M. R. James

Ein scheinbar ereignisloses Leben

Montague Rhodes James wurde am 1. August 1862 in Goodnestone, einer Kleinstadt in der englischen Grafschaft Kent, geboren. Als „Monty“ drei Jahre alt war, zog seine Familie nach Great Livermere in Suffolk um, dessen Landschaft ihn stark prägte und deren Naturdenkmäler und Altertümer später immer wieder in seinen Geistergeschichten auftauchten.

Rhodes´ zweiter Lebensschwerpunkt wurde die Universitätsstadt Cambridge. Nach einem Intermezzo in Eton studierte er hier am King’s College antike und mittelalterliche Geschichte und spezialisierte sich auf alte Schriften und Sprachen. Nachdem er seinen Abschluss gemacht hatte, bot ihm das King’s College eine Anstellung an. Rhodes bewährte sich als Dozent und Wissenschaftler. 1905 wurde er zum Direktor („provost“) ernannt. Diese Stelle hatte er 13 Jahre inne, bevor er in die entsprechende Position ans Eton College wechselte, wo er 1936 im Amt starb.

Wissenschaftler und Geschichtenerzähler

Der Wissenschaftler M. R. James gehörte zu den renommiertesten Vertretern seiner Fachrichtung in England. Sein Arbeitspensum war bemerkenswert, seine Leistungen bei der Katalogisierung und Übersetzung mittelalterlicher Manuskripte wurden von den Kollegen gerühmt. James stieß bei seinen unermüdlichen Archivstudien immer wieder auf Schriftstücke, die lange verschollen waren oder als verloren galten. Auch in der Auswertung dieser Primärquellen vermochte er Maßstäbe zu setzen; James´ Edition der lateinischen Quellen zum Leben Märtyerkönigs St. Ethelbert (1917) gilt noch heute als vorbildlich.

Als Dozent war James bei seinen Studenten für seine trotz des spröden Stoffs interessanten Seminare und Vorlesung beliebt. Er pflegte privat gern Umgang mit seinen Studenten und Universitätskollegen, die ihm wohl auch die Familie ersetzten – James blieb zeit seines Lebens Junggeselle. Man traf sich nach dem Studium privat, fachsimpelte, tauschte Universitätsklatsch aus – und hörte sich James´ Geistergeschichten an.

Die schrieb James vor allem zum eigenen Vergnügen und für seine Zuhörer, denen er sie gern am Heiligen Abend in der von Kerzen beleuchteten Bibliothek der Universität vortrug. Aufgrund der positiven Resonanz wurden diese Geschichten später im Druck veröffentlicht und ab 1904 in verschiedenen Editionen gesammelt, die zu den Klassikern des Genres gehören.

Die Mechanismen des Schreckens

James´ „ghost stories“ sind zwar nicht so schematisch strukturiert, wie es mancher Kritiker anprangert. In der Tat lassen sich aber Schlüsselelemente erkennen. So ist der ´Held´ meist ein Gelehrter und/oder Kirchenmann, der sich in einem Archiv unter alten Manuskripten deutlich heimischer fühlt als in der ´richtigen´ Welt. Der Zufall führt oder wissenschaftliche Neugier lockt ihn an pittoreske Orte in der englischen oder europäischen Provinz, wo er in einem alten Kloster, einem vergessenen Adelssitz oder einer Burgruine auf ein historisches Relikt stößt, hinter dem sich ein übernatürliches Grauen lauert. Oft speist es sich aus der örtlichen Überlieferung: Ein schon im Leben unerfreulicher Zeitgenosse steigt im Tod zur Schreckensgestalt auf; über einen Schatz wurde ein finsterer Wächter gesetzt; Elementargeister werden gestört. Ein Wesenszug eint diese Gespenster: Sie sind ausnahmslos bösartig; die Unschuld des Forschers ist ihnen gleichgültig. Wer sie weckt, wird verfolgt und nimmt meist ein schlimmes Ende, wenn nicht das historische Spezialwissen des Opfers in letzter Sekunde einen Ausweg öffnet.

Diesen Weg ins Verderben schildert James zwar in trügerisch leichten Ton aber unter Schaffung einer stetig unheimlicher werdenden Atmosphäre. Die verstärkt er, indem er sein immenses Fachwissen einfließen lässt. Gern lässt James mittelalterliche Stimmen zu Wort kommen, deren Schriften er in Inhalt und Sprachduktus perfekt imitiert.

Als Verfasser inszeniert er mit erstaunlichem Gespür für Timing und Effekte, wie das Grauen sich manifestiert. In einem spektakulären Finale bricht es sich schließlich seine Bahn ins Diesseits, wo sich der allzu neugierige Mensch entsetzt mit dem wissenschaftlich Unfassbaren konfrontiert sieht.

Hinter der Maske

Dabei glaubte James persönlich nicht an Geister. Ihre fehlende wissenschaftliche Existenzbegründung, die er in seinen Geschichten so erfolgreich zu ignorieren vermochte, ließ ihm keine andere Wahl. Viele Kunstrichter schilderten James deshalb als Handwerker, der seine „ghost stories“ schrieb wie ein Schreiner Möbel drechselt: gebrauchsfreundlich aber keineswegs künstlerisch. Andere Kritiker warfen die Frage auf, ob M. R. James, der freundliche, gesellige, indes auf Abstand bedachte und zeitlebens allein lebende Mann, in seinen Geschichten emotionalen Dampf abließ.

Über seine Arbeit als Autor hinaus war James ein Kenner der historischen und zeitgenössischen Geistergeschichte. Ihm ist es zu verdanken, dass Anfang des 20. Jahrhunderts das in Vergessenheit geratene Werk des großen Phantasten Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873) wiederentdeckt wurde. James selbst übernahm es, Le Fanus „ghost stories“ zu sammeln und herauszugeben.

The Everlasting Monty

Zumindest in England gehört M. R. James zu den Klassikern des Genres. Seine Geschichten sind nie vom Buchmarkt verschwunden, und sie haben auch ihren Weg in andere Medien gefunden. Den Anfang machte das Radio, das dem ursprünglichen Vortragsstil entsprach – der Sprecher schlüpfte in die Rolle von James, die Hörer wurden zum Publikum. Der prominenteste dieser ´Stellvertreter´ war sicherlich Christopher Lee. Seine Versionen gesellten sich 2000 zu einer Vielzahl weiterer Interpretationen: M. R. James hat den Sprung in die Hörbuch-Ära problemlos geschafft.

Auch das englische Fernsehen nahm sich diverser Storys an, deren ruhiger Erzählstil sich gut in die TV-Dramaturgie übersetzen ließ. Das Fehlen des Spektakulären hat das Kino hingegen zurückschrecken lassen. Eine bemerkenswerte Ausnahme gibt es: 1957 schuf Meisterregisseur Jacques Tourneur mit „Night of the Demon“ (auch „Curse of the Demon“, dt. „Der Fluch des Dämonen“), gedreht nach James´ Story „Casting the Runes“ (dt. „Drei Monate Frist“), einen Klassiker des phantastischen Films.

M. R. James´ Einfluss auf die (britische) Phantastik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schon zu Lebzeiten schätzten ihn nicht nur seine Leser. Berühmte Kollegen äußerten sich lobend über sein Werk. Zu ihnen zählten der überaus kritische H. P. Lovecraft (1890-1937) oder Clark Ashton Smith (1893-1961).

Darüber hinaus wurde James zum Vorbild für andere Autoren, die „ghost stories“ in seinem Stil schrieben. Die erste Generation bildeten Mitglieder der „James-Gang“, die der Schriftsteller vor allem in seinen Eton-Jahren um sich scharte. Viele dieser Pastiches sind zu Recht vergessen, während andere dem Vorbild nicht nur nahe kommen, sondern es reizvoll neu interpretieren. Auch im 21. Jahrhundert fesselt James sein Publikum. Inzwischen haben ihm aktuelle Meister der Phantastik wie Ramsey Campbell oder Stephen King ihre Reverenz erwiesen. M. R. James und seine akademischen aber niemals blassen Helden werden definitiv weitere Generationen von Lesern in Angst & Schrecken versetzen! [Michael Drewniok]

mehr über M. R. James:

Phantastisches von M. R. James:

  • (1922) The Five Jars
  • Storysammlungen
    • (1904) Ghost Stories of an Antiquary
    • (1911) More Ghost Stories of an Antiquary
    • (1919) A Thin Ghost and Others
    • (1925) A Warning to the Curious
    • (1931) The Collected Ghost Stories of M. R. James
    • (1931) The Penguin Complete Ghost Stories of M. R. James
    • (1935) Dreizehn Geistergeschichten Rezension
      Thirteen Ghost Stories
    • (1944) The Best Ghost Stories of M. R. James
    • (1970) Der Schatz des Abtes Thomas [dt. Originalzusammenstellung] Rezension
    • (1987) Casting the Runes and Other Ghost Stories
    • (2001) A Pleasing Terror: The Complete Supernatural Writings of M. R. James
    • (2005) Count Magnus and Other Ghost Stories: The Complete Ghost Stories of M. R. James, Vol. 1
    • (2006) The Haunted Doll’s House and Other Ghost Stories: The Complete Ghost Stories of M. R. James, Vol. 2
    • (2012) Montague Rhodes James – Sämtliche Geistergeschichten, Bd. 1 Rezension
      Curious Warnings: The Great Ghost Stories of M. R. James
    • (2012) Montague Rhodes James – Sämtliche Geistergeschichten, Bd. 2 Rezension
      Curious Warnings: The Great Ghost Stories of M. R. James
  • Leben und Werk (Auswahl)
    • (1980) Montague Rhodes James (von Richard William Pfaff)
    • (1983) M. R. James: An Informal Portrait (von Michael Cox)
    • (1987) Ein Klassiker der englischen Phantastik: M. R. James (von Michael Koseler), in: Die dunkle Seite der Wirklichkeit. Aufsätze zur Phantastik (hg. von Franz Rottensteiner), S. 144-175
    • (2007) Warnings to the Curious: A Sheaf of Criticism on M. R. James (hg. von S. T. Joshi und Rosemary Pardoe)