dieses Genre.

Child macht sich diesen Mechanismus zu Nutze, indem er Infos auf Wikipedia-Niveau mit diversen Fachbegriffen würzt, wodurch sich der Leser in Augenhöhe mit den Helden unserer Handlung – den Wissenschaftlern – wähnt und mitleidig auf die dummen Fernseh-Tröpfe hinabschauen kann. Geradezu modellhaft setzt Child Technobabbel (oder hier besser: Ökoschwafel?) ein, wenn er sein Monster ´erklärt´: Es klingt glaubhaft, was er schreibt, ist tatsächlich jedoch Unsinn.

Simpel-Figuren aus der Klischee-Retorte

´Wissenschaftler´ stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Zeitgemäß sind sie zu Prügelknaben einer globalisierten Welt degeneriert, die ökonomisch nicht einträgliche Forschung als überflüssigen Kostenfaktor verdammt. Auch der nächste Schritt ist bereits getan: Um ihrer Arbeit dennoch nachgehen zu können, müssen sich besagte Wissenschaftler an die Medien verkaufen. Weil sie selbst untereinander uneinig sind, werden sie zur leichten Beute.

Das müssen sie sein, denn sonst könnten sie von Childs eindimensionalen ´Machern´ nicht so glatt über jeden Tisch gezogen werden. Falls der Verfasser mit den Dumm-Dokus des 21. Jahrhunderts abrechnen wollte, verpufft dies im Wirbel flüchtig und grob skizzierter Figuren, die in ihrer Mehrzahl allzu deutlich als Kanonenfutter für das Monster zu identifizieren sind. Wer leben und wer sterben wird, kann nicht nur der Stammleser der Agent-Pendergast-Romane, die Child mit Douglas Preston schreibt, problemlos erkennen. (Der Historiker Jeremy Logan ist übrigens allzu deutlich ein Alter-Ego unseres FBI-Manns.) Für Child sind die aus dem Figurenpersonal destillierten Konflikt-Konstellation und Recycling nur zwei Ingredienzien eines Rezepts, das schlau zusammengerührt einen Bestseller ergibt. Wie die Romane um FBI-Pendergast bastelt der Verfasser auch „Nullpunkt“ ausschließlich aus jenen Elementen zusammen, die er im Baukasten der Populärkultur findet.

Dabei gelingt ihm wider Erwarten der Beweis, dass gut servierte Klischees den Faktor Originalität ersetzen können. Damit kommen wir zu dem Urteil zurück, das bereits in der Einleitung angedeutet wurde: „Nullpunkt“ ist gutes Lesefutter. Es hat den Sättigungs- und Nährwert von Zuckerwatte, aber es schmeckt hervorragend, solange man es konsumiert. Anschließend hat man von diesem Naschwerk erst einmal den Magen und die Nase voll, aber die Versuchung bleibt, bis der Rummel das nächste Mal in die Stadt kommt – oder Lincoln Childs nächster Instant-Thriller erscheint …

Ihre Meinung zu »Lincoln Child: Nullpunkt«

Buboter zu »Lincoln Child: Nullpunkt«05.10.2011
Ein Gruppe Wissenschaftler forscht im ewigen Eis, sucht nach Auswirkungen der Klimaerwärmung und legt dabei zufällig ein eingefrorenes Urzeitwesen frei. Da die Expedition von einem Fernsehsender finanziert wird und dieser lt. Vertrag sofort von solchen Funden unterrichtet werden muss, erscheint ziemlich bald ein Fernsehteam auf der Basis und reißt den Fund an sich. Das Urzeitwesen verschwindet aber auf unerklärliche Weise. Gleichzeitig zieht ein Schneesturm auf und es tauchen auch die ersten Leichen auf.

Ok, Child hat hier das Rad nicht neu erfunden. Nichts wirklich neues und zum Teil vorhersehbar. Ob die Fakten Hand und Fuß haben, kann ich nicht beurteilen und möchte ich auch gar nicht. Denn eins hat der Autor auf alle Fälle mich geschafft: Mich an das Buch zu fesseln.

Ab dem Moment, ab dem das Urzeittier verschwunden ist kommt man kaum noch zum Luftholen. Es fließt Blut, es fliegen Gedärme durch die Gegend, es werden Wissenschaftler und Soldaten durch Gänge gejagt, kurz: Eine rasante Story, die flüssig und spannend gechrieben ist und mich aufs Beste unterhalten hat. 90°
Sonny zu »Lincoln Child: Nullpunkt«28.02.2010
Klar, alles so oder ähnlich schon mal da gewesen. Aber Child schafft es durch seinen Stil ganz hervorragend den Leser an sein Buch zu fesseln. Während er in der ersten Hälfte seine Protagonisten und die Umgebung in der sie sich befinden näher bringt, lässt er in der zweiten Hälfte wahrlich Köpfe rollen. Nullpunkt vereint viele Punkte in Einem: Geographie, Mystik, bisschen „Wissenschaftliches“ und letztlich den ausgelösten Horror. Gepaart mit relativ glaubhaften Charakteren, einem guten Spannungsaufbau und einem Mangel an Längen macht es schlicht Spaß zu lesen. 85° von mir.
Alexi1000 zu »Lincoln Child: Nullpunkt«25.02.2010
Mal wieder eine sehr ausführlich Rezension der Couch. Dem ist dann über die Handlung etc. auch nichts mehr hinzuzufügen.
Mir hat dieser Thriller sehr viel Spaß gebracht! Leser die gerne Geschichten mit kaltem Handlungsort mögen, werden hier bestens bedient! OK, viele Klischees werden aufgefahren, aber die Art und Weise, wie Child das verpackt ist gut...
liest sich gut und flüssig, erinnert teils etwas an Carpenter' s DAS DING, spart auch an Härten nicht.

Gute 90°, war bestimmt nicht mein letzter Child...
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